Wer Zeit hat, findet die Offenbarungen auf YouTube. Legendäre Interviews, die es so heute vermutlich nicht mehr geben wird – in einer Zeit, in der die offene Kommunikation kontrolliert, das freie Wort oft sanktioniert wird und Protagonisten meist mit Bedingungen und einer Armada von Kommunikationsberatern auftreten.
Wenn etwa Oriana Fallaci 1979 Ajatollah Ruhollah Chomeini öffentlich konfrontierte und journalistische Unabhängigkeit selbst zum politischen Akt machte, David Frost 1977 den ehemaligen US-Präsidenten RichardNixon zu seinem ersten öffentlichen Schuldeingeständnis zwang und damit Rechenschaft als demokratische Norm etablierte, Günter Gaus in seinen Gesprächen mit Politikern wie Willy Brandt und DDR-Funktionären Macht durch Stille und Präzision entlarvte und das politische Tiefeninterview als Gegenmodell zur Propaganda erfand, Martin Luther King Jr. 1965 im «Playboy» ungefiltert über Angst, Zweifel und zivilen Ungehorsam sprach und den Kampf für Bürgerrechte in eine universelle Sprache der Demokratie übersetzte und schliesslich Václav Havel in seinen Untergrundinterviews als Dissident persönliche Wahrheit mit politischer Freiheit verband und das Gespräch selbst zum Akt des Widerstands machte, dann zeigt sich, dass das ungefilterte Interview selbst zu einem Instrument der Demokratiegeschichte werden kann.
Heute zelebriert der angelsächsische Journalismus das offene Gespräch und Interview, in dem das gesagte Wort und nicht der abgenommene Text gilt, noch am besten – diese Disziplin des journalistischen Genres, das mehr ist als Journalismus, nämlich die platonische Leiter zur Freiheit, die gerade in Europa immer mehr verloren geht, in Autokratien nie existierte und Diktatoren zu Fall bringen könnte.
Der Philosoph und Psychoanalytiker Aron Bodenheimer versteht das Interview in «Die Kunst des Fragens» nicht als Technik des Abfragens, sondern als offenen Denkraum. Entscheidend sei nicht die brillante Antwort, sondern die mutige, präzise Frage. Ein gutes Interview gleiche keinem Verhör, sondern einem Dialog auf Augenhöhe. Seine Qualität entstehe aus dem Zuhören und dem Eingehen auf das Gesagte, nicht aus einem starren Fragenkatalog. Fragen seien damit immer auch ein ethischer Akt, der Wirklichkeit sichtbar machen oder verstellen könne.
«Wo bist du?» lautet die erste Frage in der Thora und leitet den Beginn einer Dekonstruktion des Absoluten ein. Die offene Frage ist der Akt der Freiheit per se, wenn etwa Abraham Gott fragt, ob er wirklich die Gerechten zusammen mit den Schuldigen in Sodom und Gomorra vernichten wolle. Er stellt die grundsätzliche Frage, ob der Richter der ganzen Welt nicht gerecht handeln müsse. Und er handelt mit Gott Schritt für Schritt aus, wie viele Gerechte nötig wären, damit die Stadt verschont bleibe.
Elie Wiesel geht einen Schritt weiter und setzt Gott in der Erzählung «Der Prozess von Schamgorod» (1979) auf die Anklagebank. Darin klagen drei wandernde Juden Gott in einem fiktiven Schtetl nach einem Pogrom wegen Grausamkeit und Vertragsbruch an.
Doch immer mehr entziehen sich Verantwortungsträger, Regierende oder Kulturschaffende dem offenen Gespräch. Ein Paradox erst recht in einer Zeit der Dauerberieselung von Statements ohne Frage durch die Plattformen der sozialen Medien, da Verlautbarungen, Selbstmitteilung und Welterklärung ohne Fragen folgen. Der kontrollierte Dialog ist keiner auf Augenhöhe, sondern asymmetrisch.
Daher muss sich der Journalismus erst recht in Zeiten zusätzlicher Kritik an ihm und der Versuche, ihn zurückzudrängen, mit viel mehr Transparenz und Offenheit den Freiraum des offenen Interviews zurückerobern – ohne falsche Konzessionen. «Andernfalls», so der legendäre ABC-Fernsehjournalist Edward R. Murrow, «ist es bloss eine Kiste mit Drähten und Lichtern.» Good night, good luck.
Yves Kugelmann ist Chefredaktor des aufbau.
Kolumne
20. Jan 2026
Interview mit Gott
Yves Kugelmann