Schwerpunkt – zukunftsangst 20. Mär 2026

Bleiben oder Gehen?

Seit dem 7. Oktober wachsen unter Juden in Europa Ängste um ihre Zukunft in ihrer Heimat.

Ende 2010 löste der liberal-rechte niederländische Politiker Frits Bolkestein internationale Empörung aus. Gegenüber einheimischen Medien erklärte er, für «bewusste», also äusserlich als solche erkennbare jüdische Bürger gebe es keine Zukunft in den Niederlanden. Wegen des Antisemitismus muslimischer Migranten riet ihnen der einstige EU-Kommissar dazu, nach Israel oder in die USA auszuwandern. Von links bis rechts stiess Bolkestein auf schockierte Reaktionen.

Fünf Jahre später rief Benjamin Netanyahu Europas Juden auf, ihre Koffer zu packen. «Israel ist euer Zuhause», betonte er inmitten der damaligen Welle islamistischer antisemitischer Attacken und versicherte «unseren Brüdern und Schwestern», man werde sie mit offenen Armen empfangen. Jüngeren Datums sind die Aufrufe des israelischen Diaspora-Ministers Amichai Chikli, der sich etwa gezielt an die jüdische Bevölkerung Belgiens oder – nach der Wahl Zohran Mamdanis zum Bürgermeister – New Yorks richtete.

Beispiel Schweiz
Ganz abgesehen davon, dass alle drei Appelle aus dem rechten politischen Spektrum kamen und insofern jeweils zum Politikum wurden: die Frage ‹bleiben oder gehen?› ist quer über den europäischen Kontinent im Zuge der jüngsten politischen Entwicklungen, und spätestens nach dem 7. Oktober und Gaza-Krieg, in jüdischen Gemeinschaften präsent. Mal stellt sie sich akuter, mal eher im Konjunktiv als mittel- oder langfristige Option. Laut Noëmi van Gelder, Präsidentin der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ), berührt eine tiefe historische Erfahrung des jüdischen Volkes und taucht immer dann auf, «wenn Sicherheit und Zugehörigkeit infrage stehen».

Bleiben wir noch einen Moment in der Schweiz, die vielleicht insofern ein typisches Land ist, als sich seine jüdische Bevölkerung lange vergleichsweise sicher fühlte, und nicht zuletzt tief verwurzelt. «Für viele jüdische Schweizerinnen und Schweizer stellt sich diese Frage gar nicht. Sie sind Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, und die Schweiz ist ihre Heimat. Jüdisches Leben ist seit Generationen Teil unserer Gesellschaft – in Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und im öffentlichen Leben. Viele Familien leben seit Jahrzehnten, manche sogar seit Jahrhunderten hier», so drückt es die ICZ-Präsidentin aus.

Minderheiten und Identität
Freilich wurde dieses Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit auch in der Schweiz in den letzten Jahren durch antisemitische An- und Übergriffe tief erschüttert. In diesem Zusammenhang stellt sich neben der Frage der persönlichen Zukunftsentscheidung auch eine gesellschaftliche: Wenn sich, wie van Gelder argumentiert, «gerade in einer demokratischen Gesellschaft die Stärke eines Landes darin zeigt, dass Minderheiten ihre Identität sichtbar und ohne Angst leben können», dringt es dann zur Mehrheit durch, dass Antisemitismus, noch einmal die Präsidentin, «nie nur ein Problem der jüdischen Gemeinschaft ist, sondern immer auch ein Prüfstein für unsere Demokratie und unsere gemeinsamen Werte»?

Aus Perspektive derer, die von der grassierenden Judenfeindschaft betroffen sind, ist ‹bleiben oder gehen?› indes eine wesentlich komplexere Frage, als dass sie sich einfach mit ‹ja› oder ‹nein› beantworten liesse. Das erklärt Ariel Muzicant, Vizepräsident des World Jewish Congress (WJC). Die Antwort darauf sei «hoch individuell und abhängig von Alter, sozialem und finanziellem Zustand der jeweiligen Person». Dementsprechend gebe es auch keine generellen Empfehlungen. «Das ist nicht schwarz-weiss», so Muzicant telefonisch aus seinem Wiener Büro. «Wer so etwas kategorisch beantwortet, ist meiner Meinung nach ein Scharlatan.»

Muzicant selbst, seit über einem halben Jahrhundert in nationalen und internationalen jüdischen Organisationen aktiv, spricht regelmässig mit seiner Familie über die Frage. Daher weiss er aus Erfahrung, wie die persönliche Lage die Perspektive prägt: «Wenn Sie 74 sind, ist zum Beispiel die medizinische Versorgung ein ganz wichtiger Faktor, oder die Sprache. Meine Enkel sprechen fliessend Hebräisch, ich nicht. Eine 18-Jährige, die gerade mit der Schule fertig ist und nach Israel studieren geht, macht relativ leicht Alija. Ein Rentner, der ausser seiner Pension keine Vermögensmittel hat, tut sich schwer, nach Israel zu gehen. Das sind zwei Extreme. Antworten gibt es also wohl so viele, wie es Juden gibt. Unsere Aufgabe in jüdischen Organisationen ist es, den Menschen zu helfen, Entscheidungen zu treffen.»

Beispiel Spanien
Aus der Perspektive von Verbänden oder Gemeinden gilt es ohnehin zunächst einen Schritt zurück zu machen. Ähnlich wie Noëmi van Gelder es für Zürich bzw. die Schweiz formuliert, so agieren diese auch andernorts im Kontext lokaler Verwurzelung, Kultur und Heimatgefühlen. Die Federación de Comunidades Judías de España (FCJE) etwa teilt auf Anfrage mit: «Jüdische Gemeinschaften in Spanien haben jahrzehntelang friedlich und normal gelebt. Das Gesetz über Religionsfreiheit garantiert, dass jeder seinen Glauben praktizieren kann, wie es ihm passend erscheint. Spanien ist unsere Heimat, und die Frage, zu gehen, stellt sich nicht. Die FCJE ist dem Wohlergehen unserer Gemeinden verpflichtet und hat die Idee, Spanien zu verlassen, niemals unterstützt. Im Gegenteil: die jüdische Bevölkerung in Spanien hat in den letzten Jahren konstant zugenommen.»

In diese Selbstverortung kann sich durchaus Sorge mischen, ohne dass dadurch die Verbindung zum jeweiligen Land in Frage gestellt wird. Aus Prag berichtet Petr Papoušek, Präsident des tschechischen Dachverbands Federace židovských obcí v ČR: «Wir haben hier ein gutes Leben. Natürlich ändert sich die Situation um uns herum, auch hier erleben wir einen Anstieg des Antisemitismus, den wir vor dem 7. Oktober nicht kannten. Aber unsere Gemeindemitglieder in der tschechischen Republik planen nicht, wegzugehen. Natürlich sind die Leute besorgt, aber ich sehe hier keinen Exodus. Da sich die Frage, zu gehen, nicht stellt, müssen wir sie auch nicht beantworten.»

Beispiel Frankreich
Gewissermassen am anderen Ende des Bedrohungsspektrums befindet sich der französische Conseil Représentatif des Institutions Juives de France (CRIF). Vom eingangs erwähnten islamistischen und antisemitischen Terror der Zehnerjahre war Frankreich besonders betroffen, auch mehrere antisemitische Morde schreckten das Land auf. Aus den zwei- bis zweieinhalbtausend jüdischen Bürgern, die jährlich Alija machten, sind inzwischen dreitausend geworden, berichtet Gérard Unger, seines Zeichens Ehren-Viepräsident des CRIF. «Das ist nicht zu vernachlässigen, aber auch kein Sturm und keine Flucht aus Frankreich», nuanciert Unger.

Die Frage ‹bleiben oder gehen?› beantwortet er zunächst mal mit Galgenhumor: «Wohin denn? Zum Mond?», und hängt an: «Das ist wohl gegenwärtig der einzige Ort ohne Antisemitismus!» Die Entscheidung, zu gehen, sieht auch der CRIF als eine individuelle. «Das muss jeder für sich entscheiden. Wir helfen dabei nicht, wir sind nicht die Jewish Agency.» Selbst hegt Unger keine Abwanderungspläne. «Aber ich bin auch beinahe 80, was willst du dann machen? Frankreich ist mein Land, ich bekämpfe den Antisemitismus so gut ich kann hier.»

Ungers Perspektive macht deutlich, dass zum Entschluss, wegzugehen, natürlich auch die Option eines besseren Lebens anderswo zählt. Migrationsforscher sprechen von ‹Push-Faktoren›, die jemand vom einen Ort abstossen, und ‹Pull-Faktoren›, derentwegen ein anderer Ort anziehend ist. Genau dieses Verhältnis hat sich seit dem 7. Oktober drastisch verändert. Die USA etwa sind keine selbstverständliche Destination für Jüdinnen und Juden mehr. In liberalen Kreisen, etwa in Brüssel, kommen zuletzt Bestimmungen wie Panama, Mexiko oder Portugal ins Gespräch. Und das ‹Zuhause› Israel ist in diesen Zeiten auch nicht mehr unhinterfragt.

Beispiel Deutschland
«Wir sehen, dass der Antisemitismus keine exklusive Problematik der Rechtsradikalen ist, sondern sich durch die ganze Gesellschaft zieht. Was wir eigentlich auch schon immer wussten, aber jetzt wird es durch die Nahostkonflikte virulent», analysiert Andrei Kovacs. Er war 2021 als Geschäftsführer bei der Initiative «Jüdisches Leben in Deutschland» beteiligt. Anschliessend gründete er den Verein «JEWLIF – Jüdisches Leben in Europa», ein Name, der durchaus als programmatisches Statement zu verstehen ist.

«Wir setzen uns dafür ein, dass die Frage, ob man bleibt oder geht, ein Wahlrecht ist. Ich möchte, dass jeder Jude für sich individuell entscheiden kann oder darf, ob er gehen möchte oder bleiben will, und nicht dazu verpflichtet ist, zu gehen. Das ist unsere Kernbotschaft. Und auch, dass es nicht die Verantwortung der Jüdinnen und Juden ist, dafür zu kämpfen, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wenn man sich die Geschichte jüdischen Lebens in Europa anschaut, sind die Gesellschaften es den Jüdinnen und Juden auch schuldig, dafür zu sorgen, dass sie sich entscheiden können.»

Beispiel Türkei
In diesem Rahmen stellen sich Kovacs und seine Familie die besagte Frage konstant. «Wie, glaube ich, jeder Jude, den ich kenne. Aber dann ist natürlich die zweite Frage: wo will man hin. Und dann wird es schwierig.» Was in seinem Fall daran liegt, dass er Deutschland durchaus zugute hält, dass es in Politik und Gesellschaft trotz allem im europäischen Vergleich noch viel Unterstützung für Jüdinnen und Juden gebe. «Das betrifft Fördermittel für Institutionen ebenso wie Solidaritätsbekundungen. Es ist kein safe haven, aber ich bin dafür wirklich dankbar und weiss das zu würdigen.»

Je weiter man sich in die Materie begibt, desto deutlicher wird: so wie für Kovacs, dessen Familie aus Ungarn stammt, der in Rumänien geboren wurde und nun in Köln wohnt, ist ‹bleiben oder gehen?› in der Regel keine kategorische Entscheidung, sondern ein konstantes Abwägen und Suchen nach Zwischenräumen. Das bestätigt auch ein Paar, das in Istanbul einen koscheren Cateringbetrieb unterhält, aber anonym bleiben möchte. Istanbul, so der Mann, sei multikulturell, man sei Kontakte zu anderen Religionen und Kulturen daher gewöhnt. Allerdings gebe es in einer solch riesigen Metropole auch grosse lokale Unterschiede, was das Leben jüdischer Istanbuler beeinflusse.

Den angesprochenen Zwischenzustand skizziert er so: «Wir haben durchaus Angst, dass etwas passieren könnte. Auch wenn es aktuell keine physische Bedrohung gibt.» In diesem Klima gebe es indessen jüdische Bewohner, die die Stadt verlassen. Eine befreundete Familie etwa, die mit zwei Kindern nach Israel gehe. Aus Angst vor Antisemitismus, und weil das Schulgeld so steige, dass sie sich dies nicht mehr leisten könnten. Auf öffentliche Schulen wollten sie die Kinder aber auch nicht schicken, aus Angst, sie könnten dort gemobbt werden.

Beispiel England
Die Frau hat ein sehr konkretes Beispiel, mit dem sie den Alltag beschreibt: «Ich bin eine junge Mutter, und ich ging kürzlich zu einem Müttertreffen. Dort waren zwei muslimische Frauen mit ihren Babys und drei jüdische. Sie fragen, warum unsere Namen anders sind. Wir sagen ihnen nicht, dass wir sephardische Juden seien. Also sagten wir, wir hätten spanische Wurzeln.» Ihr Mann ergänzt, diese Art, die eigene Identität zu verbergen, habe seit dem 7. Oktober zugenommen.

In dieser Konstellation entfaltet sich ein komplexes Szenario aus Hoffnung, Realismus und, zweifellos, manches Mal auch Resignation. Für erstere steht Mike Katz, der Vorsitzende des Jewish Labour Movement in Grossbritannien. Einerseits konstatiert er, die Jüdinnen und Juden auf der Insel fühlten sich schon lange weniger sicher als zuvor. Zugleich sähen die meisten das Vereinigte Königreich weiterhin «im Grossen und Ganzen» als ein tolerantes und diverses Land, in dem es sich gut leben und die Kinder grossziehen lässt».

Katz rühmt auch die Anstrengungen aufeinanderfolgender britischer Regierungen, die jüdische Bevölkerung zu schützen. Aktuell habe das Innenministerium gemeinsam mit der Polizei beschlossen, den «notorisch toxischen» Al-Quds-Marsch Mitte März zu verbieten und Gotteshäuser zu schützen, deren Sicherheit durch vorherige «hate marches» im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt beeinträchtigt worden sei. «Die meisten Juden, die ich kenne», folgert Katz, «denken nicht darüber nach, wegzugehen, sondern mehr Geld in höhere Zäune und verbesserte Sicherheit zu investieren.»

Beispiel Irland
Am anderen Ende des Spektrums befindet sich Jan Hartman. Der Philosophieprofessor an der Universität von Krakau, der sich regelmässig zum Thema Antisemitismus in Polen äussert, klingt in diesem Winter mutloser denn je. «Angesichts der gigantischen Welle antisemitischen Hasses, die in den zwei Jahren nach dem verhängnisvollen 7. Oktober 2023 den Westen, einschliesslich Polen, erfasste, habe ich persönlich alle Illusionen verloren, dass Antisemitismus jemals aus unserer kulturellen Landschaft verschwinden wird», schreibt er auf Anfrage.

Hartman sieht sämtliche Bildungsbemühungen unter dem Motto ‹nie wieder› als vergeblich an und verweist auf eine Kritik, die er unlängst veröffentlichte, in der er junge Jüdinnen und Juden dazu auffordert, Polen zu verlassen. «Alija ist in unserem Land ein Tabuthema – ein Tabu, das ich nun brechen möchte. Junge Menschen müssen wissen, dass sie in Polen nur dann frei von (oftmals versteckter) Diskriminierung leben können, wenn sie entweder ihre Herkunft in keiner Weise offenbaren oder sich besonders vehement der offiziellen Darstellung der historischen polnisch-jüdischen Beziehungen anschliessen.»

Wie sich dieses überaus komplexe Geflecht für einen Rabbiner verhält, erklärt Joni Wieder, der junge Chief Rabbi Irlands. «Die Entscheidung, in ein anderes Land zu ziehen, ist immer sehr persönlich, und jedes Gespräch, das ich mit Mitgliedern darüber führe, gibt natürlich ihre individuellen Familienumstände wieder. Im Allgemeinen sind, wenn Menschen sich entscheiden, umzuziehen, die Gründe eher mit Arbeit, Familie oder Lebensumständen verbunden als mit dem politischen Klima. In meiner Rolle als Chief Rabbi werde ich immer danach streben, Menschen darin zu unterstützen, starke, bedeutungsvolle jüdische Leben aufzubauen, wo auch immer sie sich entscheiden zu wohnen.»

Gekommen, um zu bleiben
In seiner Gemeinde, der Dublin Hebrew Congregation, hätte eine kleine Zahl israelischer Mitglieder unlängst beschlossen, nach Israel zurückzukehren, was aber eher Ausnahmen seien. Zudem hätten jeweils auch persönliche Gründe eine Rolle gespielt. Für die überwältigende Mehrheit eingesessener Mitglieder des irischen Judentums, so Rabbiner Wieder, kam die Idee, wegen des derzeitigen gesellschaftlichen Klimas zu gehen, nie in Frage.

«Generationen von Juden haben hier ihr Leben aufgebaut und stark zur irischen Gesellschaft beigetragen. Lange haben sie sich stolz gefühlt, Irland ihr Zuhause zu nennen, obwohl viele Menschen zur Zeit tief enttäuscht sind über die Atmosphäre in der Öffentlichkeit. Unser gemeinschaftlicher Schwerpunkt liegt daher darauf, Hass überall dort entgegenzutreten, wo es nötig ist, während wir gleichzeitig unsere Energie dafür einsetzen, dass das jüdische Leben in Irland lebendig bleibt und weiter gedeiht. Ich bin unglaublich stolz darauf, dass sich unsere Gemeinde selbst in schwierigen Zeiten nicht zurückzog, sondern standhaft blieb und ihr jüdisches Leben weiterhin mit Würde und Zuversicht lebt.»

Tobias Müller ist Journalist und lebt in Amsterdam.

Tobias Müller