Kolumne 20. Jan 2026

Die Frage als Freiheit

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, dass Denken reflektieren und lernen auf höchstem Niveau kann. Diese Fähigkeit ist existentiell verknüpft mit einem besonderen Instrument: der Frage!

Das «Warum?» demonstriert Neugierde und Zweifel. Der Zweifel, der Selbstzweifel, das in Zweifel ziehen, das in Zweifel gezogen werden und das Suchen, das sich mit dem Gefundenen nicht abgeben möchte, die Überprüfung des Nachgedachten und Kraft des Vordenkens. Die Möglichkeit, sich aus der statischen, eingemauerten Lebens- und Erkenntnissituation zu befreien, ist das Fragen und das Nachfragen. Und das Weiterfragen. Mit dem Fragen setze ich mich in Bewegung. Dekonstruiere den Jetzt-Zustand. Wer sich und andere nicht fragt, hinterfragt, befragt, stirbt den langsamen Denk-Tod. Die verständliche Sehnsucht nach Stillstand führt zu einer innerlichen und äusserlichen Erstickung. Der Blick, dass früher alles besser war, führt zu einem reaktionären Zustand. Die Tragik der Vergangenheit besteht darin, dass sie eben vergangen ist. Das Gestern wird nie mehr zum Heute. Das Heute, das Neue, die neuste Herausforderung braucht neue Antworten. Die nur erreichbar sind durch neue weiterentwickelte Fragen. Das Wunderbare der freien Wissenschaften, der neuen Entdeckungen verdanken wir den Wissenschaftlerinnen, die ihre Unzufriedenheit über das Erreichte als Motivation für ihre Arbeit erleben. Sie stellen die richtigen Fragen. Was haben wir übersehen? Was können wir verbessern? Welche neuen Erkenntnisse können wir erarbeiten? Und wissen, dass es nie ein Ankommen geben wird, weil immer die nächste Frage auf sie wartet.

So geht es uns Journalisten auch. In Interviews gehen wir uns und den Interviewten manchmal auf die Nerven, weil uns wieder einmal und noch einmal eine weitere Frage einfällt, die sich aus den Antworten ergeben hat. Gleichzeitig können die Fragen, diese Fragen bei den Interviewten zu einem wunderbaren Impuls führen, der neue Gedanken, neue Antworten zulässt. Dieses Heft ist «der Frage» gewidmet. Solange der Mensch fragt, ist Hoffnung. Dass die Macht kontrolliert bleibt, dass der Verstand sich weiter schärft, dass der Mensch, zu Recht, nie mit dem Erreichten zufrieden ist, und dass das bisher Ungedachte das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Manchmal denke ich mir, Fragen zu stellen ist die höchste intellektuelle Leistung des Gehirns des Menschen.

In Diktaturen sind Fragen verboten. Fragen haben die Macht, der Macht die Macht zu nehmen. Macht, in jeder Form von Macht, hat vor nichts mehr Angst als vor den Fragen. Sie entblössen die Macht, sie bedrohen die Macht. Die Fragenden landen in der Regel im Gefängnis, manchmal auf dem Friedhof. Journalisten werden stumm gemacht, einige verstummen, die Mutigen fragen weiter. Nicht nur in Diktaturen, sondern mittlerweile auch in Demokratien sind fragende Journalisten, die «die falschen Fragen» aus der Sicht der Mächtigen stellen, unter Druck. Der amerikanische Präsident Trump bestimmt, wer im Weissen Haus die Fragen stellen darf. Oder aber beschimpft und beleidigt sie, vor allem weibliche Journalistinnen. In einem Land wie Ungarn kann man von Pressefreiheit kaum mehr sprechen. Diese Entwicklungen, gerade wenn sie in Demokratien festzustellen sind, symbolisieren die Zerbröselung der demokratischen Grundwerte. Der Sauerstoff der Demokratien besteht in der Kontrolle der Macht. In der Skepsis gegenüber den Mächtigen. Gleichzeitig befördert die Frage die Streitkultur. Wer hat Recht, wer hat die besseren Argumente für seine Thesen und Perspektiven und Lösungsvorschläge? Das Ringen um die besten Antworten ist nur erreichbar, wenn man die letzte Antwort wieder in Frage stellt. Das gilt erst recht für die politische Macht. Wo nicht mehr gefragt werden darf, stirbt die Streitkultur und damit die Demokratie.

Michel Friedman ist Herausgeber des aufbau.

Michel Friedman