Schwerpunkt – zukunftsangst 20. Mär 2026

Warten auf ICE

In der zweiten Trump-Präsidentschaft bringt die Einwanderungsbehörde ICE Angst und Schrecken.

Trumps harte Einwanderungspolitik wird für Rabbiner ein Aufruf zum Handeln.

Jede Woche nutzt ein Rabbiner aus dem Umland von Washington, D.C., seinen einzigen freien Tag, um Immigranten zu ihren Kontrollterminen bei der Einwanderungsbehörde ICE zu begleiten. Charles Arian ist dabei keineswegs allein. Und wie viele gleichgesinnte jüdische Geistliche vergleicht er die «Dynamik» des heutigen Geschehens mit jüdischen Erfahrungen vor und während des Holocaust.

Zunehmende Willkür
Der Rabbiner hat seit dem Oktober fünf Immigranten zu ihren Kontrollterminen bei ICE begleitet. Ein Tag bleibt ihm in besonderer Erinnerung und ruft bewegende Geschichten auf, die er von seinen Eltern, Gemeindemitgliedern und Freunden über die Nazi-Zeit gehört hat. Arian wirkt an der konservativen Synagoge Shalom Kehilat in Gaithersburg, Maryland. Im Gespräch mit aufbau vergleicht er seine Termine an der Seite von Undokumentierten mit der Meldepflicht von Haftentlassenen bei Bewährungshelfern. Die meisten der von ihm erlebten Termine fanden in ICE-Büros statt, aber auch vor Einwanderungsgerichten oder bei Betroffenen zuhause. Dabei handeln die Migranten mit der Einhaltung ihrer Meldepflicht gesetzeskonform. Doch das Rechtssystem in diesem Bereich ist unter der Trump-Regierung zunehmend willkürlicher geworden. ICE-Beamte nehmen Einwanderer oft sofort bei ihrem Erscheinen fest. Daher flössen diese Gänge und der gesamte bürokratische Prozess darum herum Betroffenen tiefe Ängste ein.

Arian möchte als «Begleiter» den meist ohne Angehörige auftretenden Einwanderern Ruhe und Sicherheit vermitteln. Doch Ende Februar war eine junge Latina beim Warten auf einen angekündigten Hausbesuch von ICE-Beamten alles andere als ruhig. Agenten der Behörde hatten ihren Mann bereits Wochen zuvor festgenommen und in einer Haftanstalt in Texas festgesetzt. Seine Frau war mit ihrem zweijährigen Kind allein. Obwohl Arian sein Spanisch nur «ausreichend» nennt, konnte er sich vergewissern, dass die Frau für den Extremfall einer Verhaftung während des Hausbesuchs vorgesorgt und mit einer Freundin dann die Betreuung ihres Babys vereinbart hatte: «Mir wurde später klar, dass man als Jude unseres Alters, wenn man mit Holocaustüberlebenden oder Eltern aufgewachsen ist, welche diese Zeit miterlebt haben, ein generationsübergreifendes Trauma erlebt.»

Die Eltern des 66-Jährigen wurden zwar beide in den USA geboren, hatten aber damals Verwandte in Europa: «Die Angst dieser Frau erinnerte mich an so viele Geschichten, die ich von Freunden meiner Familie und von Gemeindemitgliedern gehört habe. Einige waren durch Kindertransporte gerettet worden», also die Rettungsaktion Ende der 1930er-Jahre, die fast 10 000 jüdische Kinder aus den von den Nazis besetzten Gebieten nach Grossbritannien bringen konnte. Arian will damit nicht die Erfahrung der Migrantin mit Geschehen im Holocaust vergleichen. Aber er kam zu dem Eindruck, «dass es dieselbe Dynamik ist. Die Dynamik einer Mutter, die sich Sorgen um ihr Baby macht, wenn sie selbst weggebracht wird», finde sich doch in vielen Holocaust-Geschichten wieder.

System der Deportationslager
Ende Februar sei die Affäre glimpflich abgegangen, so Arian. Die ICE-Beamten seien nie zum Haus der Frau gekommen, sondern hätten sie angerufen, und das Gespräch habe zwei Minuten gedauert. Niemand habe sie festgenommen: «Aber man weiss nie, was passiert, bis es passiert.» Diese Ungewissheit ist eine grundlegend neue Erfahrung für den Geistlichen – von den Betroffenen ganz zu schweigen. Daneben übernehmen Freiwillige wie der Rabbiner weitere Aufgaben, wenn sie Migranten begleiten: die Beobachtung und Meldung jeglicher Misshandlungen und Inhaftierungen; dazu benachrichtigen sie im Falle einer Inhaftierung die Familie eines Migranten, damit dieser nicht im unübersichtlichen System der Deportationslager und Haftanstalten verloren geht. Theoretisch sei dazu ICE verpflichtet. Doch die Realität sehe ganz anders aus: Familien würden oft wochenlang im Unklaren gelassen.

Während Arian von seiner «Begleitschulung» erzählt, wird klar, dass die Berührung mit ICE nicht nur Migranten verängstigt, sondern auch deren freiwilligen Helfer. Aber diese schöpfen gerade daraus Motivation. Engagiert bei dieser Aufgabe sind gemeinnützige Hilfsorganisationen wie T’ruah: The Rabbinic Call for Human Rights, das Religious Action Center of Reform Judaism, Bend the Arc und Minnesota’s Jewish Community Action. Diese Gruppen haben jedoch nichts mit der eigentlichen Ausbildung zu tun, erklärt Arian. Stattdessen würden die Schulungen von losen Netzwerken von Aktivisten durchgeführt, die weder über eine Website noch über ein Büro oder gar eine formale Führungsstruktur verfügen. Bereits dieses Vorgehen reflektiert ein tiefes Misstrauen gegenüber der Regierung. Nach einer mehrstündigen Schulung weist das Netzwerk Freiwilligen ihre Einsätze zu.

Darüber hinaus erhalten sie kaum oder gar keine Informationen über ihnen zugeteilte Immigranten: «Die Regel ist, wie im Gefängnis, dass man einfach keine Fragen stellt», sagt der Rabbiner. Dadurch würden nicht Immigranten, sondern auch Freiwillige geschützt: «Begleiter von Migranten riskieren, von ICE-Beamten schikaniert zu werden oder einfach nur ins Visier der Behörde zu geraten», fährt Arian fort. Von den fünf Migranten, die er seit Oktober begleitet hat, wurde nur einer festgenommen, doch der Rabbiner weiss nicht, ob diese Person noch in Haft ist.

Für Arian ist die Begleitung von Migranten fester Bestandteil seines Engagements für Menschenrechte als Rabbiner. Er ist Mitglied der Social Justice Commission of Conservative Judaism, die von Organisationen der konservativen Strömung getragen wird. Daneben gehört er T’ruah an und ist seit Jahrzehnten in liberalen, zionistischen Organisationen aktiv. Arian war zudem Mitglied des Planungskomitees eines jüdischen Protests Mitte Februar vor dem ICE-Hauptquartier in Washington, D.C., unter Federführung von T’ruah, Bend the Arc und über 60 nationalen und lokalen jüdischen Gruppen und Synagogen. Die Demo zog 500 Menschen an und fand breite Beachtung in der Öffentlichkeit.

Verhaftungen
Zuvor hatte ein von den genannten jüdischen Gruppen ausgerufener Protest gegen ICE an einem kalten Januartag Hunderte von Religionsvertretern aus dem ganzen Land nach Minneapolis gelockt. Geistliche wie die Reformrabbinerin Diane Tracht vom Temple Israel in der Nähe von Gary, Indiana, patrouillierten in Vierteln mit hohem Anteil an Hispanics und Somalis, um das Vorgehen von ICE zu dokumentieren. Rabbinerin Emma Kippley-Ogman aus Minneapolis wurde zusammen mit anderen Geistlichen bei einer Demonstration am Flughafen ihrer Heimatstadt kurzzeitig von der Polizei festgenommen. Die Seelsorgerin am Macalester College protestierte gegen die Präsenz von Signature Aviation an dem Flughafen, die im Auftrag von ICE Immigranten in Haftzentren im ganzen Land fliegt. Diese Anstalten sind in den letzten Monaten aufgrund von Berichten über unmenschliche Bedingungen und sogar Todesfälle in Verruf geraten.

Proteste von Rabbinern
Daneben haben 49 jüdische Führungspersönlichkeiten jüngst einen Brief der Minnesota Rabbinical Association unterzeichnet, in dem sie ICE für die in Minnesota angerichteten Verwüstungen verurteilen und sich entschlossen zeigen, «Zeugnis abzulegen und etwas zu bewirken». Nicht nur der «Forward» hat notiert, dass mit Max Davis von der Darchei Noam Gemeinde in Minneapolis auch ein orthodoxer Rabbiner das Schreiben signierte. Ansonsten steht die Orthodoxie politisch auf der konservativen Seite. Deren Dachverbände Orthodox Union und Agudath Israel of America haben bislang nicht zu den Einsätzen von von ICE und Border Patrol in Minneapolis Stellung genommen, bei denen im Januar zwei Menschen, beide amerikanische Staatsangehörige, den Tod fanden.

Wie Arian führen andere Rabbiner bei Protesten gegen ICE stets die jüdische Geschichte und Literatur als Hauptgründe für ihr Handeln an: «Was haben wir aus dem Holocaust gelernt?», fragt Diane Tracht: «Wir müssen handeln und Widerstand leisten. Wenn ich jetzt nicht handle und Widerstand leiste, dann sollte ich mich nicht Rabbinerin nennen und kann keine stolze Jüdin sein.» Ähnlich Kippley-Ogman nach ihrer Freilassung aus der Haft in Minneapolis: «Es war mir eine Ehre, teilnehmen zu dürfen. Ich bin zutiefst betroffen von dem Schicksal meiner Nachbarn, die sich in ihren Häusern verstecken. Das bricht mir aufgrund meiner jüdischen Geschichte das Herz.» In einer Ansprache an Protestierende hatte Rabbinerin Marcia Zimmerman vom Temple Israel in Minneapolis erklärt: «Unsere Tradition glaubt an die Würde jedes Menschen. Ich habe diese Worte zu Beginn dieser Arbeit ausgesprochen – und ich wurde 1988 ordiniert. Aber sie bezogen sich nicht auf die heutige Realität. Jetzt müssen wir diese Worte in die Tat umsetzen. Wir müssen sie leben – und diesem historischen Moment gerecht werden.»

Rabbiner Davis von Darchei Noam weist Vergleiche mit dem Holocaust jedoch zurück, den er als «industriellen Mord» und «um ein Vielfaches schrecklicher» bezeichnet. Stattdessen predigt er, dass es «moralisch gefährlich ist, die Menschlichkeit und das Leid unserer Mitmenschen zu ignorieren.»

Fremde nicht unterdrücken
Arian selbst findet Trost und Inspiration im Engagement so vieler seiner Kollegen für dieselbe Sache. «Allein schon zu sehen, wie andere Menschen mit demselben Engagement handeln, zeigt einem, dass man nicht verrückt ist und es noch Hoffnung gibt.» Der Rabbiner hat sich getreu dem biblischen Gebot «den Fremden nicht zu unterdrücken und den Fremden zu lieben» freiwillig für die Unterstützung von Einwanderern gemeldet. Das entsprechende Wort bedeutet wörtlich übersetzt «Fremder», meint aber eigentlich «Einwanderer». Das Gebot erscheint 36 Mal in der Thora und ist damit eines der am häufigsten wiederholten Gebote im Alten Testament.

Momentan hört Arian Gerüchte, die ihn zu weitergehenden Aktionen motivieren könnten. Denn womöglich wird sein Heimatstaat Maryland das nächste Ziel von ICE sein. Diese Gerüchte rühren teilweise aus der Feindseligkeit von Donald Trump gegenüber Wes Moore, dem demokratischen Gouverneur von Maryland und dem einzigen Afroamerikaner landesweit auf einem derartigen Posten. «Etwas Dummes» werde er bei allfälligen Protesten jedoch vermeiden, «Ich habe nicht die Absicht, einem ICE-Agenten ein Handy vor die Nase zu halten. Aber wenn ich aus sicherer Entfernung filmen kann, werde ich es tun. Ich lasse mir mein Recht auf freie Meinungsäusserung nicht nehmen.»

Doug Chandler berichtet aus New York vorwiegend für jüdische Medien.

Doug Chandler