Mit grosser Verwunderung hörte ich einer jüdischen Freundin zu, die mir erklärte, dass sie ihre Sommerferien nicht mehr in Spanien planen würde. Spanien sei ein antisemitisches Land. Ministerpräsident Pedro Sánchez ein Israelhasser. Wohin sie denn jetzt in den Urlaub fahren würde, fragte ich. Nach Albanien. Nach Albanien? Man hört, dass der dortige Regierungschef korrupt sei und dass er das Land wie ein Autokrat regiere. Aber er unterstützt Israel.
Vielen jüdischen Menschen stellt sich die Frage, ob sie noch in ihrem Land leben können, weil der Judenhass qualitativ und quantitativ explodiert. Er weitet sich nun auch auf den Urlaubsort aus – soweit ist es also schon gekommen. Israel als Auswanderungs- oder Urlaubsort ist auch umstritten. Die einen freuen sich auf einen «zionistischen» Urlaub, die anderen sagen: «Ich kann doch nicht in einem Land Urlaub machen, in dem die Regierung rechtsextremistisch-rassistisch ist, die Rechte der Justiz abbauen möchte und die Pressefreiheit missachtet.»
Und Amerika? Auch hier eine gespaltene Reaktion. Die Verunsicherung ist gross. Die Koffer von nicht wenigen jüdischen Menschen sind wieder aus den Schränken genommen worden; einige packen schon. Nicht wenige haben ihre Heimatländer verlassen, weil sie den täglichen Judenhass nicht mehr aushalten. Die Lebensqualität jüdischen Lebens ist nach dem 7. Oktober 2023 noch einmal deutlich schlechter geworden. Man muss sich für Israels Regierung rechtfertigen. Schülerinnen und Schüler sowie Studentinnen und Studenten werden gemobbt, verbal und körperlich angegriffen. Der offen getragene Davidstern macht einem in einigen Teilen der Gesellschaft zu Freiwild. Die Gefährdungslage hat sich drastisch erhöht. Selbstverständlich leben wie alle anderen auch ist in weite Ferne geraten. Die Boykottbewegungen in Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft sind Alltag. Nicht nur Iraeli, auch jüdische Künstler sind davon betroffen.
Drei Möglichkeiten gibt es, auf diese Lage zu reagieren. Erstens eine selbstbewusste Haltung gegenüber diesen massiven Angriffen. Aktiv die eigene Selbstbestimmung gegenüber der Fremdbestimmung zu stärken. Ich bin nicht «die Juden», ich verweigere mich der Stereotypisierung und Diskriminierung.
Der zweite Weg ist der Rückzug. Ins Ghetto. Jüdisches Leben zieht sich hinter verschlossene Türen zurück, hofft auf eine Beruhigung und versucht den Wirbelsturm zu überleben.
Die dritte Möglichkeit ist schliesslich das Exil oder die endgültige Emigration. Hier kann ich nicht mehr und will ich nicht mehr leben.
81 Jahre nach der Befreiung von Hitler und Auschwitz, knapp 100 Jahre nach der Gründung der jüdischen Exilzeitung Aufbau ist auch in Europa das Thema Exil, aus den Heimatländern wegziehen, aktuell geworden. Gesellschaften, die den Judenhass zulassen, lassen den Menschenhass zu. Wo der Menschenhass mehrheitsfähig wird werden alle Menschen unter dieser Vergiftung leiden. Es scheint so, als ob wenig aus der Geschichte gelernt wurde. Mein Vater sagte zu mir: «Man geht nie zu früh, sondern immer zu spät.»
Michel Friedman ist Herausgeber des aufbau.
Michel Friedman
07. Aug 2026
Exil als Gegenwart
Michel Friedman