Die goldene Medine – eine Bilanz nach 20 Jahren.
Als ich vor beinahe 20 Jahren in New York ankam, schien es mir so, als sei ich im Paradies gelandet. Zum Beispiel musste ich endlich nicht mehr über Antisemitismus nachdenken. Jüdische Männer trugen öffentlich und ohne Angst ihre Jarmulkes, am Israel Day zogen tausende Demonstranten mit wehenden israelischen Flaggen die Fifth Avenue hinunter. Aus Deutschland war ich daran gewöhnt, dass jüdische Einrichtungen belagerten Festungen glichen: Panzerglas, Polizeiautos, elektronische Sicherheitsschleusen. In New York ging man folgendermassen in eine Synagoge: Tür auf, eintreten, Tür zu. Und dann die Vielfältigkeit des jüdischen Lebens! Am Schabbat konnte man in eine Reformsynagoge gehen, in der die Leute im Kreis sassen und trommelten und danach einer lesbischen Rabbinerin zuhörten, die von (naturgemäss) «Tikkun Olam» sprach (wovon auch sonst?). Oder man konnte in Williamsburg die Charedim besuchen. Oder den Samstagvormittag in der prächtigen spanisch-portugiesischen Synagoge gleich neben dem Central Park verbringen, in der viele Gemeindemitglieder tatsächlich Zylinder trugen. Vom Kulinarischen gar nicht zu reden: Bagels mit Kapern und Räucherlachs bei Zabar’s. Pastramisandwiches in Katz’s Deli. «Dies ist unser Wilna», sagte ein Freund mir damals. Ich verstand ihn sofort: das Jerusalem des Westens, hunderte Jeschiwot wie Sterne am Himmel.
Das Ende der Euphorie
Die Euphorie dauerte ungefähr acht Jahre. In der Zwischenzeit hatte ich geheiratet, wir hatten einen Sohn in die Welt gesetzt, mein erster Roman war erschienen. Eigentlich war das Leben ganz erträglich. Dann drangen im Januar 2015 zwei muslimische Mörder in die Redaktion von «Charlie Hebdo» in Paris ein und ermordeten zwölf Menschen; zwei Tage später dann die Geiselnahme im Hypercacher, einem koscheren Supermarkt; vier Opfer. Und plötzlich fingen die amerikanischen Juden an, mir gewaltig auf die Nerven zu gehen. Die meisten taten so, als ginge sie das alles nichts an, als seien nicht auch sie gemeint. Am meisten ärgerten mich ein paar linksliberale Juden, die nun dringend darüber reden wollten, ob «Charlie Hebdo» – ausgerechnet dieses anarchokommunistische Satireblatt! – nicht eine rechtsradikale beziehungsweise rassistische Publikation sei. Im November 2015 das Massaker im Bataclan, 130 Tote lagen in ihrem Blut. Ich verlor endgültig die Nerven. Zum Glück musste ich mich nicht mehr allein fühlen: Viele jüdische Gemeinden in New York fingen damals an, sich um ihre eigene Sicherheit zu kümmern. Ein paar Jahre lang stand ich im dunklen Anzug mit einem Knopf im Ohr vor unserer Synagoge und gab mir die grösste Mühe, gefährlich auszusehen.
Tausende Nazis mit Fackeln
2016 kam Donald Trump an die Macht. Dass er einen jüdischen Schwiegersohn hatte, dass seine Tochter zum Judentum konvertiert war, dass er sich als grosser Freund Israels gebärdete, blendete mich keine Sekunde lang. Ich weiss noch genau, wo ich war, als im August 2017 tausende Nazis mit Fackeln durch Charlottesville in Virginia marschierten, einer von ihnen mit dem Auto in eine Gruppe von Gegendemonstranten fuhr und sie tödlich verletzte. Ich war an einem herrlich absurden Ort: in einem deutschen Scheindorf inmitten der Wälder von Minnesota. Jeden Sommer gibt es dort deutsche Sprachkurse vor einer Kulisse, die den Besucher auf den ersten Blick glauben lässt, er sei in Bayern oder Hessen. Es gibt ein schönes gefälschtes Rathaus mit Wetterhahn und Glockenspiel, einen echten gelben Briefkasten, ein paar nachgemachte Fachwerkhäuser. Ich war mit meinem Sohn dorthin gefahren; er sprach fleissig Deutsch, während er mit anderen Kindern Kekse buk oder mit Pfeil und Bogen hantierte. Mitten in dieser deutsch-amerikanischen Idylle sah ich auf meinem Smartphone die Nachricht, dass der Präsident gesagt hatte, es gebe «auf beiden Seiten» sehr gute Leute – also bei den Nazis wie unter den Antifaschisten. Selbstverständlich leugnete Trump, dass Antisemitismus in Charlottesville irgendeine Rolle gespielt habe, dabei hatten die Nazis ziemlich laut gerufen: «Juden werden uns nicht ersetzen!» Und ich wusste: Die Welt war endgültig wahnsinnig geworden. Umringt von lauter netten Menschen, die Deutsch sprachen, fragte ich mich, ob dieser Präsident auch nach der Landung in der Normandie gesagt hätte, «auf beiden Seiten» habe es gute Leute gegeben. Als ein gutes Jahr später ein Rechtsradikaler mit einem Sturmgewehr in die Tree-of-Life-Synagoge in Pittsburgh eindrang und kaltblütig elf Juden erschoss, war ich naturgemäss entsetzt. Ich kann aber nicht behaupten, dass ich verblüfft gewesen wäre. Im Herbst 2019 – kurz bevor die Weltseuche New York in eine Totenstadt verwandelte – mehrten sich Überfälle auf ultrafromme Juden in Brooklyn: hier wurde ein Hut vom Kopf gestossen, dort jemand angespuckt. Ein bärtiger Mann mit Pajes bekam einen Ziegelstein ins Gesicht. Die Angriffe waren wortlos, die Täter junge Schwarze und Latinos. In meiner Heimatstadt war es gefährlich geworden, erkennbar ein Jude zu sein.
Atempause ab 2021
Nach 2021 wurde alles besser, aber das war, wie wir heute wissen, nur eine Atempause. Mein erster Gedanke nach dem Massaker am 7. Oktober, als ich wieder halbwegs klar denken konnte, war: Wie gut, dass meine Mutter tot ist (sie war ein paar Monate vorher gestorben). Das hier hätte sie nicht überlebt. Zweiter Gedanke: Adolf Hitler hat uns eingeholt. Dritter Gedanke: ein Glück, dass unser Sohn noch zu jung ist, dass er nicht an eine amerikanische Universität geht. Jüdische Studenten, die angespuckt und geschlagen wurden; die sich zitternd in ihren Räumen einschlossen. Hassgesänge: «Bomb, bomb Tel Aviv!» Am meisten graute mir gar nicht vor den brutalen Pro-Hamas-Demonstranten. Am meisten widerten mich Professoren an, die das Massaker schönredeten. Einer von ihnen sagte, er sei von diesem Pogrom begeistert gewesen. Mittlerweile gibt es amerikanische Feministinnen, die es als revolutionären Akt feiern, wenn jüdische Frauen vergewaltigt werden.
Das Diktum
Manchmal denke ich, dass die goldene Zeit des amerikanischen Judentums ziemlich genau 60 Jahre lang gedauert hat. Sie begann, als am Broadway das Musical «Anatevka» ein rauschender Erfolg wurde, nicht nur bei Juden, auch bei Nichtjuden. Davor waren die Vereinigten Staaten ziemlich antisemitisch gewesen, aber nach 1964 fingen Juden an, stolz auf ihre Kultur zu sein. Jüdische Komiker nannten sich fortan nicht mehr «Danny Kaye» (statt Daniel Kaminsky) oder «George Burns» (statt Nathan Birnbaum); jüdische Frauen liessen sich nicht mehr die Nasen brechen, sondern trugen ihre Riechorgane – siehe Barbra Streisand – mit Stolz voran. Vorbei die Zeiten, da Juden in den besseren Clubs und Universitäten allenfalls geduldet wurden; sie waren im amerikanischen Mainstream und im gehobenen Mittelstand angekommen. Jüdische Männer waren auf dem Heiratsmarkt sogar besonders begehrt, da sie als vorbildliche Familienväter galten. Israel war ein verlässlicher demokratischer Alliierter, Bagels wurden zum amerikanischen Gebäck. Am 7. Oktober 2023, so kommt es mir vor, ist diese goldene Epoche zu Ende gegangen. Auf der radikalen Linken hat sich eine moderne Variante des mittelalterlichen Antijudaismus etabliert: Juden sind willkommen, so lange sie sich quasi taufen lassen, also zur neuen Universalreligion des Antizionismus bekennen. Wer dem Staat Israel nicht abschwört, wird mit Eifer verfolgt. Auf der radikalen Rechten macht sich unterdessen ein ungebremster Judenhass breit: Es ist nicht mehr tabu, Hitler für einen grossen Mann und Winston Churchill für einen Verbrecher zu halten. Die irre Podcasterin Candace Owens, die Nazipropaganda verbreitet, erreicht ein Publikum von vielen Millionen. Besonders dramatisch gestaltet sich die Lage dadurch, dass der gleichzeitige Druck von links und rechts die jüdische Gemeinschaft in Amerika gespalten hat. Ein nicht unerheblicher Teil der amerikanischen Juden (vor allem der jungen) plappert Hamas-Propaganda nach. Ein ebenfalls nicht unerheblicher Teil (vor allem der älteren) hat sich mit der MAGA-Bewegung verbündet. Offenbar lernen auch die Kinder Israels nichts aus der Geschichte: Den faschistischen Juden hat es in Italien nach 1938 nicht geholfen, dass sie für Benito Mussolini waren, und viele kommunistische Juden galten im Ostblock nach 1948 als Volksverräter.
Natürlich bete ich dreimal täglich, dass ich Unrecht habe. New York muss unser Wilna bleiben, unser westliches Jerusalem. Gott verhüte, dass es eines Tages so endet wie das echte Wilna.
Hannes Stein, Jahrgang 1965, aufgewachsen in Österreich, war Redakteur der «Literarischen Welt» in Berlin, ehe er in die Vereinigten Staaten auswanderte. Im Herbst 2026 erscheint in der Edition Faust sein Spionageroman «Das Messias-Komplott». Hannes Stein malt sich dort einen Nahen Osten aus, in dem es seit mehr als 300 Jahren einen jüdischen Staat und keinen Konflikt mit Muslimen gibt.