Menschen machen Geschichte und haben immer auch eine eigene. Darüber sprechen Persönlichkeiten in der vorliegenden Ausgabe; dies mit kenntnisreichen Gegenübern. Herausgekommen sind Unterhaltungen zu einem breiten Themenspektrum, die aber stets die Gedanken, Motive und Erkenntnisse der Partnerinnen oder Partner offenlegen – und damit eine anregende Lektüre bieten sollten.
Den Auftakt macht die Hamburger Publizistin Katja Behling in einer Unterhaltung mit Dr. Bruno Lunenfeld. 1927 in Wien geboren, konnte er Ende 1938 auf einem «Kindertransport» nach England entkommen und wurde nach der Übersiedlung ins britische Palästina-Mandat als Mediziner Pionier bei der Behandlung von Unfruchtbarkeit. Dr. Lunenfeld bleibt mit 99 aktiv, beginnt aber jeden Morgen mit einem «Danke»: sein für so viele Menschen hilfreiches Leben sei «ein Wunder».
Gleich zweimal ist Julian Voloj dabei. Der New Yorker Journalist, Fotograf und Comiczeichner traf die Schauspielerin und Komödiantin Lucy Pohl und den Rabbiner Bob Kaplan für Gespräche über ihre gemeinsame (Wahl-)Heimat und deren einzigartige Vielfalt. Kaplan war über Jahrzehnte Brückenbauer zwischen Gemeinschaften. Pohl feiert seit 2017 mit ihrer Show «Immigrant Jam» das von ihr geteilte Migrantendasein.
Einen doppelten Auftritt hat auch Wien. Der Basler Publizist Gabriel Heim befragt Felicitas Heimann-Jelinek über ihre Arbeit als langjährige Chefkuratorin des Jüdischen Museums Wien und damit über «eine grosse Transformation in der Darstellungsweise von jüdischer Geschichte», also der allmählichen Einsicht in die enorme Heterogenität des Judentums und dessen Rolle als «handelnder Akteur, der nicht nur Katastrophen erlebt hat, sondern vor allem viel Positives gestaltet.» Die prominente Journalistin Marianne Enigl lotet derweil mit Sigrid Eyb-Green die Geschichte und Transformation ihres Fachs als Professorin am Institut für Konservierung-Restaurierung an der Akademie der bildenden Künste Wien aus. Eyb-Green untersucht in ihrer jüngst publizierten Habilitation «Eine Disziplinierung des Blicks» die Professionalisierung des Restaurierens an der Akademie und erstmals auch im Detail die Vereinnahmung des Fachs durch das NS-Regime: Vorgänge mit aktueller Bedeutung.
Etliche Beiträge bleiben bei Kunst und Kultur. Der Schriftsteller Peter Stephan Jungk und die Fotografin und Filmproduzentin Lillian Birnbaum begegnen dem Fotografen und Kunsthändler Alex van Gelder, der über seine jüdische Identität, seine Jahre in Afrika und die bedeutende Freundschaft mit der Künstlerin Louise Bourgeois Auskunft gibt. Und die prominente Schriftstellerin Sibylle Berg erörtert mit dem als Kind aus Russland nach Deutschland eingewanderten Filmemacher Arkadij Khaet dessen Arbeit, Identitäten und Zuschreibungen, die deutsche Erinnerungskultur – und warum er in seinen Filmen versucht, jüdisches Leben jenseits der Opferrolle zu zeigen.
Über Opfer spricht Chefredaktor Yves Kugelmann mit Tali Gal. Die Professorin hält an der Hebräischen Universität Jerusalem einen von nur sieben Lehrstühlen für Kinderrechte weltweit und zeigt eine «Abwärtsspirale» auf – «nicht nur was Kinderrechte, sondern auch generell die Humanität» angehe. Humanität ist immer auch ein Wesensmerkmal von Journalismus. Im Interview mit Giovanni di Lorenzo, erzählt der Chefredaktor der Wochenzeitung «Die Zeit» vom Umgang mit Themen wie Migration, politischen Debatten oder Nahost.
Editorial
20. Jan 2026
Menschen und Geschichten
Redaktion