Sid Caesar hat das amerikanische Fernsehen mitgeprägt und wurde Ziehvater und Inspiration jüdischer Comedians und Satiriker von Mel Brooks, Woody Allen oder Neil Simon zu Jon Stewart. Ein Gespräch mit seinem Biographen David Margolick über die bleibende Bedeutung Caesars.
Aufbau | David Margolick, fangen wir bei Ihrem Untertitel an. Wie also hat Sid Caesar die amerikanische Comedy «neu erfunden»?
David Margolick | Sid Caesar war der erste echte Fernsehkomiker. Er hat seinen Humor als Erster gezielt auf den kleinen Bildschirm zugeschnitten, also nicht einfach nur andere Formate recycelt und ins Fernsehen übertragen. Es war eine intimere Art von Comedy, die ohne grosse Theatersäle auskam, mit der sich die Zuschauer ganz persönlich identifizieren konnten. Caesar baute eine intime Verbindung zu seinen Zuschauern auf, die nur durch das Fernsehen möglich war. Er hatte dabei ein ausserordentlich breites Repertoire, bot körperlichen Slap-Stick-Humor ebenso wie ausgefeilte Dialoge, arbeitete viel mit Pantomime, und die Leute lernten sein Gesicht bis in die Poren hinein kennen.
Aufbau | Dazu bot er diesen eigenen «Double Talk» – frappierende Wortfluten, die fremden Sprachen von Italienisch bis Russisch täuschend ähnlich klangen, die er als Aushilfe von Gästen im Lokal der Eltern gehört hatte.
David Margolick | Ja. Er hat Zuschauer mit einem ganzen Humorarsenal in den Bann geschlagen. Die bauten eine ganz neue Art von Beziehung zu ihm auf, die im Theater oder selbst im Kino niemals wirklich möglich gewesen wäre. Die Leute sahen diesen Mann Woche für Woche, direkt in ihren eigenen vier Wänden.
Aufbau | Selbst den USA dürfte er zumindest einem jüngeren Publikum kaum mehr bekannt sein.
David Margolick | Aber sie sind seinem Einfluss unbewusst schon überall begegnet. Caesar hat unzählige andere Komiker beeinflusst, deren Arbeit ihnen sehr wohl bekannt ist. Wer einen Film von Mel Brooks, eine Fernseh-Sitcom oder sogar «Saturday Night Live» sieht, wird beim genauen Hinschauen Sid Caesars Handschrift erkennen.
Aufbau | Albert Einstein war ein Fan und wollte Caesar kurz vor seinem Tod 1955 sogar persönlich kennenlernen. Gebildete Kreise dachten damals: Diese neue Medium Fernsehen gleicht einer Ödnis aus Schund und Ramsch. Aber da ist dieser Lichtblick an Esprit und Einfallsreichtum: Sid Caesar.
David Margolick | Einstein liess ihm sagen, er habe geholfen, Rätsel der Physik zu entschlüsseln, Caesar jene der menschlichen Persönlichkeit. Caesar war der Komiker für den denkenden Menschen, ein Quantensprung gegenüber der groben Vaudeville-Komik, mit der das Fernsehen begonnen hatte. Und dies war zunächst eben die einzige Form von Komik, die für das neue Medium verfügbar war. Das Fernsehen war also verzweifelt auf der Suche nach Material für all die leeren Sendestunden – und daher notgedrungen offen für Innovationen. Und genau diese Innovation lieferte Caesar. Gleichzeitig war er mit Persiflagen auf überkluge Professoren oder elitäres Kino wie «Rashomon» keineswegs ein abgehobener, verkopfter Komiker und hatte Fans, die weder Albert Einstein noch Isaac Asimov waren.
Aufbau | Und natürlich war er Jude – wie die ganz überwiegende Mehrheit seines Teams. Obwohl die Show in der McCarthy-Ära Politik ebenso mied wie Sex oder erkennbare Spuren jüdischer Kultur – etwa jiddische Begriffe – arbeitet Ihr Buch doch heraus, wie zentral jüdischer Humor für Caesars Erfolg war.
David Margolick | Und dieser Humor lässt sich im Kern als Infragestellung, Untergrabung jeder Art von Autorität beschreiben. «Jüdisch» taucht niemals in den Shows auf. Alles ist verschlüsselt. Aber Caesar selbst hat gesagt: Die Juden im Publikum wussten genau, was er da tat. Diese spezifisch jüdische Beobachtungsgabe für die Gesellschaft und die menschliche Natur – auf eine gewisse Distanz zu gehen, um über die Welt, das Leben, die Menschen zu reflektieren. Dazu kam eine Skepsis gegenüber Autoritäten und eine bestimme Art von Scharfsinn – jene Skepsis, die meiner Ansicht nach schon immer den Kern des jüdischen Humors und der jüdischen Ironie gebildet hat. Darin liegt ein Sinn für die Tragik des Lebens – und der Versuch, das Beste daraus zu machen. Indem man den Humor darin findet. All das ist im Grunde zutiefst jüdisch.
Aufbau | Aber genau das macht diesen Humor auch für ein Publikum attraktiv, das mit Juden gar nicht vertraut ist. So waren Marx-Brothers-Filme in deutschen Programmkinos lange Hits aufgrund ihres «anarchischen Humors». Dass der einer jüdischen Position als Immigranten und Aussenseiter entsprang, war weniger bekannt.
David Margolick | In den USA lösten Caesars Shows etwa bei dem jungen Dick Cavett, der aus einem protestantischen Haushalt in Nebraska stammte und später ein wichtiger Talkshow-Moderator wurde, ein Erweckungserlebnis aus. Aber in Deutschland war eben die jüdische Gemeinschaft ausgelöscht worden und jüngere Deutsche wurden von diesem Humor dann als Import begeistert. Denn wohin man auch blickte – sei es in der Sowjetunion, in Frankreich oder in den Niederlanden: Die Komiker waren fast immer Juden, nicht wahr? Das dürfte auch im Deutschland der Weimarer Republik so gewesen sein. Denn nach dem Krieg exportierte die jüdisch-amerikanische Kultur diesen Humor in alle Welt. Die USA waren damals die Heimat von mehr Juden als jedes andere Land der Erde. Dieser Humor – dieser «New York-Stil» – füllte plötzlich genau jene Leere, welche die Nazis hinterlassen hatten.
Aufbau | Ganz wichtig für Caesars Humors war eine starke Fixierung auf das Thema Essen.
David Margolick | So viele seiner Sketche drehen sich ums Essen. Im Buch gibt es diese wunderbare Passage der Gastrokritikerin Mimi Sheraton: «Deutsche, Italiener – jeder muss essen. Gerade Italiener sind geradezu besessen vom Essen.» Doch Sheraton macht den Unterschied klar: «Die Italiener sind da genau wie die Juden – nur ohne die Panik.» Ich bin auf einen Absatz im Buch besonders stolz, wo es um die jüdischen Obsessionen rund ums Essen geht: die Sorge etwa, nicht genug davon zu bekommen, oder nicht das Richtige zu erwischen, nicht so viel abzubekommen wie der Nachbar …
Aufbau | Genau. Ohnedies haben Sie mit Büchern zu Kultur und Gesellschaftspolitik wie «Beyond Glory: Joe Louis vs. Max Schmeling» oder «Strange Fruit» (zu dem Song-Klassiker von Billy Holiday) immer wieder Neuland betreten und exzellente Kritiken geerntet. Aber «When Caesar was King» scheint doch besonders inspiriert.
David Margolick | Der Eindruck freut mich sehr. Dieses ist zweifellos mein persönlichstes Buch. Ich lege darin meine ganz persönliche Liebesbeziehung zu meinem Jüdischsein dar. Dabei übertrete ich ein Tabu, das man zumindest meiner Generation antrainiert hat: Stolz auf die jüdische Herkunft und Kultur nicht offen zur Schau zu stellen. Beim Schreiben dieses Buches konnte ich all diese Zurückhaltung ablegen. Es ist eine rückhaltlose Liebeserklärung an meine ganz eigene Art, jüdisch zu sein. Mich hat diese Idee immer gestört, man könne kein guter Jude sein, wenn man nicht in die Synagoge geht. Das Buch schildert eine jüdische Welt – eine bedrohte Form des Jüdischseins, die langsam verschwindet. Ich sehe dieses als ein «Jiskor-Buch», wie sie von Überlebenden verschiedener jüdischer Gemeinden zusammengestellt wurden, die ausgelöscht worden waren. Natürlich ist das eine Übertreibung, der Begriff muss mit Bedacht verwendet werden.
Aufbau | Das Buch transportiert explosive Spannungen: da wird Hochkultur parodiert, Autorität in Frage gestellt. Aber gleichzeitig waren Caesar und sein Team – dem auch Frauen angehörten – von einer unbändigen Leselust getrieben, waren stolz darauf, jede erdenkliche Neuerscheinung zu verschlingen, sämtliche Theaterstücke, alle neuen Filme anzusehen. Obligatorisch war anscheinend auch, sich einer Psychoanalyse zu unterziehen. Als Joe Stein (1912–2010) im «Writer´s Room» aufgenommen wurde, musste er sich den Spruch gefallen lassen: «Du bist ja gar kein Jude: Du hast doch gar keinen Therapeuten.»
David Margolick | Genau, ausgerechnet Joe Stein, der später das Buch für «Anatevka» («Fiddler on the Roof») geschrieben hat. Aber Caesar und mehr noch sein Autorenteam waren von einer immensen Neugier getrieben. Sie waren allesamt Autodidakten. Sie waren immens hungrig in jeder Beziehung. Keiner von ihnen hatte eine Universität besucht. Aber sie wollten die ganze Welt in sich aufsaugen. Und so lasen sie die grossen Werke der westlichen Weltliteratur. Genau das ist eines der zentralen Themen meines Buches: Was geschieht, wenn Juden endlich befreit werden – aus Armut. Wenn sie von Unterdrückung erlöst sind, ihre Flügel ausbreiten, die Welt für sich entdecken – und diese Welt lieben, ohne je genug von ihr bekommen zu können.
Aufbau | Dabei hatten jüdische Immigranten aus Osteuropa nach 1880 zunächst ethnische Refugien wie die Catskills-Resorts und eine Vielzahl kultureller, publizistischer und religiöser Institutionen geschaffen. Aber von diesen Enklaven aus führte ihr Weg in den gesellschaftlichen Mainstream. Wurden das Fernsehen und hier speziell die Shows von Sid Caesar zum Portal in eine Welt, die man mitgestaltet und dadurch selbst betritt?
David Margolick | Genau das ist es. In gewisser Weise machten sich Leute wie Caesar damit selbst überflüssig. Die Show war eine Art Dampfkochtopf, hier prallte eine eng verknüpfte Gemeinschaft aufeinander, Mitarbeitende haben sich gegenseitig inspiriert, ihre Kreativität befeuert und das Beste aus sich herausgeholt. Das Ergebnis war, dass sie nicht länger aus dem amerikanischen Mainstream ferngehalten werden konnten. Sie traten in diesen Mainstream ein – und gingen dort zumindest ein Stück weit verloren. Diese unglaubliche Energie hat sich verflüchtigt und wurde im Mainstream «verwässert». Das erinnert mich an eine Reise nach Wilna. Das Jüdische Museum dort zeigt Plakate und Dokumente, die aus dem Ghetto von Wilna gerettet wurden und anschaulich machen, was sich dort abspielte: Schulen, Theateraufführungen, Konzerte. Dort wurden unglaubliche kreative Kräfte freigesetzt. Das scheint zu geschehen, wenn Juden – sei es freiwillig oder unfreiwillig – zusammenkommen. Für mich ist das ein ganz bemerkenswertes Merkmal der jüdischen Kultur.
Aufbau | Sie zitieren Nakhman Zalowitz, den Fernsehkritiker des «Forverts», der seinerzeit noch hunderttausende von Lesern erreichte. Der war ein grosser Fan und schrieb praktisch wöchentlich und in grossem Detail über die Shows – wie ein Sportreporter über «unser Lieblingsteam».
David Margolick | Das Studium der jiddischen Presse über Caesar war sehr wertvoll. Der Tenor dort lässt sich auf Jiddisch mit «kvellen» beschreiben: Stolz. Zalowitz musste sich keine Sorgen machen, als Prahlhans dazustehen – denn seine Leser waren Juden. Er erkannte und beschrieb, dass Caesar wirklich etwas Besonderes war – eine Klasse für sich.
Aufbau | Das Fernsehen zog also eine immense Energie aus jüdischer Kultur, aber die so geschaffene Populärkultur hat auch einen Kahlschlag angerichtet und gewachsene Lebenswelten und Gemeinschaften aufgelöst, zumindest ein Stück weit. Statt in Clubs oder auf der Strasse mit Nachbarn oder Freunden zusammen zu sein, sassen Familien nun samstagabends vor dem Bildschirm. Aber wie Sie sagen, entstanden so auch neue Gemeinschaften – skeptische Teenager draussen in der Provinz fühlten sich vom «New Yorker Humor» eines Sid Caesar angesprochen und erkannten: «Wow! Das sind meine Leute.»
David Margolick | Genau. Caesar hat überall Menschen dieser Art inspiriert, «Stadtkinder» – auch wenn die nur angehende City Kids waren, die eigentlich in der tiefsten Provinz lebten.
Aufbau | Es gab bei der Show Selbstzensur und der Sender NBC hatte stets einen Zensor zur Stelle. Aber wenn man Autoritäten durch den Kakao zieht, ist das doch schon so zutiefst politisch. Man muss dafür keine Politiker angreifen.
David Margolick | Das stimmt. Und das Schöne an dieser Art von Satire ist, dass sie kaum von Zensur zu packen ist. Zensoren waren so sehr auf Ärsche oder Brustwarzen fixiert und verkannten, dass die Comedy von Caesar letztlich subversiv war. Und das gilt übrigens auch für die Satire von «Mad Magazine», die junge jüdische Kreative gleichzeitig und direkt in der Nachbarschaft von Caesars Büro im Milgrim Building an der 6 West 57th Street in Midtown Manhattan schufen. Die zeichneten, anstatt ihre Ideen im Fernsehen zu präsentieren. Sie waren im selben Alter. Sie stammten aus demselben Milieu.
Aufbau | Dennoch war Caesars Persönlichkeit doch ziemlich einzigartig, wenn nicht bizarr?
David Margolick | Caesar hatte sicher eine schwierige Persönlichkeit, die sich auch kaum greifen lässt. Was heraussticht, war ein tiefer Zorn. Eine Wut, die aber nicht in Gewalttätigkeit gegenüber seiner Familie zum Ausdruck kam, sondern etwa durch eine Obsession mit Feuerwaffen.
Aufbau | Er hat Flinten gesammelt, aber auch Maschinengewehre.
David Margolick | Und doch ging er nur einmal auf die Jagd und brach dann in Tränen aus, als er ein Reh erlegt hat. Caesar fuhr lieber mit ein paar Kumpanen in die Catskills und sie feuerten auf Rasierschaumdosen, um Dampf abzulassen. Er hat einmal gesagt, gottlob habe dieser säumige Untermieter damals in Yonkers ein Saxophon zurückgelassen – und keine Feuerwaffe. Obendrein hatte Caesar diesen Tick, selbst in der Show ständig zu husten. Das war vermutlich ein Ausdruck von Aggression. Und ziemlich einzigartig. Denn das Fernsehen war damals noch sehr ungeschliffen, kaschierte keine Pickel oder sonstige Makel. Aber sein Publikum war gerade von diesen Merkwürdigkeiten gefesselt.
Aufbau | Damit nicht genug. Anscheinend war Caesar ernsthaft überzeugt, das Gegenstände wie ein Kaugummiautomat, Weisswandreifen oder schlicht eine Tür ein «inneres Leben» hatten. Jedenfalls hat er dazu viele Sketche gemacht.
David Margolick | Da stösst man als Autor an die Grenzen des Verstehens. Ob das nun «Wahnsinn» war, oder nicht: Caesar hat sich jedenfalls ernsthaft bei einem Papierkorb entschuldigt, den er umgestossen hatte. Er meinte das allem Anschein nach wirklich ernst. Tierlieb war er auch, wie schon dieser Jagdausflug klarmacht. In einem seiner Sammelalben habe ich eine Geschichte gefunden, wo er bei der Erinnerung an einen Wellensittich aus seiner Kindheit in Tränen ausbrach. Tiere üben besonders auf einsame oder sozial entwurzelte Menschen eine enorme Anziehungskraft aus. Deshalb schieben Leute in New York Hunde in Kinderwagen vor sich her. Die ganze Tragik seiner Persönlichkeit liegt darin, dass Caesar kaum Menschen hatte, denen er wirklich nahestand. Aber er hatte immer Hunde, besonders später, in der zweiten Hälfte seines Lebens. Und zwar grosse, aggressive, furchterregende Hunde. Aber er hatte sie fest im Griff.
Aufbau | Gibt es da nicht Parallelen zu Elvis Presley? Gemeinsamkeiten wie das masslose Essen, eine Obsession mit Feuerwaffen, die Herkunft aus einer Randgruppe und mangelnde Schulbildung – kombiniert mit einem unglaublichen Talent und dann einer Flut von Geld? Wie Caesar hat Elvis die moderne Unterhaltungsindustrie mitgeschaffen. Und so platt das klingen mag – womöglich hat diese Maschinerie sie beide verschlungen? Elvis wurden Tabletten und Fresssucht zum Verhängnis. Caesar hat sich nach Jahren zwar von Alkohol und Völlerei gelöst, hat aber «zur Entspannung» regelmässig Gras geraucht.
David Margolick | Ja, beide wurde Opfer einer Massenkultur, die sie selbst miterschaffen hatten. Einer zugänglichen Massenkultur, die es zuvor noch nie gegeben hatte. Beide waren auf eine ganz neue Weise öffentlich präsent. Natürlich hatte jeder Charlie Chaplin gekannt. Aber der genoss in der Ära vor dem Fernsehen noch ein gewisses Mass an Privatsphäre. Elvis und Caesar waren die Ersten ihrer Art und stiegen in einer gleichzeitig entstehenden Kultur der Rockmusik und des Fernsehens auf. Das produzierte eine Art unersättlicher Gier. Jeder wollte ein Stück von ihnen haben. Niemand hatte sich zuvor jemals mit einem derartigen Druck auseinandersetzen müssen. Im Fall von Elvis war es wahrscheinlich sogar noch extremer. Doch Caesar sah sich einer anderen Art von Druck ausgesetzt – dem Druck des Live-Fernsehens.
Aufbau | Elvis trat im Lauf seiner Karriere immer weniger auf.
David Margolick | Und spielte auch dann nur für das Publikum, das gerade im Saal anwesend war. Caesar hingegen tat dies Woche für Woche, ununterbrochen, live im Fernsehen. Er war gewissermassen wie ein Versuchskaninchen für eine ganz neue Art von Belastung. Und Caesar war – aufgrund seiner einzigartigen Persönlichkeit – nicht gerade die am besten geeignete Person, um einen solchen Druck auszuhalten. Er war eigentlich sehr verletzlich. Es war also eine höchst unheilvolle Kombination.
Aufbau | Welche Rolle spielte dieser Druck bei der Absetzung von «Caesar´s Hour» im Herbst 1957? Seine Quoten waren ja ständig gesunken.
Dvid Margolick | Schon, aber seine eigenen Zahlen blieben konstant. Nur war die Gesamtzahl der Fernsehzuschauer inzwischen enorm gestiegen. Caesars Zuschauer waren äusserst treu. Obwohl er sich persönlich immer weniger im Griff hatte und die Qualität seiner Auftritte nachliess. Das wurde jedoch dadurch wettgemacht, dass seine Autoren im legendären «Writer´s Room» gegen Ende der Sendung besser waren als je zuvor. Das Material war schlichtweg spektakulär und hielt die Show über Wasser. Caesar büsste indes auch deshalb persönliche Anziehungskraft ein, da es mit der Verbreitung des Fernsehens ins Hinterland eine wachsende Masse an Zuschauern gab, die eher nach seichter Unterhaltung und mittelmässigen Inhalten verlangte. Die Werbetreibenden hatten es auf das breite Publikum abgesehen. Dieses hatte kein Interesse an Caesars vergleichsweise anspruchsvollen, skeptischen Inhalten. Die Zuschauer konnten sich damit nicht identifizieren und empfanden sogar eine gewisse Abneigung dagegen: Sie hatten das Gefühl, er würde sie gewissermassen von oben herab behandeln.
Aufbau | Dann hat NBC die «Caesar´s Hour» am Samstagabend direkt gegen die enorm populäre Show das Bandleaders Lawrence Welk (1903–1991) eingesetzt, der über Jahrzehnte zum Inbegriff seichter TV-Unterhaltung wurde. Caesar hat Welk in seiner Show am Ende auch direkt in Sketchen als platt und dumm attackiert.
David Margolick | Das war für Caesar völlig untypisch. Er hat eigentlich nur bei Lawrence Welk seine Samthandschuhe abgelegt. Aber da hatte er sich ohnehin schon selbst aufgerieben. Ich frage mich, wie lange sich Caesar selbst unter den allerbesten Umständen überhaupt hätte halten können. Das Fernsehen war nun mal ein kommerzieller Betrieb und man konnte einfach mehr Geld verdienen, wenn man blossen Schund ausstrahlte. Und genau das ist dann auch passiert.
Eine partielle Übersicht zu Sketchen und Shows von Sid Caesar ist auf Youtube zu finden: https://www.youtube.com/@sidcaesaryourshowofshowsca2250.Als ein Meisterwerk gilt «This Is Your Story», eine Satire auf die populäre TV-Show «This Is Your Life» aus «Your Show of Shows» vom 3. April 1954. Caesar spielt hier einen überraschten Jedermann, der zu einer Revue durch die eigene Vita vor Fernsehkameras geschleppt wird und in Panik und Protest vollkommen ausrastet. Caesar und sein Team haben hier ausnahmsweise auch in Reaktion auf das damalige Live-Publikum improvisiert.
David Margolick: When Caesar was King. How Sid Caesar reinvented American Comedy. Schocken Books 2025.
Andreas Mink ist US-Korrespondent der JM Jüdische Medien AG und lebt in Connecticut.