In einem Keller am Rand Kabuls treffen junge Frauen ein – jede darauf bedacht, nicht beobachtet zu werden. Erst als die Tür verriegelt ist, weicht die Angst für einen kurzen Moment. Eine von ihnen schlägt ein abgegriffenes Exemplar des Tagebuchs der Anne Frank auf und beginnt vorzulesen.
«The Secret Reading Club of Kabul» erzählt die Geschichte junger Afghaninnen, die unter der Herrschaft der Taliban heimlich einen Lesekreis gründen. Inspiriert von Anne Frank beginnen sie, Tagebücher zu schreiben und verbotene Bücher zu lesen – als Akt des Widerstands und der Selbstbehauptung.
Die Bühne, das Buch, die Kunst waren in Diktaturen stets Orte der Freiheit. Jene Räume, die sich letztlich weder kontrollieren noch zerstören lassen. Denn wenn Theater geschlossen, Kunst verboten oder Bücher verbrannt wurden, entstanden sie in den Köpfen der Menschen. Sie trugen sie durch die dunkelsten Zeiten, gaben Hoffnung und Kraft und lieferten den Sauerstoff gegen das Ersticken an der Barbarei.
In Theresienstadt komponierte Viktor Ullmann den «Kaiser von Atlantis», im Internierungslager Les Milles bildeten sich Theatergruppen, und im Zwangsarbeitslager Michailowka schrieb Selma Meerbaum-Eisinger ihre bewegenden Liebesgedichte. Im sowjetischen Gulag überlebten Gedichte im Gedächtnis ihrer Autoren, der ukrainische Dissident Wassyl Stus verfasste Verse in der Verbannung, und uigurische Künstler bewahrten in den Lagern Xinjiangs Lieder und Erzählungen gegen das Vergessen.
Diese Liste liesse sich mit Abertausenden Beispielen aus Jahrhunderten und den unterschiedlichsten Konfliktgebieten fortsetzen. Wo Freiheit verschwand, blieb die Kunst oft der letzte Ort innerer Unabhängigkeit.
Das Schauspielhaus Zürich ist im Zusammenhang mit der Schoah und der Verfolgung von Künstlerinnen und Künstlern, die mit den Bücherverbrennungen begann und sich in immer neuen Formen fortsetzte, zu einem Symbol eben dieser Unabhängigkeit geworden. Was wäre geschehen, hätte es diese Bühne nicht gegeben? Manche Menschen hätten keinen Zufluchtsort gefunden, an dem ihr Leben gerettet werden konnte. Vor allem aber hätte Europa einen Ort verloren, der weit mehr war als ein Theater: einen Beweis dafür, dass Kultur selbst unter den Bedingungen der Diktatur Freiheit bewahren kann.
Wenn heute Jugendliche in Kyjiw während Bombenangriffen Konzerte veranstalten, wenn im Iran unter Todesgefahr Filme entstehen oder in Russland mutige Journalistinnen und Journalisten trotz Repression recherchieren, dann sind das keine blossen kulturellen Ereignisse. Es sind Akte der Zivilisation. Sie verteidigen den freien Menschen dort, wo die Freiheit selbst angegriffen wird. Das Theater ist älter als die offene Gesellschaft, Kunst und Literatur sind zur ihrer Grundbedingung geworden. Sie lebt davon, dass Menschen den Mut haben, Nein zu sagen. Diktaturen wissen das. Deshalb verbieten sie Bücher, Theater und Musik. Nicht weil Kunst Regime stürzt, sondern weil sie den Menschen daran erinnert, dass er frei denken kann. Karl Popper formulierte den Gegenentwurf in der «Offenen Gesellschaft und ihre Feind»: «Wir müssen für die Freiheit planen und nicht nur für die Sicherheit, wenn schon aus keinem anderen Grund, weil nur die Freiheit die Sicherheit sichern kann.» Das wussten Theaterautoren wie Aristophanes, Brecht, Lessing oder Sibylle Berg und liefern den Gegenplot zum Despotismus.
Yves Kugelmann ist Chefredaktor des aufbau.