In Israel leiden zwei Millionen Menschen an einer posttraumatischen Belastungsstörung.
Wir wiederholen: Zwei Millionen Menschen in Israel befinden sich in einem posttraumatischen Zustand.
Jeder vierte Israeli leidet unter einem Trauma.
Und diejenigen, die nicht darunter leiden, beispielsweise jemand, der in Tel Aviv lebt und keine gepanzerte Sicherheitszelle in seiner Wohnung hat, mussten in den letzten zwölf Tagen achtundneunzig Mal zum nächstgelegenen öffentlichen Schutzraum laufen.
Wenn eine Familie zwei kleine Kinder hat, sagen wir, eines sechs Monate und das andere drei Jahre alt, dann sind sie, Mutter oder Vater oder beide zusammen, achtundneunzig Mal zum öffentlichen Schutzraum in der Nähe ihres Zuhauses gelaufen, um sich vor einer aus dem Iran abgefeuerten Rakete zu schützen. Oder vor einer aus dem Libanon abgefeuerten.
Ich habe einen Freund, der es geschafft hat, rechtzeitig mit seinen beiden Töchtern zu fliehen. Aber seine Wohnung im Zentrum von Tel Aviv wurde von einer iranischen Rakete direkt getroffen. Was seine Habseligkeiten angeht, hat dieser Freund jetzt nichts mehr ausser seinem Mobiltelefon. Von seinem früheren Leben ist nichts Materielles übrig geblieben. Nicht ein einziges Foto seiner Familie. Nicht die Bücher, die er liebte. Nicht die Gegenstände, die seine Erinnerungen bewahrten. Nichts.
Er musste sich selbst davon überzeugen, dass er die Widerstandsfähigkeit einer ganzen Nation verkörperte, die nun mit der stärksten Luftwaffe der Welt den Iran angreift, damit Trump und Netanyahu erfolgreich das Regime der Ajatollahs im Iran ablösen können. Es ist nicht leicht, sich selbst davon zu überzeugen, dass es ein Beitrag zum Sturz des iranischen Regimes ist, wenn man nichts mehr hat als ein Handy und sein ganzes Leben verloren hat – eine Mission, die der eigene Führer nach zwei Jahren ununterbrochener Kriegshandlungen und zwei Millionen Menschen mit posttraumatischem Stress angeordnet hat.
Der andere Führer, der sich die Aufgabe gestellt hat, das iranische Regime zu ersetzen, führt ein Land, das einst versuchte, die Regierung Vietnams zu ersetzen, und mit 52 000 toten Soldaten und einer Million Menschen, die unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden, zurückkehrte; das zweimal versuchte, das Regime im Irak zu ersetzen und scheiterte; das versuchte, das Regime in Afghanistan zu ersetzen und erneut scheiterte.
Und jetzt ersetzen der Führer der Grossmacht und der Führer der Kleinmacht das Regime im Iran. Auf wessen Kosten? Auf meine. Auf Kosten meiner Kinder, meiner Frau und all derer, die in den letzten zwölf Tagen achtundneunzig Mal in einen öffentlichen Schutzraum gerannt sind.
Raketen aus dem Iran sind nicht mit Raketen aus dem Jemen zu vergleichen, die wir in den letzten zwei Jahren erlebt haben. Eine iranische Rakete, die Ihr Haus trifft, kann Ihr Leben beenden. Selbst wenn sie Sie nicht tötet, müssen Sie Ihr Leben von Grund auf neu aufbauen. Und das ist beängstigend.
Aber das Leben nach zwei Jahren Krieg ist generell beängstigend, beängstigend bis ins kleinste Detail des Alltags. Es ist beängstigend, weil man langsam den Glauben verliert, dass das Leben auch anders sein könnte.
Vor nur zwei Monaten kehrten die letzten Geiseln aus Gaza zurück. Der Krieg war vorbei. Es schien, als könnte das Leben wieder beginnen. Aber das Leben kehrte nicht zurück. Wir rannten in zwölf Tagen achtundneunzig Mal in Schutzräume, weil der Staatschef beschlossen hatte, dass er das Regime im Iran stürzen wolle.
Gestern Morgen sagten Vertreter unserer Regierung, dass die Ablösung des iranischen Regimes mehr als ein Jahr dauern könnte.
Und was ist mit uns?
ESSAY
20. Mär 2026
Das Déjà-vu
Ari Folman