Die grösste Bedrohung für die amerikanische Aussenpolitik kommt von innen: eine überlastete und überhebliche Nation ist eine Gefahr für die Welt – und sich selbst.
Seit dem Ende des Kalten Krieges haben aufeinanderfolgende Präsidenten die Interessen der USA auf eine Weise verfolgt, die eben jene Interessen untergrub. Dadurch wurden die Vereinigten Staaten weniger sicher, weniger frei und – sowohl im Sinne der Gründerväter als auch in unserem eigenen – erheblich weniger glücklich. Amerikas faktische «Grand Strategy» – das Streben nach globaler Vorherrschaft – hat sich als Motor für die Entstehung von Sicherheitsproblemen erwiesen, die von unseren eigentlichen Interessen losgelöst sind, für deren Lösung die USA aber dennoch Verantwortung übernehmen müssen. Heute geht die grösste Bedrohung für unsere Interessen von innen aus: von der beharrlichen Verfolgung eines fehlgeleiteten Ansatzes bei der Sicherheits- und Aussenpolitik. Den Kurs zu ändern, wird kein leichtes Unterfangen sein. Die Zerrüttung des politischen Systems der USA verschärft nun die Pathologien der Vorherrschaft – wobei sich beide Faktoren gegenseitig nähren.
Verbündete und Wdersacher
Während des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Krieges überwanden die USA ihre historische Abneigung gegen «verstrickende Bündnisse» – um Thomas Jefferson zu zitieren –, da sie totalitären Mächten in Europa und Asien gegenüberstanden, die ihre Systeme durch massive Eroberungsfeldzüge auszudehnen suchten. Nach dem Kalten Krieg fehlten gleichrangige Rivalen, ganz abgesehen von Grossmächten, die antiliberale Ordnungen verbreiten wollten. Dennoch entschieden sich aufeinanderfolgende Regierungen dazu, Amerikas Verteidigungsverpflichtungen beizubehalten – und darauf in Europa und in Nahost noch eine ganze Reihe neuer politisch-militärischer Verantwortlichkeiten zu packen. Dahinter stand ein ungebrochenes Streben nach Vorherrschaft, das einen Grossteil der Welt in Verbündete und Widersacher gespalten hat. Dies ermutigt erstere dazu, ihre Verteidigung an die USA auszulagern, und letztere dazu, amerikanische Positionen und Präferenzen zu bedrohen. Dabei kann dies auch auf eine Weise geschehen, die eigentliche Interessen Amerikas nicht tangiert.
Kurzfristig betrachtet erschien die unipolare Vorherrschaft für Washington womöglich nicht einmal als zwingend notwendig, aber doch als kostengünstig und risikoarm. Es schien, könne niemand mehr den USA ernsthaften Schaden zufügen, während die amerikanische Macht viel Gutes bewirken könne. Auf dieser Grundlage schlossen US-Eliten einen neuen, impliziten Pakt mit der Öffentlichkeit: Amerika würde die Rolle des Weltpolizisten übernehmen – solange die einfachen Bürger dafür nur einen geringen Preis zahlen müssten. Die Nation erklärte sich somit bereit, nur minimale Lasten zu tragen, und diese wurden als angemessen gegenüber den angeblich relativ harmlosen Bedrohungen Amerikas gesehen. So nahmen Präsidenten und Senatoren in den Jahren 1999 und 2004 zehn weitere Länder in die NATO auf. Nicht etwa, weil sie (geschweige denn die breite Öffentlichkeit) diese neuen Verbündeten im Falle eines Angriffs für verteidigungswürdig hielten. Sie rechneten vielmehr nicht damit, dass eine solche Verteidigung jemals notwendig werden würde.
Verfechter der Vorherrschaft
Dabei hätte eine Strategie der Vorherrschaft den Interessen der USA durchaus dienen können – sofern damit globale Sicherheit bei insgesamt geringen Kosten und Risiken für die Amerikaner zu gewährleisten wären. Dieses Primat hätte Erfolg haben können, wenn Akteure ohne formelle Bündnisse dennochWashington Gefolgschaft geleistet hätten – oder aber so kläglich schwach geblieben wären, dass sie die amerikanische Politik weder behindern noch die weit verstreuten Positionen Amerikas hätten anfechten können. Dementsprechend stützten die Verfechter der Vorherrschaft ihre Argumentation im Zeitraum von 1991 bis 2016 auf eine von zwei Thesen: Entweder war die amerikanische Dominanz für andere Staaten dauerhaft attraktiv, weil die USA die Interessen aller berücksichtigten und eine internationale Ordnung anführten, die sämtlichen Staaten zugute kam (das liberal-internationalistische Gesicht der Vorherrschaft); oder aber die amerikanische Dominanz war derart erdrückend, dass potenzielle Widersacher ausserstande oder unwillens waren, ein Gegengewicht zu der einzigen verbliebenen Supermacht zu bilden (das realistisch-hegemoniale Gesicht). In der Praxis verschmolzen diese beiden Argumente jedoch zu einer einzigen, unwiderstehlichen und allgemein akzeptierten Doktrin der Vorherrschaft.
Verlustreiche Unterfangen
Keine dieser Hoffnungen erfüllte sich. Die globale Vorherrschaft rief eine Welt des Widerstands hervor – zunächst seitens kleinerer Staaten und terroristischer Gruppen, später dann durch ein vergrämtes Russland und ein aufstrebendes China. Allein die Anschläge vom 11. September 2001, die auf dem amerikanischen Festland 2‘977 Menschenleben forderten, hätten eigentlich belegen müssen, dass die militärische Präsenz der USA im Nahen Osten die amerikanische Sicherheit eher gefährdete als stärkte. Stattdessen stürzten diese Ereignisse die USA in ein noch verlustreicheres Unterfangen: den Versuch, terroristische Gruppen auszumerzen und ganze Länder von Grund auf umzugestalten.
Das offene Streben Moskaus und Pekings nach einem strategischen Gegengewicht hat das endgültige Urteil über die Strategie der Vorherrschaft gefällt. Dies konfrontiert Washington nun mit der realistischen Aussicht, Kriege gegen andere Grossmächte führen zu müssen – womöglich sogar mehrere gleichzeitig –, und zwar um Ziele und an Schauplätzen, die dem jeweiligen Gegner strategische Vorteile verschaffen. Viele Analysten räumen inzwischen ein, dass sich zwischen den eingegangenen Aufgaben und Verantwortlichkeiten der Nation und ihren tatsächlich verfügbaren Ressourcen eine nach dem prominenten Journalisten Walter Lippmann (1889–1974) benannte «Lippmann-Lücke» aufgetan hat. Lippmann schrieb 1943 von den Risiken einer «Lücke» zwischen strategischen Verpflichtungen und materiellen Fähigkeiten zu deren Erfüllung.
Doch eine solche Überdehnung der Kräfte ist lediglich eine Erscheinungsform eines tiefer liegenden Problems: der Übernahme zu vieler Verpflichtungen. Den USA fehlt es nämlich nicht nur an der militärischen Kapazität, um – mit Streitkräften, die eigentlich nur auf die Führung eines einzigen Krieges ausgelegt sind – gleichzeitig an drei verschiedenen Kriegsschauplätzen zu kämpfen. Zudem mangelt es den USA sowohl an den nationalen Interessen als auch am politischen Willen, vielen Verteidigungspflichten tatsächlich nachzukommen. Folglich wird die Nation auch nicht die erforderlichen Ressourcen mobilisieren, um die «Lippmann-Lücke» zu schliessen. Und dies wird sie auch künftig nicht tun – es sei denn, sie würde durch einen massiven Krieg dazu gezwungen. Der Ausbruch eines solchen Krieges wäre jedoch an sich schon ein inakzeptables strategisches Versagen.
Populistische Ressentiments
Im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts haben sich die politischen Entscheidungsträger der USA zwar auf den Grossmächtewettbewerb eingestellt, doch ihr politisches System hält weiterhin an jenem Gesellschaftsvertrag der Nachkriegszeit fest, der in den 1990er Jahren geschmiedet wurde.
Das amerikanische Volk glaubt einfach nicht, dass aussenpolitische Ziele grosse Opfer rechtfertigen. Irak, Afghanistan, Ukraine, Gaza – jeder dieser Konflikte verlor die Unterstützung der Öffentlichkeit lange bevor er den Rückhalt der Eliten einbüsste, und schürte dabei populistische Ressentiments. Wenn Politiker des politischen Mainstreams sich zusammentun, um einen zweifelhaften Krieg nach dem anderen zu führen und aufrechtzuerhalten – während sie nicht einmal ansatzweise in der Lage sind, die ungedeckten Bedürfnisse im eigenen Land zu befriedigen –, dann leidet die Demokratie darunter. Und wenn die Demokratie leidet, können demagogische Führer die Unzufriedenheit der Bevölkerung für ihre Zwecke nutzen, ohne dabei die US-Aussenpolitik auf einen solideren Kurs zu bringen.
Prämisse der Öffentlichkeit
Mir erscheint die kritische Würdigung der anhaltenden Fehler Amerikas wichtiger als der Entwurf eines konkreten Fahrplans für eine sich rasant wandelnde Zukunft. Gleichwohl baue ich auf die Prämisse, dass die Öffentlichkeit zu Recht eine weniger kostspielige Aussenpolitik einfordert. Um Verpflichtungen wieder mit Interessen in Einklang zu bringen, sollten die USA erstere systematisch reduzieren anstatt beharrlich daran festzuhalten, letztere immer weiter aufzublähen. Damit wird ein Rückzug aus dem Nahen Osten, die Umschichtung von Verteidigungslasten auf europäische Verbündete und eine Strategie der kompetitiven Koexistenz mit China in Asien notwendig.
Im Nahen Osten besitzen die USA nur wenige dauerhafte, vitale Interessen – im Gegensatz zu jenen «Interessen», die erst durch das dortige Engagement geschaffen wurden. Jene vitalen Interessen, die Amerika tatsächlich noch hat – wie etwa die Offenhaltung wirtschaftlich bedeutender Seewege –, lassen sich am besten durch eine politisch neutralere Haltung und eine weitgehend auf den maritimen Raum beschränkte militärische Präsenz sichern. Man betrachte den aktuellen Konflikt mit dem Iran: Bis Ende Februar waren nur wenige Umstände denkbar, die Teheran zu einer Blockade der Strasse von Hormus hätte veranlassen können. Dazu gehörte der Angriff stärkerer Mächte mit dem Ziel, das Regime zu zerstören oder handlungsunfähig zu machen. Genau dies haben die USA – im Schulterschluss mit Israel – jedoch ab dem 28. Februar getan. Dieser Angriff mag strategisch unlogisch erscheinen und ist doch die logische Konsequenz einer Politik, die Region über Jahrzehnte hinweg in «Freunde» und «Feinde» zu unterteilen und sich dadurch die Konflikte der Region zu eigen zu machen (wobei sie diesen Konflikten noch ihr eigenes, überproportionales Gewicht hinzufügte).
Sicherheitsgarantie der NATO
In Europa hat eine Strategie der Vorherrschaft ebenfalls ein absehbares Ergebnis produziert: demokratische, aber zugleich entmilitarisierte und abhängige Verbündete, die einem feindseligen Russland gegenüberstehen – einem Russland, das zwar akute Bedrohungen unmittelbar an seinen Grenzen darstellt, jedoch nicht in der Lage ist, die gesamte Region zu dominieren. Sollte Moskau die Sicherheitsgarantie der NATO auf die Probe stellen, so läge es an den europäischen Staaten, die russischen Streitkräfte zu konfrontieren. Sie haben ein grösseres Interesse an der Sicherung und dem Wohlstand des gesamten Kontinents als die USA und verfügen letztlich über mehr Ressourcen für Abschreckung und Verteidigung. Das Bündnis sollte das Gros der konventionellen Lasten im Laufe des nächsten Jahrzehnts auf die Europäer selbst verlagern und gleichzeitig schrittweise einen Weg finden und umsetzen, der europäischen Ländern die nukleare Abschreckung unabhängig von den USA ermöglicht.
Nur im asiatisch-pazifischen Raum könnte ein einzelner illiberaler Staat über die materiellen Kapazitäten zur Errichtung einer Hegemonie verfügen, wäre Washington nicht Teil einer ausgleichenden Koalition. Aus diesem Grund sollten die USA eine starke Militärpräsenz in der Region aufrechterhalten. Dennoch sollten sie versuchen, die chinesische Macht auszubalancieren, anstatt sie zu übertreffen, und Massnahmen ergreifen, um das Kriegsrisiko zu verringern. Neben der Rückkehr zur Ein-China-Politik und zur «doppelten Abschreckung» sollten künftige Präsidenten Taiwan zur Entwicklung von Fähigkeiten drängen, Invasoren mit Militärhilfen und wirtschaftlicher Unterstützung der USA, aber ohne militärische Intervention abzuwehren. Die Strategie der USA sollte darauf abzielen, Pekings regionale Dominanz zu verhindern und der Stärkung der Selbstverteidigung von Verbündeten und Partnern höhere Priorität einzuräumen als dem Engagement in einem Konflikt in der Strasse von Taiwan.
Völkerrechtswidrige Kriege
Eine Strategie des selektiven Rückzugs, die Sicherheit in Asien und die Förderung der Demokratie im eigenen Land priorisiert, birgt auch Nachteile. Eine geringere Präsenz der USA wird Verbündete und Partner stärker belasten. Dies kann kurzfristig zu Instabilität führen, insbesondere im Nahen Osten, bis sich ein neues Gleichgewicht einstellt. Doch dieselben Probleme entstehen, weil die USA nach Vorherrschaft streben. Verbündete sehen sich steigenden Kosten gegenüber und erhalten im Gegenzug einen zunehmend fragwürdigen Schutz. Washington destabilisiert die internationale Ordnung durch völkerrechtswidrige Kriege und wirtschaftlichen Zwang. Und die hegemoniale Position macht die USA direkt für eine Vielzahl globaler Probleme verantwortlich und rückt sie in den Mittelpunkt künftiger, grösserer Konflikte.
Das Festhalten an der Vorherrschaft birgt die Gefahr einer strategischen Katastrophe. Was in der unipolaren Weltordnung mit einer starken Demokratie schlecht funktionierte, wird heute nicht besser klappen. Ein überlastetes Amerika ist eine Gefahr für die Welt und für sich selbst.
Stephen Wertheim ist Senior Fellow im Programm für amerikanische Staatskunst der Carnegie Endowment for International Peace. Er publiziert als Historiker zu Themen und Konzepten der US-Aussenpolitik seit dem späten 19. Jahrhundert, um aktuelle Probleme der US-Strategie und -Diplomatie zu beleuchten. Sein Buch «Tomorrow, the World: The Birth of U.S. Global Supremacy» (Harvard University Press, 2020) gilt als grundlegende Studie. Im akademischen Jahr 2025/26 ist er Gastdozent an der Yale Law School.