Schwerpunkt – zukunftsangst 20. Mär 2026

Angst vor der Willkür

US-Migranten werden nach Südamerika abgeschoben.

Die Autorin hat die USA persönlich als Zuflucht und Hoffnung für Menschen weltweit erlebt. Die aggressive Immigrationspolitik der Trump-Regierung stellt diesen Kern der amerikanischen Identität in Frage.

Auf dem öffentlich-rechtlichen TV-Sender PBS hat eine Journalistin jüngst eine Passantin in Pennsylvania nach ihrer Meinung zum Thema Immigration befragt. In der Region baut die Trump-Regierung ein Internierungslager für diese Menschen. Die Frau gab zurück: «Ich bin für Einwanderer – nur nicht für die Illegalen.» «Illegal» ist hierzulande das Schlagwort für die Verhaftung von rund 330 000 Menschen im letzten Jahr, die meist anschliessend abgeschoben worden sind. Derzeit hält das Amt für «Immigration and Customs Enforcement» (ICE) rund 70 000 Einwanderer landesweit in eigenen Haftanstalten fest. Und während ich dies schreibe, erwirbt die Regierung in mehreren Bundesstaaten Lagerhallen und lässt diese in Haftanstalten für zusätzliche 98 000 «Illegale» umbauen.

Sicherer Ort
So müssen eben jene Menschen, die in der Hoffnung auf ein sicheres Zuhause in die USA kamen, nun genau für diese Erwartung leiden. Können die USA jemals wieder ein sicherer Ort für Flüchtlinge und Menschen sein, die hier eine bessere Zukunft für sich und ihre Familien schaffen wollen – und dabei seit jeher unschätzbar viel zum Wohl Amerikas beitragen?

Für mich und meine Familie waren sie das auf jeden Fall. Wir flohen vor Hitlers Judenverfolgung aus Kontinentaleuropa und erreichten England nur zwei Wochen vor Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939. Aber waren wir dort sicher? Ab April 1940, als der «Führer» innerhalb weniger Monate sechs Länder überfallen und erobert hatte, packte uns die Furcht, dass wir nicht weit genug geflohen waren. Wer konnte daran zweifeln, dass Hitler England als seine nächste Beute ansah? Die USA schienen der einzige Ort, der Sicherheit bieten konnte. Doch während des Krieges bestanden kaum Hoffnungen auf ein Visum. Wir empfanden unsere Lage jedoch als so verzweifelt, dass zwei Familienmitglieder eine riskante Seereise nach Panama durch von deutschen U-Booten verseuchte Gewässer unternehmen wollten, weil man dort angeblich eine Einreisegenehmigung für die USA erhalten konnte. Tatsächlich bestanden sie das gefährliche Abenteuer und konnten deshalb den Rest der Familie nach Kriegsende in die USA nachholen.

Die «Schlimmsten der Schlimmsten»
Mir war nie klar, wer diese 330 000 «Illegalen» waren, welche die Regierung im letzten Jahr mit so grossem Eifer und Kostenaufwand gejagt, inhaftiert und auch abgeschoben hat. Sicherlich konnte die Zahl der «Schlimmsten der Schlimmsten» im Land so gewaltig nicht sein, also jener «Mörder und Vergewaltiger», die laut Trump dank der angeblich laxen Einwanderungsbestimmungen der Präsidenten Obama und Biden die Südgrenze überquert hatten. Besonders verwirrend waren die Verhaftungen von «Illegalen» in Gerichtsgebäuden, wo sie zu ihren vereinbarten Anhörungen erschienen. Erst allmählich wurde klar, dass es sich bei den Festgenommenen hauptsächlich um Asylsuchende handelte – Menschen, die aus Angst vor Verfolgung in ihren Heimatländern Schutz in den USA beantragt hatten. Dennoch konnte sich Trumps wiederholte Verknüpfung von Kriminalität und Einwanderung in der öffentlichen Wahrnehmung zunächst durchsetzen. Einwanderer selbst trifft dabei keine Schuld – 70 Prozent der Festgenommenen waren nicht vorbestraft. Aber die Regierung und konservative Medien warfen sie beharrlich in einen Topf mit einer geringen Zahl von Zuwanderern, die vorbestraft waren. Dieses gezielte Manöver sollte die Politik der Massenabschiebungen rechtfertigen.

Übereilte Festnahme
Rechtlich fällt Einwanderung in die Befugnisse der Bundesregierung und entsprechende Fälle werden vor Bundesgerichten verhandelt. Für ihre massenhaften Deportationen bedient sich die Trump-Regierung zweier halblegaler Manöver: übereilte Festnahme ohne gründliche Überprüfung der Personen und sodann Abschiebung unter Vermeidung einer richterlichen Intervention. Noch verheerender sind die ständigen Änderungen der Asylbestimmungen. Dadurch konnte Schutzsuchenden ein Aufenthalt verwehrt werden.

Liegen keine Gründe für strafrechtliche Ermittlungen vor und wurden Person lediglich wegen fehlender Aufenthaltsgenehmigung festgenommen, trifft nicht ein Richter, sondern eine Verwaltungsbehörde wie die Zoll- und Grenzschutzbehörde (Customs and Border Patrol, CBP) die Entscheidung über Inhaftierung oder Abschiebung. Daher können Immigranten ohne richterliche Anhörung umgehend festgenommen und noch gleichentags in Internierungslager irgendwo im Land gebracht werden. Diese Anstalten sind keine Gefängnisse, sondern nur unzureichend ausgestattete Unterkünfte. Die harten Bedingungen sollen die «Zustimmung» von Inhaftierten zur Abschiebung fördern.

Inhaftierung wegen Fluchtgefahr
Nur wenn ein Inhaftierter einen Anwalt hat, der vor Gericht einen Antrag auf den in der Verfassung verankerten Habeas-Corpus-Schutz seiner Person stellen kann, muss der Festgenommene persönlich vor Gericht erscheinen. Erst dann kann ein Richter entscheiden, ob eine Inhaftierung wegen Fluchtgefahr notwendig ist. Die extreme Ineffizienz früherer Regierungen bei der Bearbeitung der zahlreichen Anträge war der Hauptgrund für die Gefährdung von Asylsuchenden durch Abschiebung. Manchmal dauerte es sogar Jahre, bis über ihren Antrag entschieden werden konnte. In der Zwischenzeit durften sie bleiben, solange sie sich regelmässig beim Gericht meldeten.

Viele Betroffene fanden in ihrer Wartezeit Arbeit, gründeten Familien, schickten ihre Kinder zur Schule und nahmen pflichtbewusst ihre Gerichtstermine wahr. Mehrere Gruppen genossen besonderen Schutz vor Abschiebung: Menschen, die im Rahmen eines unter Joe Biden eingerichteten Sonderprogramms einreisten; solche, die vor ihrem 16. Lebensjahr gekommen waren (die sogenannten «Dreamers»); dazu gab es Ausnahmen für Bürger bestimmter Länder, die als besonders unsicher galten. Bei seiner Rückkehr ins Weisse Haus hob Trump umgehend alle diese Unterscheidungen auf und verwandelte sämtliche Asylsuchenden in «Illegale». Menschen, die seit Jahrzehnten hier lebten, wurden festgenommen, darunter 3000 «Dreamers»und 4000 Immigranten aus Venezuela, Kuba, Asien und Afrika, viele davon Kinder.

Choas und Widerstand
Das Vorgehen gegen die «Dreamers» wurde konfus. Die praktische Suche nach «Illegalen» lag bei der im Heimatschutzministerium (DHS) angesiedelten ICE. Die zweite Bush-Administration hatte im DHS 2002 nach den Anschlägen vom 11. September zahlreiche Sicherheits- und Verwaltungsbehörden zusammengefasst, um die Bedrohung durch den internationalen Terrorismus zu bekämpfen. Die Umstellung auf die Suche nach Menschen, die nun zu «inneren Feinden» erklärt wurden, war daher kein grosses Problem. Im Sommer 2025 wurde das Jahresbudget von ICE im Rahmen von Trumps «Big Beautiful Bill»-Steuerreform auf 30 Milliarden Dollar verdreifacht. Die paramilitärische Einheit mit heute bereits 22 000 im Einsatz maskierten und schwer bewaffneten Agenten war ursprünglich für die Grenzsicherung bestimmt und wurde zur Jagd auf Einwanderer umgelenkt, welche die Trump-Regierung selbst als «Illegale» definiert hatte.

Nach relativ ruhigen Einsätzen in Los Angeles und Chicago rückten die ICE-Kräfte Anfang Januar in Minneapolis ein. Getrieben von der Erfüllung täglicher Festnahmequoten, gipfelte das rücksichtslose Vorgehen der Agenten gegen Einwanderer und Einheimische, die gegen sie protestierten, in der Erschiessung zweier US-Bürger. Sowohl das von ICE verursachte Chaos als auch der organisierte Widerstand der Bevölkerung sorgten weltweit für Schlagzeilen. Ein Foto liess eines ihrer Opfer in Minneapolis zum Symbol für die brutale Absurdität der ICE-Einsätze werden: Der fünfjährige Liam Conejo Ramos trug eine warme Hasenmütze gegen die bittere Kälte, während die Hand eines ICE-Beamten an seinem Spider-Man-Rucksack zog. Das Foto entstand, als er und sein Vater Adrian Conejo Ramos, ein Asylbewerber aus Ecuador, in ein Abschiebezentrum ausserhalb von San Antonio in Texas geflogen wurden.

Das Foto hatte auch den für seine offene Art bekannten Bundesrichter Fred Biery am Western District in Texas empört, der Vater und Sohn auf Antrag ihres Anwalts im Rahmen eines Habeas-Corpus-Verfahrens freiliess. In seiner Urteilsbegründung kritisierte der Richter das «schlecht durchdachte und inkompetent umgesetzte Streben der Regierung nach täglichen Abschiebungsquoten». Unter seine Unterschrift stellte der Richter das Foto von Liam. Ob die Regierung davon beeindruckt ist, bleibt zweifelhaft.

Monica Strauss lebt als Kunsthistorikerin und Autorin in Northampton, Massachusetts.

Monica Strauss