Als Mitgründer des Center for Shared Society in Brooklyn ist Rabbiner Bob Kaplan ein prominenter Brückenbauer. Die Initiative bringt unterschiedliche Gemeinschaften zusammen, um Vorurteile und Hass abzubauen. Rabbiner Kaplan ist im Dezember in den Ruhestand gegangen. Hier blickt er zurück auf sein Leben und seine Arbeit.
Aufbau | Rabbiner Kaplan, fangen wir doch ganz von vorne an. Wo sind Sie geboren, und wo sind Sie aufgewachsen?
Bob Kaplan | Ich komme aus Brooklyn, ganz klar. Ich wurde in einem Stadtteil namens Canarsie geboren. Canarsie lag damals eher am Stadtrand von Brooklyn. Ich bin in einer Sozialbausiedlung aufgewachsen. Wir nannten es einfach «die Projects». Als ich klein war, gab es dort noch Bauernhöfe, Wälder, Sümpfe und dergleichen, doch die Gegend wurde relativ schnell bebaut.
In den Projects aufzuwachsen war sehr prägend. Einerseits war es unglaublich vielfältig. Ich bin mit Menschen unterschiedlichster Herkunft aufgewachsen und hatte nie das Gefühl, nur in einem Viertel mit bestimmten Leuten zu leben. Wir haben früh gelernt, miteinander umzugehen, was für meine spätere Arbeit extrem wichtig war. Gleichzeitig war es ein Ort, an dem die Menschen versuchten, ihren amerikanischen Traum zu verwirklichen. Die meisten Bewohner waren selbst Einwanderer oder Kinder von Einwanderern aus allen Teilen der Welt. Eine gute Grundlage für mein Leben.
Aufbau | War es schon immer Ihr Plan, Rabbiner zu werden?
Bob Kaplan | Überhaupt nicht! Ich bin doch in einem säkularen jüdischen Elternhaus gross geworden. Als ich meine Bar Mizwa hatte, lernte ich den entsprechenden Abschnitt meiner Bar-Mizwa-Lesung in Transliteration, da ich kein Hebräisch lesen konnte.
Einer meiner Grossväter hat jedoch einen tiefen spirituellen Eindruck bei mir hinterlassen. Ich hatte schon immer eine sehr ausgeprägte spirituelle Seite, aber wusste nicht, wie ich diese mit dem Judentum verbinden konnte. An der Uni begann ich daher, mich intensiv mit östlicher Meditation zu beschäftigen. Das war in den frühen 70er-Jahren, der Zeit der New-Age-Ideen. Eine Zeit lang lebte ich auf einem Bauernhof in einem Aschram in den Berkshires in Massachusetts. Ich hackte Holz, baute Lebensmittel an und lernte viel über Meditation und Spiritualität, jedoch durch die Sichtweise des Hinduismus und Buddhismus, nicht durch die des Judentums.
Nach meiner Zeit in den Wäldern der Berk-shires zog ich schliesslich nach New York zurück, heiratete, gründete eine Familie und arbeitete in der Möbelbranche. Ich war zunächst Verkäufer, dann Filialleiter und schliesslich Betriebsleiter. Ich machte eine steile Karriere, verdiente ziemlich gut, aber etwas fehlte in meinem Leben. Deshalb engagierte ich mich in der Gemeindearbeit in Brooklyn, insbesondere im Bereich alternativer Energien, ein Thema, das mich seit meiner Zeit in Massachusetts interessierte.
Schliesslich bekam ich ein Jobangebot bei der sogenannten Brooklyn Energy Cooperative. Meine Aufgabe war es, religiöse und gemeinnützige Organisationen dabei zu unterstützen, ihren Energieverbrauch zu überdenken und energieeffizienter zu werden. Das war lange vor all den Entwicklungen, die wir heute kennen.
Ich verliess also die Geschäftswelt und fing an, dort zu arbeiten. Ich verdiente zwar nicht mehr so viel Geld, aber ich fühlte, dass ich etwas Sinnvolles machte. Doch dann wurde Ronald Reagan gewählt, und prompt wurde das Programm zu Beginn seiner Amtszeit gestrichen. Plötzlich hatte ich viel Zeit. Ich war Hausmann, kümmerte mich um unsere Kinder und meine Frau ging arbeiten.
Aufbau | Und Sie fingen an, das Judentum zu studieren?
Bob Kaplan | Nicht ganz so einfach. Ein Freund von mir wollte sich scheiden lassen, doch die Frau, von der er sich scheiden lassen wollte, verlangte einen «Get», eine jüdische Scheidung. Also kam er zu mir und fragte, ob ich ihn zum Rabbiner begleiten könne. Ich war zwar kein grosser Fan von Rabbinern, sagte aber zu. Und so traf ich diesen Rabbiner, der ganz anders war als ich ihn mir vorgestellt hatte. Ein alter Hippie aus Kalifornien, der in Brooklyn einen religiösen Lebensstil angenommen hatte, in einer sehr, sehr orthodoxen Jeschiwa in Brooklyn. Wir verstanden uns auf Anhieb. Er war ein sehr spiritueller Mensch. Ich war auch ein sehr spiritueller Mensch. Und nach einiger Zeit lud er mich ein, mit ihm in der Jeschiwa zu lernen.
Es gefiel mir. Es sprach mich spirituell an. Es war etwas, das mir auf meiner bisherigen spirituellen Reise gefehlt hatte. Immer wenn ich versucht hatte, mich dort mit meinem Judentum auseinanderzusetzen, fühlte sich etwas nicht richtig an. Aber hier stimmte plötzlich alles.
Aufbau | Wie alt waren Sie damals?
Bob Kaplan | Ich war Anfang 30. Ich hatte also schon einiges erlebt. Ich hatte bereits eine Karriere hinter mir. Ich war kein Grünschnabel mehr, aber als ich in die Jeschiwa kam, fühlte ich mich wie ein kleines Kind. All diese Leute dort hatten ihr ganzes Leben lang Thora studiert. Sie kannten sich mit all diesen Dingen aus, schienen aber nicht die Spiritualität zu besitzen, die ich auf meinem Weg erworben hatte.
Einige Jahre später kam einer der Jeschiwa-Leiter auf mich zu und schlug mir vor, Rabbiner zu werden. Ich hielt ihn zunächst für verrückt, aber schliesslich überzeugte mich mein Lehrer. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits Schomer Schabbat, Schomer Kaschrut, ich hielt mich an all diese Regeln und führte ein ziemlich orthodoxes Leben.
Aufbau | Sie waren ja bereits verheiratet und hatten Kinder. Wie dachte Ihre Familie darüber?
Bob Kaplan | Meine Frau war damals einverstanden. Es gefiel ihr auch. Sie hatte sich zuvor mit mir zusammen mit anderen spirituellen Themen beschäftigt und verspürte ebenfalls diese Sehnsucht. Und schliesslich begannen wir, unser Haus koscher zu machen, den Schabbat zu halten und uns in einer religiöseren Gemeinde niederzulassen. Wir nahmen einen religiösen Lebensstil an. Meine Kinder waren noch sehr klein. Sie hatten nicht viel Mitspracherecht, aber sie gingen in religiöse Schulen, und es entwickelte sich immer weiter.
Aufbau | Was war damals Ihre erste Station als Rabbiner?
Bob Kaplan | Ich wollte kein Gemeinderabbiner werden. Mir fehlte die entsprechende Erfahrung. Ich bin nicht in diesem Umfeld aufgewachsen und kannte diese Welt daher nicht so gut. Ich fühlte mich zur Spiritualität, zur Thora und den spirituellen Botschaften hingezogen. Aber das Gemeindeleben war etwas ganz anderes.
Also fing ich bei Hillel an. Die Arbeit auf dem Campus ermöglichte es mir, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die sich ebenfalls in einer Phase der Selbstfindung befanden. Ich war im Management und im operativen Bereich der Organisation tätig. Im Gegensatz zu meinen Arbeitskollegen wusste ich, wie man Mitarbeiter führt, wie man managt. Meine Kollegen waren Rabbiner und Sozialarbeiter. Sie hatten diese Ausbildung nicht. So wurde ich innerhalb von drei oder vier Jahren stellvertretender Geschäftsführer von Hillel New York und knüpfte Kontakte zum Jewish Community Relations Council (JCRC), einer regionalen jüdischen Interessenvertretung, die sich auf Aufklärung der Öffentlichkeit und die Pflege interreligiöser und zwischengemeinschaftlicher Beziehungen konzentriert.
Aufbau | Wo Sie dann die nächsten drei Jahrzehnte arbeiteten.
Bob Kaplan | Genau. Als die Unruhen in Crown Heights ausbrachen (Anm. der Red.: Im August 1991 griffen schwarze Einwohner orthodoxe jüdische Einwohner an, beschädigten deren Häuser und plünderten ihre Geschäfte), herrschte in der jüdischen Gemeinde grosse Besorgnis darüber, wie wir mit den Folgen und den Auswirkungen der Ereignisse umgehen sollten. In Zusammenarbeit mit dem Zentralrat der jüdischen Gemeinde New Yorks, dem American Jewish Committee und anderen Organisationen erstellte der JCRC eine Studie und schuf eine neue Position für interreligiöse Beziehungen, für die ich mich bewarb.
Aufbau | Was motivierte Sie dazu?
Bob Kaplan | Ich hatte bereits auf dem Campus in diesem Bereich gearbeitet. Für Hillel hatte ich mich dort ein wenig mit interreligiösen und interkulturellen Themen beschäftigt und versucht, mit verschiedenen Gruppen zusammenzuarbeiten. Schon in meinen frühen spirituellen Phasen, als ich noch andere Dinge in meinem Leben tat, war mir «Tikkun Olam», «die Heilung der Welt», ein Anliegen.
Die Welt voranzubringen, Menschen dazu zu bringen, einander zu verstehen, und eine effizientere Art des Zusammenlebens zu schaffen, ohne in tiefgreifende und zerstörerische Konflikte zu geraten – das war schon immer Teil meiner Weltanschauung. Es war keine Berufung, sondern eine Herzensangelegenheit, eine spirituelle Überzeugung.
Hier konnte ich mich mit einem Bedürfnis der jüdischen Gemeinde verbinden, die Geschehnisse in Crown Heights aufzuarbeiten, und das mit einem gewissen Mass an Kreativität. Denn mir wurde sofort klar, dass es keine Methodik oder Struktur gab, um solche Dinge zu verhindern, um Menschen einander näherzubringen, damit sie zusammenarbeiten und nachhaltige Beziehungen auf Gemeindeebene aufbauen können. Nur so könnten wir, wenn Spannungen in einer Gemeinde aufkommen, solche Ereignisse verhindern oder deren negative Auswirkungen abmildern.
Aufbau | Erklären Sie das bitte.
Bob Kaplan | Es gibt Entwicklungen innerhalb unseres Systems, des amerikanischen Systems: Rassismus ist in unsere Gesellschaft eingebettet. Ungleichheit ist in unsere Gesellschaft eingebettet. Bestimmte Gruppen haben Macht und andere nicht, sodass sie danach streben. Die an der Macht wollen verhindern, dass andere Gruppen Macht erlangen.
Ich dachte nicht, dass wir diese Art von Spannungen auf lokaler Ebene lösen können, weil sie Teil der Systeme sind, mit denen wir es zu tun haben. Wir können jedoch Initiativen und Möglichkeiten entwickeln, um besser mit ihnen umzugehen und sie in gewisser Weise auf lokaler Ebene zu lösen, auch wenn die Systeme selbst nicht unbedingt lösbar sind.
Wir werden Armut nicht beseitigen, aber wie können wir sicherstellen, dass die Menschen das bekommen, was sie brauchen? Wir werden Ungleichheiten im Gesundheitswesen nicht beseitigen, aber wie können wir sicherstellen, dass das bestehende Gesundheitssystem anpassungsfähiger und besser mit den Gemeinschaften verbunden ist?
Wir konnten einige der negativen Auswirkungen systemischer Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft abmildern und vor allem nachhaltige Beziehungen zwischen verschiedenen Akteuren der Gesellschaft schaffen, die es vorher nicht gab, weil jeder in seiner eigenen Blase lebte. Das ist heute, glaube ich, noch viel mehr so als je zuvor, aufgrund der sozialen Medien.
Wie ich schon sagte, bin ich in einem Sozialwohnungsbau aufgewachsen. Dort lebten alle gemeinsam. Aber wenn man die Strasse überquerte, war die Nachbarschaft im Grunde weiss, ein paar Meilen weiter war sie im Grunde afroamerikanisch, und als sich 1965 die Einwanderungsgesetze änderten und andere Gruppen hinzukamen, insbesondere aus Asien oder lateinamerikanische Bevölkerungsgruppen, etwa aus der Dominikanischen Republik, entstand eine völlig neue Definition von Vielfalt. Hinzu kamen noch die Puerto Ricaner, die ja keine Einwanderer sind, sondern amerikanische Staatsbürger. In den 70er und 80er Jahren begannen all diese Gruppen, sich zu etablieren, und in den 90er Jahren Gemeinschaften zu bilden.
Wir als jüdische Gemeinde hatten kaum oder gar keine Erfahrung mit ihnen, und umgekehrt hatten sie kaum oder gar keine Erfahrung mit uns. Deshalb mussten wir Gelegenheiten schaffen, um miteinander zusammenarbeiten zu können. So begannen wir, wie gesagt, diese Methodik zu entwickeln: zunächst durch den Aufbau von Koalitionen und Initiativen auf lokaler Ebene, die darauf abzielten, Probleme der Lebensqualität zu lösen und verschiedene Führungspersönlichkeiten zusammenzubringen. Wenn Menschen zusammenkommen und gemeinsam Probleme lösen, beginnen sie, einander kennenzulernen. Sie sehen die Menschen, verstehen deren Anliegen und beginnen, Beziehungen und Verbindungen aufzubauen.
Das bedeutet nicht, dass sich alle mögen. Es bedeutete einfach, dass die Menschen in Beziehung zueinander standen. Und wenn man in Beziehung zu jemandem steht, wird es schwieriger, ihn zu hassen oder abzuwerten. Das war im Grunde das Ziel unserer anfänglichen Arbeit.
Aufbau | Das war also der Beginn des Center for Shared Society als eigenständiger Zweig des JCRC?
Bob Kaplan | Genau. Es begann mit einer dreijährigen Förderung des Zentralrates der jüdischen Gemeinde New Yorks. Ich gab meine sehr sichere Stelle als stellvertretender Geschäftsführer von Hillel auf und wagte den Schritt, weil ich dies für eine wirklich wichtige und notwendige Sache hielt. Ich war damals nur mit einer Teilzeitassistentin unterwegs. Ich begann zunächst, in Crown Heights zu arbeiten. Doch dann hörte ich von anderen Gemeinden, die nicht wussten, wie sie miteinander zusammenarbeiten sollten, insbesondere in Gemeinden mit grossen demografischen Veränderungen.
Aufbau | Zum Beispiel?
Bob Kaplan | Flushing in Queens war ein weisses, ethnisch geprägtes Viertel mit jüdischen, italienischen und irischen Einwohnern. Anfang der 90er Jahre lebten dort nun überwiegend Asiaten. Doch die asiatische und die jüdische Gemeinde wussten nicht, wie sie mitein-ander kommunizieren oder zusammenarbeiten sollten.
Die asiatische Gemeinde wuchs, die jüdische schrumpfte, aber es gab immer noch viele bestehende Strukturen. Im Gespräch mit Menschen aus der koreanischen und chinesischen Gemeinde hörte ich, dass sie Schwierigkeiten beim Zugang zum Gesundheitssystem hatten. Es gab damals viele Veränderungen. Krankenhäuser fusionierten, und man versuchte herauszufinden, wie man die verschiedenen Gemeinden erreichen konnte. Deshalb beschlossen wir, eine Konferenz mit verschiedenen Organisationen, insbesondere koreanischen und chinesischen, zum Thema Einwanderer im Gesundheitssystem zu veranstalten.
Man muss bedenken, dass es Mitte der 90er Jahre auch viel fremdenfeindliche Stimmung gab. Dies war das erste Mal, dass dieses Thema auf lokaler Ebene so betrachtet wurde. Man hatte es zwar akademisch untersucht, aber nicht auf lokaler Ebene.
Aufbau | Und welche Erkenntnisse gab es?
Bob Kaplan | Es gab ein echtes Problem mit dem Zugang zu Sprachdienstleistungen. Die Gesundheitssysteme wussten nicht, wie sie mit den vielen Sprachen und Kulturen umgehen sollten, die in ihren Einzugsgebieten präsent waren. Dann fehlten Daten zur Gesundheitsversorgung der asiatischen, lateinamerikanischen und anderer Bevölkerungsgruppen.
Deshalb beschlossen wir, eine Koalition namens Northern Queens Health Coalition zu gründen. Es handelte sich um eine Koalition verschiedener Interessengruppen, die gemeinnützige Organisationen, religiöse Organisationen und Gesundheitsdienstleister wie Krankenhäuser und Krankenversicherungen zusammenbrachte. In einem gemeinsamen Denkprozess begannen wir, einige der bereits genannten Probleme anzugehen.
Aufbau | Und das war der Beginn interreligiöser Arbeit?
Bob Kaplan | Gewissermassen. Leute waren skeptisch, aber ich sagte: Lasst es uns versuchen, denn die anderen Ansätze scheinen nicht zu funktionieren. Wir beobachteten, dass Gemeindeführer durch diesen Problemlösungsprozess und die Zusammenarbeit mit dem System begannen, Beziehungen aufzubauen und sich auch anderen Themen zuzuwenden. Sie befassten sich mit Fragen der öffentlichen Sicherheit und des Bildungswesens. Und wenn es Spannungen in der Gemeinde gab, wussten sie, wen sie anrufen konnten. Sie wussten, wie sie die verschiedenen Konfliktpunkte angehen konnten. Schliesslich wurde diese Koalition zu einer unabhängigen gemeinnützigen Organisation und wir führten das Konzept an anderen Orten ein. Wir gründeten eine in Brooklyn, eine auf Staten Island, eine in Lower Manhattan und eine in der Bronx – alle im Zusammenhang mit dem Thema Gesundheitswesen, aber als Mittel, um Menschen zusammenzubringen. Daraus entstanden viele Koalitionen und weitere Initiativen, die uns die Möglichkeit gaben, uns in der Seniorenarbeit und mit anderen Bevölkerungsgruppen zu engagieren. Das Ziel war jedoch immer, Führungskräfte zusammenzubringen, damit sie effektiv zusammenarbeiten können.
Aufbau | Sie haben heute auch viele Programme, die Jugendliche zusammenbringen. Wie fing dies an?
Bob Kaplan | Es gab diese Gruppe namens «Bridge to Brotherhood» («Brücke zur Brüderschaft»). Ein klassisches Jugendprogramm der 1980er und 1990er Jahre, das auf Vielfalt ausgerichtet war. Man traf sich zum Pizzaessen, ging ins Kino oder kegelte. Es gab viele Berührungspunkte, aber es war nicht formal organisiert und begann auseinanderzufallen. Der damalige Direktor von JCRC, Michael Miller, brachte die Gruppe zu uns, um ihnen zu helfen, ihre Arbeit zu überdenken.
Dann geschahen die Anschläge vom 11. September und wir stellten fest, dass es unglaubliche Spannungen in den Gemeinden gab. Wir standen kurz davor, gegen eine ganze Reihe von Menschen Krieg zu führen, die so aussahen wie die Menschen in unseren Gemeinden. Viele Jugendliche waren ratlos. Also organisierten wir einen Jugendgipfel zu den Auswirkungen des 11. Septembers auf Jugendliche in der Stadt. Wir dachten, 40 bis 50 Jugendliche würden kommen, aber über 400 kamen.
Zwei Dinge gingen aus diesem Treffen hervor, die uns wirklich geholfen haben, unsere Arbeit zu überdenken. Erstens mochten sie das Wort «Brüderschaft» nicht. Es war eine veraltete Sprache, sehr von den 70er Jahren geprägt. Es sprach junge Leute nicht an. Zweitens sagten viele der anwesenden Jugendlichen, dass sie Führungskräfte sein wollten. So entwickelte sich aus «Bridge to Brotherhood» das Programm «Youth Bridge», mit dem wir jugendliche Führungskräfte rekrutieren, die die Vielfalt New Yorks repräsentieren, und ihnen Möglichkeiten bieten, bessere Führungskräfte zu werden. Ich hätte nie gedacht, dass «Youth Bridge» ein Vierteljahrhundert später immer noch existiert.
Aufbau | Nach den Anschlägen vom 11. September arbeiteten Sie auch mit der muslimischen Bevölkerung in New York, oder?
Bob Kaplan | Ja, ein weiteres Ergebnis des 11. Septembers war die Gründung unserer Greater Sou-thern Brooklyn Health Coalition, die eine Nachbildung der Northern Queens Health Coalition war. Wir hatten eine enge Beziehung zum Arab American Family Support Center, und wir stellten fest, dass es kaum oder gar keine Verbindung zwischen der Regierung und den arabischen und muslimischen Gemeinden gab. Wir wussten, wer sie waren, weil wir mit ihnen zusammengearbeitet hatten, jedoch nicht an muslimisch-jüdischen Angelegenheiten, sondern an ganz konkreten Problemen im Gesundheitswesen. Von da an entwickelte sich die Idee weit über ihren ursprünglichen Zweck hinaus. In Brooklyn, wo aufgrund der Grösse der jüdischen, muslimischen und anderer Gemeinschaften so viele Spannungen herrschten, kreierten wir eine Koalition namens «We Are All Brooklyn» («Wir alle sind Brooklyn»), die Führungspersönlichkeiten zusammenbrachte, damit diese miteinander sprachen und gemeinsam planten. Das erste Treffen im Rathaus von Brooklyn war so wirkungsvoll, dass wir beschlossen, daraus ein eigenes Programm zu machen. Heute gibt es solche Koalitionen auch in anderen Stadtteilen von New York, die Führungskräfte von Basisbewegungen zusammenbringen und ausbilden. Die Kontakte, die entstehen, sind keine oberflächlichen, sondern echte, transformative Beziehungen, die auch in Krisenzeiten Bestand haben.
Aufbau | Würden Sie mir zustimmen, dass es an New York liegt, dass dieses Programm hier seinen Anfang nahm, oder glauben Sie, es hätte auch an einem anderen Ort beginnen können?
Bob Kaplan | Als echter New Yorker muss ich dem zustimmen. Es gab auch ähnliche Initiativen wie unsere in Israel. Eine davon war das Jerusalem Intercultural Center, mit dem wir etwa fünfzehn Jahre lang eine formelle Beziehung pflegten. Es wurde einige Jahre nach uns gegründet, und wir hatten einen Austausch namens «New York Jerusalem Experts Exchange», bei dem wir Anfang der 2000er Jahre bewährte Praktiken und uns zu dem Umgang mit Vielfalt austauschten. Es gab also auch an anderen Orten der Welt ähnliche Initiativen, aber New York ist wahrscheinlich die vielfältigste Stadt der Welt, und die jüdische Gemeinde hier in New York war die treibende Kraft dahinter. Es war wirklich die Arbeit des JCRC, aber ich konnte auch meinen Teil dazu beitragen.
Julian Voloj ist Journalist und Fotograf. Er lebt in New York.