Editorial 29. Mai 2026

250 Jahre USA

Die aktuelle Präsidentschaft kommt in dieser Ausgabe zum 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung der USA vom 4. Juli 1776 nicht zu kurz. Aber die Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika und ihre Themen sind doch deutlich breiter. So spricht Chefredaktor Yves Kugelmann mit Sigmar Gabriel über die Krise der transatlantischen Beziehungen dank Trump. Aber der Vorsitzende der Atlantik-Brücke greift etwa im Bezug auf den in Deutschland präsenten Antiamerikanismus auf die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zurück. Joseph Stiglitz stellt den Aufstieg Trumps und seine Bedrohung bürgerlicher Freiheiten in den Zusammenhang mit dem Ringen um die Wirtschaftsordnung in den USA – und weltweit. Der Nobel-Ökonom arbeitet die Überlegenheit eines «progressiven Kapitalismus» nach dem Vorbild des «New Deal» von Präsident Franklin D. Roosevelt gegenüber dem «Neoliberalismus» eines Milton Friedman heraus.

So präsentiert diese Ausgabe sowohl allgemeinere Fragen wie einen Beitrag von Stephen Wertheim zur Debatte um die Rolle Amerikas in der Welt. Zentral bleibt der Kampf um Bürgerrechte. Dazu hat Rita Schwarzer in Alabama den afroamerikanischen Juristen Bryan Stevenson zu seinem Engagement gegen den Rassismus interviewt, «Amerikas Erbsünde». Susannah Heschel liefert eine jüdische Perspektive und schreibt über die Zusammenarbeit ihres Vaters, Rabbiner Abraham Joshua Heschel, mit Martin Luther King, Jr.

Das Ringen um Gleichberechtigung war und bleibt auch für jüdische Gemeinschaften in den heutigen USA fundamental. Wie Doug Chandler aus Philadelphia berichtet, haben Mitglieder der dortigen Gemeinde Mikveh Israel vor 250 Jahren die Revolution unterstützt, weil diese Glaubensfreiheit und eine selbstbestimmte Existenz auf Grundlage einer republikanischen Staatsordnung versprach. Die vorwiegend sephardische und auf eine Handvoll Hafenstädte verteilte Gemeinschaft war seinerzeit kaum 2500 Menschen stark und vom Seehandel abhängig, der von der britischen Krone kontrolliert wurde. Dennoch schlugen sich Juden wie Haym Salomon auf die Seite der Freiheit. Jerry Klinger, Präsident der Jewish American Society for Historic Preservation, schildert nicht allein die Verdienste dieses «Finanziers der Revolution», sondern sein Nachleben in Debatten um jüdisches Selbstverständnis – und die Anerkennung durch die breitere Gesellschaft.

Hier setzen der Publizist Steven Beller mit einem Essay zu Antisemitismus in den USA und Andreas Mink im Interview mit David Margolick an. Der Sachbuchautor hat jüngst eine spannende Biographie des Comedy-Pioniers Sid Caesar vorgelegt, die nicht zuletzt die jüdische Rolle bei der Gestaltung der amerikanischen Populärkultur beleuchtet: Hier wurden eher nebenbei aus Aussenseitern Mitglieder des «Mainstream». Monica Strauss stellt das schon immer und heute um so stärker umstrittene Thema Einwanderung/Integration in historische Zusammenhänge und zeigt, wie schon das Schlagwort «A Nation of Immigrants» von einer populären Parole zu einem Zankapfel wurde.

Josef Joffe wirft einen gleichzeitig persönlichen wie akademischen Blick auf die Vereinigten Staaten als Zufluchtsort und Heimat jüdischer Gemeinschaften. Der ehemalige Chefredaktor und Herausgeber der «Zeit» kennt das Land seit seinen Studien an den Universitäten Harvard und Johns Hopkins und hatte dort wie auch an der Stanford University Politikwissenschaften gelehrt. Hannes Stein rückt dagegen seine Perspektive als Immigrant in den Vordergrund und schildert, wie die «goldene Medine» New York zu einem Ort wird, an dem ihn der Gedanke überfällt: «Adolf Hitler hat uns eingeholt.»

Redaktion