kolumne 29. Mai 2026

Dialektik des Zweifels

Für die jüdische Emigrantengeneration war Amerika Hoffnung und Verwirklichung in einem: «Ich habe meine Wurzeln in der europäischen Kultur, aber meine Flügel habe ich in der amerikanischen Freiheit entfaltet», formulierte Hannah Arendt – eine Chance, die selbst im damaligen Europa kaum möglich gewesen wäre. Die USA waren immer schon das Land der unbegrenzten Möglichkeiten – doch bis jetzt war dieses Schlagwort stets verbunden mit einer Richtung: unbegrenzte Möglichkeiten, gekoppelt an den Wertekatalog von Gleichberechtigung, Solidarität und geschützter Freiheit. Der Aufbau hätte ohne diesen Freiraum für Menschen und Denken nie entstehen können.

Als Hitler 1933 die Macht übernahm, begann für die Intellektuellen des Frankfurter Instituts für Sozialforschung eine Odyssee, die sie schliesslich an die Westküste der USA führte. Max Horkheimer emigrierte früh, zunächst nach Genf, dann nach New York, wo das Institut an der Columbia University neu gegründet wurde. Theodor Adorno folgte zögernder, bevor er 1938 endgültig in die USA übersiedelte. Ab 1941 lebten beide in Los Angeles, im sonnigen Exil von Pacific Palisades, wenige Kilometer von den Filmstudios Hollywoods entfernt – europäische Mandarine im Herz der amerikanischen Massenkultur. Hier entstand die «Dialektik der Aufklärung», zunächst 1944 als vervielfältigtes Manuskript, dann 1947 im Druck.

Die biografische Spannung des Werks ist kaum zu übersehen: Das Land, das ihnen das Leben rettete, wird im Text zur zentralen Fallstudie einer zutiefst pathologischen Zivilisation. Der Ausgangspunkt ist eine scheinbar paradoxe These: Aufklärung, die den Menschen aus Mythos, Aberglauben und Naturgewalt befreien sollte, schlägt in ihr Gegenteil um – sie erzeugt neue Formen der Herrschaft und schliesslich der Barbarei. Der Grund liegt in einem bestimmten Begriff von Vernunft, den Adorno und Horkheimer als instrumentelle Vernunft fassen: eine Vernunft, die nur noch fragt, wie Ziele effizient zu erreichen sind, nicht mehr, ob diese Ziele selbst vernünftig sind. Sie wird zum blossen Werkzeug, das beliebigen Herrschaftsinteressen dienen kann – und damit blind gegenüber sich selbst.

Amerika erscheint in diesem Rahmen nicht als Zuflucht, sondern als Labor – als der Ort, an dem diese Entwicklung am konsequentesten ausgelebt wird. Die Kulturindustrie, die sie im berühmtesten Kapitel sezieren, ist wesentlich die amerikanische: Hollywood, Radio, Schlager, die standardisierte Massenunterhaltung, die den Schein von Freiheit und Individualität produziert, während sie Konformität und Passivität erzeugt. Die Kulturindustrie bietet scheinbar endlose Auswahl – aber alle Produkte folgen denselben Formeln, befriedigen dieselben konditionierten Bedürfnisse und verhindern so das Entstehen echter Erfahrung. Das Publikum wird nicht unterhalten, sondern verwaltet.

Tiefer noch reicht die Analyse, die sie am Mythos des Odysseus entwickeln. Odysseus lässt sich an den Mast binden, um den Sirenengesang zu hören, ohne ihm folgen zu können – Genuss und Entsagung zugleich. Das ist für sie das Urbild des modernen Subjekts: Es bezwingt die innere wie die äussere Natur, aber der Preis ist die Verstümmelung der eigenen Erfahrungsfähigkeit. Amerika steht für eine Gesellschaft, die diesen Prozess vollständig durchlaufen hat – in der technische Rationalität jeden Winkel des Lebens durchdrungen hat, von der Arbeit bis zur Freizeit, vom Kino bis zum Schlager.

Dabei wäre es falsch, ihre Kritik als Undankbarkeit oder europäische Herablassung zu lesen. Europa hatte Auschwitz hervorgebracht, und das war ihnen vollkommen bewusst. Amerika ist für sie nicht das Böse, sondern das Fortgeschrittenste – der Ort, an dem die Widersprüche der westlichen Moderne am schärfsten sichtbar werden. Als Fremde sehen sie, was Einheimischen unsichtbar ist. Der Ton des Werks ist nie verächtlich oder triumphierend, sondern durchgängig düster und resigniert: Es beschreibt eine Zivilisation, in der die Autoren selbst gefangen sind.

Nach dem Kriegsende kehrten beide nach Frankfurt zurück. Im Kontext des Kalten Krieges war Amerika nun Garant der westlichen Demokratie, und beide vermieden es sorgfältig, ihre Kritik politisch vereinnahmen zu lassen. Als die Studentenbewegung der späten 1960er Jahre die «Dialektik der Aufklärung» als antikapitalistischen Referenztext entdeckte, zeigte sich die tiefe Ambivalenz ihres Erbes: Ein Werk, das im amerikanischen Exil entstand und nie ein politisches Programm anbieten wollte, war zur Waffe in einem Kulturkampf geworden, dem seine Autoren selbst skeptisch gegenüberstanden.

Albert Einstein schrieb 1947 an den Aufbau: «Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass das gegenwärtige System souveräner Nationen Barbarei, Krieg und Unmenschlichkeit nach sich ziehen muss und dass nur ein Weltrecht zu einer zivilisierten, friedlichen Menschheit führen wird.» Wer hätte gedacht, dass dieses Primat jemals für die USA gelten werde – jenes Land, in dem zwei Emigranten vor Hitlerdeutschland gerettet wurden und dabei eines der einflussreichsten Werke der Geistesgeschichte formulierten.

Yves Kugelmann ist Chefredaktor des aufbau.

Yves Kugelmann