Schwerpunkt – 250 jahre USA 29. Mai 2026

Die Revolution hatte Rabbiner

Die Independence Hall in Philadelphia. Hier tagte der Kontinentale Kongress ab 1774, und am 4. Juli 1776 unterschrieben die «Gründerväter» die Unabhängigkeitserklärung. 1788 wurde hier die Verfassung…

250 Jahre nach der Geburt ihres Landes in Philadelphia: Amerikanische Juden blicken auf ihre Rolle – damals und heute.

Zum 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 kehrt Philadelphia als Schauplatz der Gründung einmal mehr zurück in das Zentrum des Geschehens. Hier sind bereits vor dem grossen Datum eine Vielzahl von Ausstellungen und weiteren Veranstaltungen zu erleben. Und obwohl vor 250 Jahre nur wenige Juden in den Kolonien lebten – vornehmlich Sephardim aus der Karibik mit Wurzeln in Portugal und Spanien –, so rücken auch jüdische Beiträge zur amerikanischen Revolution schon vor den Paraden und dem Feuerwerk am eigentlichen Jubiläumstag ins allgemeine Bewusstsein.

Rebellische Kolonialisten
Philadelphia war seinerzeit mit rund 35 000 Bewohnern die grösste Stadt im britischen Nordamerika und als solche Tagungsort des «Kontinental-Kongresses» der rebellischen Kolonialisten. Diese bezeichneten sich als «Patrioten» und «Amerikaner». Die Kolonien hatten erstmals 1774 einen «Continental Congress» in Philadelphia einberufen, um gemeinsame Positionen gegen Repressalien und Steuern der britischen Monarchie zu entwickeln. Delegierte tagten in jenem Gebäude, das heute als Independence Hall bekannt ist. Dort unterzeichneten sie am 4. Juli 1776 die Unabhängigkeitserklärung und ratifizierten 1788 die Verfassung der Vereinigten Staaten.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Congregation Mikveh Israel in Philadelphia als idealer Ausgangspunkt für einen Blick auf die Geschichte der Juden während der Revolutionszeit. Die Gemeinde bezeichnet sich selbst als «Synagoge der Amerikanischen Revolution» und war 1740 von sephardischen Juden gegründet worden, deren Familien einst vor der Inquisition in die Karibik geflohen waren. Mikveh Israel gilt als die älteste jüdische Gemeinde Philadelphias und die älteste ununterbrochen bestehende Synagoge der USA. Zudem war sie die geistige Heimat prominenter Unterstützer der Revolution, wie der Gemeindepräsident Eli Gabay im Gespräch stolz berichtet: «Es war eine schwere Entscheidung, ob man sich den Kolonialisten oder den Loyalisten anschliessen sollte», also den Anhängern des britischen Königs George III. Besonders schwer fiel diese Wahl den häufig im Seehandel tätigen Juden, deren Lebensunterhalt damit – wie bei so vielen anderen Bewohnern der Kolonien auch – von den Briten abhing. Doch «die Mehrheit stellte sich auf die Seite von GeorgeWashington und der Revolution», da ihre eigenen Werte mit den Zielen der Patrioten übereinstimmten, so Gabay.

Patriotische Synagoge
Zu dieser Gruppe zählten Haym Salomon, ein polnischer Einwanderer und Schatzmeister der Gemeinde, der Spenden für die Kontinentalarmee sammelte und deren führende Köpfe finanziell unterstützte (siehe den Beitrag von Jerry Klinger in dieser Ausgabe auf Seite 68); der Kaufmann Jonas Phillips, der in der Kontinentalarmee diente und zu ihrer Finanzierung beitrug; sowie Gershom Mendes Seixas, der als Chasan die traditionsreiche New Yorker Gemeinde «Shearith Israel» geleitet, aber die Synagoge geschlossen hatte, als britische Truppen die City besetzten. Seixas übernahm anschliessend die Leitung von Mikveh Israel. Der Historiker Adam Jortner betont, Seixas habe Shearith Israel «in eine New Yorker Aussenstelle des Kontinental-Kongresses verwandelt – er machte die Synagoge zu einem patriotischen Raum» und habe diese Aktivitäten nach seiner Ankunft bei Mikveh Israel fortgesetzt: «Die Revolution hatte Rabbiner» erklärt der Geschichtsprofessor an der Auburn University in Alabama. Dies widerlege die Vorstellung, alle Patrioten seien Christen gewesen, oder dass «christliche Interessen und theologische Überzeugungen die vorrangigen Gründe waren, aus denen die Menschen für die Revolution kämpften.»

Zu jener Zeit lebten rund 2500 Juden in den Dreizehn Kolonien und dies vorwiegend in fünf Hafenstädten: New York, Philadelphia, Newport (Rhode Island), Charleston (South Carolina) und Savannah (Georgia). Doch wie das Beispiel von Seixas zeigt, wuchs die jüdische Gemeinde in Philadelphia nach Ausbruch des Revolutionskrieges im Frühsommer 1775 – während die Briten andere Orte besetzt hielten – sowohl an Grösse als auch an Bedeutung: von rund 300 auf über 1000 Personen. Die Stadt wurde ein Zufluchtsort, der Salomon, Phillips und viele andere anzog. Dieser Zustrom an Flüchtlingen führte schliesslich im Jahr 1782 auf Grundlage bestehender Gemeindestrukturen zur offiziellen Gründung von Mikveh Israel.

Juden in der Armee
Obwohl einige Juden den Loyalisten treu blieben, schlug sich die überwiegende Mehrheit auf die Seite der Patrioten, da sie – wie christliche Mitbürger – die britische Unterdrückung ablehnte. Stark ins Gewicht fiel zudem das Versprechen auf Religionsfreiheit, so der Historiker Jonathan Sarna als eminenter Kenner der amerikanisch-jüdischen Geschichte: «Was dabei von wirklich grosser Bedeutung ist – und sicherlich auch die Leser des aufbau interessieren wird –, ist die Tatsache, dass jüdische Amerikaner innerhalb des Militärs gesellschaftlich aufsteigen konnten.» Damals hätten andere Armeen Juden derartige Aufstiegschancen noch verwehrt. Sarna ist Professor emeritus an der Brandeis University und leitender Historiker am Weitzman National Museum of American Jewish History in Philadelphia. Laut Sarna sind über 100 amerikanische Juden der Kontinentalarmee beigetreten, darunter Mitglieder von Mikveh Israel wie Major David S. Franks. Der Schwager von Haym Salomon war Adjutant von George Washington. Andere waren in der Miliz von Pennsylvania aktiv.

Mitglieder von Mikveh Israel setzten sich zudem für die Religionsfreiheit ein, während die neue Nation Gestalt annahm. Phillips beispielsweise wandte sich in einem leidenschaftlichen Brief an den Verfassungskonvent und bat die Delegierten eindringlich darum, keine religiöse Eignungsprüfung in die Verfassung aufzunehmen, die Nichtchristen von der Bekleidung von Bundesämtern ausschliessen würde. Die Delegierten schenkten ihm Gehör und verabschiedeten eine Klausel, die jegliche religiöse Voraussetzung für öffentliche Ämter untersagt.

Jüdische Kaufleute
Phillips und andere Gemeindemitglieder wie deren Präsident Simon Nathan protestierten zudem gegen eine Bestimmung in der ersten Verfassung von Pennsylvania, die von Gesetzgebern ein Bekenntnis zum Neuen Testament forderte. Wenngleich ihre Petition aus dem Jahr 1783 erfolglos blieb, strich der Bundesstaat diese Vorschrift im Rahmen einer überarbeiteten Verfassung im Jahr 1790. Moses Seixas, der ältere Bruder von Ger-shom Meixas in Philadelphia, stand der historischen Touro-Synagoge in Newport vor und hiess dort 1790 Präsident Washington im Kreise der Gemeinde willkommen. In seinem legendären Brief an die Gemeinde erklärte der Präsident in jenem Jahr, die US-Regierung gewähre «der Bigotterie keinerlei Billigung und der Verfolgung keinerlei Unterstützung» – eine Garantie dafür, dass die neue Nation all ihre Bewohner schützen würde, ungeachtet ihrer religiösen Überzeugungen. Dennoch nahmen mindestens neun der dreizehn ursprünglichen Einzelstaaten nach der Revolution sogenannte «religiöse Tests» in ihre Verfassungen auf: der Kampf um die Religionsfreiheit war mühsam und noch lange nicht gewonnen.

Sarna vermutet derweil, dass die Gründerväter möglicherweise liberaler eingestellt waren als Gesetzgeber in den einzelnen Bundesstaaten. Dies könnte durchaus damit zu tun haben, dass sie in Philadelphia Kontakt zur jüdischen Gemeinde pflegten. Zwar seien etliche der Kongress-Delegierten aus ländlichen oder abgelegenen Regionen nach Philadelphia gekommen. Doch dort seien sie unweigerlich Juden begegnet oder mit ihnen ins Gespräch gekommen.

Dazu präsentiert das Weitzman National Museum of American Jewish History unweit der Independence Hall bis zum kommenden April die spannende Ausstellung «The First Salute: An Untold Story of the American Revolution». Thema ist das weitgehend unbekannte Schicksal jüdischer Kaufleute auf der kleinen Karibikinsel St. Eustatius vor der Küste Venezuelas, die eine bedeutende Rolle bei der Unterstützung der Revolution spielten. Die dortige Gemeinde war 300 Personen stark – rund 30 Prozent der europäischen Bevölkerung der Insel. Die jüdischen Kaufleute hatten – wie generell in der Karibik – grösstenteils iberische Wurzeln und lieferten ungeachtet der britischen Seeblockade Schiesspulver und weitere militärische Ausrüstung an die Amerikaner. Sie tarnten die essentiell wichtigen Lieferungen meist als Teeladungen. Dies sei «nicht gänzlich altruistisch» gewesen, merkt Sarna an, der Mitglied eines wissenschaftlichen Beirats für die Ausstellung war: «Viele von ihnen waren in Schmuggelgeschäfte verwickelt. Deshalb haben Juden in anderen Regionen nur selten über sie gesprochen. Die Unterstützung der Revolution konnte durchaus profitabel sein.» Und doch habe dabei Sympathie für die amerikanische Sache mitgespielt.

Überleben
Die Ausstellung erinnert auch an die Landung des britischen Admirals George Rodney auf der Insel im Jahr 1781. Als fanatischer Antisemit nahm Rodney die jüdischen Händler ins Visier: Er liess mehr als 100 Männer inhaftieren, deportierte fast ein Drittel von ihnen und plünderte ihre Häuser. Dies brachte das Ende der jüdischen Präsenz auf der heute unter niederländischer Verwaltung stehenden Insel. Doch Sarna weist auf eine Ironie dieser Geschichte hin: «Rodney verbrachte so viel Zeit damit, die Insel auszuplündern, dass er einer französischen Flotte keinerlei Beachtung schenkte, die auf dem Weg war, George Washington in Yorktown zu unterstützen.» Daher fehlte Rod-neys Geschwader den Briten bei der entscheidenden Seeschlacht mit einer zahlenmässig überlegenen französischen Flotte vor Yorktown am 5. September 1781. Anschliessend waren die in Yorktown eingeschlossenen Briten und ihr Oberkommandeur Cornwallis gezwungen, vor Washington zu kapitulieren.

Die Ausstellung präsentiert Artefakte aus jener Epoche wie eine 250 Jahre alte Kanone, die auf St. Eustatius gefunden wurde, und erläutert bedeutende Geschehnisse wie den Brief von Jonas Phillips an den Verfassungskonvent. Laut dem Kurator Josh Perelman umfasst «The First Salute» drei Themenbereiche. Dieses Konzept sei durch eine Idee des Museumsdirektors Dan Tadmor angeregt worden: «Das erste Thema besteht darin, die Epoche aus der Perspektive der damaligen Juden zu erkunden.» Die Ausstellung beleuchte jene Ideale, welch «die Nation – und ganz reale Menschen – dazu inspirierten, ihr Leben für eine Zukunft aufs Spiel zu setzen, deren Eintreten keineswegs gewiss war». Diese Prinzipien seien «in unseren Gründungsdokumenten verankert, und man kann erkennen, welch entscheidende Bedeutung ihnen zukam.»

Geschichte der Revolution
Das zweite Thema widme sich Aspekten jener Zeit, «die uns bis heute weitgehend unbekannt sind». So sei die Existenz von St. Eustatius und die Rolle der dortigen jüdischen Gemeinde weitgehend unbekannt, obwohl sich «die Geschichte der Revolution nicht ohne sie erzählen» lasse. Letztlich thematisiere die Ausstellung das Beharrungsvermögen der Juden auf der Antilleninsel, die nach ihrer Flucht andernorts ein neues Leben aufbauten.

Doch auch diese Gemeinde war laut Perelman keineswegs monolithisch und habe damit ihren nichtjüdischen Nachbarn durchaus geglichen. Der Kurator hofft vor allem, dass die Ausstellung Besucher daran erinnert, dass Sätze in der Unabhängigkeitserklärung zum Recht aller Menschen auf «Leben, Freiheit und das Streben nach Glück» sowie die «Religionsfreiheit» damals weit mehr als blosse Schlagworte waren – nämlich revolutionäre Ideale, für die es sich auch heute noch zu kämpfen lohne.

«The First Salute» ist nur eine von zahlreichen Ausstellungen zum Jubiläum in Philadelphia, die sich auch mit der Rolle der Juden befasst. Nahebei zeigt das Museum of the American Revolution bis zum 3. Januar die Ausstellung «The Declaration’s Journey» zur Geschichte und der weltweiten Wirkung der Unabhängigkeitserklärung. Dabei tritt auch Jonas Phillips auf, der eines der ersten gedruckten Flugblätter mit der Unabhängigkeitserklärung an einen Verwandten in Amsterdam sandte. Er verfasste den begleitenden Brief dazu auf Jiddisch, um den Inhalt vor einem möglichen Zugriff durch die Briten zu verbergen. Und siehe da: Ein britisches Schiff fing den Brief tatsächlich ab – doch niemand wusste etwas damit anzufangen, und so verblieb das Dokument ohne weitere Beachtung fast 250 Jahre lang in den britischen Nationalarchiven.

Geburtsstätte
Gleich an zwei Standorten zeigen das Philadelphia Museum of Art und die Pennsylvania Academy of the Fine Arts die Entwicklung der amerikanischen Kunst von 1700 bis in die Gegenwart: «A Nation of Artists» umfasst mehr als 1000 Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Textilien und weitere Kunstwerke, von denen viele bislang nur selten öffentlich zu sehen waren. Die Museen haben bewusst auch Werke von Einwanderern, indigenen Künstlern sowie Farbigen in die Schau aufgenommen und damit die Definition des «amerikanischen Künstlers» über die Gründerväter und ihre Nachkommen hinaus erweitert.

Musikalisch wird das Jubiläum beispielsweise durch die von Gouverneur Josh Shapiro und der Kommission des Gliedstaates ausgerichteten «Commonwealth Concert Series» gefeiert. Die kostenlosen Konzerte finden in fünf Städten ausserhalb von Philadelphia statt, die Pennsylvanias Bedeutung als «Geburtsstätte der Nation» unterstreichen: State College, Erie, Her-shey, Wilkes-Barre und Pittsburgh.

Insgesamt arbeiten Kommunen und Landesbehörden mit Hochdruck an Feierlichkeiten, die am «Juneteenth» – dem Nationalfeiertag am 19. Juni zum Gedenken an das Ende der Sklaverei nach dem Bürgerkrieg 1865 – beginnen und am 4. Juli gipfeln sollen. Dazu gehören Konzerte, Tage mit freiem Eintritt in Museen, Paraden sowie ein sechstägiges Feuerwerksprogramm, das mit einem grossen Abschlussfeuerwerk über dem Philadelphia Museum of Art endet.

Sarna, Jortner und Perelman sind sich einig: Ein roter Faden von den Anfänge der Republik zur Gegenwart ist die Religionsfreiheit – die es Juden ermöglicht hat, vollumfänglich am bürgerlichen Leben der Nation teilzuhaben. Eine dieser politischen Persönlichkeiten ist Josh Shapiro, der demokratische Gouverneur von Pennsylvania. Er tritt in diesem Jahr zur Wiederwahl an und könnte 2028 als Präsidentschaftskandidat ins Rennen gehen.

Revolutionsära
Shapiro verknüpft seinen Namen ganz selbstverständlich mit den diesjährigen Feierlichkeiten. Eine Wahl-E-Mail betont: «Pennsylvania ist die Geburtsstätte unserer Demokratie». Er werde diese «mit allem verteidigen, was ich habe.» Allerdings kursieren in seiner Partei auch Befürchtungen, dass der auf beiden Seiten des politischen Spektrums zunehmende Antisemitismus seine Chancen bei den parteiinternen Vorwahlen oder im November 2028 beeinträchtigen könnte. Umstritten ist nicht zuletzt Shapiros Haltung zu Israel – er unterstützt den jüdischen Staat, hat sich jedoch kritisch gegenüber der Regierung Netanyahu geäussert.

Kenner wie Burt Siegel sehen darin kein Problem. Er war 1973 bis 2008 Vorstand des Dachverbandes «Jewish Community Relations Council» in Philadelphia und kennt den Gouverneur aus dessen Jugend. Shapiros «sehr offen gelebtes Judentum» wäre im Fall einer Präsidentschaftskandidatur kein Nachteil, so Siegel im Gespräch. Allerdings sei Shapiro «Israel gegenüber kritischer, als es vielen Juden lieb ist». Auch bei der Frage nach Kontinuitäten zwischen der jüdischen Gemeinde der Revolutionsära und der heutigen hat Siegel Zweifel. Eine wesentliche Veränderung selbst im Vergleich zu den 1960er und 70er Jahren bestehe darin, dass grosse, traditionsreiche Organisationen wie die Anti-Defamation League und das American Jewish Committee ihren Schwerpunkt verlagert hätten: weg von einer innenpolitischen Agenda – der Verteidigung von Bürger- und Freiheitsrechten sowie der Trennung von Kirche und Staat – hin zum Eintreten für Israel.

Die Ausstellung am Weitzman National Museum of American Jewish History läuft bis April 2027.

Doug Chandler ist als Journalist seit Jahrzehnten vor allem für jüdisch Medien tätig und jüngst von New York City nach Philadelphia umgezogen.

Doug Chandler