Der amerikanische Traum ist heute ein Albtraum. Die Freiheitsstatue, für Abermillionen Menschen das Symbol der Hoffnung – Zuversicht für ein besseres, freies Leben in Gleichheit und Würde – droht den Anspruch zu verlieren und nur noch eine leere Hülle zu sein. Amerika, DIE Demokratie. Das Land, das zwischen Nordstaaten und Südstaaten einen Bürgerkrieg geführt hat. Kriegsgrund: Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde.
Während die Südstaaten an der Sklaverei mit Unterdrückung und Rassismus festhalten wollten, kämpften die Nordstaaten darum, dass alle Menschen in Amerika als Menschen mit gleichen Rechten behandelt werden. Die Spuren der Vergangenheit, die Kränkung und die Schmach, das reaktionäre christliche Dominierungsprinzip durch Demokratie zu ersetzen, hat seitdem nie aufgehört. Trump und die reaktionäre MAGA-Bewegung berufen sich wieder auf Ursprünge von vor 250 Jahren. Sie stehen für ein weisses, christliches Menschenbild. Dieses Amerika steht wie kein anderes Land für den Kapitalismus – brutal, menschenverachtend, eiskalt und nur auf Profit orientiert. Genau dieser Kapitalismus aber, in seiner Härte, hat Menschen ermöglicht, aufzusteigen und unvergleichbare Innovationskraft und Kreativität freiwerden zu lassen. Diese intellektuelle, kulturelle und wissenschaftliche Leistung ist für die Welt prägend. Amerika ist aber immer noch, trotz aller Rückschläge, das einzige Land, das jedenfalls militärisch Demokratien, insbesondere Europa, verteidigungspolitisch unterstützen kann. Ohne die NATO wäre der Kontinent Europa nicht in Teilen zu blühenden Demokratien geworden, sondern von der Sowjetunion brutal gefressen worden. Dass Deutschland überhaupt ein demokratischer Rechtsstaat wurde, verdankt es den USA. Amerika ist nicht «ein» Amerika. Es ist ein komplexes, vielschichtiges Land. In der Dynamik, der Mobilität der Menschen drückt sich symbolisch aus, wie dynamisch das Land ist. Kulturell, intellektuell ist die Vielschichtigkeit, die Vielsprachlichkeit – die Internationalität der Menschen – faszinierend. Die Freiheitstatue, das Versprechen frei zu sein, hat über zwei Jahrhunderte Menschen aus der ganzen Welt, die in tiefster Armut oder Diktatur gelebt hatten, angezogen. Die meisten haben den Traum nie erlebt – und doch stieg irgendwann eine Generation der Familienlinie auf, wenn auch nur ein wenig. Der Staat mischt sich aus Prinzip nicht ein: Wer schwach ist, ist allein.
Die Diktatoren in Peking und Moskau zerlegen die demokratische Idee so aggressiv wie lange nicht – beflügelt von einem US-Präsidenten, der die Demokratie von innen zerstört und rechtsextreme Kräfte weltweit stärkt. Ist das das Ende der Demokratie in Amerika? Nein. Wir neigen dazu, die USA zu vergöttern oder zu verteufeln. Beides ist falsch. Amerika ist eine Projektionsfläche – und kein Land hat der Welt so viel Mut gegeben, Demokratie zu versuchen. New York oder Teheran oder Moskau oder Schanghai – immer New York. Happy Birthday.
Michel Friedman ist Herausgeber des aufbau.
Kolumne
29. Mai 2026
Traum und Albtraum
Michel Friedman