Für Mädchen und Frauen in Deutschland: Vielfältige Ursachen für zunehmende Angstzustände.
Die Zeiten sind stressig. Und die Forschung kann da nur zustimmen. Im Vorjahr hat eine Studie des Robert Koch-Instituts ergeben, dass ein starkes Fünftel der befragten Erwachsenen in Deutschland depressive Symptome aufwiesen, vierzehn Prozent dagegen Angstzustände. Bei Frauen waren die Zahlen noch alarmierender: Insbesondere siebenundvierzig Prozent der Jüngeren zeigten depressive oder Angstsymptome. Das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit hat 2025 ebenfalls eine weitere, allerdings leichte Zunahme negativer Indikatoren für die psychische Gesundheit festgestellt – auch hier mit einem deutlichen Geschlechter-Unterschied: Frauen gaben eine höhere psychische Belastung und geringere Zufriedenheit mit ihrem Dasein an als Männer. Ein Blick auf die Nachrichten scheint attraktiv als Erklärung. Aber eine nähere Untersuchung der Situation von Mädchen und Frauen ergibt ein komplexeres Bild.
«Bei der psychischen Gesundheit von Frauen laufen zwei Entwicklungen parallel», erklärt die klinische Psychologin Johanne Schwensen im Gespräch mit aufbau. Sie lebt derzeit in Dänemark, arbeitet aber online mit vielen Klientinnen in Deutschland und praktiziert seit 2013 in Berlin. Schwensen hat «It’s Complicated» mit gegründet, eine Plattform zur Vernetzung von Patientinnen und Therapeutinnen. Der erste Grund für die negative Entwicklung ist wohlbekannt: «Zum einen verbringen wir einfach mehr Zeit vor Bildschirmen – etwas so Simples und doch Allgegenwärtiges spielt meiner Meinung nach eine bedeutende Rolle». Der zweite Grund sei jedoch komplizierter: Anforderungen an Mädchen und Frauen in Alltag und Beruf würden generell zunehmen.
Emotionale Arbeit
Hier gelte es zu unterscheiden. Zum einen steige der Leistungsdruck auf Frauen. Obendrein müssten sie bei der Erfüllung dieser Anforderungen rückständigen gesellschaftlichen Erwartungen gerecht werden, die nach wie vor fest in vielen Köpfen verankert sind. Schwensen unterstreicht, Mädchen werde von klein auf beigebracht, nett zu sein, sich um ihre Mitmenschen zu kümmern und Rücksicht auf deren Gefühle zu nehmen: «Während sie also beruflich viel leisten und emotionale Arbeit verrichten, sollen sie gleichzeitig Karriere machen, stark und unabhängig sein und einen Partner finden, mit dem sie eine Familie gründen können. Das sind einfach zu viele Anforderungen.»
Medien erklären die sinkenden Geburtenraten in Ländern wie Deutschland fast reflexartig damit, dass Frauen ihre Karriere an erste Stelle setzen. Doch Schwensens Erfahrung in ihrer Praxis entlarvt diese Sichtweise als Irrtum. Viele Frauen versuchen vielmehr, Karriere und Familienleben gleichzeitig zu gestalten – selbstredend eine steile Herausforderung: «Ich habe ziemlich viele junge Frauen aus Deutschland als Klientinnen, die wirklich wahnsinnig gestresst sind, weil sie Ende Zwanzig sind, und vielleicht haben sie gerade eine Beziehung beendet oder machen gerade Schluss.» Die Tatsache, dass sie Karriere machen, reiche als Erklärung einfach nicht aus: «Jetzt müssen sie auch mit der ganzen Mühe beginnen, einen Partner zu finden und sich in diese anstrengende Dating-Szene zu begeben», sagt Schwensen: «Das ist definitiv ein grosser Stressfaktor.»
Ähnlich sind die Erkenntnisse von Dr. med. Annemarie Braun, einer Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe mit Schwerpunkt hormonelle Gesundheit, bioidentische Hormone und Traumatherapie bei Praevivo Med. Die Herausforderungen an junge Frauen seien im Laufe ihrer 30-jährigen Praxis immer komplexer geworden: «Während frühere Generationen häufig in klareren sozialen Rahmen aufgewachsen sind, stehen junge Frauen heute vor der Aufgabe, berufliche Selbstständigkeit, persönliche Entwicklung und gesellschaftliche Erwartungen zu bewältigen.» Und das Ergebnis? «Diese grössere Eigenverantwortung kann auch zu einem Gefühl von Unsicherheit führen.»
Einfluss sozialer Medien
Und doch habe der Druck, nett und entgegenkommend zu sein, trotz der modernen Herausforderungen an junge Frauen nicht nachgelassen. Obendrein bestehe auch die althergebrachte Erwartung fort, schlank und konventionell attraktiv zu sein. Moderne Technologien haben diesen Punkt scheinbar noch verschärft. Dr. phil. Maya Götz ist Medienwissenschaftlerin am Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI). Seit den Zeiten von «Germany’s Next Topmodel» untersucht sie die Auswirkungen von Medien auf Mädchen zwischen 13 und 18 Jahren. Neuerdings forscht sie speziell zum Einfluss sozialer Medien wie Instagram.
Götz und ihr Team stellten immer wieder fest, dass Mädchen, die soziale Medien nutzen, anfangs eine Vielzahl von Bildern teilen – lustige Fotos, die verschiedene Emotionen zeigen, Schnappschüsse mit Freundinnen –, die ihren Wunsch nach Individualität unterstreichen: «Je länger sie auf Instagram sind, desto kleiner wird die Bandbreite ihrer Bilder und desto ähnlicher sehen sie sich, weil sie sich ständig mit weiblichen Influencern vergleichen.» Diese sind ausnahmslos schlank, schön, makellos und nehmen oft dieselbe Pose ein – eine S-Kurve, die Brust und Po betont. Ihr ästhetisches Spektrum ist heute nochenger gefasst als zu Beginn von Götz’ Forschung im Jahr 2017. Und obwohl sie so einheitlich aussehen, üben die Influencerinnen eine breite Anziehungskraft aus: «Bei den Mädchen ist es egal, ob sie politisch links oder rechts stehen, ob sie einen höheren oder niedrigeren Bildungsstand haben – sie gleichen sich alle darin, dass sie nach diesen schönen Influencerinnen suchen.»
Entwicklung der Psyche
Wie Götz erklärt, greifen Mädchen dann zu digitalen Filtern, um ihr Aussehen zu verändern und das nachzuahmen, was sie online sehen. Paradoxerweise erscheint die Verrenkung des eigenen Körpers im Streben nach messbaren Kennzahlen wie Likes und Followers als geeignete Vorbereitung auf zukünftige Anforderungen: «Diese sind meines Erachtens insbesondere in den letzten fünfzehn Jahren gestiegen, weil wir uns als Gesellschaft immer mehr darauf konzentrieren, alles zu messen und in Leistungskennzahlen (Key-Performance-Indicators, KPI) zu pressen», betont Schwensen. Der Druck kapitalistischer Marktordnungen, ständig Daten zu sammeln und auszuwerten, schlage sowohl auf Arbeitsplätze als auch auf Schulen durch. Götz beobachtet, wie diese Entwicklung die Psyche aller, insbesondere junger Frauen, beeinflusst.
Es ist daher verständlich, dass Götz empfiehlt, Mädchen zu entlasten, solange sie noch jung sind: «Wir erziehen Mädchen dazu, perfekt zu sein, darüber nachzudenken, was andere von ihnen erwarten, und es so perfekt wie möglich zu machen.» Und scheitern sie dabei, dann werde allgemein erwartet, dass sich Mädchen einfach noch mehr anstrengen. Aber wozu das Ganze? «Gerade in Deutschland gibt es so viele Möglichkeiten. Die Schulnote spielt keine Rolle. Wer studieren will, findet einen Weg. Wer Schreiner werden will, findet auch einen Weg.»
In Deutschland gibt es zwar Bestrebungen, soziale Medien für Kinder unter 16 Jahren zu verbieten. Doch bis es dazu kommt, scheint der Umgang mit sozialen Medien vor allem eine Frage der Schadensminimierung zu sein. Wenn Mädchen doch nicht davon lassen wollen, empfiehlt Götz zunächst, ihre Profile auf privat zu stellen: «Nutzt soziale Medien so, dass Ihr eure eigene Identität zeigen könnt, was euch Spass macht oder was euch wichtig ist». Aber Mädchen sollte klar sein: «Sobald du dich zeigst, wird dich jemand anderes sehen und dir vielleicht wehtun.» Im wahren Leben sei es für Teenagerinnen extrem wichtig, Zeit mit Mädchen zu verbringen, denen sie vertrauen: «Denn weisst du, schon ein einziger Satz wie ‹dein fetter Arsch› kann die Seele eines Mädchens wirklich verletzen.»
Wenn Mädchen und Frauen in persönlichen Freundschaften psychologische Sicherheit erleben, kann ihnen das auch bei der Frage helfen, ob ihre Angstzustände und/oder Depressionen auf ein anderes, geschlechtsspezifisches Problem zurückzuführen sind: «Mitunter reagieren Frauen empfindlich auf hormonelle Verhütungsmittel, was sich in Form von Stimmungsschwankungen, depressiven Verstimmungen oder Angstzuständen äussern kann», erklärt Dr. Braun. Hinzu komme, dass hormonelle Verhütungsmittel heutzutage bereits sehr jungen Mädchen als Mittel gegen Menstruationsbeschwerden angeboten werden, während sich ihr natürlicher Hormonrhythmus noch entwickelt. Dr. Braun empfiehlt eine enge Zusammenarbeit mit Fachmedizinern, um abzuklären, ob hormonelle Verhütungsmittel eine Rolle bei Angstzuständen, Stimmungsschwankungen oder depressiven Symptomen spielen.
Psychische Reaktionen erkennen
Schwensens Praxis baut auf Akzeptanz und Commitment (ACT), eine Form der Verhaltenstherapie, die Klienten dabei hilft, ihre eigenen psychischen Reaktionen zu erkennen, eigene Erfahrungen anzunehmen und sich ihren Kernwerten zu verpflichten, um ein erfülltes Leben zu gestalten. Schwensen unterstützt ihre Klientinnen beim Erlernen der hierbei nützlichen Methoden und hilft ihnen im Gespräch bei einer nachhaltigeren Bewältigung von Angstzuständen und dem Anpacken von Aufgaben, die ihnen wichtig sind: «Wird eine Person von Angstzuständen überwältigt, dann rührt dies oft aus einer Distanzierung von ihren Werten und Überzeugungen». Bewältigungsmechanismen wie das Scrollen durch soziale Medien mögen kurzfristig Erleichterung verschaffen, führen aber letztendlich zu noch mehr Stress bei den Klientinnen – entweder aufgrund der Inhalte, denen sie ausgesetzt sind, oder weil sie dadurch Zeit für ihre eigentlichen Interessen verlieren.
Sport und Musik
Daher zielt Schwensens Praxis darauf ab, Klientinnen zu einer Existenz im Einklang mit ihren wahren Werten zu verhelfen. Dieser Ansatz wirkt über einzelne Probleme hinaus: «Das Erlernen spezifischer Strategien für den Umgang mit unseren Emotionen macht diese sowohl auf Angstgefühle als auch auf Niedergeschlagenheit oder Traurigkeit anwendbar. Es sind Strategien, die wir in allen möglichen schwierigen Situationen anwenden können.» Bemerkenswerterweise stimmen die Empfehlungen von Götz für jüngere Mädchen weitgehend mit dem Ansatz von Schwensen überein. Die Expertin empfiehlt ein Engagement etwa in Sport, Musik, Handarbeiten – im Grunde eigentlich sämtlichen Tätigkeiten und Feldern, die Mädchen mit Freundinnen zusammenbringen.
Natürlich können soziale Medien nützlich sein, um ein Rezept zu finden. Aber dann sollte man es auch gemeinsam ausprobieren und sich dann zusammen an einen Tisch setzen. Denn um dem auf ihnen lastenden Druck entgegenzuwirken, sollten Mädchen laut Götz darin unterstützt werden, sich wieder auf Dinge zu konzentrieren, die ihnen Energie geben, Spass machen und ihnen so ein erfülltes Leben ermöglichen. So gesehen, sind Medienkompetenz und die Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen notwendig, damit Mädchen sich letztendlich Fragen wie «Wer bin ich? Was sind meine Stärken? Wofür stehe ich? Was ist mir wichtig?» angehen können. Bei Mädchen, die darauf Antworten finden, dürften Ängste einen schweren Stand haben.
Weitere Informationen: «It’s Complicated»: https://complicated.life/Praevivo Med: https://praxis-braun.info/ueber-uns/Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI): https://izi.br.de/deutsch/home.html
Susannah Edelbaum ist Kultur- und Reisejournalistin mit Wohnsitz in Berlin. Sie publiziert in Medien wie der BBC, Slate und Fodor’s Travel.