Es herrscht: die Angst. Die Angst beherrscht uns. Von Krise zu Krise, hin bis zur Multikrise – alles macht Angst. Jeder und jede spricht von ihrer oder seiner Angst. Die meisten jedenfalls, in der Europäischen Union, aber auch in der Schweiz. Wir erleben eine Gegenwart, die Tag für Tag von Frieden, Freiheit und Wohlstand bestimmt ist. Was stimmt eigentlich nicht mit uns? Haben wir vor der Zukunft Angst, weil wir nicht mehr anerkennen, dass wir in der bestmöglichen Welt, in der Menschen je gelebt haben, erst recht in den Wohlstandsgesellschaften, leben? Unstreitig: vieles ist gut. Aber nicht gut genug. Doch anstatt darauf aufzubauen, zerstören wir das, was wir erreicht haben. Wut und Angst, schlechte Laune, scheinen den Diskurs stärker zu beeinflussen als ein berechtigter Optimismus. Kontrollverlust ist nicht heute, sondern war schon immer. Kann es sein, dass über die letzten Jahrzehnte unsere Gesellschaft, mindestens zwei Generationen, vergessen hat, dass Zivilisation, soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Recht Errungenschaften harter Arbeit sind? Und dass sie den Kontrollverlust nicht zum Verschwinden bringen, sondern ihn bestenfalls zähmen und die Konsequenzen daraus humanistisch regeln? Besonders en vogue ist die Zukunftsangst. Zwischen Apokalypse, Depression und Hass, Zerstörung und Verstörung, Hoffnungslosigkeit und Selbstmitleid diskutieren weite Teil Deutschlands, besonders die bürgerliche Mitte, ihre dunkelschwarze Vorstellung, wie sich die Zukunft entwickelt. Dabei ist die Zukunft auch immer eine Fantasie, eine Hoffnung, eine Vision. Ein Nichts. Kein Mensch ist in der Lage, weder seine persönliche noch die kollektive Zukunft vorherzusehen. Das Leben ist Chaos. Das Leben ist interdeterminiert. Betrachtet man die Welt global, ist es naiv, fast dümmlich, Vorhersagen für das Jahr 2040, 2050 oder gar 2070 zu treffen. Wahrscheinlich mit einer Ausnahme: Der Klimawandel ist real. Die Erderwärmung ist real. Ohne Lösungen wird ein Teil der Welt, mindestens ein Teil der Welt, nicht mehr bewohnbar sein. Aber sonst? Das Leben ist nicht linear, Gesellschaft erst recht nicht. Das Überraschende, das Unvorhergesehene, macht es uns unmöglich, Zukunft zu sehen. Ziele für die Zukunft – das können wir denken, formulieren. Aber dafür müssen wir in unserer Gegenwart entsprechend handeln. Das aber wiederum ist anstrengend. Die Anerkennung, dass nichts bleibt, dass das Vergangene Vergangenheit ist, dass man, wenn man sich an sie klammern will, nichts in der Hand hat, fordert uns heraus, mehr als das zu leisten, was wir tun. Dagegen wehren wir uns, fühlen uns eh schon gefordert, wenn nicht sogar überfordert. Dann lieber meckern, nörgeln und die Zukunft schwarzmalen. «Zukunft – die Ausrede all jener, die in der Gegenwart nichts tun wollen» schreibt Harold Pinter. Schon Pythagoras versuchte den Menschen zu erklären, dass die Beschäftigung mit der Zukunft zwar wichtig sei, aber nicht davon ablenken dürfe, dass für die Zukunft auch die jeweilige Gegenwart gestaltet werden muss, im gleichen Augenblick aber schon wieder Vergangenheit ist. Er formuliert das so: «Das Gestern ist fort. Das Morgen nicht da. Leb also heute.» Das 21. Jahrhundert ist eine grosse Herausforderung. Die digitale Revolution macht uns erst mal zu Analphabeten einer neuen Kommunikationswelt. Na und? Dann lernen wir das neue Alphabet. Und nutzen die digitale Technik für Fortschritt. Der Versuch, die Welt wieder in Starke und Schwache aufzuteilen, ob geostrategisch oder mit der Frage der sozialen Gerechtigkeit und Empathie, die Macht neu zu verteilen, nichts davon ist neu. Aber das 21. Jahrhundert und diejenigen, die eiskalte und gnadenlose Macht ausüben wollen, müssen erst einmal mit aller Kraft (leider tun sie es bereits schon zu erfolgreich) einen Teil der Welt zerstören, in denen Menschenrechte, Demokratie und Kooperation geherrscht haben. Also? Wehren wir uns doch! Werben wir doch für das, für das wir stehen. Wahrscheinlich erleben wir Zukunftsangst, weil wir wissen, dass wir in der Gegenwart handeln müssen, um keine Angst vor der Zukunft zu haben. Haben wir am Ende Angst vor uns selbst und unserem Scheitern in der Gegenwart?
Michel Friedman ist Herausgeber des aufbau.
Kolumne
20. Mär 2026
Angst vor der Zukunft
Michel Friedman