Schwerpunkt – 100 jahre Schauspielhaus 07. Aug 2026

Widerstand als Prinzip

Ein essayistischer Streifzug durch die Sprachgeschichte des Pfauen zeigt, wie sich Zürich seit 1969 an aussergewöhnlicher Theaterkunst übt und sie ebenso schnell wieder vertreibt.

Aus Faszination für die Schauspieler und Schauspielerinnen, die im Zweiten Weltkrieg aus Deutschland nach Zürich flüchteten, kamen Bruno Ganz und die jungen deutschen Schau-spieler und Schauspielerinnen rund um Peter Stein 1969 nach Zürich und wurden in einer rätselhaften Umkehr und Wiederholung der historischen Vorgänge aus Zürich verjagt – ein Drama und Trauma, das sich bis heute oft wiederholte.

«A»: Diktion und politisches Diktat
Das Theater muss, in seinem innersten Wesen, immer EXIL sein, fremdartig und verstörend, eine Insel, die sich aus dem Schaum der Gegenwart erhebt, eine Insel mit ihren eigenen Regeln, mit ihren eigenen Grenzen, mit ihren eigenen Gipfeln, die immer über sich hinauswollen, sich selbst übergipfelnd sozusagen; die Sonne stürmend, jene Sonne, die als Inbild des Wahren, Guten und Schönen den Sinn stiftet, den Sinn verwahrt, den Sinn diktiert.

Doch die Diktion der Schauspieler und Schauspielerinnen entzieht sich diesem Diktat, entzieht sich allen Ideologien der Gegenwart, wenn es denn so geniale Schauspielerinnen sind, die im Schatten der wechselnden Intendanzen das Zürcher Theater viel tiefer geprägt haben als es die Medien und wir wahrhaben wollen.

Sie, die Schauspieler und Schauspielerinnen, lassen uns jedes Wort, jeden Buchstaben neu hören und erleben. Sie bilden ein ABC des Widerstands. Die Ära von Peter Stein oder Christoph Marthaler wurde immer unter politischen Vorwänden beendet – doch oft war die künstlerische Verstörung noch irritierender. Denn jede Generation erfand sich eine neue Sprechweise.

Als Klaus Kinski einmal früh in Zürich auftrat und den blutjungen Bruno Ganz so begeisterte, empörte sich Ellen Widmann, die Sprechlehrerin und «Gralshüterin der gepflegten Aussprache», wie sich Bruno Ganz amüsiert erinnert. Er ging dann nach Göttingen an die Schauspielschule und zu Peter Stein nach Bremen ans Theater, um einen anderen Klang zu lernen. Denn, so sagte er mir einmal, seinem eigenen Klang, so berühmt er geworden ist, misstraue er, und vor allem dem «A». Zu warm sei es, an ihm erkenne man sein Schweizertum. «Es ist einfach nicht gut genug.»

Buchstabieren wir uns also durch die Zeitschichte im Pfauen bis in die Gegenwart, wo das «O» weniger an einen Buchstaben, sondern eher an eine Null erinnert…

«S/Z»: Bruno Ganz im heimatlichen Exil
Noch in den letzten Gesprächen, die ich mit Bruno Ganz führen durfte, kam er immer wieder auf die Faszination zurück, die von den «Exil-Schauspielern» ausging, die im Krieg nach Zürich geflüchtet waren, so etwa, und das «S» liess Bruno Ganz dann voll Sehnsucht schwingen: «die Giehse». Bruno Ganz hatte sie als Jugendlicher aus der Beleuchterloge gesehen, sie und die anderen, die nach dem Krieg im Zürcher Exil geblieben waren.

Ebendiese Sprach-Spiel-Künstler lockten Bruno Ganz in jenes existenzielle Exil, das wohl jede Bühne darstellt, wo das Wort von der Fessel an den Sinn und der Instrumentalisierung durch das Kapital befreit wird, in die Sinnlichkeit seiner Klangwelt, in die Gegenwelt suchender und sehnender Schönheit, gedehnt wie das singende «ie» in jenem Namen: «Giehse».

Und obwohl Ganz nach Göttingen an die Schauspielschule ging und von seiner Mutter immer so wunderbare Fresspäckli erhielt, kam er bald zurück in seine Heimatstadt und spielte dann auf dieser Bühne des Widerstands: «Die österreichischen und deutschen Juden und Kommunisten oder kommunistischen Juden oder jüdischen Kommunisten, die von Hitler verfolgt wurden, waren alle da. Und von ihnen lernten wir.»

Als würde sich diese Geschichte wiederholen, erlebte der Pfauen nämlich wieder dank Ausländern seinen nächsten kulturellen Höhepunkt: 1969, und diesmal waren es keine Juden, die vom Nationalsozialismus verfolgt wurden, sondern Deutsche. Linke Deutsche, die dann hier in der Schweiz überwacht und mit einer Art sanfter Ausschaffung bedroht wurden, weil man ihnen die Aufenthaltsbewilligung nicht verlängern wollte. Eine seltsame Umkehr der Geschichte.

Der Intendant Peter Löffler holte sich nämlich als Dramaturgen den Brecht-Biographen Klaus Völker, und der wollte wie Brecht das Theater als gesellschaftliche Gegenkraft bespielen. Es gelang, Bruno Ganz aus Bremen auf die heimatliche Bühne zu locken, und mit ihm Peter Stein als Regisseur.

Und so kamen die Deutschen aus Bremen ans Schauspielhaus Zürich. Hier bereiteten sie jene Revolution des Theaters vor, die sie dann an der legendären Schaubühne in Berlin vollenden würden: «Wir waren», so das Fazit von Ganz, «nicht so gut wie später an der Schaubühne, aber wir waren auch nicht so schlecht. Es fehlte die Zeit, um ein Gesicht zu bekommen.»

Denn sie kamen in politisch bewegte Zeiten, im Nachhall von 68: «Wir kamen als Aussenseiter, blieben Aussenseiter und sind als Aussenseiter gegangen worden.» Da nun klingt das «S» im Wort «Aussenseiter» ganz anders als zuvor bei «Ghiese», schneidend, kalt, denn der stechende Schmerz sitzt tief.

«SDS»: Billige Wortspiele gegen die Kunst
«Gegangen worden», wie Ganz betont, und zwar als «Deutsch-Import»: Die Züri-Woche lancierte eine Kampagne gegen die «langhaarigen Wilden» und deutschen «Kultur-Kommunisten» unter der Leitung von Werner Wollenberger, der sich als Nachfolger von Löffler ins Spiel bringen wollte und voll Hohn auf den «Sozialistischen Deutschen Studentenbund» eine neue schweizerische «SDS» ausrief, einen «Schutzverband der Schauspielerfreunde». Flankiert wurde der Angriff durch die Weltwoche, die ein anderes billiges Wortspiel auf die Deutschen münzte: «Steins Inszenierung geriet zur APO-kalypse (…) Völker hört die Signale.» Und der Schauspieler Wolfgang Reichmann machte eine Geste, die als Hitlergruss an den Linksfaschismus interpretiert wurde. Während die Theaterkritikerin Irma Voser in der «NZZ» meist positiv von den Premieren berichtete, schloss sich deren Zürich-Ressort der Häme und Hetze an.

Mit Wehmut erinnerte sichBruno Ganz aber auch daran, welche Bedeutung man dem Theater damals einräumte, welchen Platz. Er erinnert sich an die Demonstrationen der 68er vor dem Pfauen, oder an Proben wie «Frankenstein», wo hunderte von jungen Zuschauern kamen, um ihre neuen Helden zu sehen und dann auf der Strasse zu verteidigen: Jutta Lampe, Edith Clever und Bruno Ganz unter der Regie von Peter Stein mit seinem langen Rossschwanz. Mit Peter Weiss’ «Vietnam-Diskurs» hatte man politisch Stellung bezogen, mit «Early Morning» von Edward Bond im Bühnenbild von Hans Rudolf Giger eine neue Ästhetik gewagt, mit dem «Tasso» von Kleist die Gebrochenheit des Künstlers im Kampf mit der Staatsmacht zeitlos aktuell gezeigt.

Die Ära Löffler/Stein wurde nach drei Monaten von September bis Dezember 1969 beendet. Angetrieben von FDP-Gemeinderäten, flankiert vom Stadtrat und verhindert auch von der Schauspielergewerkschaft, wie Ganz betont, «die mit dem Verwaltungsrat kurzgeschlossen war und auf anderen Instrumenten der Macht spielte». Und nicht zuletzt vertrieben «auch unter mächtiger Hilfe der NZZ», wie er mir für ein Porträt zu seinem 70. Geburtstag in ebendieser NZZ ganz bewusst sagte. Das «Z» sitzt. Schärfer noch als das «S». Der Schmerz der Zürcher Zeit. Eine Art Exil in der Heimatstadt.

Ein Blick in die Akten der Geheimpolizei: «Aus deutschen Landen»
Und weil Brunos Bruder Renzo Ganz vor langer Zeit bei uns wohnte…, und weil ich mich noch erinnern kann, wie der kraushaarige Hund eines jener «deutschen» Schauspieler bei uns durch die Wohnung in Witikon tollte, wollweich und riesig für mich als Kind, und weil ich mit zwei Jahren in der Beleuchtungsloge sass und den «Tasso» sah, vielleicht auch «Early Morning», wo Bruno Ganz die ganze Brutalität faschistischer Gewalt in seiner Diktion von «Herr D-ok-tor» offenlegte. Und zwar mit so zeitloser Schärfe, dass mich Peter Stein einmal bei unserem «Zwiegespräch» im Schauspielhaus 2017 mit bebender Stimme darauf hinwies, dass eben keiner so was «so» sprechen konnte «wie Bruno», sich «mit seiner Stimme, seinem Kiefer, seinen Zähnen so sehr in den Dienst eines Textes zu stellen, um ihn in all seiner Abgründigkeit auszuloten».

Deshalb also hole ich jetzt mit meinen Erinnerungen in der Wohnung meines Vaters die Akten der Geheimpolizei oder Bundespolizei, die damals den Pfauen verwanzt und Spitzel in den innersten Kreis am Pfauen eingeschleust hatte, um den revolutionären Umsturz in der Schweiz zu verhindern. «Wehret den Anfängen.» Diese Schlagzeile der «NZZ» zum Mai 68 galt auch hier: Die Fäden zog FDP-Regierungsrat Ernst Bieri, der eben auch im Verwaltungsrat des Pfauen sass. Und als er 1995 bei einer Art Gedenkfeier im Pfauen sich mit Peter Stein auf der Bühne versöhnen wollte, drehte der einen schwarzen Stein zwischen den Fingern und blieb ebenso hart und unversöhnlich wie dieses Amulett.

In den Fichen meines Vaters Franz Schumacher liest man also: «Alle Dramaturgen und Schauspieler, die in dem Stück engagiert sind, gehören zur oppositionellen Gruppe. Dabei fällt wiederum auf, dass sich die in diesem Schauspiel tätigen Künstler fast durchwegs aus deutschen Landen rekrutieren.» Um sie loszuwerden, wollte man ihnen einfach die Arbeitsbewilligung von der Polizei nicht verlängern lassen. Eine Politik, die an düstere Zeiten gemahnt.

Ja, in diesen Akten kann man alle Adressen nachschlagen, wer damals wo schlief. Die von Peter Stein fanden die Spitzel nicht her-aus, er schlief freilich bei Jutta Lampe. Wo?

«Lampe, Jutta: Deutsche, Schauspielerin, 13.12.1937, whft. Froschaugasse 5, Zürich 1» (am 30.7.69 von Bremen zugezogen).

Also an der Froschaugasse in verdächtiger Nähe zur Buchhandlung Pinkus: «Am 6.12.1969 wandte sich Theo Pinkus (bek.) – in Zürich gibt es keine Kultur ohne Pinkus – an Franz Schumacher, den er über die Situation am Schauspielhaus unterrichtete und gleichzeitig darauf hinwies, dass Völker bei ihm gewesen sei. Offenbar sei die Situation so, dass Direktor Löffler noch zwischen Solidarisierung mit der spalterischen Schauspielergruppe und einer gewissen Opferbereitschaft schwanke. Innerhalb der Belegschaft sei die Situation so, dass sich die qualifizierten Leute mit Völker solidarisierten. Die Solidarität gehe so weit, dass von Streik und Hochgehenlassen von Schauspielern die Rede sei. Pinkus meinte ferner, wenn die Sache komme – und damit spielte er vermutlich auf den Ausschluss von Löffler und Völker an – dann würden sie alles tun, um ausserparlamentarische Aktionen vor dem Schauspielhaus in Gang zu bringen. Es wird einen Krawall geben.»

Bald war auf den Titelseiten zu lesen, dass die Ära Löffler/Stein frühzeitig abgebrochen wurde. Aus Zürich vertrieben als Ausländer, kamen sie dann wenige Jahre später zurück: gefeierte Helden der berühmten Berliner Schaubühne. Da hatte man sie teuer eingekauft. «Eigentlich lustig. Pffft!», schmunzelte Bruno einmal. Und bemerkte die bittere Ironie, dass die Stücke, mit denen sie dann auf Einladung des unvergesslichen Christoph Vitali in Zürich gastierten, «Wie ihr wollt» und «Sommergäste» hiessen. Wie ihr wollt? Was wollen wir eigentlich vom Theater hier in Zürich?

«O»: Christoph Waltz und Katharina Thalbach 1982
Seither scheint sich in Zürich wie bei einem psychischen Trauma ein rätselhafter Vorgang zu wiederholen: Seit Peter Stein mit Bruno Ganz und Jutta Lampe 1969 nach Zürich geholt und dann gleich wieder vertrieben wurde, wurden immer wieder avantgardistische Ästhetiken nach Zürich geholt und gleich wieder vertrieben. Von Christoph Marthaler bis Stemann/Blomberg, immer wieder nach diesem alten Drehbuch: Kühne Kunst kaufen, Kritik der konservativen Kräfte, Kündigungen der Abos, Abgang – in ewiger Wiederkehr.

Für meine Generation war klar: Wir wollten vom Theater: ALLES. Der Pfauen war für uns in den 1980er Jahren Weltbühne, Partykeller, Liebesnest, Diskussionskultur, mit dem «Kuss» mitten im Wort, denn es war auch ein Liebesnest, wobei natürlich die Mädchen immer mit dem Anderen gehen wollten: dem Schauspieler. Das Theater als Double des eigenen Lebens.

Ja, auch 1982, was wenig bekannt ist, wollte Werner Weber, Literaturpapst sowie Verwaltungsratspräsident der Schauspielhaus AG, wieder «den Anfängen wehren», als im Nachhall der Jugendunruhen der linke Benno Besson «Hamlet» in Strumpfmasken aufführen liess, die, an den anarchistischen Film «Deprisa Deprisa» erinnernd, den linken Terror verherrlichten. Auch hier überdeckte die politische Empörung die Irritation über eine neue Ästhetik!

Man hielt, gewöhnt an den schön-dröhnenden Brummbass von Peter Ehrlich, nämlich allein schon die moderne Diktion nicht aus, als mit schneidender Schärfe Christoph Waltz den «Hamlet»-Monolog «Sein oder Nichtsein» in drei Minuten herunterrasselte, jedes Komma eine Guillotine: Die Gemütlichkeit des Biedersinns, der sich so wohlig im bildungsbürgerlichen Zitatenschatz spiegeln will, wurde im Trommelfeuer der Konsonanten geradezu standrechtlich hingerichtet, während Hamlet selbst nicht die Stärke hatte, den neuen König zu entthronen. Ohnmacht gegen die herrschende Macht.

«O» wie «Ohnmacht» also, oder wie das kehlig gehauchte «O» von Ophelia, gespielt von Katharina Thalbach, ein «O», dessen Klangwellen sich weiten wie im Wasser, in das Ophelia geht, weil sie das Leben nicht mehr aushält, so wenig wie jene Frau, die sich während der Jugendrevolte 1980 am Zürcher Bellevue mit Benzin überschüttete und als lebendige Fackel verbrannte: No future.

Der politische Vorwand von Werner Weber war aber – wie später die Vorwände gegen Christoph Mar-thaler – nur ein Symptom für das Unvermögen, die radikale Ästhetik und die neue Sprechweise zu ertragen: Die gutturale Kälte von Waltz, die raue Erotik von Thalbach, das lispelnde S, für das Fritz Schediwy ausgebuht wurde wie Sven Erich Bechtolf für sein rasantes Näseln, das als herablassend empfunden wurde von den braven Kuhschweizern, die lieber das Wiederkäuen von Peter Ehrlich oder Wüstendörfer hatten, die damals gegen die Stein-Truppe intrigiert hatten. Alte Fronten, neu vermessen.

Als Peter Ehrlich in Hamlet den Spion Polonius mimte und von Hamlet erdolcht wurde, spendeten wir Jungen Szeneapplaus - weg mit den alten Wohlklängen gemütlicher Verlogenheit!

Später dann feierten wir Mar-thaler – doch hier lieferte der Widerstand seiner Dramaturgin Stefanie Carp gegen die Übersiedlung der mit dem Nationalsozialismus verstrickten Flick-Collection eine willkommene Vorlage gegen die Verlängerung der Intendanz, was angesichts des Bührle-Bunkers im Rückblick neue Aktualität erhält, wobei Milo Rau in seiner Version von «Wilhelm Tell» unter der Intendanz Stemann/Blomberg hart Stellung bezog – heute hört man vom Pfauen nur «totenstillen Lärm» …

Die heutige Intendanz von Sanchez/Karabulnik macht politisch alles richtig, weshalb man sie nicht absetzen kann. Leider. Ästhetische Gründe gäbe es freilich genug, denn das Schauspielhaus mutiert gerade zu einem Opernhaus: Etwa bei «Gattopardo», wo das Pathos der Oper zwar zum Text passt, aber dann werden die Worte so hohl hin- und hergeschoben wie die Bühnenbilder, oder bei «Maniac» unter Leitung eines spanischen Opernregisseurs – der Text verkommt zum Libretto ohne Musik. Dann verkümmert jedes «O» zur Null.

Und so sehne ich mich nach dem letzten grossen Theaterabend, den ich im Schauspielhaus erlebte: «Die Frauen von Trachis», inszeniert von Jossi Wieler und in vielem an die Schaubühne von Peter Stein gemahnend. Eine Zeitreise für mich in die Vergangenheit, als ich mich, zehn Jahre alt, zum ersten Mal verliebte, 1977 in «Rosalinde», gespielt von Jutta Lampe beim Gastspiel mit «Wie ihr wollt» in Zürich, aber auch eine Zeitreise in jene Zukunft, auf die wir nach der jetzigen Intendanz hoffen dürfen, hoffen müssen.

Und so schliesse ich mit einer Hymne ans «H» – und an Patrycia Ziolkowska, die zusammen mit Sebastian Rudolph und Alicia Aumüller das Dreigestirn der Ära Stemann/Blomberg bildete, himmelhoch über dem medialen Gerede und Gewoge woker und anti-woker Wellen. Sie trugen das Haus, von dem sie nun unter Sanchez/Karabulnik nicht mehr engagiert wurden, so dass man sich im Schauspielhaus plötzlich heimatlos fühlt.

Hymne ans «H»: Patrycia Ziolkowska
Nie mehr werde ich den Buchstaben «H» so hören wie zuvor, nie mehr nach diesem «H» des Herakles und des Hades, mit dieser zugleich sehenden Suche nach einem erlösenden Vokal und andererseits dem kehligen Ersticken im Wissen um die Unerfüllbarkeit jener Sehnsucht.

Patrycia Ziolkowska verkörperte in «Die Frauen von Trachis» diesen auf zwei Beinen stehenden Buchstaben als Frau der Antike, Deianeira, Gattin des Halbgottes Herakles, die darum weiss, dass ihre Sehnsucht nichts gilt und ihr nur eins bleibt: die Liebe in der Vernichtung zu leben. Denn Herakles kehrt aus dem Krieg mit einer Beute zurück, der jungen Iole.

Frontal und herausfordernd steht Patriycia Ziolkowska zu Beginn, den Zuschauern die Stirn bietend, da. Fest und doch schon wankend zugleich, an der Grenze vom weichen Vokal der Liebe zum harten Konsonanten wie eben dem «H»: auf beiden Beinen stehend und umflossen vom Zwiefalt des griechischen Gewandes, das sich dem Gatten schmiegend entgegendrängen möchte, doch zur kalten Säule erstarrt. Denn sie wird den Ehebrecher töten.

So steht sie da, die Schauspielerin, in der gedehnten Spannung eines denkenden und fühlenden Sprachkörpers und legt die ganze Sehnsucht in das «H» von «Herakles». Ein Hauch nur, wie die Liebe. Rau und kehlig, als würde es im Hals schon ersticken. Das Stimmband: eine bebende Sehne, die an der eigenen Sehnsucht erstickt.

In einem Buchstaben verdichtet sich so das Verhängnis, und es zeigt sich: Die Theaterbühne ist ein Ort, wo das Unbeschreibliche geschieht, was sich in keine Worte fassen lässt. Ein Ort, wo sich das Menschenmögliche und Menschenunmögliche entfaltet, jenseits von links und rechts, jenseits von Mann und Frau, jenseits von Gut und Böse.

Man hat Stein verjagt, man hat Marthaler abgewürgt, man hat Stemann/Blomberg nicht verlängert. Doch die jetzige Intendanz, die man aus rein ästhetischen und künstlerischen Gründen absetzen müsste, sie wird sich halten, weil sie allein schon durch die Doppelbesetzung im Sinne unseres Zeitgeistes alles richtig macht, das heisst: alles falsch.

Nach drei Monaten wurde die Ära Löffler/Stein beendet; wäre die Intendanz Sanchez/Karabulnik aus rein ästhetischen Gründen auch so schnell beendet worden, wir würden uns nicht heimatlos fühlen und uns sehnen nach Bruno Ganz und Jutta Lampe, nach Christoph Waltz und Katharina Thalbach, nach Patrycia Ziolkowska und dem Dreigestirn, nach all jenen Sprach-Spiel-Künstlern, die sich für uns ins existenzielle Exil begaben: Auf die Bühne.

Dorthin, wo die Reibungen der Körper und Konsonanten, der Hauch der Stimmen und Vokale bald Nähe, bald Ferne erzeugen. Eine lebende Dialektik von Zuspruch und Einwand. Eine heisse Zone jenseits der Algorithmen von KI. Nicht künstliche, sondern körperliche Intelligenz – und jenes unerklärliche und unbeschreibbare Wunder, das man einfach «H» nennen könnte – jenes unerreichbare «H» der eigenen Heimat, die es vielleicht eben nur im Exil auf der Bühne gibt und das Leben zu einer ewig sehnenden Suche macht.

Und gerade weil sie vergänglich sind, werden solche Augenblicke wie damals, als der Schauspieler die Buchstaben «ROSALIND» in die Rinde der Bäume schnitzte, als Christoph Waltz Kopf stand, als Patrycia Ziolkowska ihren Leib zu einem bebenden Bogen todgeweihter Liebe bog, zu Kristallisationen, die über Raum und Zeit erhaben sind und uns durchs Leben tragen: Jeder Hauch ein Atemkristall, in dem der Sinn der Wörter in all seiner Sinnlichkeit funkelt, ein «S» oder ein «O» und wieder ein «S», ein Funkruf unserer Not nach ästhetischem Widerstand.

Material
Ivan Nagel, Kritiker und später Intendant des Hamburger Schauspielhauses, erinnert sich: «Ich sah, wie nach den beiden Premieren die Damen aus ihren kostbaren Täschchen die mitgebrachten Trillerpfeifen hervorzogen, um die Schweiz vorm Import der deutschen Revolution zu retten. Stein war wieder arbeitslos.»

Die Truppe hatte noch die Möglichkeit, in Zürich drei Monate «Frankenstein» von Wolfgang Deichsel zu proben, ohne es je aufführen zu können oder zu müssen. Das Ergebnis wurde festgehalten im sogenannten Zürcher Papier: «Unsere Erfahrungen in Zürich (‹Frankenstein›) zeigen, dass kollektive Arbeit nur möglich ist, wenn die Interessen der Produzierenden grundsätzlich übereinstimmen (...). Wir wollen versuchen, als bürgerliche Schauspieler unseren bürgerlichen Individualismus durch kollektive Arbeit am Theater zu überwinden, um sozial wirksam zu werden (Mao: dem Volke dienen).»

Stefan Zweifel ist Übersetzer, Journalist und Kurator.

Stefan Zweifel