Im Gespräch mit Bryan Stevenson, einem der erfolgreichsten afroamerikanischen Anwälte für soziale Gerechtigkeit, über das Verdrängen und Verschweigen der Versklavung.
Aufbau | Am 4. Juli werden die USA 250 Jahre alt. Donald Trump hat der amerikanischen Bevölkerung «die grösste Party aller Zeiten» versprochen und will «Patriotismus, Stolz und Erneuerung des Pioniergeistes» feiern. Fühlen Sie sich angesprochen und eingeladen?
Bryan Stevenson | Wie so vieles bei dieser Regierung ist alles nur ein grosses Versprechen. «Das Grösste», «das Beste», «das Glorreichste». Im Moment fällt es sehr schwer, irgendetwas davon wirklich ernst zu nehmen. – Ich glaube nicht, dass unsere Nation eine Party braucht. Wir müssen uns wieder auf die Werte und Verpflichtungen besinnen, die wir eingegangen sind, um ein Land zu schaffen, in dem Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit bestimmende Merkmale sind. Derzeit sehen wir jedoch viel Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Wir sehen, wie Menschen von maskierten Beamten auf aggressive und gewalttätige Weise von der Strasse weg verhaftet werden. Wir sehen, wie die Einkommensunterschiede in einem bislang beispiellosen Ausmass zunehmen. Wir beobachten Verhaltensweisen von Staats- und Bundesbeamten, die offen rassistisch und bigott sind. Wir haben einen Oberbefehlshaber, der bestimmte Gruppen von Menschen aufgrund ihrer rassistischen Zuschreibung und ethnischen Zugehörigkeit dämonisiert – beispielsweise Haitianer und Somalier.
Deshalb ist dieser 4. Juli ein Moment, um die Richtung unseres Landes zu hinterfragen. Ein Geburtstag kann eine Zeit der nüchternen Reflexion sein, die zu einem besseren Selbst, einem besseren Morgen, zu einer besseren Zukunft führt. Genau das erhoffe ich mir von diesem Jubiläumsjahr: dass wir diese Gelegenheit nutzen, um darüber nachzudenken, wie wir besser werden können, um die Art von Demokratie zu schaffen, die die Welt braucht.
Aufbau | Die UN-Generalversammlung hat unlängst eine Resolution verabschiedet, die den transatlantischen Sklavenhandel als das «grösste Verbrechen gegen die Menschlichkeit» verurteilt und Reparationen fordert. – 123 Mitgliedstaaten stimmten dafür, 52 enthielten sich – darunter Deutschland und die Schweiz. Aber nur drei Länder legten ihr Veto ein: neben Israel und Argentinien die Vereinigten Staaten. Begründung des US-Vertreters in der UN: «Die USA akzeptieren kein Recht auf Reparationen für historisches Fehlverhalten, das unter dem damaligem internationalen Recht nicht illegal war.»
Bryan Stevenson | Nun, das ist eine fehlgeleitete Aussage. Die Nazis haben für alles, was sie taten, Gesetze geschaffen, um ihr Handeln zu rechtfertigen. Die Tatsache, dass es ein Gesetz gibt, das selbst grausamstes Verhalten rechtfertigt, macht es nicht gerecht. Die Gewalt des weissen Mobs war zu keiner Zeit legal. Dennoch wurden über den Zeitraum von hundert Jahren tausende Schwarze umgebracht, aus den Gefängnissen gezerrt, gefoltert und gelyncht. Der transatlantische Sklavenhandel wurde 1808 abgeschafft. Trotzdem wurden Menschen afrikanischer Herkunft weiterhin gekidnappt und in dieses Land verschleppt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verabschiedeten die US-Bundesstaaten die Jim-Crow-Gesetze, die eine Rassenhierarchie festschrieben und Schwarze dazu zwangen, andere Toiletten oder Eingänge usw. zu benützen. Das war zutiefst demütigend und verheerend. Die Tatsache, dass es dafür ein Gesetz gab, rechtfertigt diese Praxis nicht, da sie fundamental gegen die grundlegenden Menschenrechte verstiess.
Aufbau | Der US-Vertreter betonte dann noch, Präsident Trump stehe hinter der schwarzen Gemeinschaft und habe mehr für das schwarze Amerika getan als jeder Präsident vor ihm.
Bryan Stevenson | Diese Aussage ist einfach nur beleidigend. Wenn der Präsident glaubt, Schwarze seien zu dumm, um zu merken, dass er sie entwürdigt hat, indem er Militärstützpunkte nach Menschen umbenennt, die an die Vorherrschaft der Weissen glauben, und wenn er nicht erkennt, dass er der afroamerikanischen Gemeinschaft auf vielerlei Arten ihre Geschichte verweigert, indem er Ausstellungen aus dem Smithsonian, aus Nationalparks in Philadelphia und vielen anderen Orten des Landes entfernen lässt, und wenn er Menschen verbietet, ehrlich über ihren friedlichen Widerstand gegen die Rassengesetze der Jim-Crow-Ära und die Segregation zu sprechen, dann ist das eine Beleidigung. Es gibt in den USA keine andere ethnische Gemeinschaft, die sowohl 2016 als auch 2024 konsequenter gegen diesen Präsidenten gestimmt hat als die afroamerikanische.
Aufbau | Welche Botschaft sendet dieses kategorische «Nein» an die eigene afroamerikanische Bevölkerung, aber auch an den Rest der Welt?
Bryan Stevenson | Die Menschen erwarten nicht, dass diese Administration fähig ist, auch nur einen einzigen Aspekt der afroamerikanischen Geschichte ehrlich und bedacht anzugehen. Das sagt zwar etwas zutiefst Beunruhigendes über die Sichtweise aus, steht aber in völligem Einklang damit, dass sie Militärstützpunkte nach Verrätern der Konföderierten umbenennt und jedes Programm streicht, das historische Vorurteile und Diskriminierung zu beseitigen sucht. Es passt zur Behauptung, weisse Männer seien die Opfer der Bürgerrechtsbewegung gewesen. Es passt zu allem anderen, was diese Regierung in so vielen Bereichen tut. Und ich kann nicht sagen, dass es mich überrascht oder schockiert. Es verdeutlicht nur, in welch gefährlicher Zeit sich Amerika befindet und wie dringend wir Veränderungen brauchen, wenn wir uns erholen und zu jener «noch perfekteren Union» werden wollen, von der wir seit 250 Jahren sprechen.
Aufbau | Was wäre Amerika ohne die Sklaverei? Ist den Weissen in diesem Land überhaupt bewusst, wie viel sie der afroamerikanischen Gemeinschaft schulden, verdanken?
Bryan Stevenson | Ich glaube nicht, dass sie dazu fähig sind, weil sie das Ausmass des Leids und der Verletzung nicht begreifen. Sie wissen nicht, inwiefern die Sklaverei für den Aufbau der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Strukturen dieses Landes von grundlegender Bedeutung war.
Aufbau | Und was sehen Sie als Grund für dieses Unvermögen?
Bryan Stevenson | Die Menschen wurden nie darüber aufgeklärt. Man verlangt von ihnen nicht, dass sie es verstehen. Das Wesentliche, das man im Hinterkopf behalten muss: In Südafrika kam es nach dem Zusammenbruch der Apartheid zu einem Machtwechsel. Eine schwarze Mehrheit übernahm die Führung. Als Regierung hatte sie nun die Möglichkeit, all diesem Unrecht und all diesem Schmerz aus der Zeit der Apartheid eine Stimme zu geben. Und sie konnte Dinge ändern, weil sie das Verständnis dafür hatte und die Macht dazu.
Das Gleiche geschah in Deutschland. Die Nazis haben den Krieg verloren. Hätten sie ihn gewonnen, gäbe es kein Holocaust-Mahnmal in Berlin. Es hätte keine Aufarbeitung des Holocaust gegeben. Man hätte kein Bewusstsein für all die schrecklichen Dinge, die in den 1930er und 1940er Jahren geschehen sind. – Ähnlich in Ruanda, wo es einen Bürgerkrieg gab. Dort verlangen nun jene, die im Völkermord die meisten Opfer zu beklagen hatten, dass sich die Bevölkerung mit den leidvollen Folgen dieses Genozids auseinandersetzt.
Der Unterschied zwischen den Vereinigten Staaten und Ruanda, Deutschland oder Südafrika besteht darin, dass es hierzulande nie einen Machtwechsel gab. Die Menschen, die von Versklavung, rassistischem Terror, der gesetzlichen Rassentrennung und Segregation, der weissen Vorherrschaft und der Masseninhaftierung profitierten: sie sind noch immer an der Macht. Sie um Einsicht zu bitten, wäre so, als würde man die Nazis auffordern, einzugestehen, dass sie von all den Gräueln und der geleisteten Zwangsarbeit profitiert haben. Deshalb ist es für uns hier in den USA eine andere Art von Auseinandersetzung, eine andere Art von Kampf.
Dr. King setzte sich in den 1950er Jahren in Montgomery für Gewaltlosigkeit ein, da wir weder eine wirtschaftliche noch eine politische oder militärische Macht hatten.
Unsere Waffe war die Überzeugung, dass es richtig ist, Gerechtigkeit zu üben und barmherzig zu sein, und dass es einen moralischen Bogen des Universums gibt (Anm. der Red.: die Gerechtigkeit langfristig siegen wird). Die Menschen nutzten diese Kraft und organisierten sich, um sie einzusetzen. Und ja, es gab wirtschaftliche Aspekte, aber es war vor allem die Demut jener schwarzen Frauen und Männer, die die Edmund-Pettus-Brücke friedlich überquerten und dabei blutig geschlagen wurden. Es war ihr Engagement für Amerika, das dieser Bewegung schlussendlich zum Erfolg verhalf und ein neues Kapitel in diesem Land aufschlug. Wenn man sich also für Veränderungen einsetzt und langjährige Verletzungen heilen muss, ohne politische, wirtschaftliche und militärische Macht, dann ist das eine ganz andere Art von Kampf. Und deshalb sind die Dinge hierzulande nach wie vor so schwierig, aber dies ist auch der Grund, warum wir nicht aufgeben dürfen.
Aufbau | Es gibt ein Zitat des vor drei Jahren verstorbenen Harvard-Professors JamesOgletree, einem Pionier der modernen Reparationsbewegung, das mich sehr berührt hat. In einem Interview mit dem Harvard Law Bulletin aus dem Jahr 2001 sagte er, die Vertiefung in die Thematik der Sklaverei sei für ihn eine lebensverändernde Erfahrung gewesen. «Nur sehr wenige von uns haben eine klare Vorstellung von den tragischen Umständen, die zum Tod und der Zerstörung von Millionen Menschen führten, die von Afrika in die Vereinigten Staaten verschleppt wurden», sagte er und fügte hinzu: «In gewisser Weise ist dies genauso tragisch wie der Holocaust, und doch hat ihr Schicksal deutlich weniger Beachtung gefunden.» –Teilen Sie Ogletrees Meinung?
Bryan Stevenson | Oh, absolut, absolut! Ich denke, dass Länder auf der ganzen Welt – auch die meisten europäischen – fast nichts unternommen haben, um sich ernsthaft mit ihrer Rolle im Sklavenhandel auseinanderzusetzen. Auf dem Grund des Atlantiks liegen die Leichen von zwei Millionen afrikanischen Opfern, die durch diesen fürchterlichen Handel ums Leben gekommen sind. Die Staaten haben so gut wie nichts getan, um deren Schicksal zu erforschen. Jedes Jahr werden Millionen von Dollar ausgegeben, um nach Relikten der gesunkenen Titanic zu suchen, aber für diese grauenvolle ‹Middle Passage›, die so vielen Menschen das Leben gekostet hat, wurde nichts aufgewendet.
Und es stimmt, dass auch wir in den USA sehr wenig getan haben. Wir haben es in diesem Land komplett versäumt, die Menschen über die Geschichte der rassistischen Ungerechtigkeit aufzuklären. Die meisten, sogar viele Historiker, können Ihnen nicht sagen, wie viele indigene Völker auf diesem Land lebten, bevor die Europäer kamen. Sie können Ihnen nicht sagen, wie viele Menschen versklavt wurden und wie lange die Sklaverei andauerte. Die meisten Menschen in New York City haben keine Ahnung, dass der Broadway und die Mauer, nach der die heutige Wall Street benannt ist, von versklavten Zwangsarbeitern aus Afrika gebaut wurden. Die Leute in Rhode Island und Connecticut wissen nicht, dass der Reichtum ihrer Küstenschiffbauindustrie durch den Handel mit Versklavten entstanden ist. Wir haben fast nichts unternommen, um diese Geschichte so aufzuarbeiten, dass sie zu der Art von Bewusstseinsbildung führt, die meiner Meinung nach notwendig ist.
Es gibt buchstäblich hunderte von Holocaust-Museen auf der ganzen Welt, und ich denke, wir brauchen sie alle. Ich unterstütze das voll und ganz. Dass es jedoch bis zur Eröffnung unserer Einrichtung vor einigen Jahren keine einzige Institution gab, die sich gezielt mit der Erfahrung der Sklaverei befasste, ist ein Armutszeugnis für die kulturellen Wahrzeichen und Institutionen dieses Landes.
Aufbau | Ich war tatsächlich sehr überrascht festzustellen, dass es in den USA nebst dem United States Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C., mehrere Dutzend kleinere Museen sowie über 100 Gedenkstätten gibt, die an die Schoah erinnern, landesweit jedoch kein einziges nationales Museum zum Thema Sklaverei.
Bryan Stevenson | So ist es! Ich denke, das spiegelt ein echtes Versagen der politischen und institutionellen Führungskräfte wider. Deshalb glaube ich, dass noch viel Arbeit vor uns liegt. Ich habe zunehmend das Gefühl, die zehn Millionen Schwarzen vertreten zu müssen, die 246 Jahre lang versklavt waren. Ich möchte sicherstellen, dass ihre Geschichten, ihr Leben und ihr Tod nicht in Vergessenheit geraten, dass ihr Leiden nicht ignoriert und ihre Trauer nicht heruntergespielt wird. Ich habe das Gefühl, dass ich die Millionen vertreten muss, die durch Lynchgewalt terrorisiert wurden. Und ebenso habe ich das Gefühl, dass ich mehr über die Demütigung und Erniedrigung während der gesetzlichen Rassentrennung und der Segregation sprechen muss. Nur so kommen wir weiter.
Aufbau | Seit dem Ende der Sklaverei in den USA im Jahr 1865 forderten die Opfer, später ihre Nachkommen, Wiedergutmachung für die beispiellose Ausbeutung und Entmenschlichung, die sie während der Sklaverei erleiden mussten – und deren Folgen bis heute sicht- und spürbar sind. Bislang ohne Erfolg. Die Gegenargumente sind immer dieselben: zu spät, zu kompliziert, würde nur die Bevölkerung weiter spalten.
Bryan Stevenson | Ich persönlich mag die Diskussion um das Thema Entschädigungen nicht. Für mich geht es zunächst darum, über die Wahrheit in unserer Geschichte zu sprechen. Ich möchte alles offenlegen. Wir müssen darüber sprechen, was mit den indigenen Völkern geschah, als die Europäer in dieses Land kamen. Wir müssen darüber sprechen, was wir den rund zehn Millionen versklavten Schwarzen angetan haben. Wir müssen darüber sprechen, weshalb wir nach dem Bürgerkrieg nicht die Rechtsstaatlichkeit schützten und den Verfassungsrechten Vorrang einräumten. Wir müssen über die Geschichte des rassistischen Terrors, über die gesetzliche Rassentrennung und die Segregation sprechen. Und mit dem daraus gewonnen Verständnis müssen wir uns anschliessend mit Reparation, Abhilfemassnahmen und Lösungen befassen. Ich glaube jedoch nicht, dass es einen «Zahltag» geben kann, der 400 Jahre Unrecht und Ungleichheit wiedergutmacht. Wir brauchen eine Ära gezielter, engagierter Bemühungen um Wahrheitsfindung, gefolgt von Wiederaufbau, Wiederherstellung und Wiedergutmachung. – Ich möchte, dass diese Ära beginnt, solange ich noch lebe. Aber es wird Jahrzehnte dauern, bis wir all das Denken und all die Missstände, die sich über vier Jahrhunderte hinweg entwickelt haben, überwinden können. Ich glaube, wir müssen diesen Kampf als eine Reise, als eine Mission begreifen, die die meisten von uns den Rest ihres Lebens beschäftigen wird.
Aufbau | Darf ich Ihnen abschliessend noch eine persönliche Frage stellen? Sie leben in Alabama.
Bryan Stevenson | Ja.
Aufbau | Sie müssten nicht hier leben.
Bryan Stevenson | Das stimmt.
Aufbau | Warum haben Sie sich ausgerechnet für diesen rassistischen Staat entschieden und wie kommen Sie mit dem toxischen Klima hier zurecht?
Bryan Stevenson | Es ist ein schwieriges Umfeld. Aber wenn aussergewöhnliche Menschen wie Martin Luther King, Rosa Parks, John Lewis und viele andere nach Alabama kamen, dann kann auch ich meinen Teil dazu beitragen. Zudem finde ich, wenn man wirklich Gerechtigkeit schaffen will, muss man dort sein, wo Menschen Unrecht widerfährt. Man muss an der Seite der Verurteilten stehen. Man muss sich zu jenen setzen, die an den Rand gedrängt werden, die unter Ernährungsunsicherheit und unzureichender Gesundheitsversorgung leiden. Das sind die Erfahrungen, die Einsicht darüber geben, was Gerechtigkeit erfordert. Ich betrachte es daher nicht als Belastung, hier zu sein. Im Gegenteil, ich sehe es als Privileg, weil ich auf den Schultern von Menschen stehen darf, die mit so viel weniger so viel mehr erreicht haben.
Rita Schwarzer ist Journalistin und Radioreporterin, berichtet seit 1996 über und aus den USA. Sie lebt in der Schweiz.