Schwerpunkt – 250 Jahre USA 29. Mai 2026

Der Tanz geht weiter

Das Declaration House in Philadelphia. Hier hat Thomas Jefferson im Juni 1776 den Entwurf der Unabhängigkeitserklärung geschrieben.

Historiker diskutieren die USA und deren Gründung vor 250 Jahren.

Dem Gründervater John Adams wird im fortgeschrittenen Alter der Ausspruch nachgesagt: «Wir haben diesen Tanz begonnen» – nämlich den um Freiheit, bürgerliche Rechte und Demokratie. Und das weltweit. Adams hatte am 4. Juli 1776 in Philadelphia als Vertreter von Massachusetts die Unabhängigkeitserklärung unterschrieben, wurde nach George Washington der zweite Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und starb genau 50 Jahre später, nämlich am 4. Juli 1826. Damit übrigens am gleichen Tag wie sein Nachfolger als Präsident, Thomas Jefferson, der den Entwurf der Erklärung zwischen dem 11. und 28. Juni 1776 in seinem Quartier in Philadelphia vermutlich in zwei, drei Tagen geschrieben hat. Der Backsteinbau an der Ecke Market und South 7 Street in Philadelphia ist heute als «Declaration House» bekannt.

Welle von Revolten
Damit dürfte der «Tanz» begonnen haben, mit dem der greise Adams laut dem Historiker Daniel Immerwahr die Welle von Revolten und Revolutionen von Irland, dem Rheinland, Polen, Frankreich und Schweizer Kantonen bis nach Lateinamerika und die Karibik bezeichnet hat, die in den folgenden Jahrzehnten über Europa und die westliche Hemisphäre stürmten. Immerwahr stellt die amerikanische Revolution im «New Yorker» als Beginn – und Inspiration einer globalen Welle vor, rückt aber auch deren Grenzen in den Blick: Denn seinerzeit herrschte der britische König George III. über 26 Kolonien in Amerika. Nur die Hälfte rebellierte. Die grösste – Quebec – und die einträglichste – Jamaica mit immens profitablen, von versklavten Afrikaner unter brutalen Bedingungen bearbeiteten Zuckerrohrplantagen – blieben der Krone treu. Und natürlich währte die Sklaverei in den USA bis zum Ende des darüber geführten Bürgerkrieges 1865 fort, während Frauen das Wahlrecht erst 1920 erhielten.

Derartige Fakten bleiben im Jubeljahr angesichts der landläufigen Beweihräucherung der 56 Signatoren der Unabhängigkeitserklärung als weitsichtige und prinzipientreue «Patrioten» allzu oft Nebensache. Denn wer weiss heute noch, dass königstreue Loyalisten am 28. November 1776 im britisch besetzten New York eine «Declaration of Dependence» mit 547 Unterschriften an King George III. sandten? Der Brief gelobte ihm Treue und beklagte gleichzeitig ihre Verfolgung und Unterdrückung durch die Rebellen.

Asyl für Geisteskranke
Daran erinnerte Anfang Mai Jill Lepore als Moderatorin einer Diskussionsrunde zu «Gehalt und Bedeutung der Unabhängigkeitserklärung» mit Historikern in Brattleboro, Vermont. Als verblüffend produktive Harvard-Professorin, Redaktorin beim «New Yorker» und Bestsellerautorin zählt Lepore zur Prominenz unter den «Public Intellectuals» in den USA und war, kleingewachsen und ebenso munter wie geistreich, eine perfekte Diskussionsleiterin. Sie hat jüngst einen Pulitzer für «We the People: A History of the U.S. Constitution» gewonnen. Dem Vernehmen nach lebt sie in der Umgebung von Brattleboro. Die Veranstaltung fand in der Retreat Farm und damit in einem für diesen Neuengland-Staat charakteristischen Forum statt. Als Asyl für Geisteskranke 1837 am Zusammenfluss des West River mit dem Connecticut River gegründet, führt die Farm als Stiftung die Pflege fort, betreibt dazu Viehwirtschaft, einen Laden mit lokalen Produkten und lädt Besucher zu Wanderungen auf dem waldigen Gelände ein.

Mittendrin in diesem Areal wird für Veranstaltungen ein grosses Zelt aufgebaut. Das Publikum an diesem sonnigen, aber zunehmend kühlen Nachmittag war vorwiegend fortgeschrittenen Semesters, schien gebildet und vom Habitus her zwischen Wanderer und Alt-Bohemien angesiedelt. Man war also gewissermassen «unter sich» in einem liberal-progressiven Milieu ohne MAGA-Baseballmützen und AR-15-Stickern auf rostigen Pickup-Trucks, die es in Vermont auch gibt. Gleichzeitig stehen Farm und Publikum doch für ein gelebtes, bürgerliches Engagement für Gemeinschaftlichkeit, Freiheit und Kultur.

Gravierende Bedrohung
Umgeben von «Food Trucks» und Getränkeständen gab die lokale Band Rear Defrosters zum Aufwärmen ein exzellentes Set mit Country Rock und Dylan, ehe Lepore mit Christopher Brown, Jane Kamensky und Maya Jasanoff auf die Bühne kam. Mit dabei war der Filmemacher Dave Schmidt, der für seinen langjährigen Arbeitgeber Ken Burns einsprang. Der wiederum dürfte Amerikas bekanntester Dokumentarfilmer sein und hat jüngst mit seinem Team «The American Revolution» vorgelegt. In dem 12-stündigen Epos in sechs Episoden kommen nicht zuletzt Brown, Jasanoff und Kamensky zu Wort, allesamt Fachleute hohen Grades.

Die Präsenz des heutigen Präsidenten als gravierende Bedrohung der 1776 geschaffenen Republik war unvermeidlich und trat bei den Fragen aus dem Publikum am Ende in den Vordergrund. Aufschlussreicher waren indes Bemerkungen zur «Declaration», die insgesamt einen Horizont auf deren nach 250 Jahren doch erstaunliche Vitalität – und letztlich Hoffnungen – eröffneten. So machte Brown die schockierende Kühnheit der Erklärung zu «Naturgesetzen» und «Gottes Natur», deutlich, die eine Ablösung der Kolonien von der Krone basierend auf «Wahrheiten und Rechten» notwendig mache. Denn bereits im Auftakt heisse es «Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht…» – vor allem, dass «alle Menschen» – oder wörtlich: Männer – «gleich geschaffen sind». Von daher werden «Rechte» als ganz selbstverständlich eingefordert, nämlich auf «Leben, Freiheit und das Streben nach Glück». Aufgrund dieser quasi «aus dem Nichts» – oder den Ideen der Aufklärung – postulierten, revolutionären Anmassung erhebt die Erklärung anschliessend eine Anklage in 26 Punkten gegen King George III. Juristen stellten die Mehrheit der Gründerväter.

Gemeinsames Handeln
Brown betont, dass dieser Auftakt offen ist, also ein Versprechen auf die Zukunft, praktischer aber eine Einladung zum Mitmachen bei dem epochal-neuen Projekt eines auf Rechte gegründeten Staates darstellt. Die Erklärung liefert also ein Basis für gemeinsames Handeln – auch wenn die tatsächliche Unterstützung der Rebellion gegen King George III. selbst in den Kolonien seinerzeit noch völlig unklar war. Die Gründer massten sich also zur Mobilisierung der Kolonisten an, im Auftrag einer höheren, natürlichen Sendung zu handeln – inwiefern dabei Religion mitspielte, bleibt umstritten. Greift die «Declaration» also sehr hoch, schuf sie doch auch eine Plattform für irdische, der britischen Monarchie feindlichen Mächte wie Frankreich, um gemeinsame Sache zu machen. Dies ist dann auch geschehen und brachte 1781 nach sechs Jahren Krieg die tatsächliche Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten. Am 4. Juli 1776 sei daher eine Nation ins Leben gerufen worden, die zuvor gar nicht existierte, sagt Brown: «Die blosse Behauptung, es gebe ein ‹Wir›, ist somit zugleich eine Deklaration einer Art von Einheit, die sich noch im Prozess ihrer Formung befindet». Und weil der Text so offen und «plastisch» sei, «blieb es den nachfolgenden Generationen überlassen, die Leerstellen auszufüllen.» Und dieser Prozess währt eben fort.

Absolute Tyrannei
Konkreter werden die Klagepunkte in der Erklärung gegen den König. Die Fachleute machen klar, dass der Kernvorwurf, nämlich eine «absolute Tyrannei» in den Kolonien eingeführt zu haben, doch überzogen tönt – immerhin mussten dortige Bevölkerungen weit geringere Steuern zahlen als jene auf den britischen Inseln. Der Drang, das eigene Schicksal in der Neuen Welt selbst in die Hand zu nehmen, bedurfte aber zündender, emotionaler Formulierungen. Auch darin liegt eine Tradition der USA. Bemerkenswert fand die Historikerrunde aber auch, dass etliche der Klagepunkte wie «die Abschneidung des Handels mit allen Teilen der Welt» und der «Obstruktion der Justiz», die «Entsendung von Beamten zur Drangsalierung der Bevölkerung» und nicht zuletzt «die Aufwiegelung zu Aufständen» mit Blick auf die Zollpolitik und die Rolle Trumps beim Sturm auf das US-Kapitol am 6. Januar 2021 erschreckend aktuell klingen.

Abschaffung
Damit bleibt die Unabhängigkeitserklärung auch als Grundlage für eine Politik gegen den heutigen Präsidenten aktuell. Diese Botschaft hatte zumindest Jill Lepore parat und verwies dafür auf Vermont. Denn die zwischen New York und New Hampshire umstrittene Region hatte 1777 die Gründung eines eigenen Staates beschlossen, der 1791 den USA beitrat. Vermont ging in der eigenen Verfassung vom 8. Juli 1777 bereits deutlich über die Unabhängigkeitserklärung vom Vorjahr hinaus und schuf «Sklaverei und Schuldknechtschaft» ab.

Lepore ruft dazu fröhlich aus: «Wir haben eine Sezessionsbewegung!» und erntet Applaus. Aber die rund 1100 Versammelten wissen natürlich, dass eine erneute Unabhängigkeit Vermonts unrealistischer als die Freiheitsversprechen vom 4. Juli 1776 ist. Klar wird an diesem Abend jedoch: der von John Adams gesehene «Tanz» kann, muss und wird auch in den USA weiterdrehen.

Andreas Mink ist US-Korrespondent der JM Jüdische Medien AG und lebt in Connecticut.

Andreas Mink