Pluralismus, Antisemitismus und der Lockruf des Nationalismus.
In diesem Frühjahr war ich einmal mehr an einem seit vielen Jahren von wunderbaren Freunden ausgerichteten Seder. Und wieder kamen wir bei den Bibelpassagen zu dem Ausgiessen von zehn Tropfen Wein für die Plagen, die Gott über Ägypten sandte, um die Befreiung der Hebräer aus ihrer Knechtschaft zu erwirken. Wir folgten einer von der Reformbewegung herausgegebenen Haggada. Und die enthielt eine weitere Liste – nämlich moderner Plagen:
«Jeder Tropfen Wein, den wir ausgiessen, ist Hoffnung und Gebet dafür, dass die Menschen jene Plagen vertreiben mögen, die jedermann bedrohen – wo auch immer sie anzutreffen sind –, beginnend in unseren eigenen Herzen:
Die Führung von Kriegen;
Die Verbreitung von Hass und Gewalt;
Die Zerstörung der Erde;
Die Pervertierung von Recht und Staatsführung;
Die Schürung von Laster und Kriminalität;
Die Vernachlässigung menschlicher Bedürfnisse;
Die Unterdrückung von Nationen und Völkern;
Die Korrumpierung der Kultur;
Die Unterjochung von Wissenschaft, Bildung und menschlichem Diskurs;
Die Aushöhlung der Freiheiten.»
Architekt brutaler Politik
Mir kam unwillkürlich die Frage: Hat Stephen Miller diese Liste wohl einst in seiner Jugend bei einem Seder gelesen? Und hat der Architekt der brutalen Immigrationspolitik von Donald Trump dabei geschworen, sie eines Tages zur offiziellen Politik der amerikanischen Regierung zu erheben? Doch bei näherer Betrachtung ging mir auf: Die beklemmende Übereinstimmung zwischen der politischen Agenda der Trump-Regierung und jenen zehn «modernen Plagen» als dem genauen Gegensatz jüdischer Werte verweist auf eine fundamentale Krise des amerikanischen Judentums heute. Denn eigentlich greift die Agenda dieser Regierung und ihrer Anhänger nicht zuletzt jenes «jüdische Amerika» und seine Werte an, das der Gemeinschaft so lange Rückhalt geboten hat. Bemerkenswert dabei ist, dass die Reformbewegung die «modernen Plagen» bereits 1994 und damit zu einer Zeit formuliert hat, als diese zumindest teilweise keineswegs brennend aktuell waren.
Heute erleben wir eine weitaus tiefer greifende Krise, die über den jüngst erneut vermeldeten Anstieg des Antisemitismus in den USA hinaus geht. Dabei ist eine Debatte über neuere Versuche zur Definition des Antisemitismus durchaus lohnend: Legen diese womöglich ein zu starkes Gewicht auf Kritik und Feindseligkeit gegenüber Israel? Auch die Frage, ob Kritik an Israel und am Zionismus überhaupt als Antisemitismus zu werten ist, verdient eine gründliche Untersuchung. Doch die wahrhaft beängstigende Entwicklung lauert unterhalb dieser Fragen. Denn eigentlich steht jene jüdische Vision von Amerika unter schwerem Beschuss, die den Juden so viel Gutes beschert hat und zu deren Verwirklichung die Juden selbst so massgeblich beigetragen haben.
Amerikanische Miliardärselite
Jenes Amerika also, das als das vollkommene Gegenstück zu jenen zehn modernen Plagen galt: das «jüdische Amerika» des Fortschritts, der emanzipatorischen Freiheit, der sozialen Gerechtigkeit und der Gleichberechtigung aller Rassen, der Demokratie und des liberalen Pluralismus; kurz: das, was einst als der freiheitlich-demokratische amerikanische Konsens betrachtet wurde. All dies wird heute auf eine Weise angegriffen, die wir längst überwunden wähnten: durch die Regierung in Washington, durch zahlreiche Einzelstaaten, durch weite Teile der Wirtschaftswelt und aus den schwindelerregenden Höhen der amerikanischen Milliardärselite. Noch schlimmer wiegt die Tatsache, dass viele amerikanische Juden diesen Angriff aktiv unterstützen und begünstigen. Das «jüdische Amerika» – jene jüdische Ausprägung des amerikanischen Konsensus – wird in diesen Tagen oftmals ausgerechnet im Namen der Verteidigung des jüdischen Staates Israel attackiert.
Man könnte argumentieren, die Idealisierung der USA durch amerikanische Juden sei schon immer unrealistisch gewesen. Sicherlich hat dieses wie jedes andere Land auch Judenfeindlichkeit erlebt: den Lynch-Mord an dem zu Unrecht einer Vergewaltigung angeklagten Leo Frank in Georgia 1915, das Einwanderungsgesetz von 1924, Henry Fords Veröffentlichung der «Protokolle der Weisen von Zion», die gegen Juden gerichteten Quoten an der Harvard University, deren Ausschluss aus Country Clubs bis in die 1960er Jahre hinein, die Abweisung der «St.Louis» samt ihrer jüdischen Flüchtlinge aus Europa im Juni 1939 sowie der McCarthyismus der 1950er Jahre – dies sind nur einige der berüchtigtsten Zeugnisse für die Feindseligkeit gegenüber Juden in Amerika. Dennoch lässt sich diese Sichtweise mit stärkeren Argumenten kontern: dass nämlich Amerika für Juden eine grundlegend andere Erfahrung darstellte als jene in ihren Herkunftsländern.
Wegmarke
Als Wegmarke gilt Washingtons Brief an die hebräische Gemeinde von Newport, Rhode Island, im Jahr 1790. Verglichen mit den Beschränkungen und Ungleichheiten, der Ausgrenzung und Unterdrückung, denen Juden in den meisten europäischen Ländern im Jahr 1790 und vielen, vielen Jahrzehnten danach ausgesetzt waren, bot der erste Präsident eine radikal neue Vision. Die USA versprachen Juden eine glänzende Zukunft in einem Land, in dem sie auf der Grundlage des Naturrechts faktisch als gleichberechtigte Bürger leben konnten; in dem kein christlicher Glaube den Status einer Staatsreligion innehaben sollte, sondern in dem die Verfassung vielmehr die strikte Trennung von Kirche und Staat garantierte: eine Zukunft der Religionsfreiheit, der bürgerlichen Gleichstellung und des Gefühls, einem neuen, revolutionären Staatswesen anzugehören. Und genau dies sollte sich bewahrheiten. Diese Geschichte hat David Sorkin in «Jewish Emancipation: A History Across Five Centuries» (Princeton UP, 2019) in ihrer ganzen Komplexität ausgelotet.
In kaum einem anderen Land haben Juden derart grossen Wohlstand erlangt und eine derart hohe Akzeptanz erfahren wie in den USA. Zudem haben sie einen immensen Einfluss auf die amerikanische Politik, Gesellschaft und Kultur ausgeübt. Dies ist keine schreckliche, verdrehte Verschwörungstheorie im Stil von QAnon oder des «Grossen Austauschs», sondern schlichtweg eine historische Tatsache. Sie zu leugnen, stellt selbst eine Form antijüdischer Propaganda dar. Dabei hatten unterschiedliche Generationen auch eigene Erfahrungen, je nachdem, wer wann und aus welchem Grund nach Amerika kam. Die Einwanderung deutschsprachiger Juden ab der Mitte des 19. Jahrhunderts übte einen ganz eigenen, liberalen und emanzipatorischen Einfluss auf die politische Kultur aus – auch auf die Entstehung und den Ausgang des Bürgerkriegs 1861–65.
Einwanderung aus dem Zarenreich
Die spätere, weitaus umfangreichere Einwanderung «russischer» Juden aus dem Zarenreich nach 1880 sollte einen noch grösseren Einfluss haben. Und schliesslich gab es die Welle der Nazi-Flüchtlinge in den 1930er Jahren – zu der auch die Gründer und das Publikum des aufbau zählten –, die in vielerlei Hinsicht den womöglich stärksten Einfluss von allen hatte. Juden stellten nie einen sehr grossen Teil der amerikanischen Bevölkerung. Im Jahr 1900 lag ihr Anteil bei etwas über einem Prozent; der Höchstwert um 1940 lag immer noch unter vier Prozent. Es traf sich jedoch, dass New York, das wichtigste Zentrum für Handel, Finanzen, das Denken und die Kultur der USA, eine sehr bedeutende jüdische Gemeinschaft hatte. Diese machte von 1900 bis in die 1950er Jahre etwa ein Viertel der Bevölkerung aus. Dadurch ist der jüdische Einfluss auf New York und damit auf die amerikanische Kultur teilweise zu erklären.
Der Einfluss der Juden auf Kultur und Denken in den USA war jedoch weitaus grösser als selbst solche Statistiken vermuten lassen. Juden trugen auf vielfältige Weise zur Umgestaltung Amerikas bei. Der Begriff des «kulturellen Pluralismus» wurde massgeblich von dem Philosophen Horace Kallen (1882–1974) geprägt, dem in Schlesien geborenen Sohn eines orthodoxen Rabbiners. Diese Idee der Einheit in Vielfalt bildete die Grundlage des späteren liberalen pluralistischen Konsenses, der mit den Namen Isaiah Berlins verbunden ist. Bei der Verwirklichung dieser Prinzipien in Anlehnung an die emanzipatorischen Traditionen Europas spielten Juden in den Anfängen der Bürgerrechtsorganisation NAACP nach 1909 und später in der Bürgerrechtsbewegung eine wichtige Rolle.
Die amerikanische Massenkultur – das American Songbook, Broadway-Musicals, Hollywood – wäre ohne jüdische Kreative undenkbar gewesen. Amerikanische Juden halfen, eine Version von Amerika zu schaffen, oder besser gesagt, zu prägen, die perfekt zu ihnen passte. In diesem «liberalen, pluralistischen» Amerika ermöglichte ein staatsbürgerlicher Nationalismus allen Bürgern, voll und ganz Amerikaner zu sein und gleichzeitig ihre Individualität zu bewahren – ihre religiösen Werte, ethnischen Traditionen und Identitäten. Als Philip Roth 2004 seinen brillanten und vorausschauenden Kassandra-Ruf in Romanform «Die Verschwörung gegen Amerika» publizierte, meinte er als Zielscheibe genau diese Version seines Landes, also das jüdische Amerika.
Rechte von Homosexuellen
Die Geschichte dieses Amerikas glich im letzten Jahrhundert einer Erzählung von aufeinanderfolgenden Emanzipationen, von der Bürgerrechtsbewegung über den Feminismus bis hin zum Kampf für die Rechte von Homosexuellen – alles in der Tradition der jüdischen Emanzipation im Europa des 19. Jahrhunderts. Idealerweise hätte diese Dynamik der Inklusion und sozialen Gerechtigkeit ewig angehalten, doch die Geschichte kann unberechenbar sein. Hegelsche Gesetze können uns mit einem dialektischen Pendelschlag zurück zu einem anderen, gegensätzlichen Ergebnis führen. Und genau das geschieht jetzt.
Es gab immer schon eine andere Version, ein nationalistisches, ja sogar ethno-nationalistisches Amerika. Der Nationalismus war in der Moderne auch die gefährlichste Bedrohung für amerikanische Juden – selbst dann, wenn es sich um ihren eigenen Nationalismus handelt. Und das wird heute auf tragische Weise immer deutlicher. Zur Debatte steht nicht die vergleichsweise harmlose staatsbürgerliche Variante des amerikanischen Nationalismus, sondern die ethnische (wenn nicht rassistische) Form. Diese trat in vielen Gestalten auf. Am prominentesten dürfte dabei die «America First»-Bewegung der Zwischenkriegszeit sein, also das Thema von Roth. Sein Roman malt die Folgen eines Sieges des «America First»-Kandidaten Charles Lindbergh über FDR im Jahr 1936 aus.
Der Ku-Klux-Klan
Glücklicherweise ist es dazu nie gekommen. Doch andere Strömungen machten sich bemerkbar, allen voran der rassistische Ku-Klux-Klan. Die Organisation trug 1924 unter dem Slogan «AmericaFirst» mit zu der radikalen Beschränkung auch der jüdischen Einwanderung durch den US-Kongress bei. Die Ideologie der weissen Vorherrschaft und der christliche Nationalismus mögen zwar als grundverschieden erscheinen, waren und sind in der Praxis aber praktisch identisch und stärken einander gegenseitig. Diese Strömungen sind in der Republik Amerika fast seit ihren Anfängen präsent und wurde von dem Historiker Richard Hofstadter 1964 in einem grundlegenden Essay als «paranoider Stil der amerikanischen Politik» beschrieben. Im 20. Jahrhundert trat diese Strömung immer wieder in Erscheinung: in der Internierung japanischstämmiger Amerikaner während des Zweiten Weltkriegs; dem McCarthyismus, der sich nur allzu leicht zur Unterdrückung jeglicher progressiven Ideen eignete; und im tiefen Süden direkt als gewalttätige Opposition gegen den Kampf für Bürgerrechte und den sich im übrigen Land herausbildenden liberalen Pluralismus.
Vielfalt leugnen
Für viele seiner Befürworter war der Antikommunismus eine Form des Nationalismus – ein Mittel, um Bedrohungen der weissen Vorherrschaft und konservativer christlicher Werte etwa in Gestalt der Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen und ihrer jüdischen Unterstützer zu untergraben. Damals erkannten die meisten amerikanischen Juden diese Form des Nationalismus als existenzielle Bedrohung. Auch heute noch ist ihnen dies grösstenteils bewusst. Doch unter dem Mantel der Republikanischen Partei konnten amerikanische Nationalisten die politische Macht im Lande an sich reissen, indem sie die ausserordentliche Vielfalt der amerikanischen Bevölkerung leugneten.
Im Kern ihres Appells an die Wählerschaft steht die Behauptung, sie selbst als christliche Weisse – und nicht ihre sozial und kulturell vielfältigen Gegner im demokratischen Lager – seien die wahren Amerikaner. Das Konzept ist altbekannt. Der Nationalismus gewinnt an Einfluss, indem er die Legitimität all jener leugnet, die er als ausserhalb der nationalen Gemeinschaft stehend diffamiert. Die Republikanische Partei war einst die Partei Lincolns, des Befreiers der versklavten Afroamerikaner. Doch seit Richard Nixons Appell an von Bürgerrechtsdemonstrationen, Protesten gegen den Vietnam-Krieg und den kulturellen Wandel der Woodstock-Ära verunsicherte weisse Arbeiter und später dem massiven Rechtsruck unter Newt Gingrich in den 1990er Jahren haben sich die Republikaner zu einer Partei entwickelt, die auf die ehemalige Konföderation zurückgreift und einen kaum verhüllten weissen Nationalismus propagiert. Der Wandel war so radikal, dass der Vorschlag von Anatol Lieven, die Republikanische Partei solle sich in «Amerikanische Nationalistische Partei» umbenennen, durchaus sinnvoll erscheint.
Lochruf erlegen
Ein tragischer Aspekt daran ist, dass eine beträchtliche Anzahl amerikanischer Juden diesem Lockruf des republikanischen Nationalismus erlegen ist. Juden wurden in den letzten Jahrzehnten als Teil der weissen Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen. Dies hat manche zu der irrigen Annahme verleitete, sie würden im nationalistischen Lager des modernen Republikanismus akzeptiert werden – liberaler Pluralismus, Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion hin oder her. Dabei spielt ein weiteres und zusammenhängendes Phänomen mit, das amerikanischen Nationalisten die Schwächung des liberalen, pluralistischen Konsenses im «jüdischen Amerika» erlaubt hat. Gemeint ist der Aufstieg und die Transformation eines anderen Nationalismus: des Zionismus.
Dabei war der Zionismus für die meisten Juden in Amerika ursprünglich Ausdruck eines kulturellen Pluralismus. Denn so konnten sich Juden wie jede andere Gruppe ausser den Ureinwohnern mit der kulturellen und historischen Tradition eines anderen Landes oder einer anderen Kultur identifizieren und dennoch gute Amerikaner bleiben. Wie Iren oder Italiener konnten Juden nach 1948 Israel als Symbol ihrer Nationalität und Identität unterstützen und sich dennoch dem staatsbürgerlichen Projekt der Demokratie und Freiheit der Vereinigten Staaten von Amerika verpflichtet fühlen. Dabei war immens hilfreich, dass der Zionismus zunächst als progressive Bewegung wahrgenommen wurde und sein Produkt, der Staat Israel, als Zeichen gegen den nationalsozialistischen Rassenantisemitismus und den Holocaust. Der jüdische Staat wurde zudem als Vorbildstaat betrachtet, als Ausdruck nicht nur eines jüdischen Nationalismus, sondern auch jüdischer Werte etwa im Bezug auf soziale Gerechtigkeit.
Unlösbares Problem
Doch Israel hat sich verändert, und damit der Zionismus. Wie der Ungar Josef Eötvös bereits vor über einem Jahrhundert geschrieben hat, beginnt Nationalismus oft als liberale, inklusive Bewegung gegen Dominanz und Unterdrückung, mutiert aber nach der eigenen Machtergreifung in eine repressive, ausgrenzende solche. Nationalisten wollen in ihrem Staat eine Monokultur und ein System der «Monopolitik» etablieren, nicht aber liberalen Pluralismus. Ein klassisches Beispiel ist Ungarn im 19. Jahrhundert. Generell gibt es nur wenige Beispiele für einen Nationalismus, der nach einer Machtübernahme offen und einladend bleibt.
Eben dieses Schicksal hat den Zionismus ereilt. Das anscheinend unlösbare Problem des Palästinakonfliktes hat sicherlich eine Rolle dabei gespielt, die Entwicklung Israels zu dem einst ersehnten fortschrittlichen, liberalen und inklusiven Staat zu verhindern. Doch es liegt auch im Wesen des Zionismus als jüdischem Nationalismus, eine «Wir-gegen-sie»-Politik zu schaffen und letztlich zu leugnen, dass andere Gruppen ausser der jüdischen Nation im jüdischen Staat zählen. Und genau das ist in Israel geschehen. Ironischerweise warnten gerade die Gründerväter des Zionismus, darunter Theodor Herzl selbst, vor dieser repressiven und ausgrenzenden Entwicklung. Ihre Hoffnung, sie verhindern zu können, hat sich als vergeblich erwiesen.
Quelle der Identität
Es war ein Fehler vieler amerikanischer Juden und amerikanisch-jüdischer Organisationen, den Zionismus als Hauptstütze jüdischer Identität aufzuwerten. Womöglich waren amerikanische Juden die erfolgreichste und einflussreichste Gruppe der Neuzeit. Dies aber nicht aufgrund des Zionismus oder Israels, sondern vielmehr dank ihrer eigenen Beiträge und Leistungen in den USA. Die Abhängigkeit von Israel als Quelle ihrer Identität und Fokus ihrer Loyalität (neben Amerika natürlich) hat allzuviele dazu verleitet, die Lehren der jüdischen Geschichte vor Israel ebenso zu vergessen wie die Tatsache, dass sie auf ein offenes, politisches und kulturelles Umfeld angewiesen sind.
Damit ist eine Gesellschaftsordnung gemeint, in der Kritik und «Kulturkonflikte» die Triebkräfte für Entdeckungen und Innovationen bilden und die besten Garanten gegen die tyrannischen Aspekte des Nationalismus darstellen. Für allzu viele Jüdinnen und Juden hat die Entwicklung Israels und sein heutiges Handeln sie in die nationalistische Falle des «Mein Land, ob im Recht oder nicht» geführt. Eine solche Haltung widerspricht diametral dem amerikanischen Ideal und damit dem jüdisch-amerikanischen Ideal, welches die Grundlage des bemerkenswerten Erfolgs der Gemeinschaft bildete.
Angriffe auf Universitäten
Was die Trump-Regierung nun gegen das liberal-pluralistische Amerika verübt, widerspricht zutiefst den Prinzipien, an die amerikanische Juden seit Generationen geglaubt und die sie gelebt haben. Doch die Angriffe auf Universitäten, der Versuch, Forschung und Lehre zu knebeln und kontrollieren, die Einschränkung der Meinungsfreiheit, ja sogar die Angriffe auf Rechte von Minderheiten und Einwanderern werden heute von einer viel zu grossen Zahl der Führungspersönlichkeiten jüdischer Gemeinden, jüdischer Politiker und Milliardäre unterstützt. Sie sagen damit den Werten der meisten amerikanischen Juden, ja eigentlich den Werten des jüdischen Amerika selbst den Kampf an – und lassen diese Werte zugunsten der «zehn modernen Plagen» im Stich.
Lässt sich dieser bedrohliche Trend umkehren? Natürlich – nichts ist in der Geschichte unausweichlich, bis es geschehen ist. Dazu bedarf es jedoch eines radikalen Neuanfangs in der amerikanischen Politik und einer Rückkehr zum liberal-demokratischen, liberal-pluralistischen Konsens als dem einstigen Nährboden für das Wohlergehen und die Kreativität nicht allein der Juden in den USA. Es bedarf auch einer Rückkehr der amerikanischen Juden und ihrer Führung zu einem liberal-pluralistischen, also nicht-nationalistischen Konsens darüber, was es bedeutet, jüdisch zu sein. Der Zionismus hat sich für die amerikanischen Juden ebenso sehr als ein «böser Onkel» erwiesen wie es der Nationalismus für die Demokratie im Allgemeinen ist. Wir müssen eine derartige, nationalistische Identität überwinden.
In London geboren, hat Steven Beller an der Cambridge University Geschichte studiert. Er lebt in Washington, D.C., und ist durch Studien zur österreichischen, jüdischen und mitteleuropäischen Geschichte bekannt geworden, darunter «Vienna and the Jews, 1867–1938: A Cultural History»; «Theodor Herzl; Francis Joseph; A Concise History of Austria», «The Habsburg Monarchy, 1815–1918» und «Antisemitism: A Very Short Introduction». Beller hat zudem die Anthologie «Rethinking Vienna 1900» herausgegeben.