Von der Flucht vor den Nazis bis zur bahnbrechenden Entdeckung eines Fruchtbarkeitshormons: Bruno Lunenfeld blickt mit fast 99 Jahren auf ein Leben zurück, das er selbst als «Wunder» bezeichnet.
Rom 1957. Vor einem guten Dutzend Zuhörern hielt der 30-jährige Mediziner Dr. Bruno Lunenfeld einen spektakulären Vortrag. Was der junge Forscher den Experten zu sagen hatte, bot eine Lösung für ein jahrtausendealtes Problem: Unfruchtbarkeit. Er erklärte, dass sich aus Frauenharn ein Hormon gewinnen und daraus ein Präparat herstellen liesse, das Abhilfe schaffen könnte. Daraufhin schlossen sich Männer der Wissenschaft und des Glaubens zusammen, um ein Projekt anzustossen, das ungewollt kinderlosen Frauen auf medikamentösem Weg zu einem Baby zu verhelfen versprach. Der Schlüssel dazu: Urin römischer Nonnen. Mit Einwilligung des Vatikans sammelten Ordensfrauen in den Klöstern ihr kostbares Gut und spendeten es für den guten Zweck. So begann, in Kooperation von Wissenschaft, Industrie und Kirche, eine Hilfsaktion, die Paaren auf der ganzen Welt zu Nachwuchs verhalf.
Aufbau | Sie stehen kurz vor Ihrem 99. Geburtstag und sind nach wie vor in der Welt unterwegs. Wie geht es Ihnen und wo treffen wir Sie heute an?
Bruno Lunenfeld | Ich lebe überwiegend in Florida, reise immer noch viel und halte Vorträge, meistens via Zoom. Gerade waren meine Frau Pnina und ich in Paris, haben «Die Walküre» von Richard Wagner genossen und in Wien den «Faust». Nun sind wir in Israel, um meine beiden Söhne, acht Enkel und zehn Urenkel – Nummer elf ist unterwegs – zu besuchen.
Aufbau | Sie wurden im Februar 1927 in Wien geboren. Welche Erinnerungen haben Sie an die Stadt von damals? Wie war es dort Anfang der Dreissigerjahre?
Bruno Lunenfeld | Bis Juni 1938 war mein Leben noch normal, wenngleich ich zu Hause Spannungen spürte. Nach der Verhaftung meines Vaters wurde es unangenehm. Eines Abends wurde meine Mutter von Nazis abgeholt und musste die Strasse schrubben, als Juden und Jüdinnen im Rahmen der sogenannten «Reibpartie» mit Bürsten Reib- und Putzarbeiten auf Gehwegen verrichten mussten. Leo, unser Chauffeur, folgte ihr heimlich auf seinem Motorrad und brachte sie später in der Nacht wieder nach Hause.
Aufbau | Was haben Sie gespürt von den politischen Veränderungen?
Bruno Lunenfeld | Im Schopenhauer-Realgymnasium mussten alle Schüler aufstehen, wenn der Lehrer eintrat, und «Heil Hitler» salutieren. Als Jude hatte ich aufzustehen, aber zu schweigen. Eines Tages wurde ich nach der Schule von vier Jungen attackiert. Sie nannten mich einen «Drecksjuden» und durchschnitten die Schnürbänder meiner Schuhe. Ich weigerte mich, wieder in die Schule zu gehen, aber Leo versprach, mich jeden Morgen hinzubringen und jeden Nachmittag wieder abzuholen, mit seinem Motorrad. Im Juli 1938 wurde mir untersagt, weiterhin das Realgymnasium zu besuchen. Stattdessen wurde ich für die Hauptschule angemeldet. Doch das war insofern ein Glück, als wir dort kein Latein mehr pauken mussten, sondern Englisch gelehrt wurde.
Aufbau | Ihr Vater war als Jurist unter anderem für das habsburgische Kaiserhaus tätig. Was hat er gemacht? Wie sah der Alltag Ihrer Familie aus?
Bruno Lunenfeld | Unter dem Vorwand, die Olympischen Spiele 1936 zu besuchen, waren wir im August nach Berlin gereist. Mein Vater musste längst mit einigen seiner jüdischen Anwaltskollegen gesprochen haben, die nach Erlass der Nürnberger Gesetze im September 1935 ihren juristischen Beruf nicht mehr ausüben durften. Unser Besuch in Berlin bestätigte meinen Vater in dem, was er für die Zukunft unheilvoll heraufdämmern sah. Schon kurz nach dem Erlass war er nach Tel Aviv gereist und hatte ein Haus in der dortigen Gordon Street Nummer 4 gekauft. Am 5. Mai 1936 war er nach Wien zurückgekehrt. Am 12. März 1938 marschierten die Deutschen ein. Freunde meines Vaters drängten ihn, Österreich so schnell wie möglich zu verlassen. Unglücklicherweise verliessen wir das Land nicht – warum, weiss ich nicht. Der 22. Juni 1938 war der Geburtstag meines Vaters. Wir wollten feiern. Am Nachmittag erhielten wir einen Anruf aus seinem Büro: Polizisten hätten ihn und seinen Bruder «Bibi» abgeholt. Später erzählte Leo uns, er sei dem Polizeiauto gefolgt, es sei zum Gestapo-Hauptquartier in Wien im Metropol Hotel gefahren. Dr. Jakob «Bibi» Lunenfeld wurde am 24. Juni 1938 in einem Zug Richtung Dachau erschossen, vor den Augen seines Bruders. Man schickte uns die Asche, wir hielten sie für die meines Vaters. Erst drei Wochen später erreichte uns die erste Nachricht von ihm. Meine Mutter liess die sterblichen Überreste Bibis in unserem Familiengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof bestatten.
Aufbau | Ende 1938 mussten Sie emigrieren und kamen auf die britische Insel.
Bruno Lunenfeld | Meiner Mutter gelang es, mich im Dezember 1938 mit einem der letzten «Kindertransporte» nach England zu schicken. Am 20. Dezember in Harwich angekommen, wurden wir in einem Camp in Dovercourt, Essex, untergebracht. Der Plan war, uns an Pflegeeltern zu vermitteln. Mitnehmen durften wir nur, was in einen Rucksack passte. In meinen steckte ich ein «Winnetou»-Buch von Karl May, einen Kompass und eine Landkarte von Grossbritannien, außerdem 10 Pfund in meine Socken. Adoptieren lassen wollte ich mich nicht. Ich wusste, dass der Bruder meiner Mutter, zu dem wir jedoch den Kontakt verloren hatten, in London lebte und ich ihn finden musste. Heiligabend entwischte ich mitten in der Nacht aus dem Camp. Ich fand Bahngleise und folgte ihnen bis zum Bahnhof. Dort wartete ich bis zum Morgen und kaufte mir von den zehn Pfund ein Ticket nach London, ohne dass irgendjemand mir, dem Elfjährigen, auch nur eine Frage gestellt hätte. Am 25. Dezember kam ich frühmorgens in London an. Die vielen Menschen im Bahnhof fand ich sehr beängstigend. Dann sah ich einen Polizisten und erklärte ihm in den paar Brocken Englisch, die ich konnte, dass ich vor den Nazis in Österreich geflüchtet, per Kindertransport nach Dovercourt gekommen und von dort getürmt sei, weil ich nicht adoptiert werden wollte, denn mein Onkel lebe in London und ich bräuchte Hilfe, um ihn zu finden. Der Polizist nahm mich mit zu sich nach Hause, seine Frau liess mir ein Bad ein und wusch meine Kleidung. Am 28. Dezember hatte der Polizist meinen Onkel Adolf «Dolu» Hornung in London, Belsize Park, ausfindig gemacht. Der brauchte nun einen Anwalt, um mein Davonlaufen aus dem Heim und unser Zusammenfinden zu erklären.
Aufbau | In England besuchten Sie ein Internat. Stimmt es, dass dabei die einstige österreichische Kaiserin Zita eine wichtige Rolle spielte?
Bruno Lunenfeld | Ich kam nach Seafield Park, eine traditionsreiches Internat für Jungen, das auf eine Kadettenschule beziehungsweise eine mögliche Navy-Laufbahn vorbereitete. Dass ich dort angenommen wurde, kam wohl mit Hilfe der Kaiserin Zita zustande, aber ich weiss nichts Genaues. Die Ferien verbrachte ich bei meinem Onkel in London. Als die Bombardements auf die Stadt einsetzten, wurde ich evakuiert und in derWykeham House School in Worthing angemeldet. Dort blieb ich bis Januar 1940.
Aufbau | Ein einflussreicher Beamter erreichte die Freilassung Ihres Vaters aus dem KZ. Wie das?
Bruno Lunenfeld | Der Vater eines Mitschülers war hochrangiger Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes. Ich erzählte ihm, was meinem Vater widerfahren war, und er sagte, er könne helfen. Ich hatte keinen Schimmer, wie mein Vater – er war im Oktober von Dachau nach Buchenwald verlegt worden – von dort freikommen konnte. Mein Vater hat nie darüber gesprochen. Und ich habe ihn aus mir heute unerfindlichen Gründen nie gefragt.
Aufbau | Sie verliessen England, gelangten über Paris nach Südfrankreich und von dort nach Haifa.
Bruno Lunenfeld | Am 29. Januar 1940 reiste ich von Dover via Dieppe und Paris nach Marseille und weiter nach Palästina. Dort sah ich am 22. Februar meine Eltern, die Ende August 1939 zusammen nach Palästina gekommen waren, wieder. Im Juni erklärte Italien den Krieg, eine Überquerung des Mittelmeeres wäre nun nicht mehr möglich gewesen. Ich habe einen kompletten Blackout, was diese Reise betrifft. Das Haus in der Gordon Street wurde nun mein Zuhause, und ich musste Hebräisch lernen. Die dritte Sprache, die sechste Schule. Und die Bibel studieren, für meine verspätete Bar Mizwa. Meine Mutter hatte es bewerkstelligt, einen Grossteil unserer Möbel und andere Habe nach Tel Aviv schicken zu lassen. Ich habe nie irgendwelche Fragen gestellt.
Aufbau | Wann wussten Sie, dass Sie Ihr Leben der Wissenschaft widmen würden?
Bruno Lunenfeld | Mein bester Freund Jacky Becker war an Polio verstorben. Deswegen entschied ich mich, Medizin zu studieren. Der Dritte in unserem Bunde, Ralph Haber, belegte Chemie. Ich machte meinen Abschluss in Jerusalem 1945. Weil Soldaten an Universitäten Vorrang hatten und es damals keine medizinische Hochschule in Palästina gab, startete auch ich mit Chemie. Dann erhielt ich einen Platz an der Medizinischen Hochschule in Genf und fing im Oktober 1946 dort an.
Aufbau | Auch ihr privates Leben nahm in der Schweiz eine entscheidende Wendung.
Bruno Lunenfeld | Am 30. Dezember 1946 fuhr ich mit einer Kommilitonin nach Argentière. Tags darauf gingen wir Eislaufen in Chamonix und trafen einen Freund und dessen Begleitung, Susy. 1951 heirateten Susy und ich. Sie starb traurigerweise 1996 an Brustkrebs.
Aufbau | Sie arbeiteten bei dem berühmten Professor Hubert de Watteville (1907–1984) in Genf. Was war Ihre Aufgabe in seinem Labor?
Bruno Lunenfeld | Nachdem ich 1952 mein Examen in der Tasche hatte, begann ich bei ihm mit meiner Doktorarbeit. Ich führte Bio-Assays durch, bei denen die Wirkung einer Substanz auf Zellen oder Gewebe untersucht wird.
Aufbau | Und machten dann eine entscheidende Entdeckung. Erinnern Sie sich an das Gefühl damals? War Ihnen gleich bewusst, wie bedeutsam dieser Moment war?
Bruno Lunenfeld | Während meiner Arbeit bei Professor de Watteville über die Effekte von Östrogen und Testosteron (Präparat «Femandren» von Ciba, Basel) erkannten wir, dass wir Gonadotropin extrahiert hatten und postmenopausaler Urin davon besonders viel enthält. Und schlussfolgerten, dass die hormonellen Effekte einerseits genutzt werden könnten, um die Eizellfollikelreifung zu stimulieren (desgleichen die Spermatogenese) und so unfruchtbaren Patienten helfen zu können, anderseits für die Schwangerschaftsverhütung sowie zur Linderung von Wechseljahresbeschwerden. Ich musste entscheiden, welchen dieser wissenschaftlichen Wege ich einschlagen wollte, und entschied mich für die Behandlung von Infertilität. Nie hätte ich geglaubt, dass es meine grösste Leistung sein würde, rund um den Globus mehr als 13 Millionen Paaren zu ermöglichen, ein leibliches Kind zu bekommen.
Aufbau | Das Jahr 1957 brachte den Durchbruch.
Bruno Lunenfeld | 1957 lud mich der Forschungsdirektor Dr. Piero Donini nach Rom ein, um das Istituto Farmacologico Serono zu besuchen. Ich präsentierte unsere Ergebnisse, aber konnte die Verantwortlichen nicht überzeugen, in die Sache einzusteigen.
Aufbau | Das hätte das Aus bedeuten können. Dann kam Prinz Pacelli ins Spiel. Was war seine Rolle?
Bruno Lunenfeld | Glücklicherweise war einer der Serono-Direktoren, Don Giulio Pacelli, ein Repräsentant des Vatikans und Neffe des Papstes Pius XII., an meinem Vorschlag interessiert. Wie aber liesse sich an die benötigten Mengen Urin kommen? Pacelli verkündete, dass täglich Harn in den Alterssitzen der Nonnen gesammelt werden könnte. Das überzeugte Serono. Etwa 300 römische Ordensfrauen trugen dazu bei. Ihr Engagement ermöglichte Produktion im grossen Stil. Rom war nur der Beginn. Die Gewinnung weitete sich aus: Italien, Spanien, Südamerika. Auch Freiwillige in Israel gehörten dazu. Viele Spenderinnen strickten sogar Jäckchen und Strampler für die erhofften Babys.
Aufbau | Wie war die Verbindung zwischen Serono und Vatikan?
Bruno Lunenfeld | Seit 1952 hielt der Vatikan eine grössere Beteiligung am Istituto Farmalogico Serono. Prinz Pacelli fungierte als Repräsentant im Board. 1969 entschied Papst Pius, das Vermögen des Vatikans unter anderem mit Hilfe von Serono-Chef Fabio Bertarelli zu transferieren. Ab 1974 wurden Anteile vom Vatikan erworben, 1977 war das Unternehmen nach Genf verlagert.
Aufbau | Sie kehrten 1954 nach Israel zurück, mitbegründeten unter anderem 1958 die Israel Endocrine Society, forschten am Weizman Institute und arbeiteten von 1962 bis 1995 als Head of the Institute of Endocrinology am (heutigen) Sheba Medical Center in Tel Aviv. Wollten Sie dazu beitragen, dass nach der Zäsur durch Weltkrieg und Holocaust wieder mehr (jüdische) Kinder geboren werden?
Bruno Lunenfeld | Sicher lag mir daran, dass es mehr jüdische Kinder gab, aber nicht nur jüdische. So viele Eltern hatten ihre Kinder verloren.
Aufbau | Stimmt es, dass israelische Patientinnen das Serono-Medikament kostenlos bekamen?
Bruno Lunenfeld | Ja. Eine Zeit lang war das (abgesehen von Reisekosten) die einzige Gegenleistung von Serono, die ich erhielt. Sie stellten auch sämtliches Equipment zur Verfügung für das endokrinologische Labor, das ich aufbaute. Erst später übernahmen Versicherungen die Kosten für «Personal.»
Aufbau | Welche Rückschläge und Enttäuschungen mussten Sie bewältigen?
Bruno Lunenfeld | In meiner klinischen und wissenschaftlichen Karriere eigentlich keine. Politisch habe ich meine Jugend für den Aufbau Israels gegeben, als eine Demokratie, in der Juden und Araber in Frieden zusammenleben könnten. Ich glaubte an die «Declaration of Independence». Für das Gesundheitsministerium vertrat ich internationale Beziehungen, hatte in den Siebziger- und Achtzigerjahren entsprechende Positionen inne, beriet die WHO usw. Nach dem Mordanschlag auf Ministerpräsident Rabin änderten sich die Dinge. Die religiösen Parteien wurden stärker und stärker, die Regierung rechter und rechter, langsam ein «theofaschistischer Staat». Das war meine grösste Enttäuschung.
Aufbau | Sie sind vielen berühmten Persönlichkeiten begegnet, darunter Jitzhak Rabin. Wie haben Sie sich kennengelernt?
Bruno Lunenfeld | Als ich 1954 nach Israel zurückkehrte, wurde ich zum Militär eingezogen und Sanitätsoffizier. 1959 verliess ich die Armee, als Major und «Division Medical Officer». Unterzeichnet hatte das Jitzhak Rabin, damals General. Später wurden wir Nachbarn und dann Freunde.
Aufbau | Wann lernten Sie Patrick Steptoe und Robert «Bob» Edwards kennen, die die In-vitro-Fertilisation (IVF) entwickelten? Bei IVF ist vorherige hormonelle Stimulation üblich, um möglichst mehrere Eizellen zu gewinnen.
Bruno Lunenfeld | Bob und ich begegneten uns erstmals während eines Kongresses in Chile, der World Planned Parenthood Assembly in Santiago 1967. Ich hatte Sir Colville Deverell nach seinem Vortrag über Geburtenkontrolle in Entwicklungsländern mit einem Kommentar konfrontiert. Ich unterstrich mit Blick auf die exzessive Zunahme der Weltbevölkerung die Bedeutung von Geburtenkontrolle, pochte aber darauf, dass unfruchtbare Paare ein Recht auf ein leibliches Kind haben sollten. Bob stimmte mit mir überein. Schon damals war er sich sicher, dass IVF die Lösung sei. Wir verabredeten, zusammenzuarbeiten. Als ich nach Israel zurückkam, erbat ich von WHO und Ethikkommission die Erlaubnis für Experimente mit IVF. Ich bekam sie nicht.
Aufbau | Wie ging es weiter?
Bruno Lunenfeld | Bob arbeitete weiter an der Entwicklung der Methode. 1978 wurde Louise Brown geboren, das erste durch IVF gezeugte Baby der Welt. Vorangegangen waren 13 Versuche bei Louises Mutter (ohne Gonadotropin. Die Stimulation mit Gonadotropin wurde erst später auch bei der IVF-Methode Standard. Fortan reichten durchschnittlich drei Versuche pro Schwangerschaft). Bob Edwards und ich blieben Freunde. Dass er 2010 den Medizinnobelpreis erhielt, erfüllte mich mit grosser Freude und Befriedigung.
Aufbau | Haben Ihre Wege auch die von Yonat Floersheim vom Universitätsspital Zürich gekreuzt? Sie brachte die Methode der künstlichen Befruchtung in die Schweiz. Auch sie hatte als Kind den Holocaust überlebt und war in vielerlei Hinsicht eine Pionierin.
Bruno Lunenfeld | Yonat arbeitete eine Zeit lang im Sheba-Krankenhaus im selben Gebäude. Wir trafen uns oft, verloren dann aber den Kontakt.
Aufbau | Woher nehmen Sie Ihre Energie und was treibt Sie an und schenkt Ihnen Balance?
Bruno Lunenfeld | «Use it or lose it»: In Florida drehe ich fast täglich im Pool meine Runden. Glückliches Familienleben. Arbeit an mindestens vier Tagen die Woche, bis vor zwei Jahren auch als Editor des Journals «The Aging Male». Filme. Opern. Reisen. Meinen 99. Geburtstag werde ich, hoffentlich, auf Kreuzfahrt zwischen Australien und Singapur begehen.
Aufbau | Welche Rolle spielt der Glaube an einen Gott in Ihrem Leben?
Bruno Lunenfeld | Eine sehr wichtige. Ich bin gesegnet, wurde gerettet und viele Male inspiriert: meine Flucht vor den Nazis, die Freilassung meines Vaters, das Eintreffen meiner Eltern in Palästina am Tag vor Ausbruch des Krieges. Dass ich Anfang 1940 noch das Mittelmeer überqueren konnte. Dass wir in die Sheinkin Street gezogen waren, kurz bevor italienische Flugzeuge 1940 unser Haus in der Gordon Street bombardierten. Meine Zulassung in Genf, die Arbeit mit de Watteville. Ich könnte noch viel mehr aufzählen.
Aufbau | Sie sind mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt worden und erhielten 1995 den Verdienstorden der Bundesrepublik. Welche Ehrung bedeutet Ihnen am meisten?
Bruno Lunenfeld | Der Special Recognition Award aus den USA 1983 für «ausserordentliche Verdienste» um die Entwicklung des Public-Health-Sektors und entsprechende Kooperationen zwischen USA und Israel. Auch der Axel-Munte-Preis 1985 war bedeutsam. Das Verdienstkreuz erhielt ich, weil ich verstanden hatte, dass grosse Teile der Generation nach den Nazis zutiefst und ehrlich Scham empfanden für die Taten ihrer Vorväter, weswegen ich ein Brückenbauer geworden war zwischen jungen deutschen Wissenschaftlern und der Forscher-Community der westlichen Welt.
Aufbau | Was bedeutet Ihnen Ihr Jüdischsein? Haben Sie je mit Ihrer jüdischen Identität gehadert?
Bruno Lunenfeld | Ich hatte mich mit meinen Kindern beraten, bevor ich das Verdienstkreuz annahm. Ja, ich hasste die Nazis, glaubte aber an die neue Generation. Und verstehe heute, dass ähnliche Situationen aufkommen können. In Nazi-Deutschland war das Bedürfnis der Faschisten nach einem Feindbild extrem, für sie waren es die Juden. In den USA sind es die Immigranten, in Israel die Araber. Ich war immer stolz darauf, ein Jude zu sein, und hatte nach 1945 nie ein Problem.
Aufbau | Sie sagten einmal, auf Ihr Leben zurückblickend, es sei alles «ein Wunder» gewesen. Gilt das noch immer?
Bruno Lunenfeld | Ja. Ich bin bald 99. Ohne Schmerzen, ohne irgendwelche Probleme. Ich sage jeden Morgen: «Danke.» Wunder muss man wertschätzen und ihnen nachfolgen, sonst entschwinden sie. Watteville zu begegnen: ein Wunder. Seine Freundschaft zu gewinnen und mein späterer Erfolg: ein Follow-up.
Aufbau | Was wollten Sie immer schon einmal sagen?
Bruno Lunenfeld | Nach meiner Pensionierung entschied ich, weiter zu forschen. Mir wurde klar, dass auch Männer Symptome haben, die ihre Lebensqualität einschränken. Wir promoten Empfehlungen, die Männern ein Altern in Gesundheit ermöglichen. Ich arbeite daran, Studien voranzubringen. Ich glaube, Teamwork ist wichtig.
Katja Behling ist Journalistin und Publizistin und lebt in Hamburg.