Spion, Patriot und Finanzier: Haym Salomon war eine Schlüsselfigur der amerikanischen Revolution – und wurde Symbol des jüdischen Ringens um Anerkennung und Identität unter dem Sternenbanner.
Wir wissen nicht, wie Haym Salomon (1740–1785) aussah. Überlieferte oder neuere Darstellungen sind blosse Erfindungen. Auch das gesicherte Wissen über Salomon ist begrenzt. Es sind nur wenige historische Primärquellen erhalten geblieben. So schaffen indirekte Quellen und Sekundärliteratur, aber auch antisemitische Verleumdungen ein Bild zwischen Mythos und Realität, das auf perverse Weise sogar zu Salomons mitunter verdeckten Aktivitäten als Revolutionär, Spion und Finanzier im Dienst der Amerikanischen Revolution passt. Eine zentrale Tatsache ist jedoch unbestreitbar: Salomon war ein Patriot, der persönlich grosse Opfer für die amerikanische Sache erbrachte.
Salomon wurde am 7. April 1740 in Leszno geboren, einer Kleinstadt im westlichen Polen. Seine Familie war sephardisch und hatte vermutlich portugiesische Wurzeln. Manchen Quellen zufolge war sein Vater ein orthodoxer Rabbiner. Womöglich war die Familie aber auch an gescheiterten Kämpfen um die polnische Unabhängigkeit beteiligt. Jedenfalls verliess Salomon seine Heimat als junger Mann und bereiste über einige Jahre Europa. Dabei erwarb er umfangreiche Sprachkenntnisse sowie nie zweifelsfrei geklärte Kontakte im Finanzwesen. Zwischen 1772 und 1775 kam er nach New York – angeblich völlig mittellos. Er etablierte sich rasch als «Factor» (Handelsvertreter) und Finanzmakler für Grosskaufleute. Er gilt als Selfmademan, der seinen Aufstieg allein eigenen Talenten und Fleiss verdankte. Als Neuling ein Aussenseiter, entwickelte Salomon ein besonders gutes Verhältnis zu dem aus Schottland stammenden Alexander McDougall, der als Handelskapitän und dann während des Siebenjährigen Krieges 1756–63 als Freibeuter wohlhabend geworden war. Der feurige Aufsteiger war der New Yorker Gesellschaft nie fein genug und wurde womöglich deshalb der führende Kopf der «Sons of Liberty» am Hudson, also der Vorstreiter für die Unabhängigkeit der Kolonien von Grossbritannien.
«Sons of Liberty»
Salomon schloss sich den «Sons of Liberty» an und wurde wie zahlreiche Rebellen im September 1776 von den Briten als Spion verhaftet, nachdem ein Brand in New York City fast ein Viertel aller Wohngebäude zerstört hatte. Dahinter dürften die «Sons of Liberty» gesteckt haben, die den Briten Unterkünfte für ihre Truppen nehmen wollten. Mit anderen Patrioten wurde Salomon zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Aufgrund seiner Sprachkenntnisse kam er nach 18 Monaten frei: Die Krone setzte ihn als Übersetzer für hessische Söldner ein, die zur Niederschlagung der Revolution eingesetzt wurden. Salomon blieb indes dem Freiheitskampf treu und nutzte seine Position, um die Hessen gegen London aufzustacheln. Er soll Söldner sogar zur Fahnenflucht angestiftet und ihnen dabei Hilfe geleistet haben. Zudem unterstützte er britische Gefangene bei der Flucht. Im Jahr 1778 verhafteten die Briten Salomon erneut. Er wurde zum Tode verurteilt.
Doch Salomon bestach einen Wachmann mit Goldmünzen, die er in seine Kleidung eingenäht hatte, und konnte so mit seiner Frau Rachel Franks und dem kleinen Sohn nach Philadelphia entkommen. Rachel entstammte dem ärmeren Zweig der prominenten jüdischen Familie Franks. Die Sippe war wie so viele im damaligen Amerika in Loyalisten und Patrioten gespalten. So diente David Franks im Stab von George Washington. Erneut mittellos, warf sich Salomon in die Finanzwelt und stellte seine Fähigkeiten und Verbindungen in den Dienst der Revolution. Er vergab zinslose Darlehen – die er niemals zurückforderte – an die Gründerväter James Monroe, Thomas Jefferson, James Madison, James Wilson sowie den spanischen Gesandten Don Francesco Rendon.
Karibische Beziehungen
Wichtig waren Verbindungen in die Karibik, wo sephardische Kaufleute und Banker auf der niederländischen Insel Sint Eustatius vor der Küste Venezuelas die Patrioten mit Geld und Waffen unterstützten. Aufgrund seiner Mehrsprachigkeit wurde Salomon zum Agenten des französischen Konsuls und Zahlmeister der französische Streitkräfte in Nordamerika. Zudem nutzten ihn die französische, niederländische und spanische Regierung als Vermittler für Kriegskredite, die Salomon in dringend benötigtes Gold und Silber umzutauschen wusste. Finanziell unter enormem Druck, hatte die Revolutionsregierung «Papiergeld» ausgegeben, das im Aussenhandel praktisch wertlos war. Salomon konnte hier auf heute nicht mehr ganz nachvollziehbare Weise einspringen. Er hat dafür allem Anschein nach bestenfalls sehr geringe Gebühren eingenommen. So war er 1781 in Philadelphia ein Vertrauter und enger Mitarbeiter des Kaufmanns und Bankiers Robert Morris geworden, dem Finanzminister der Revolutionsregierung. Morris hat Haym Salomon in seinem Tagebuch mehr als 75 Mal erwähnt.
Im Sommer 1781 zeichnete sich nach sechs Jahren Krieg endlich die Niederlage der Krone ab. Der britische General Cornwallis hatte sich nach schweren Niederlagen in den Südstaaten nach Yorktown am James River in Virginia zurückgezogen, um Nachschub durch die britische Marine abzuwarten. Ihm standen zunächst nur schwache Kräfte der Patrioten gegenüber. Derweil hatte die verbündete französische Flotte britische Seestreitkräfte geschlagen (diese hatten zuvor die Arsenale auf St. Eustatius zerstört). Damit war Cornwallis in Yorktown eingeschlossen. Nun wollte George Washington zuschlagen und aus dem Norden an den James River marschieren. Doch seinen Truppen fehlte es an Verpflegung, Transportmitteln, Ausrüstung und nicht zuletzt Sold. Die für eine Offensive gegen Cornwallis notwendigen 20 000 Dollar waren in der Kasse der Revolutionsarmee nicht zu finden.
Der Legende nach sandte Robert Morris einen verzweifelten Hilferuf an Salomon, und dies an Jom Kippur. Salomon soll gerade mit seiner Gemeinde Mikveh Israel in Philadelphia gebetet haben, als die Nachricht eintraf. Er verliess den Gottesdienst. Sich berufen fühlend, einer gottgewollten Sache zu dienen, vermochte er binnen eines Tages die notwendigen Kredite und Papiere für die 20 000 Dollar zu beschaffen. Amerikanische und französische Streitkräfte rückten gen Süden und belagerten Yorktown. Cornwallis blieb keine andere Wahl als eine bittere Kapitulation am 19. Oktober 1781. Der Krieg war vorbei. Die Amerikanische Revolution hatte gesiegt.
Gründerväter in Geldnot
Salomon blieb der jungen Republik in den schwierigen Anfangsjahren hilfreich und griff auch Persönlichkeiten wie dem späteren Präsidenten James Madison mit Darlehen unter die Arme. Madison schrieb in einem Brief vom 27. August 1782 mit der Forderung um Unterstützung an das Parlament von Virginia: «Seit einiger Zeit lebe ich nun schon als Pensionär von der Gunst Haym Salomons, eines jüdischen Maklers.» Doch während seine Familie wuchs, verschlechterte sich Salomons Gesundheitszustand zusehends. Womöglich hatte er sich in britischer Gefangenschaft mit Tuberkulose angesteckt. Salomon starb am 6. Januar 1785 in Philadelphia – erneut völlig mittellos. Denn die Vereinigten Staaten hatten die von ihm persönlich gewährten oder vermittelten Kriegsdarlehen nie zurückbezahlt. Salomon wurde auf dem Friedhof von Mikveh Israel in der Spruce Street ohne Grabstein beigesetzt. Selbst dafür fehlten den Hinterbliebenen die Mittel. Und weder die Gemeinde noch seine Weggefährten aus dem Unabhängigkeitskrieg sprangen ein. So bleibt der Standort des Grabes unbekannt. Allerdings erinnern inzwischen zwei Gedenksteine aus dem 20. Jahrhundert an ihn.
Diese bezeugen ein für die Geschichte der USA und der amerikanisch-jüdischen Gemeinschaft aufschlussreiches Nachleben. So blieben nicht allein erste Bemühungen um ein Denkmal erfolglos. Auch Bestrebungen seiner Söhne und späteren Nachkommen für eine zumindest partielle Rückzahlung der Kredite scheiterten an politischen Widerständen in Washington. Dabei kam allerdings auch das nachvollziehbare Fehlen von Dokumenten ins Spiel.
Zuwanderung von Juden
Derweil wandelte sich die jüdische Gemeinschaft in Amerika zwischen den Jahren 1880 und 1920 radikal. Millionen von Juden wanderten zumeist aus dem Zarenreich und Österreich-Ungarn ein und sahen die USA als «Goldene Medine». Soweit irgend möglich liessen sie sich an der Ostküste und hier vor allem in New York City nieder. Noch nicht assimiliert, waren ihre Stimmen zunächst zaghaft. Dies sollte sich bald wandeln, während ihre Kinder als Amerikaner ihren Platz in der Gesellschaft suchten. In diesem Zusammenhang steht ein Bericht des damals populären «American Hebrew» aus dem Jahr 1910, wonach eine Organisation namens «Haym Salomon National Monument Committee» beabsichtigte, in Washington, D.C., eine Statue zu Ehren des Patrioten zu errichten. Die Gruppe fand tatsächlich einigen Zuspruch, auch Präsident William Taft sprach sich dafür aus. Doch aus dem Vorhaben wurde letztlich nichts.
Denn Salomons Geschichte geriet in Debatten um die jüdisch-amerikanische Identität. Beginnend mit einem Werk des philosemitischen Pastors Madison Peters erschienen nach 1900 zahlreiche Publikationen über sein Leben und seine Verdienste. In der jüdischen Welt gab dies Grund zum Stolz, aber auch Anlass zur Sorge. So schrieb ein prominenter, nicht jüdischer Historiker in «The Nation», Salomon verdiene weder Anerkennung noch habe seine Familie Anspruch auf irgendeine Entschädigung. Der Harvard-Historiker Albert Bushnell vertrat eine völlig gegenteilige Position und forderte eine angemessene Würdigung Salomons für seine patriotischen Verdienste ein. Führende Vertreter der «Federation of Jewish Organizations» distanzierten sich rasch von dem Projekt. Der prominente Jurist und Vorsitzende des «American Jewish Committee» Louis Marshall (1859–1929) verurteilte Pläne für eine offizielle Ehrung Salomons als «völlig lächerlich und absurd» und bestritt entschieden jegliche eigene Beteiligung an der Angelegenheit.
Hinter dieser Haltung standen Befürchtungen, dass die Darstellung Salomons als selbstlosem «Finanzier der Revolution» doch auf schwachen Füssen stand, widerlegt werden könnte und damit letztlich ein schlechtes Licht auf die amerikanischen Juden werfen würde. Die Ängste gerade des etablierten Judentums, also der Nachkommen der um 1848 vorwiegend aus dem deutschen Sprachraum Immigrierten, spiegelten deren Unsicherheit hinsichtlich ihrer jüdisch-amerikanischen Identität und ihrer eigenen Sicherheit wider. Sie scheuten davor zurück, jüdische Interessen in Amerika offensiv zu vertreten. Es waren dieselben Ängste, welche jüdische Organisationen und Eliten in Amerika gut 25 Jahre später davon abhielten, Präsident Franklin D. Roosevelt öffentlich und geschlossen zu Massnahmen zur Beendigung des Holocaust aufzufordern. Sie befürchteten, dass den Juden – sollte der Krieg keinen glücklichen Ausgang nehmen – der Vorwurf gemacht würde, amerikanisches Blut und amerikanische Ressourcen für eine rein jüdische, «ausländische» Angelegenheit geopfert zu haben.
Neue Aufmerksamkeit für Haym Salomon
Dabei sollten rund 550 000 Juden während des Zweiten Weltkriegs in den amerikanischen Streitkräften dienen, etwa 11 000 fielen und 36 000 wurden mit Orden ausgezeichnet. Die überwältigende Mehrheit von ihnen stammte aus jüdischen Einwandererfamilien osteuropäischer Herkunft. Mit dem Aufkommen des Faschismus und einem allmählich wachsenden Selbstbewusstsein hatte Haym Salomon bereits Ende der 1930er Jahre neue Aufmerksamkeit gefunden. In Chicago wurde nach längerem Anlauf ein von Lorado Taft entworfenes «Denkmal des Grossen Triumvirats der Patrioten» am Wacker Drive enthüllt, das Salomon neben George Washington und Robert Morris zeigt und damit in die Geschichte des «demokratischen Experiments der Vereinigten Staaten» einordnet. Auf der Vorderseite des Denkmals istWashingtons berühmter Brief an die jüdische Gemeinde in Newport, Rhode Island, eingemeisselt: «Die Regierung der Vereinigten Staaten, die der Bigotterie keinerlei Billigung und der Verfolgung keinerlei Unterstützung gewährt, verlangt von jenen, die unter ihrem Schutz leben, lediglich, dass sie sich als gute Bürger verhalten und ihr bei jeder Gelegenheit ihre tatkräftige Unterstützung zuteilwerden lassen.»
Das Denkmal wurde am 15. Dezember 1941 eingeweiht – eine Woche nach dem japanischen Angriff auf die Marinebasis in Pearl Harbor, Hawaii, der den Eintritt Amerikas in den Zweiten Weltkrieg ausgelöst hatte. Damals hatte Hollywood Salomon bereits entdeckt. Warner Brothers widmeten ihm 1939 den patriotischen Kurzfilm «Sons of Liberty». Unter der Regie des bedeutenden Regisseurs Michael Curtiz und mit Claude Rains in der Hauptrolle (beide sollten 1943 den Klassiker «Casablanca» schaffen) gewann das Werk sogar einen Oscar. Am 7. Januar 1944 folgte in Los Angeles ein Denkmal, das allein Haym Salomon gewidmet war. Das Mahnmal musste mehrfach «umsiedeln» und fand schliesslich einen endgültigen Platz im Pan Pacific Park.
Üble Verschwörungstheorien
Während des Krieges wurde Salomon als Namenspatron eines Frachters und in populären Büchern als Held mythologisiert, was speziell der jüdischen Jugend Stolz und ein Gefühl der Verwurzelung in der amerikanischen Geschichte vermitteln sollte. Gleichzeitig hatten ihn Antisemiten in das Pantheon ihrer hasserfüllten Verschwörungstheorien aufgenommen. Aufhänger wurde die Symbolik der US-Dollarnote. Der üblen Legende zufolge soll Salomon von Washington als Lohn für seine Verdienste um Amerika gefordert haben, jüdisch-freimaurerische Bildmotive in das Grosse Siegel der Vereinigten Staaten sowie in alle künftigen Zahlungsmittel aufzunehmen. Zudem sei Salomon ein Handlanger einer geheimen Kamarilla der Rothschilds gewesen, deren Ziel die Errichtung einer unter jüdischer Kontrolle stehenden Weltregierung sei. Bekanntlich ist auf der Dollarnote neben anderen Symbolen auf der Rückseite rechts oberhalb des amerikanischen Adlers ein Kreis aus 13 Sternen zu sehen. Verbindet man diese Sterne miteinander, so entsteht ein Davidstern. Doch die Sterne symbolisieren schlicht die Zahl der rebellischen Kolonien und die Dollarnote hat ihr heutiges Design erst im Jahr 1937 erhalten.
Fest steht indes: Haym Salomon hat aus rein patriotischen Motiven gehandelt. Er war fest davon überzeugt, dass die amerikanische Sache und die ihr zugrundeliegenden Ideale etwas Besonderes, Einzigartiges und Idealistisches darstellten. Dies würde nicht allein den Juden zugutekommen. Vielmehr würde ein Triumph der amerikanischen Sache über die Briten eine bessere Zukunft für alle Menschen bedeuten.
Jerry Klinger ist Präsident der Jewish American Society for Historic Preservation (JASHP: www.JASHP.org).