An der Schwelle zum Morgen zerbrechen Referenzkategorien und stürzen Menschen in den freien Raum. Was eine Chance sein kann, wird für viele zum Kampf ums Überleben.
Maschinen haben keine Angst. Ob das Menschen gefährlicher macht, zeigt sich in diesen Tagen beinahe so, als ob ein Experiment Realität würde, das die Kultur früh vorausgeahnt hat. In Fritz Langs Film «Metropolis» verwandelt sich Technik in ein System der Kontrolle, während die Masse zwischen Hoffnung, Panik und Manipulation schwankt. Nicht die Maschine fürchtet sich – sondern die Gesellschaft.
Gibt es Referenzgrössen zu aktuellen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen, zu den Kriegsgeschehen, politischen Verwerfungen und ökonomischen Prozessen – und wenn ja: wie viel Blick in die Vergangenheit macht bei Einordnungen Sinn oder führt auf den falschen Pfad? Die Diskrepanz zwischen Ratio und emotionaler Divergenz zum Gedachten ist nicht neu – doch fühlt sie sich in diesen Wochen bei vielen ganz anders an. Geradezu so, als zerbreche das Fundament, das Vertraute, Erhoffte, Gewünschte und die Menschen – gerade in Gesellschaften mit wenig aktuellen existentiellen Herausforderungen.
Reportage als Erkenntnis
Als Joseph Roth 1937 auf Einladung des PEN-Klubs nach Polen reiste und dabei auch Lemberg besuchte, war Europa bereits in Auflösung begriffen. In seinen Reportagen aus dieser Zeit schrieb er nüchtern: «Die Katastrophe kommt langsam.» Die Algorithmen hätten ihm damals vielleicht eine Antwort geliefert, wären sie schon unterwandert gewesen von der der Manipulation eines dekonstruierten Wissens, wie es gerade Gefahr droht, sich zwischen Maschine und Mensch zu stellen.
Seither hat sich viel verändert, selbst dort, wo Umbrüche und Zerfall sich manifestieren. Doch Menschen halten sich oft weniger an Errungenschaften in Politik, Wissenschaft oder Ökonomie fest, sondern werden durch die individuelle Sorge im Alltag so sehr bedrängt, dass diese durchaus politisch wird.
Aktuelle klinische Forschung beginnt oft dort, wo die klassische Theorie ansetzt: mit der Unterscheidung zwischen Furcht als Reaktion auf konkrete Bedrohung und Angst als diffuser, antizipativer Grundzustand. In der Neurobiologie wird diese Differenz empirisch fassbar: Furcht korreliert stärker mit akuten, stimulusgebundenen Reaktionen, während Angst mit anhaltender Vigilanz, Erwartungsspannung und erweiterten Netzwerken verbunden ist. Klinisch zeigt sich das in der Differenz zwischen phobischen Störungen und generalisierten Angststörungen.
Zustand und Objekt
Sigmund Freud formulierte die Grundfigur: «Angst bezieht sich auf den Zustand und sieht von dem Objekt ab, während Furcht die Aufmerksamkeit auf das Objekt richtet.» Und präzisierte später: «...die Reaktion auf eine Gefahr, die nicht erkannt ist».
Die Stimmung der Gegenwart bei vielen Menschen nährt sich aus einer Ungewissheit vor dem Morgen, die dann grösser wird, wenn das Heute bedrohter ist als sonst. In diesen suchen Menschen und damit auch Politik Sicherheit.
Erich Fromm vertiefte diese Diagnose existenziell und sozialpsychologisch. Seine berühmte Beobachtung aus «Die Furcht vor der Freiheit», in den Kriegsjahren 1941 publiziert, der moderne Mensch sei von äusseren Fesseln befreit, aber nicht von innerer Angst, verweist auf die paradoxe Dynamik moderner Gesellschaften: Freiheit erzeugt nicht nur Handlungsspielräume, sondern auch Orientierungslosigkeit. «Der moderne Mensch ist frei von den äusseren Fesseln, aber er ist nicht frei von innerer Angst.»
Existenz und Psychologie
Aus klinischer Sicht formulierte der Psychoanalytiker Rollo May später prägnant: «Angst ist die Erfahrung der drohenden Vernichtung eines Wertes, den das Individuum für wesentlich hält.» Das verbindet die psychoanalytische Tradition mit existenzieller Psychologie. Neuere klinische Forschung schärft die Differenz weiter. Einer der wichtigsten zeitgenössischen Emotionsforscher, der Psychiater Joseph LeDoux, hält fest: «Fear and anxiety are not the same thing.» Für ihn bezeichnet Furcht die Reaktion auf eine unmittelbare Gefahr, während Angst stärker durch antizipatorische, kognitive Prozesse geprägt ist, wie es die klinische Psychologin Michelle G. Craske formuliert: «Angst und Unruhe sind nicht das gleiche». Forschungsergebnisse zeigen entsprechend, dass Angststörungen weniger durch akute Stressoren als durch anhaltende Unsicherheit, Kontrollverlust und Erwartungsstress gespeist werden – ein Befund, der die gegenwärtige Lage vieler Gesellschaften auffallend spiegelt und zugleich im Alltag relevant ist. Sprachen unterscheiden Angst und Furcht. Die semantischen Felder sind je nach Sprache unterschiedlich, doch existieren meist funktionale Differenzierungen zwischen konkreter Bedrohungsreaktion und diffuser Erwartungsangst und zeigen, dass Merkmale losgelöst von Kultur oder historischer Erfahrung schlicht Menschen als solche betreffen.
In der politischen Philosophie haben Karl Popper und Karl Jaspers – aus unterschiedlichen Perspektiven – die Unsicherheiten der Moderne früh diagnostiziert. Popper formulierte in seinem epochalen Werk «Die offene Gesellschaft und ihre Feinde» den Grundsatz: «Die Zukunft ist offen. Sie hängt von uns ab.» Die Banalität dieser Erkenntnis allerdings zeigt die Evidenz der Bedrohung. Der Existentialphilosoph Karl Jaspers stellte nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts die Verantwortung ins Zentrum und verbindet die Handlungsmaxime Kants mit Poppers Credo: «Was geschieht, geht uns alle an.» Nach 1945 definierte dies eine multilaterale Ära, die jetzt bedroht ist und vielen Angst macht. Das wird in einer globalen Welt im Jetzt relevant, in der alles mit allem zu tun hat. Längst sind die digitale Revolution, der Klimawandel oder die globale Ökonomie disruptiv: sie verändern die Welt zum Guten und Schlechten in Realtime spürbar. Popper und Jaspers denken Zukunft aus der Einsicht in die Fragilität der Gegenwart – Popper institutionell, Jaspers existenziell.
Der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz hat die Wirtschaftsformel dafür schon 2012 benannt:
«Grosse Ungleichheit untergräbt Vertrauen – sowohl zwischen Menschen als auch in Institutionen.» Er knüpft damit an den Urtext des 20. Jahrhunderts an. Die Kritische Theorie hat diese Verbindung von Fortschritt und Angst früh beschrieben. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno schrieben in der «Dialektik der Aufklärung»: «Die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.»
Furcht hat eine Richtung, Angst eine Atmosphäre. Furcht gehört zum Moment der Gefahr; Angst zur Zeit danach und davor. Daher ist der Blick auf Zeitzeugen, Denkerinnen und Denker so relevant. Denn nichts erfolgt aus dem Nichts – ohne das Gestern.
Europa- oder Weltsicht
Bleibt die Frage, ob ein Denken, das sich vor allem aus europäischen Erfahrungshorizonten speist – nicht zuletzt aus der jüdischen Geschichte Europas –, den Blick verengt. Denn gerade hier zeigt sich die Ambivalenz der Gegenwart im Kontext der aktuellen Entwicklungen: Einerseits hat Europa Begriffe hervorgebracht, die universale Geltung beanspruchen; andererseits droht ein solches Koordinatensystem die Erfahrungen Afrikas, Asiens oder Lateinamerikas zu marginalisieren.
Diese Dissonanz der Perspektiven verhindert die Begegnung auf Augenhöhe. Die Gegenwart legt nahe, beides zusammenzudenken: die spezifische historische Sensibilität Europas – etwa im Blick auf die jüdische Erfahrung – und die Notwendigkeit, globale Perspektiven einzubeziehen, um Angst und Furcht in ihrer tatsächlichen historischen und kulturellen Vielgestaltigkeit zu verstehen.
Die jüdische Erfahrung
Die jüdische Erfahrung darin ist eine, die für vieles und viele steht. Sie ist in Europa ein Kumulationspunkt geworden und hat ausserhalb einer einst westlich konnotierten Welt kaum Bedeutung. Sie vereint Migration, Wanderschaft, Aus- und Abgrenzung, Vertreibung und die Todeserfahrung mit dem Drang zum Wandel. Sie ist nicht kausal und zugleich relevant im Verständnis des Angstbegriffes im 20. Jahrhundert zwischen Vorsicht und Aufbruch.
Die Emotionslosigkeit der Maschine wird zum Feind des Menschen gerade auch dort, wo die Maschine Emotionen lernen soll.
«Wann ist denn endlich Frieden?», hat der Liedermacher und Dissident Wolf Biermann in einem Lied gefragt und fügt an: «in dieser Zeit». Er singt: «Das grosse Waffenschmieden, Bringt nichts als grosses Leid./ Es blutet die Erde, es weinen die Völker. Es hungern die Kinder./ Es ist ja der Mensch, der den Menschen bedroht.»
Der Krieg ist wieder da. Zuerst gegen die Ukraine, dann gegen Israel, Gaza, Iran und inzwischen sind 20 regionale Länder, die NATO und so viel Geopolitik involviert, dass die Kaskaden der möglichen Eskalationsstufen noch unklar und das Bonmot Biermanns «Ihr löscht das Feuer mit Benzin» evident ist.
Kompass als Primat
Chaos und Labyrinth finden ohne Kompass statt. Doch was der Kompass der Gegenwart sein soll, welcher Kompass aus Chaos und Labyrinth führen soll, verhandeln Demokraten, Autokraten oder Libertäre anders in einer existenziellen Debatte, die die Menschheit auf ihre Urinstinkte in eine Art neuen Überlebenskampf zurückwirft. Darin spielt Angst eine zentrale Rolle. Auch die Angst, die der Populismus schürt und jene, die die Realität erfordert. «Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein» heisst es in «Metropolis», und im Zusatz von Freud: «Die Angst ist ein Signal, das das Ich vor einer drohenden Gefahr warnt» mag die Vernunft und nicht nur die Logik Menschen leiten. Das Fazit Primo Levis war keine Dystrophie, sondern die Angst vor der Erfahrung aus der Vergangenheit, aus seinem Referenzwerk für die Zukunft, das universell geworden ist: «Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.»
Yves Kugelmann ist Chefredaktor des aufbau.