Ein Gespräch mit der Comedian, Schauspielerin, Autorin und Produzentin Lucy Pohl.
Aufbau | Fangen wir doch einfach damit an: Wer ist Lucy Pohl?
Lucy Pohl | Ach, wenn ich das wüsste! Also, Lucy Pohl ist eine in Hamburg geboren und in New York aufgewachsene deutsche, jüdische, rumänische und jetzt auch amerikanische Comedian, Schauspielerin, Autorin und Produzentin.
Aufbau | Und Sie sprechen sowohl Deutsch wie auch Englisch akzentfrei. Wie kommt das?
Lucy Pohl | Ich bin mit fast neun nach New York gezogen und hier auf die UN-Schule gegangen. Zu Hause haben wir Deutsch gesprochen. Nach dem Abitur habe ich in Berlin Schauspiel studiert, dann in Deutschland angefangen zu drehen, Film und Fernsehen, ein bisschen Theater zu spielen, bin dann 2009 wieder zurück nach New York gezogen und habe hier meine Schauspieler-Comedian-Karriere weitergeführt.
Aufbau | Hier in New York machen Sie Ihre monatliche Comedy Show «Immigrant Jam». Erzählen Sie uns davon.
Lucy Pohl | Immigrant Jam habe ich 2017 angefangen, als Trump zum ersten Mal Präsident wurde und anfing darüber zu sprechen, dass er alle Ausländer abschieben will. Ich war zu dem Zeitpunkt noch keine Staatsbürgerin, hatte als Ausländerin zum ersten Mal Angst und dachte, ich will was machen, was das Migrantendasein zelebriert und feiert. Also habe ich mir diese Show ausgedacht, «Immigrant Jam», wo Comedians, die Immigranten sind, auftreten. Also First Generation oder No Generation Immigrants Comedy. Es geht darum, zu zeigen, dass es schön ist, einen Akzent zu haben und von woanders zu sein, dass man die Unterschiede zelebrieren und feiern kann.
Aufbau | Und Ihre rumänische Seite?
Lucy Pohl | Kommt von meiner in Bukarest geborenen Mutter Sanda Weigl, die Sängerin ist und früher auch Theaterregisseurin war. Ihr Vater Egon Weigl war ein Neuropsychologe, der 1933 aus seiner Position als Professor und Forscher wegen seines Jüdischseins entlassen wurde. Als deutscher Jude wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen, und er ging über Prag nach Rumänien, weil dort seine Schwester lebte, die mit einem Rumänen verheiratet war. Zu dem Zeitpunkt war Rumänien noch nicht faschistisch. Er arbeitete dort weiter als Wissenschaftler, bis er dann 1940 ins Gefängnis kam und auch zum Tod verurteilt wurde. Doch er hatte das Glück, dass der Krieg endete, bevor er hingerichtet wurde. Meine Grossmutter mütterlicherseits, Irina Weigl, war rumänische Jüdin, sie kam aus einer kleineren Stadt nahe Moldawien und hat den Krieg auch irgendwie überlebt.
Aufbau | Und wie kam Ihre Mutter dann nach Deutschland?
Lucy Pohl | Anfang der 1960er Jahre, als die Kommunisten in Rumänien an der Macht waren, wurden meine Grosseltern sehr arm. Dann kam (Bertolt Bechts Witwe) Helene Weigel auf ein Gastspiel nach Bukarest, sah, dass ihr Cousin wahnsinnig arm war und sagte: «Ich kann euch doch nach Ost-Berlin bringen. Wenn es euch da nicht gefällt, dann könnt ihr woanders hingehen, aber ich kann dir da wieder eine Position an der Uni besorgen und du kannst wieder arbeiten und weiterforschen.» So kam meine Mutter mit ihren Eltern im August 1961 in Ost-Berlin an; eine Woche später wurde dann die Mauer gebaut, und so konnten sie natürlich nicht mehr weg.
Aufbau | Und Ihr Vater?
Lucy Pohl | Mein Vater, der Schriftsteller und Schauspieler Klaus Pohl, ist Deutscher. Seine Familie mütterlicherseits kam aus Schlesien. Mein Grossvater hat im Krieg Kabel für Radios verlegt und ist auf eine Landmine getreten, sein Bein wurde ihm weggesprengt. Er wurde dann nach Hause geschickt, und nur eine Woche später wurde sein ganzes Bataillon von den Russen in Kriegsgefangenschaft genommen. Die Familie wurde nach dem Krieg nach Bayern umgesiedelt, wo sie irgendwie auch totale Ausländer waren, da sie ja kein Bayrisch sprachen. Mein Vater wurde in Rothenburg ob der Tauber geboren.
Aufbau | Und wo haben die beiden sich kennengelernt?
Lucy Pohl | Am Theater. Meine Mutter war Regieassistentin und mein Vater war am Theater in München.
Aufbau | Und warum sind sie nach New York gezogen?
Lucy Pohl | Mein Vater hatte zur gleichen Zeit zwei grosse Riesenerfolgsstücke laufen («Karate-Billi kehrt zurück» und «Die schöne Fremde», beide 1991). Das hiess, dass sie ein bisschen mehr Geld in der Tasche hatten als sonst. Also nicht unendlich viel, aber so viel, dass sie sich sagten, sie wollten mal eine Zeit lang mit uns weg aus Deutschland, damit wir, meine Schwester und ich, eine andere Sprache lernen und die Erfahrungen haben, die sie nicht haben konnten. Sie hatten eigentlich überlegt, nach Italien zu ziehen. Da meine Mutter aber noch nie in New York gewesen war, reisten meine Eltern zusammen nach New York, und meine Mutter verliebte sich total in die Stadt. Und dann sagten sie: gut, wir gehen mal für sechs Monate oder vielleicht ein Jahr nach New York. Der Rest ist Geschichte.
Aufbau | Und daher sind Sie in New York aufgewachsen. Wie war es dann, nach Deutschland zurückzukommen?
Lucy Pohl | Wir waren immer im Sommer in Deutschland, und als Teenager hat man natürlich in Europa viel mehr Freiheit als in den USA. Aber es war auch ein Kulturschock. Wenn man in New York aufwächst und dazu auch noch auf die UN-Schule geht, dann denkt man natürlich, dass es überall so ist, dass alle von woanders sind. Als Kind denkt man gar nicht darüber nach, dass das irgendwie besonders sei oder dass es woanders nicht so wäre. Als ich nach Berlin gezogen bin, war dieses Fremdheitsgefühl extrem. Ich habe sehr schnell gemerkt, dass ich nicht eine Deutsche bin.
Aber ich habe mich eben auch nicht amerikanisch gefühlt. Das ist auch das Problem, wenn man in New York lebt und aufwächst. Das ist effektiv eine sehr andere, eine eigene Identität, die mit dem Amerikanischsein nicht so viel zu tun hat. Meine Eltern haben sich auch nicht assimiliert. Mein Vater spricht immer noch nicht wirklich gut Englisch und hat auch nie auf Englisch geschrieben und immer weiter in Deutschland oder in deutschsprachigen Ländern gearbeitet. Und meine Eltern sind Künstler, und das ist halt auch nochmal eine andere Welt von Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin.
Aufbau | Was bedeutet Ihnen New York?
Lucy Pohl | New York war immer eine Stadt, wo ich mich einfach frei gefühlt habe und wo die Menschen zu Hause sind, die nirgendwo zu Hause sind oder die die Vielfalt der Welt lieben und zelebrieren. New Yorker haben ja diesen Ruf, dass sie unfreundlich sind, was ich überhaupt nicht so empfinde. Ich finde, die Leute sind hier einfach offen und freundlich, und die Tatsache, dass dieser verrückte Schmelztiegel von Menschen funktioniert, ist eigentlich eine Unmöglichkeit. Aber er funktioniert, eben wegen der Menschen hier. Ich bin hier aufgewachsen, bin seit über 30 Jahren in New York, und ich entdecke immer noch neue Sachen, neue Menschen und neue Kulturen und neues Essen. Der Rhythmus der Stadt, also die Schnelligkeit der Stadt und die Verwandlungsfähigkeit, die Wandlungsfähigkeit der Stadt, dass sie sich immer wieder, ständig verändert, das inspiriert mich immer wieder.
Aufbau | Zu guter Letzt: sagen Sie uns etwas zu Ihrer jüdischen Identität?
Lucy Pohl | Ich bin nicht religiös aufgewachsen und meine jüdischen Grosseltern mütterlicherseits waren Intellektuelle, für die jüdische Religion keine Rolle spielte. Meine Oma hat immer gesagt, die Nazis hätten ihr gesagt, sie sei jüdisch, trotzdem sie halt nicht mehr religiös gewesen sei, obwohl sie religiös aufgewachsen war. Meine Mutter hat erst mit zehn erfahren, dass sie jüdisch ist. Ihre Eltern hatten es ihr zunächst nicht gesagt, da man sie schützen wollte. Als wir in Deutschland lebten, war das Judentum daher kein Thema, aber als wir nach New York zogen und Judentum ganz anders erlebten, haben wir es mehr angenommen. Als ich dort zur Schule ging und an jüdischen Feiertagen die jüdischen Kinder zu Hause blieben, habe ich gedacht, ich sei ja auch jüdisch, da könne ich doch auch zu Hause bleiben.
Aber im Ernst, ich habe mich hier immer mehr mit dem Judentum auseinandergesetzt. Das Gefühl des Fremdseins, das Gefühl, kein Zuhause zu haben, ist in meiner DNA. Man nennt das oft «Generational Trauma», und je älter ich werde, desto mehr setze ich mich damit auseinander. Auch damit, was uns weggenommen wurde, etwa die Kariere meines Grossvaters, die durch die Nazis zerstört wurde. Seit dem 7. Oktober denke ich natürlich viel darüber nach, was es bedeutet, jüdisch zu sein. Ich denke, als Europäerin ist dies für mich eine andere Erfahrung als für die amerikanischen Juden, die seit mehreren Generationen hier leben. Ich denke viel darüber nach, wie all das mich prägt, habe aber keine klare Antwort. Ich bin jüdisch. Ich fühle mich jüdisch. Ich bin nicht religiös. Ich habe nicht die gleiche Grundlage, die religiöse Juden haben, was ich manchmal schade finde, aber es ist auf jeden Fall Teil meiner Identität.
Julian Voloj ist Journalist und Fotograf. Er lebt in New York.