KI, Krieg, aggressive Algorithmen hinter Social Media – unsere Gesellschaften erleben einen Ansturm von Entwicklungen, die massenhafte Ängste auslösen. Wer nach deren Berechtigung fragt, greift zu kurz: Nur die Annahme eines Problems macht Lösungen denkbar. So greift die aktuelle Ausgabe «Zukunftsängste» gerade deshalb auf, um Panikmache entgegenzutreten.
Yves Kugelmann geht in seinem Essay auf die gesellschaftspolitischen Stimmungen zwischen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zukunftsängsten und technischen Entwicklungen im Kontext einer Geistesgeschichte im Umgang damit ein. Tobias Müller diskutiert mit Stimmen jüdischer Gemeinden in Europa die vertraute Frage «bleiben oder gehen?». Kamen Appelle zu einem Exodus gen Israel zunächst von rechten Politikern wie Frits Bolkestein in den Niederlanden und dann von Benjamin Netanyahu, so brachte die israelische Gegenreaktion auf den Hamas-Terror des 7. Oktober 2023 eine neue Welle des Antisemitismus, die angesichts der israelisch-amerikanischen Angriffe auf die Islamische Republik ihren Höhepunkt noch längst nicht erreicht haben dürfte. Jüdische Verbandsleute wie Ariel Muzicant vom Jüdischen Weltkongress reagieren darauf pragmatisch, so Müller – mit praktischem Rat bei einer möglichen Alija. Dabei wachsen am Ziel ganz andere Probleme: Ari Folman und der klinische Psychologe Yossi Levi-Belz diskutieren den 7. Oktober und die seither fortwährenden Kriege «als tiefgreifendes kollektives Trauma, das Israels Gesellschaft bis in ihre intimsten Strukturen prägt».
Mit Antisemitismus setzt sich auch Bret Stephens auseinander. Der Kolumnist bei der «New York Times» schlug Wellen mit einem Vortrag zur «Lage des Weltjudentums» im legendären Gemeindezentrum 92NY in New York City, den wir hier für ein deutschsprachiges Publikum bringen. Die Antwort des Pulitzerpreisträgers ist radikal: Landläufige «Aufklärungskampagnen» über jüdische Leistungen und Beiträge zu Gesellschaften haben offenkundig nicht den gewünschten Effekt. Stattdessen sollten sich Spender und Gemeinden vielmehr auf die Stärkung jüdischer Institutionen und Gemeinsamkeiten werfen.
Mit dem epochalen Thema KI befasst sich ein Insider. Erst Mitte Zwanzig, ist Matt Shumer seit Schulzeiten in der Branche aktiv. Im Februar hat er unter dem Titel «Something Big is Happening» einen Post zu der immer rasanteren Evolution von KI-Modellen publiziert, der binnen Tagen über 50 Millionen Klicks erreicht hat. Wir bringen den Text hier ungekürzt. Shumer hält die bereits laufende Vernichtung von Arbeitsplätzen durch KI gerade in intellektuell und von der Ausbildung her anspruchsvollen Berufen für unaufhaltbar. Nur wer ein «ewiger Anfänger» werden könne, sei zum Mithalten imstande.
Dass die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung nicht erst heute, sondern eigentlich schon seit Beginn der Abwanderung des produzierenden Gewerbes in der Reagan-Ära ohnehin immer mehr unter ökonomischen Druck kommt, macht Andreas Mink in einem Überblick auf den Wohnungsmarkt, die absinkende Lebenserwartung in den USA sowie die immer weiter klaffende Schere bei Einkommen, Chancen und Konsum anschaulich. Susannah Edelbaum zeigt im Gespräch mit Expertinnen in Berlin den Stress von Mädchen und jungen Frauen zwischen Leistungsdruck, Rollenerwartungen und der unmenschlichen Dynamik sozialer Medien auf.
Der akuten Bedrohung der amerikanischen Demokratie gelten Texte von Monica Strauss aus ihrer Warte als Tochter jüdischer Nazi-Flüchtlinge, die kurz nach Kriegsende in die USA einwandern konnten; und Doug Chandler, der mit jüdischen Geistlichen gesprochen hat, die heutigen Asylsuchenden, aber auch im Lande lebenden «Illegalen» gegen die rabiate Grenzpolizei ICE beistehen: Praktische Hilfe statt Bangen oder Wehklagen, so lautet auch hier die Antwort.
Editorial
20. Mär 2026
Zukunftsängste
Redaktion