Machen wir uns nichts vor – der Mensch ist zu allem fähig. Sich auf ihn zu verlassen ist das grösste Risiko des Lebens. In unser Gegenwart erleben wir, dass die Zivilisation mit wenigen Federstrichen abgeschafft wird. Der nie endende Kampf um die Macht breitet sich in diesem Jahrhundert wie ein Tornado um uns aus. Das autoritäre, die Diktatur, die Sehnsucht der Wenigen, ihre Macht auszubauen und die Freiheit und Menschlichkeit zu zerstören, ist unübersehbar. Wirtschaftliche, politische, geostrukturelle, kulturelle Machtherrschaft werden auf offener Bühne brutal und gewissenlos verhandelt. Immer sind Profiteure ganz in der Nähe. Auch in Davos (vgl. S. 20) war das so. Während der Zweite Weltkrieg tobte und in den Konzentrationslagern Millionen Juden ermordet wurden, wurden die hofiert, die an diesem Morden beteiligt waren. Natürlich in aller Neutralität. Denn auch Nazis müssen sich erholen. Deswegen waren natürlich alle Hände, die sich in daran bereichert haben, nicht schmutzig geworden und mussten sich nicht in Unschuld waschen. Skrupellosigkeit. Kein gutes oder schlechte Gewissen. Sondern überhaupt keins. Dieses Prinzip beherrscht unsere Welt bis heute. Der sich immer weiter enthemmte Judenhass, aber auch der Hass gegenüber anderen Minderheiten, ist die konsequente Entwicklung, die zu keinem Zeitpunkt unterbrochen war. Wichtig erschient mir allerdings, die Emanzipationsprozesse nicht zu vergessen. Zwar sind die, die angreifen, Täter, ich bin aber kein Opfer. Natürlich empfinde ich Schmerz, Traurigkeit, wahrscheinlich auch ein wenig Wut. Ich weiss von der Gefährlichkeit auch der Lebensgefährlichkeit. Aber ich lasse mich nicht von den anderen bestimmen. Ich bestehe auf meine Selbstbestimmung. Ich lasse mich von diesem Hass nicht anstecken, berühren. Würden die Angriffe mich zum Opfer werden lassen, hätten die Hassenden ihr Ziel endgültig erreicht. Die vielen, die glauben, dass sie von all dem nicht betroffen sind, glauben, dass es eine Neutralität geben kann, wenn Menschen andere Menschen angreifen, gruppenbezogener Menschenhass sich breit macht – sie lügen sich in ihre eigene Tasche. Es gibt in dieser Welt keine Neutralität. Falls es sie geben sollte, ist sie der Ausdruck von Haltunglosigkeit, Beliebigkeit, von nicht-Sein. Wer glaubt, mit nichts etwas zu tun zu haben, was in diese Welt passiert, muss sich fragen lassen: Wer bist du eigentlich? Lebst du oder existierst du? Diejenigen, die in Davos mitgemacht haben, können sich aber nicht einmal auf selbst diese Neutralität berufen. Sie wussten, wer bei ihnen zu Gast war.
Michel Friedman ist Herausgeber des aufbau.
Kolumne
02. Okt 2026
Der Ort der Hassenden
Michel Friedman