Schwerpunkt – zukunftsangst 20. Mär 2026

Die Ehre, gehasst zu werden

Gedenken nach dem tödlichen Attentat am Bondi Beach im Dezember 2025.

Der «Kampf gegen Antisemitismus» ist zwar gut gemeint, aber weitgehend vergeblich. Ziel jüdischen Lebens ist das Gedeihen des Judentums: Mit seiner «Rede zur Lage des Weltjudentums» am 1. Februar im Gemeindezentrum «92NY» in Manhattan löst Bret Stephens eine lebhafte Debatte aus.

Nachdem Édouard Manet Ende der 1860er-Jahre mit seinen provokanten Gemälden der «Erschiessung des Kaisers Maximilian» in Mexiko einen Sturm der Entrüstung ausgelöst hatte, kam Trost von seinem Freund, dem Dichter und Kritiker Charles Baudelaire: «Monsieur,» schrieb Baudelaire, «anscheinend haben Sie die Ehre, Hass zu erwecken.»

Dieser Satz bringt die Lage des Weltjudentums im Jahr 2026 auf den Punkt. Das jüdische Volk, israelische Juden und die in der Diaspora; gläubige und säkulare Juden; «rechte» und «linke» Juden, wir alle, wirklich alle von uns sitzen letztlich zusammen im selben Boot, ob wir einander mögen oder nicht – und haben die Ehre, gehasst zu werden.

Wir sollten dies als Kompliment auffassen, ganz im Sinne Baudelaires.

Wir haben die Ehre, von Leuten gehasst zu werden, die «Zionist» sagen, wenn sie eigentlich «Jude» meinen. Wir haben die Ehre, dass uns diese Campus-Lemminge hassen, die antisemitische Parolen skandieren. Die meisten von ihnen sind zu dumm, deren Bedeutung zu verstehen – obwohl einige sie sehr wohl verstehen. Wir haben – oder hatten – die Ehre, von Ali Khamenei, Recep Tayyip Erdoğan und anderen Despoten gehasst zu werden, deren Judenhass direkt proportional zur Grösse ihrer Verbrechen gegen das eigene Volk steht. Wir haben die Ehre, von Nick Fuentes, Candace Owens, Alice Walker, Roger Waters, Francesca Albanese oder Tucker Carlson gehasst zu werden – von blanken Judenhassern und von ihren heimlichen Wegbereitern. Wir haben die Ehre, von denen gehasst zu werden, die Jesus für einen Palästinenser halten. Wir haben die Ehre, dass uns die sogenannten Feministinnen hassen, welche die Vergewaltigung israelischer Frauen am und nach dem 7. Oktober verharmlosen. Und dass uns sogenannte Progressive hassen, die jene Verbrechen schlicht leugnen.

Treulose, Despoten, Zyniker und Dumme
Ob links oder rechts: wir haben die Ehre, von praktisch jeder politischen Bewegung gehasst zu werden, die gleichzeitig gegen die Idee agitiert, dass persönliche Leistung ein gesellschaftlich relevanter Faktor ist. Wir haben die Ehre, von UN-Bonzen gehasst zu werden, die uns glauben machen wollen, dass ein einziges kleines Land die meisten Menschenrechtsverletzungen auf der Welt verübt, nämlich Israel. Wir haben die Ehre, von «Queers for Palestine» gehasst zu werden, die völlig ignorieren, was mit queeren Menschen in Palästina wirklich geschieht. Wir haben die Ehre, von den Wasserträgern der Hamas gehasst zu werden, die als Reporter der BBC und anderer Medien daherkommen. Wir haben die Ehre, von all den Hollywood-Stars gehasst zu werden, die schamlos zum Boykott israelischer Kunstinstitutionen aufrufen, nicht aber etwa chinesischer. Wir haben die Ehre, von unserem charmanten neuen New Yorker Bürgermeister gehasst zu werden, der glaubt, er könne die Auslöschung eines Staates, einzig und allein eines, des jüdischen Staates, befürworten, und sich dennoch vom Vorwurf des Antisemitismus freisprechen. Wir haben die Ehre, von Leuten gehasst zu werden, die ihr sogenanntes Judentum nur dann herausstellen, wenn das nützlich erscheint, um einen anderen Teil des jüdischen Volkes zu diffamieren und zu gefährden – als ob sie von den Schrecken verschont blieben, die über uns alle kommen werden, sollte Israel, Gott bewahre, eines Tages fallen.

Kurz gesagt, wir haben die Ehre, von einer Achse der Treulosen, der Despoten, der Heuchler, Zyniker, der geistig Verwirrten und der hoffnungslos Dummen gehasst zu werden. Was sollen wir mit all dem Hass anfangen – ausser ihn als Ehrenzeichen anzunehmen und in unseren Vorteil umzukehren?

Eine beängstigende Zeit für Juden
Ich will das alles nicht verharmlosen oder falsche Tapferkeit vortäuschen. Es ist eine beängstigende Zeit für Juden. Diese «Ehre, gehasst zu werden» führte unter anderem zum Massaker am Bondi Beach in Sydney, zur «Judenjagd» in Amsterdam, zu den Gräueltaten vom 7. Oktober und zum Massaker in der Tree-of- Life-Synagoge in Pittsburgh. Es rührt aus diesem Hass, dass israelische Autoren schwerlich in den USA Verlage finden und dass sich so viele jüdische Studierende und Lehrende auf Campussen ausgegrenzt fühlen. Deshalb mussten wir alle heute Abend für diese Veranstaltung Metalldetektoren passieren, und deshalb zogen im letzten Herbst Polizisten vor meiner privaten Einfahrt auf.

Der aberwitzigste Hass
Es ist eine Ehre, auf die wir alle gern verzichten würden. Aber wir können es nicht. Denn solange es Juden gegeben hat, gab es auch Judenhasser. Und solange es Juden geben wird, wird es auch Judenhasser geben. Was seit über 3000 Jahren währt, wird so schnell nicht enden.

Heute Abend möchte ich vier Punkte ansprechen, die vielleicht nicht jedem im Publikum passen. Das ist in Ordnung, denn Meinungsverschiedenheiten sind das Lebenselixier jeder grossen jüdischen Gemeinschaft. Und ich besitze kein Monopol auf die Wahrheit.

Erstens ist der «Kampf gegen Antisemitismus», der jährlich zig Millionen Dollar jüdischer Spenden verschlingt und zu einer zentralen Aufgabe jüdischer Organisationen geworden ist, zwar gut gemeint, aber weitgehend vergeblich. Wir sollten das Geld und unsere Kräfte lieber anderweitig investieren. Dasselbe gilt übrigens für Bemühungen zur Verbesserung der pro-israelischen Lobbyarbeit (Hasbara). Ich werde das gleich genauer erläutern.

Zweitens mag Antisemitismus zwar der aberwitzigste Hass der Geschichte sein, aber gleichzeitig ist er auch das grösste unfreiwillige Kompliment der Welt. Und hier möchte ich etwas sagen, das vielleicht zu Missverständnissen führen kann – aber es muss einfach gesagt werden: Die Judenhasser haben in gewisser Weise recht. Denn das Judentum, jüdische Werte und jüdisches Denken sind für gewisse Gesellschaftsordnungen subversive Kräfte. Dazu gleich mehr.

Drittens besteht eine wirksame Verteidigung gegen Judenhass nicht darin, die Hasser zu widerlegen, indem wir uns selbst an Altruismus, Wohltätigkeit und Leistung übertreffen. Stattdessen sollte jeder von uns unser Judentum so weit wie irgend möglich leben – unabhängig vom Urteil anderer. Wenn der Preis, unser volles jüdisches Selbst auszuleben, darin besteht, ewig unbeliebt zu sein – dann ist es das sehr wohl wert.

Viertens und letztens brauchen Juden jetzt keine Verbündeten, kein Mitleid und keinen Platz am Tisch der Verfemten dieser Erde. Wir sollten uns vielmehr an die Weisheit des Komponisten Philip Glass halten: «Gibt es keinen Platz am Tisch, bau dir deinen eigenen Tisch.»

Erfolgloser Kampf
Nun zu meinem ersten Punkt: Glaubt irgendjemand, dass der Kampf gegen Antisemitismus Erfolg hat?

Sicher, wir alle wünschen uns Erfolg dabei. Wir würden so gerne glauben, dass wir die Entwicklung umkehren könnten, die seit einigen Jahren so sehr gegen uns läuft: Dass wir dafür nur Holocaust-Aufklärung im Lehrplan jeder öffentlichen Schule verankern oder die IHRA-Definition von Antisemitismus allgemein gültig machen müssten; oder dass Universitäten auf die Einladung israelfeindlicher Redner verzichten und die Medien zu einer ausgewogeneren Berichterstattung über den israelisch-palästinensischen Konflikt bewegt werden könnten. Oder dass eine neue, geniale PR-Strategie für Israel oder der Austausch von Premierminister Binyamin Netanyahu durch egal welchen anderen Politiker Israels ein Wunder bewirken könnte. Mir ist schon bewusst, dass wir hin und wieder Erfolge erzielen. Vor allem, wenn es darum geht, Universitätsverwaltungen dazu zu bringen, gegen die offenkundigste antisemitische Hetze vorzugehen. Aber ich weiss auch: Tucker Carlsons Popularität und Einfluss als Podcaster sind mit seiner immer unverhohleneren Hasspropaganda nur noch gestiegen. Journalistische Schandtaten wie die Falschmeldung über 500 palästinensische Opfer im al-Ahli-Krankenhaus in Gaza konnten nachfolgende Lügen und masslos reisserische Berichte über den Krieg nicht verhindern, die antisemitische Stereotype weiter geschürt haben. Der Gouverneur von Pennsylvania wurde 2024 im Rahmen seiner Kandidatur für die Vizepräsidentschaft seiner Partei gefragt, ob er jemals «Doppelagent» für Israel gewesen sei. Der Vizepräsident der Vereinigten Staaten hat die weitverbreitete und zunehmende Verbreitung von Antisemitismus klein geredet und stellte stattdessen «Leute» an den Pranger – womit er natürlich Juden meinte –, «die einer aussenpolitischen Debatte über Amerikas Beziehungen zu Israel ausweichen wollen». Und im Staat New York, wo es öffentliche jüdische Kultureinrichtungen in Hülle und Fülle gibt, glaubt jeder fünfte Millennial und Angehörige der Generation Z, die Juden hätten den Holocaust verursacht.

All dies geschieht in einem Moment, in dem die jüdische Gemeinschaft alarmierter, engagierter, besser ausgestattet, eifriger, mutiger und zum Handeln entschlossener ist denn je. Was also machen wir, die wir im Kampf gegen Antisemitismus stehen, falsch?

Unser Fehler liegt darin: Wir glauben, dass Antisemitismus im Grunde aus fehlenden oder falschen Informationen herrührt: Würden die Menschen nur mehr über die Geschichte der Judenverfolgung wissen, die wahren Fakten des israelisch-arabischen Konflikts besser verstehen, die vielfältigen Erscheinungsformen des Antisemitismus differenzierter begreifen und den jüdischen Beitrag zum Erfolg Amerikas und zum Wohlergehen der Menschheit tiefer würdigen – dann, ja dann könnte der Hass auf uns verschwinden oder würde gar nicht erst entstehen.

Doch diese These ist falsch. Judenhass ist nicht die Folge mangelnder Bildung: Von Martin Luther über T.S. Eliot bis hin zu Sally Rooney – der Welt hat es nie an gebildeten Antisemiten gefehlt. Judenhass ist das Produkt eines psychologischen Reflexes – und ein solcher Reflex lässt sich niemals vollständig durch Aufklärung ausmerzen, selbst wenn er zeitweise ruhiggestellt wird. Antisemitismus ist, mit anderen Worten, nicht nur ein Vorurteil oder eine Überzeugung. Er ist eine Neurose.

Hass aus Neid gegenüber Juden
Das führt mich zum zweiten Punkt unserer Betrachtung, nicht zuletzt deshalb, weil viele der üblichen Antworten auf diese Frage zu oberflächlich sind: Was ist es an den Juden, das über die Jahrhunderte so viel Hass und Gewalt hervorgerufen hat?

Werden Juden wegen angeblicher Verfehlungen Israels gehasst? Das ist heutzutage eine weit verbreitete Ansicht. Doch damit ist weder der jahrtausendealte Antisemitismus erklärt, welcher der Gründung Israels vorausging, noch warum der Hass auf Israel klassische antisemitische Stereotype wie angeblich unstillbare jüdische Blutgier und geheime Manipulation der Weltpolitik reflektiert.

Werden Juden gehasst, weil wir das ewige «Andere» verkörpern? Auch das wird oft behauptet, und natürlich steckt darin ein Quäntchen Wahrheit. Doch es gibt viele «Andere» in jeder menschlichen Gesellschaft, aber keine, die so beharrlich mit derart haarsträubenden Verschwörungstheorien, mörderischen Plänen und eklatanten Doppelstandards in Verbindung gebracht werden: Warum hat niemand ein Buch mit dem Titel «Die Protokolle der Ältesten der Amischen» oder «Der internationale Quäker» geschrieben?

Werden Juden gehasst, weil wir uns weigerten, Christus als Messias oder Mohammed als Propheten anzuerkennen? Ja, das mag schon sein. Aber wie erklären wir uns den jahrhundertelangen Judenhass vor der Geburt Christi oder Mohammeds, oder die Verfolgung von Juden, deren Familien zum Christentum konvertierten?

All diese Erklärungen scheitern aus demselben Grund wie unsere Versuche, Menschen ihren Antisemitismus durch Aufklärung auszutreiben: Sie lassen die psychologischen Gründe des Antisemitismus ausser Acht. Sie haben einen Namen: Ressentiment, durchdrungen von Neid.

Ressentiment wogegen genau? Das jüdische Volk ist eine Nation der Gegenkultur. Erschwerend kommt hinzu, dass uns deren Überzeugungen fast überall dort erfolgreich gemacht haben, wo wir uns niedergelassen haben. Was sind einige dieser Überzeugungen? Wir glauben an einen Gott – nicht an viele, nicht an keinen – und somit an ein gemeinsames moralisches Universum mit einem Moralkodex, der für alle Menschen gilt, und das überall. Wir glauben, dass der Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen und dass daher das menschliche Leben von Natur aus kostbar ist und dass der Geringste unter uns dem Höchsten in seiner grundlegenden Würde gleichgestellt ist. Wir glauben an die Freiheit und das Streben nach Freiheit und stellen daher jeden Tyrannen, der diese Freiheit verweigert, vor eine fundamentale Herausforderung. Wir glauben nicht, dass der Messias schon gekommen ist. Deshalb kann uns kein selbsternannter Erlöser täuschen. Wir glauben an das Wort und an den Text und somit an die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben als Grundlage, nicht als Bedrohung des Glaubens. Wir glauben, dass Fragen mindestens genauso wichtig wenn nicht sogar wichtiger sind als Antworten, und dass Neugier, Hinterfragen und das Streben nach Wissen daher gesellschaftliche Werte sind. Wir glauben an «Argumente um der Argumente willen». Deshalb sind Meinungsverschiedenheiten für uns nicht unverschämt und Andersdenken ist keine Ketzerei.

Nein zu Sonnengöttern
Vor allem aber glauben wir an das Wort «Nein». Nein zu Sonnengöttern, Götzenbildern und Kinderopfern. Nein zu Pharao und Cäsar, zur Inquisition und zur Reformation, zum Zaren und zum Kommissar. Nein zur Aufhebung unserer Gemeinschaft als Volk durch die Französische Revolution, zur Auslöschung unseres Glaubens durch die Russische Revolution und zur Zerstörung als Volk durch den verführerischen Gesang des Binationalismus. Nein zur Auslöschung Gottes durch Vernunft und gegen die Abdankung moralischen Urteilens zugunsten von moralischem Relativismus. Nein zum verführerischen Angebot ewiger Erlösung auf Kosten unseres Bundes mit Gott.

Ich will damit keineswegs suggerieren, dass Juden unfähig seien, mit ihrem politischen und kulturellen Umfeld in Frieden zu leben. Natürlich können wir das, wir haben es getan und tun es weiterhin. Doch unser Ja zu unserer Umgebung gründete schon immer auf unserem Nein. Und was wir bejahen, erfordert immer auch den Mut zum Widerspruch. Dieser Mut ist die zentrale Quelle unserer inneren Stärke und unserer Widerstandsfähigkeit als Volk. Wir dürfen ihn niemals aufgeben.

Aber das Wort «nein» provoziert auch Wut, so sanft und leise es auch ausgesprochen werden mag. Und das macht es zu einem gefährlichen Wort. Fragen Sie jeden, der einmal von einer Hochschule, von seinem Arbeitgeber abgewiesen oder dessen Liebesantrag kein Gehör fand: Die normale Reaktion auf Ablehnung ist Wut. Diese Wut wächst noch an, wenn sie von dem Gefühl durchdrungen ist, dass das eigene Opfer – wie bei Kain in der Genesis – nicht gut genug war; dass die Zurückweisung von einer Position des Richtens und somit der Überlegenheit kam. Das ist der Nährboden für toxische Wut. Umgekehrt liegt der Grund, warum «Menschen tote Juden lieben», um Dara Horns einprägsame Formulierung zu zitieren, darin, dass dieses nagende Gefühl von Minderwertigkeit ersetzt werden kann durch das Vergnügen, Mitleid zu gewähren.

Es sollte selbstverständlich sein, dass Juden nichts zur Heilung der Judenhasser von ihrem Hass tun können – ihnen steht es frei, sich selbst einen Psychiater zu suchen. Und es gibt auch nichts, um was wir uns bemühen sollten. Was mich zu meinem dritten Punkt bringt: Wenn es denn unmöglich ist, einen Antisemiten zu heilen, dann ist es fast so schwierig, Juden von der Illusion zu heilen, dass uns dies doch gelingen könnte.

Kreative jüdische Köpfe
Diese Illusion kommt Ihnen sicherlich irgendwie bekannt vor – wahrscheinlich haben Sie dergleichen schon mal von Ihrem Onkel gehört. Das klingt ungefähr so: «Fallen denen denn nicht die Namen an den Krankenhaus-Gebäuden und den neuen Campus-Zentren auf? Sind sie nicht beeindruckt von all den jüdischen Nobelpreisträgern in Medizin, Physik und Chemie? Was ist mit der Tatsache, dass Israel die einzige echte Demokratie im Nahen Osten ist, der einzige Ort, an dem man als Schwuler sein möchte, der einzige Ort, an dem Intelligenz wertvoller ist als Öl? Und war es nicht ein jüdischer Arzt, der Polio geheilt hat?»

Das stimmt natürlich alles. Und es ist wunderbar, dass es so viele kreative jüdische Köpfe und grosszügige jüdische Spender gibt. Es ist auch wunderbar, dass Israel ungeachtet seiner Gegner ein Leuchtfeuer demokratischen Mutes und gesellschaftlicher Kreativität bleibt. Aber das trägt uns bei den Hassern keine Sympathien ein. Sie hassen uns nicht wegen unserer Fehler und unseres Versagens; sie hassen uns wegen unserer Tugenden und Erfolge. Je tugendhafter oder erfolgreicher wir sind, desto mehr werden wir von denen gehasst, die massgeblich von Ressentiment und Neid getrieben werden.

Und doch scheinen wir als jüdische Gemeinschaft selten den naheliegenden Schluss zu ziehen: Es macht schlicht keinen Sinn, ständig danach zu streben, von der Welt geliebt zu werden. In den 1990er Jahren ging Israel wiederholt «Risiken für den Frieden» ein, um die Besetzung des Westjordanlandes und des Gazastreifens zu beenden. Am Ende kamen dabei die zweite Intifada und die «Boycott, Divestment, and Sanctions»-Bewegung heraus.

Es gibt in Amerika keine Bewegung für soziale Gerechtigkeit, in der Juden nicht bei der Gründung oder als Führungspersönlichkeiten dabei waren. Dennoch trieft praktisch jede dieser Bewegungen vor Antisemitismus. Das scheint uns immer wieder zu schockieren. Vielleicht war das nie schlimmer als nach dem 7. Oktober. Da mussten wir miterleben, wie wenig Mitgefühl vor allem jene Menschen für jüdisches Leid aufbrachten, denen wir so viel gegeben haben. Wir müssen aufhören, überrascht zu sein. Wir müssen aufhören, verletzt zu sein. Wir müssen aufhören, gekränkt und empört zu sein.

Ich würde sogar noch weiter gehen: Wir müssen dies als Gelegenheit begreifen, uns nicht mehr darum zu kümmern. Ziel jüdischen Lebens ist es nicht, uns bei anderen einzuschmeicheln, damit sie uns womöglich etwas weniger ablehnen. Ziel jüdischen Lebens ist das Gedeihen des Judentums. Und mit «Gedeihen des Judentums» meine ich nicht das individuelle Wohlergehen einzelner Juden. Ich meine das einer Gemeinschaft, in der jüdisches Lernen, jüdische Kultur, jüdische Rituale, jüdische Anliegen, jüdische Aspirationen und jüdische Identität für das Selbstverständnis jedes einzelnen Mitglieds grundlegend sind.

Wie wir unser Judentum gestalten – ob mehr religiös, kulturell, politisch oder auf andere Weise –, entscheidet jeder selbst. Der entscheidende Punkt ist jedoch: Jüdisches Gedeihen besteht nicht darin, dass es viele reiche, erfolgreiche und gut integrierte Juden gibt, denen es gut geht und die sich in ihren Gastgesellschaften sicher fühlen. Jüdisches Gedeihen spriesst, wenn das Judentum nicht bloss eine Frage der Abstammung ist, sondern vielmehr den Kern unseres Lebens bildet, die Quelle für unsere Suche nach Sinn und Ziel, unseren spirituellen Kompass, unseren moralischen Anker und unseren emotionalen Zufluchtsort.

Das «Goldene Zeitalter» verblasst
Daran gemessen ist das «Goldene Zeitalter der amerikanischen Juden», um mit Franklin Foer zu sprechen, schon lange vor dem 7. Oktober verblasst. Es verblasst nämlich seit Jahrzehnten, seit amerikanische Juden begannen, ihr Judentum als den entbehrlichsten Teil ihrer Identität zu betrachten. Es begann zu schwinden, als Bar- und Bat-Mizwa für viele amerikanische Juden das letzte jüdische Ritual ihres Lebens wurden. Es begann zu schwinden, als die Zahl der Mischehen die 50-Prozent-Marke überschritt. Es begann zu schwinden, als ein wachsender Anteil amerikanischer Juden mehr Scham als Stolz für Israel empfand.

Nun aber haben wir die Chance, diese Entwicklung umzukehren. Und paradoxerweise hat das Bewusstsein unserer Verletzlichkeit, dass wir unbeliebt sind und gehasst werden, uns diese Chance eröffnet. Ich habe in einer Kolumne in der «New York Times» den Begriff «Juden vom 8. Oktober» geprägt. Rückblickend war meine Definition allerdings nur halb richtig. Ich sagte damals, der Jude vom 8. Oktober sei derjenige, der «aufwacht und feststellt, wer nicht Gutfreund mit uns ist». Korrekterweise hätte ich sagen sollen, der Jude vom 8. Oktober ist derjenige, der «aufwacht und versucht, sich daran zu erinnern, wer er wirklich ist».

Wir haben viel, brauchen aber noch viel mehr
Und das bringt mich zu meinem letzten Punkt: Unseren eigenen Tisch gestalten.

Es gibt drei grosse Erzählungen in der Geschichte des amerikanischen Judentums. Die erste lautet «Ankunft»: die Erzählung der ersten Generation, die auf Schiffen ankam, in Mietskasernen lebte und ihre alte Heimat nie vergessen hat. Irving Howe hat das «Die Welt unserer Väter» genannt. Für die zweite Erzählung hat Norman Podhoretz den Titel «Aufstieg» gefunden – die Erzählung der zweiten Generation von Juden, die in New York City Schulen wie Stuyvesant und das City College besuchten und Mediziner und Juristen wurden; und die der dritten Generation, die Dalton und Yale besuchten und ihren Weg als Investmentbanker und Tech-Unternehmer machten. Das dürfte einige von Ihnen hier im Publikum beschreiben.

Dann gibt es die dritte Erzählung. Sie heisst «Abschied». Einige führte das nach Israel: Dazu gehören Menschen wie Jon Polin und Rachel Goldberg-Polin aus Chicago, die Eltern von Hersh Goldberg-Polin; oder Jim und Myrna Bennett aus San Francisco, die Eltern von Naftali Bennett. Doch es gibt auch Abschiede am Ort: von Juden, denen im Laufe ihrer Karriere gesagt wurde, sie dürften in der Schulkantine nicht am Tisch mit den «Coolen» sitzen, und die deshalb ihren eigenen Weg gingen – und letztendlich Investmentbanking, Hollywood, Private Equity, die meisten der grössten Anwaltskanzleien sowie Bloomberg, Starbucks, Dunkin’ Donuts und tausend weitere ikonische amerikanische Marken schufen.

Diese individuellen Abschiede, die zugleich Neubeginn sind, können Vorbild für das sein, von dem ich vorhin sprach, was die jüdische Gemeinschaft als Ganzes schaffen muss: jüdisches Leben zum Erblühen bringen. Die Infrastruktur ist grösstenteils vorhanden; es fehlt jedoch an Masse. Wir haben hervorragende jüdische Tagesschulen. Aber wir brauchen viel mehr davon – und dies zu den Kosten katholischer Schulen –, damit jede jüdische Familie in Amerika ihren Kindern eine exzellente, auf jüdischen Werten basierende Bildung ermöglichen kann. Wir haben beeindruckende und lebendige Kulturinstitutionen wie das 92NY und das Jewish Museum und das Lehrhaus in Somerville, Massachusetts: Wir müssen weiterhin in sie investieren und sie auch in anderen Städten etablieren. Wir haben aussergewöhnliche jüdische Stiftungen. Diese müssen jedoch zum zentralen Fokus jüdischen Engagements werden und dürfen nicht länger für wichtige jüdische Philanthropen nur zweitrangig sein.

Wir haben jüdische Prioritäten, aber keinen schlüssigen Finanzierungsmechanismus: Vielleicht brauchen wir das private Äquivalent zu einem Unabhängigen Jüdischen Fonds, wie Jordan Hirsch kürzlich in «SAPIR» vorgeschlagen hat. Die Qualität der jüdischen Medien hier ist ehrlich gesagt durchwachsen, diese könnten aber mit Investitionen und Weitblick zum begehrtesten Arbeitgeber für die besten Autoren, Reporter und Redaktoren Amerikas werden. Wir haben ein aufstrebendes Rabbinat. Doch dieses droht von ideologischen Kräften vereinnahmt zu werden, die nicht die jüdische Gemeinschaft repräsentieren. Also müssen wir uns intensiv darum bemühen, dass liberale jüdische Gemeinden nicht dasselbe Schicksal erleiden wie die im Kollaps befindliche Presbyterianische Kirche der USA. Wir haben Millionen engagierter jüdischer Leser, mit denen heute eine Verlagsbranche Schindluder treibt, die Zionismus als Schimpfwort sieht. So lasst uns auch das Verlagswesen retten.

Kurz gesagt: Wir haben viel. Wir brauchen viel mehr. Wir müssen viel mehr tun, weil wir nicht zu dem Amerika zurückkehren werden, das wir als Juden vor 50, 40 oder auch nur zehn Jahren kannten. Wir brauchen es, weil wir wissen, was mit jüdischen Gemeinden im Laufe der Geschichte von Córdoba über Köln bis Kairo geschehen ist, die ihren Instinkt für Gefahren verloren und nicht bemerkt haben, dass ihr Höhepunkt nur einen Schritt vom Abgrund entfernt war. Wir brauchen es, weil zu viele unserer Kinder sich von ihrem jüdischen Erbe abwenden, es sogar verleugnen. Wir brauchen es, weil «Abschied» nur ein Synonym für einen Neuanfang ist und die jüdische Vitalität seit Jahrtausenden durch diesen Kreislauf von Abschied und Aufbruch erneuert und gestärkt wurde.

Und wir müssen uns stärker anstrengen, weil dies Amerika nottut – weil Amerika uns braucht. Amerika braucht uns als seinen geistreichen Störenfried, seinen treuen Kritiker und sein skeptisches moralisches Gewissen; als Hüter seiner toleranten und pluralistischen Flamme; als seine Neinsager in Momenten überheblicher Gewissheit und seine Jasager in Momenten erdrückender Selbstzweifel. Amerika braucht uns, denn die Hoffnung auf das Neue Jerusalem, das unsere Gründerväter 1620 in Plymouth, 1776 in Philadelphia und 1963 auf den Stufen des Lincoln Memorials in Washington, DC, zu errichten suchten, kann sich nur dann jemals erfüllen, wenn sie auf die Erinnerung und die Inspiration jenes anderen Jerusalems baut – jenes Jerusalems, das unser war und ist.

All dies wurde einst verstanden und wird wieder verstanden werden. Bis dahin werden wir die Ehre des Hasses ertragen, während wir weiter für eine blühende jüdische Zukunft arbeiten.

Bret Stephens ist Kolumnist der «New York Times» und Chefredaktor der jüdischen Vierteljahreszeitschrift «SAPIR». Zuvor war er Chefredaktor der «Jerusalem Post», und 2013 erhielt er den Pulitzer-Preis für herausragende Kommentare.

Bret Stephens