Schwerpunkt – 250 Jahre USA 29. Mai 2026

Freiheit atmen

Am 1. Januar 1920 kommen Einwanderer auf Ellis Island vor New York City an.

Mit «A Nation of Immigrants» hat John F. Kennedy 1958 als junger Politiker einen Grundsatztext zum Selbstverständnis der USA vorgelegt. Das Werk bleibt ein Bestseller – und war nie aktueller.

Mehr als ein Jahrzehnt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs regelten die Vereinigten Staaten ihre Einwanderungspolitik weiterhin auf Grundlage veralteter Gesetze. Dieser «Johnson-Reed Act» aus dem Jahr 1924 hatte die Immigration erstmals begrenzt und ein System von Quoten festgeschrieben, die auf der nationalen Herkunft basierten. Die Daten dafür stammten aus der Volkszählung von 1890! Damit lebten in den 1950er Jahren die in dem Gesetz repräsentierten, aber längst überholten Vorurteile fort, die der Zulassung von Nord- und Westeuropäern gegenüber weniger «vertrauenswürdigen» Nationalitäten den Vorrang gaben. Erst im Jahr 1958 mobilisierte die überraschende Allianz eines jüdischen Aktivisten und eines aufstrebenden, irisch-amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Widerstand gegen die veraltete Regelung. Daraus ging schliesslich eine gerechtere und offenere Politik hervor.

Eine ungewöhnliche Allianz
Damals war Benjamin Epstein Geschäftsführer der Anti-Defamation League, die seit 1913 gegen Antisemitismus und andere Formen der Diskriminierung gewirkt hatte. Epstein waren die Beschränkungen des Einwanderungsrechts schon lange ein Dorn im Auge gewesen. Wie die meisten Juden seiner Generation hatte er miterlebt, wie die USA auch nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland 1933 trotz der mörderischen Judenverfolgung der Nazis nur eine relativ geringe Zahl verzweifelter Flüchtlinge aufnahmen und am Johnson-Reed Act festhielten. Dann hatte die Einwanderungsreform unter dem McCarran-Walter Act von 1952 das Quotensystem beibehalten. Epstein fiel die scharfe Kritik genau an diesem Aspekt auf, die ein junger Demokrat aus Massachusetts daran geübt hatte. John F. Kennedy war 1947 als 30-Jähriger ins Repräsentantenhaus eingezogen und hatte 1952 einen Sitz im US-Senat gewonnen.

Kennedy als Autor und Politiker
Kennedy hatte sich bereits als Autor einen Namen gemacht. Seine Abschlussarbeit an der Harvard University über die britische «Besänftigungspolitik» gegenüber Hitler als Wegbereiter des Zweiten Weltkriegs war 1940 unter dem Titel «Why England Slept» ein Bestseller gewesen. Später schilderte er in «Profiles in Courage» mutige Gewissensentscheidungen von acht US-Senatoren und wurde dafür 1956 mit dem Pulitzer-Preis für Geschichte geehrt. Diese Auszeichnung mag Epstein ermutigt haben, den Senator aus Massachusetts zu fragen, ob er ein kurzes Buch über die Geschichte und die Bedeutung der Einwanderung in Amerika verfassen würde. Die ADL würde den Band im Rahmen ihrer Reihe «One Nation Library herausgeben.

Kennedy willigte ein und schrieb «A Nation of Immigrants». Er hatte den Titel selbst gewählt. 1958 zunächst als bescheidene Broschüre publiziert, wurde der Text ein Dauerbrenner, erschien in mehreren Auflagen und bleibt bis heute bedeutsam für den öffentlichen Diskurs über dieses Grundsatzthema. Im Jahr 2018 veröffentlichten Harper Collins und die Anti-Defamation League eine bislang letzte Ausgabe zum 60. Jahrestag, die aktualisierte Informationen zur Einwanderungspolitik enthielt. Dieser Band wurde an die Mitglieder des Kongresses verteilt, nachdem Präsident Trump die legale Einwanderung radikal eingeschränkt hatte.

Von der Broschüre zum Klassiker
Die erste Ausgabe 1958 war 40 Seiten stark, die in einen Kartoneinband geklammert wurden. Diese bescheidene Broschüre wurde bald von einer ansprechenderen Version abgelöst, die 1961 zu Ehren von Kennedys Wahl zum Präsidenten erschien. Eine erweiterte Ausgabe mit einem Vorwort von Robert F. Kennedy erschien kurz nach der Ermordung des Präsidenten im Jahr 1964. Doch bereits die Ausgabe von 1961 enthielte eine Reihe faszinierender Illustrationen – beginnend mit der Titelseite eines Flugblatts, das 1609 in London gedruckt worden war, um Siedler für Virginia zu werben. Gezeigt wurden zudem eine detaillierte Zeichnung eines Sklavenschiffs aus dem 18. Jahrhundert; eine Anzeige aus dem 19. Jahrhundert für Ackerland in Illinois – erhältlich für acht bis zwölf Dollar pro Acre (4000 Quadratmeter) – sowie Fotografien von Ankünften und Abreisen auf dem Immigrantenportal Ellis Island.

Besonders aufschlussreich war die mehrfarbige Landkarte der USA, die zusammengefaltet in einer Tasche auf der Rückseite des Bandes steckte. Entworfen von der israelisch-amerikanischen Designerin Daniela Passal (1932–2005), verzeichnete und illustrierte sie die bedeutendsten Einwanderergruppen innerhalb einzelner Bundesstaaten. Der Stil und die Auswahl der dargestellten Figuren reflektieren populäre Ansichten über Einwanderer, die seinerzeit als gesellschaftlich akzeptabel galten – klischeehaft in Tracht und Gestik, und doch mit einer gewissen liebevoll-skurrilen Zuneigung dargestellt. Mexikaner tragen Sombreros, Deutsche tragen Lederhosen und trinken Bier, Schotten spielen Dudelsack. Unter all den Figuren ist lediglich eine schwarze Person – und zwar in Alabama mit einem Saxophon: jenem einzigen Bundesstaat, in dem ansonsten keinerlei Einwanderer dargestellt sind. Juden treten ebenfalls nicht als nationale Gruppe auf, aber immerhin als orthodox-rabbinische Gestalt im Norden von New York State. Von den Ureinwohnern fehlt jede Spur.

Der Text zeichnet die Geschichte der verschiedenen Einwanderungswellen jeweils als Reaktion auf politische Umbrüche in Herkunftsländern nach. Kennedy macht klare Unterschiede zwischen Zuwanderern, die vor oder nach Zeiten revolutionären Unruhen auf dem europäischen Kontinent in die Neue Welt aufbrachen. Er würdigt die Beiträge der jeweiligen Nationalitäten, scheut jedoch auch nicht vor einer Diskussion der unvermeidlichen Spannungen zwischen alteingesessenen Bürgern und fremden Neuankömmlingen zurück. Die letzten beiden Kapitel formulieren eine vernichtende Kritik an den Quotensystemen sowie den hohen Anforderungen, die seinerzeit an Einreisewillige gestellt wurden. Kennedy spricht sich keineswegs gegen sinnvolle Beschränkungen aus – wohl aber gegen solche, die bestimmte Nationalitäten bevorzugen.

«Frei zu atmen» – mit Einschränkungen
Um diese Kritik an der existierenden Rechtsordnung zu betonen, erinnert er die Leser an die berühmten Zeilen aus dem Gedicht von Emma Lazarus auf dem Sockel der Freiheitsstatue im Hafen von New York City: «Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure zusammengedrängten Massen, die sich danach sehnen, frei zu atmen.» Doch dann merkte Kennedy an: «Bis 1921 war dies ein zutreffendes Bild unserer Gesellschaft. Nach der heutigen Gesetzeslage wäre es angebracht hinzuzufügen: ‘… solange sie aus Nordeuropa stammen, nicht allzu müde oder allzu arm, nur leicht erkrankt sind, niemals ein Brot gestohlen haben, keiner zweifelhaften Organisation beigetreten und in der Lage sind, die eigenen Aktivitäten der vergangenen zwei Jahre zu dokumentieren.»

Als Präsident hat Kennedy den Senator Philip Hart und den Abgeordneten Emanuel Celler im Juni 1963 zur Vorlage eines Einwanderungsgesetzes bewegt, welches das Quotensystem abschaffen und stattdessen den Schwerpunkt auf berufliche Qualifikationen sowie die Familienzusammenführung von Zuwanderungswilligen legen sollte. Tragischerweise war das Gesetz noch nicht verabschiedet, als Kennedy im November desselben Jahres ermordet wurde. Aber der Hart-Celler Act wurde nach längeren Debatten und Überarbeitungen zum Kern des «Immigration and Nationality Act», den Präsident Lyndon B. Johnson zwei Jahre später in Kraft gesetzt ha.


Ein Ideal unter Druck
Zu dieser Erfolgsgeschichte gibt es einen zeitgenössischen Epilog. Präsentierte Kennedy den Begriff «eine Nation von Einwanderern» als kraftvolle und positive Perspektive auf die amerikanische Geschichte, so hat diese Vision auf beiden Seiten des politischen Spektrums deutlich an Attraktivität verloren. Die Einwanderungsbehörde «United States Citizenship and Immigration Service» ging bereits während der ersten Trump-Präsidentschaft 2018 zurück auf einen restriktiven Kurs und hat aus der offiziellen Selbstdarstellung den Auftrag gestrichen, als Hüterin des «Versprechen Amerikas als Nation von Einwanderern» zu wirken.

Noch unverblümter agitiert ein Buch der Historikerin Roxanne Dunbar-Ortiz aus dem Jahr 2021. Titel und Untertitel sagen Kennedy in gefetteter Schrift auf der gesamten Titelseite den Kampf an: «Not a Nation of Immigrants: Settler Colonialism, White Supremacy and a History of Erasure and Exclusion» (Keine Nation von Einwanderern: Siedlerkolonialismus, weisse Vorherrschaft und eine Geschichte der Auslöschung und Ausgrenzung). Eine Antwort auf diese «politisch korrekte» Sichtweise würde indessen einen eigenen Artikel erfordern.

Die Kunsthistorikerin Monica Strauss ist in Massachusetts als Autorin, Journalistin und Forscherin tätig.

Monica Strauss