Entlassen, vertrieben, unverzichtbar: Teo Ottos Weg vom Berliner Staatstheater zur Emigrantenbühne Zürch.
In seinem Buch «Exil im Exil» erinnert sich Hans Sahl: «Eine Strassenbahn fuhr einen Berg hinauf. In Berlin gab es keine Strassenbahnen, die einen Berg hinauffuhren. Aber hier fuhr eine Strassenbahn einen Berg hinauf und klingelte und die Leute stiegen ein und aus und verabschiedeten sich voneinander mit fremden Lauten. ‹Wir sind gleich da›, sagte Kurt Hirschfeld, und er sagte es auch nicht so, wie er es in Berlin gesagt hätte; er hatte bereits die Schutzfärbung eines Dialektes angenommen, dem er seine preussische Strenge zu unterwerfen versuchte. Das war mein erster Eindruck – eine Strassenbahn, die langsam einen Berg hinauffährt, wo es doch einfacher gewesen wäre, neben ihr den Berg hinaufzugehen. Wahrscheinlich wäre man sogar früher oben angelangt. Meine Erinnerung an Zürich ist voll von unwichtigen Begebenheiten, die erst dadurch, dass ich sie behalten habe, wichtig geworden sind; es ist mir auch meine erste Fahrt mit Kurt Hirschfeld in die Pension Bickel in der Plattenstrasse, ein Augenblick von historischer Bedeutung, in Erinnerung geblieben, weil sie mir plötzlich den Zugang zu einer anderen, einer hermetischen Welt herstellte. Die Pension Bickel war die erste Station der aus Deutschland geflüchteten Schauspieler, die das Schauspielhaus Zürich engagiert und damit vor dem Tod gerettet hatte. In den blank gescheuerten, nach Bohnerwachs riechenden, staubfreien Zimmern wohnten, ausser Kurt Hirschfeld, der soeben aus Darmstadt eingetroffene Gustav Hartung, ferner der Bühnenmaler Teo Otto und eine Reihe anderer Flüchtlinge. Hier wurde der Grundstein gelegt zu jenem berühmten Ensemble, das fünfzehn Jahre lang das deutsche Theater jenseits der deutschen Grenze am Leben erhalten sollte.»
Aufstieg und Ende einerBerliner Karriere
Wer aber war dieser – mit vielen anderen künstlerisch-literarischen deutschen Emigranten der 30er Jahre in Zürich wohl mehr gestrandete denn gelandete Teo Otto? Schon 1921 hatte der 1904 in Remscheid geborene seine Heimat – besser die Stadt seiner Geburt – verlassen, zunächst um Maler zu werden, dazu ermuntert nicht zuletzt von Malern der «Düsseldorfer» Schule wie Gert Wollheim und Otto Pankok. Im Alter von 23 Jahren entschloss er sich, als Bühnenbildner ein Mann im «Hintergrund» des Theaters zu werden, und arbeitete 1927 als Assistent seines Lehrers Ewald Dülberg an der Berliner Kroll-Oper. Deren Intendant und Direktor in diesen Jahren war der Schweizer Hans Curjel, der nach 1933 in die Schweiz zurückgekehrt war und die Leitung des Stadttheaters Chur übernommen hatte. 1948 ermöglichte Curjel dem im November 1947 aus Amerika zunächst in die Schweiz gereisten «unterbeschäftigten» Bertolt Brecht die «Entwicklung» und erste Aufführung des später «berühmt» gewordenen Antigone-Modells an diesem Theater.
Bertolt Brecht hatte Teo Otto schon im Berlin der späten 20er- beziehungsweise Anfang der 30er-Jahre kennengelernt. Noch 1932 wird Teo Otto im Alter von 28 Jahren Chef der Ausstattung im Verbund der «Preussischen Staatstheater». Aus dieser Position wird er – nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten – bereits im Februar 1933 wegen seiner politisch linken Einstellung entlassen, nachdem er noch am 4. Februar das Bühnenbild für das heute weitgehend vergessene Stück «Wer ist der Dümmste?» des kommunistischen Dramatikers Gustav von Wangenheim verantwortet hatte.
Aufbruch ins Ungewisse
Nach einem Besuch in Remscheid entschliesst sich Teo Otto zur Emigration nach Zürich, wo er als Bühnenbildner am Zürcher Schauspielhaus, unter der Direktion Ferdinand Riesers – bis zu dessen eigener Emigration 1938 in die USA ein Privattheater – engagiert wird. Trotz zahlreicher Ausstattungsaufträge, die ihn nach Ende des Krieges um die halbe Welt führen, bleibt er bis zu seinem Tod am 9. Juni 1968 in Frankfurt der verantwortliche (später «Ausstattungsleiter») Bühnenbildner des Zürcher Schauspielhauses.
«(...) Ich bin noch so schön allein. Nachher sprech ich Teo Otto, den Dekorationsmaler vom Theater. Er ist Westfale und kennt die Türheckenhexen und Geseke und konnts nicht erwarten. (...)», schrieb Else Lasker-Schüler am 5. November 1936 an ihren Mentor und Mäzen, den Rechtsanwalt Emil Raas, in Bern. Neben dem Hinweis auf den «Dekorationsmaler» Teo Otto auch ein erster Hinweis auf die damaligen «Produktionsbedingungen» auf der bedeutenden – wenn auch noch mehr «berüchtigten» als berühmten «Emigrantenbühne» des Zürcher Schauspielhauses – fand doch bereits wenig später, am 19. Dezember 1936, die – von Else Lasker-Schüler lang ersehnte – Uraufführung ihres Stückes «Arthur Aronymus und seine Väter» in einem Bühnenbild von Teo Otto statt.
Der später nach Argentinien emigrierte Paul Zech berichtet in seinen Erinnerungen an ElseLasker-Schüler unter anderem von den Bemühungen um ihre Ausreise aus Deutschland nach der Schweiz. Zech erinnert sich, Else gefragt zu haben: «Du willst also nach der Schweiz? Hast Du dort jemand, der sich Deiner annimmt?»
Else: «Man hat mir geschrieben, dass man im Schauspielhaus von Zürich meinen ‹Aronymus› aufführen will. Und dann ist doch die leibliche Schwester von Franz Werfel da. Und noch viele andere Bekannte aus unserer ruhigen Zeit.» Zech: «Wir werden morgen an den Schauspieler (Leonard) Steckel telegraphieren, dass er Dich in Empfang nimmt und in einer guten Pension unterbringt.» Und – etwas weiter: «Unser Telegramm nach Zürich hatte nichts genutzt, sie blieb unsichtbar für Freunde viele Monate lang (…)»
Von Darmstadt nach Zürich
Eine Uraufführung des «Arthur Aronymus» war zunächst noch für 1932/33 am von Gustav Hartung geleiteten Landestheater in Darmstadt – dessen damaliger Dramaturg Kurt Hirschfeld war – geplant (gewesen), mit deren Realisierung Else Lasker-Schüler noch im Februar 1933 rechnete. Dass daraus nichts mehr werden konnte, bedarf keiner weiteren Erläuterung. Kurt Hirschfeld – mit Gustav Hartung im Frühjahr 1933 entlassen – kam als Dramaturg (und späterer Direktor) ans Zürcher Schauspielhaus, wo er die Idee wieder aufnahm. Nach einer Begegnung mit Leopold Lindtberg und der Gattin des Schauspielhausdirektors Ferdinand Rieser, Marianne, der leiblichen oder «lieblichen» – denn das konnte sie, wenn sie wollte, durchaus sein – Schwester Franz Werfels, deren Einfluss auf das Zürcher Schauspielhaus in diesen Jahren nicht unterschätzt werden sollte, kommt es am 19. Dezember 1936 unter der Regie von Leopold Lindtberg zur Uraufführung. Das Bühnenbild hatte Teo Otto entworfen, als Schauspieler wirken unter anderem mit: Grete Heger, Wolfgang Langhoff, Erwin Kalser, Hermann Wlach, Leonard Steckel, Kurt Horwitz, Ernst Ginsberg. Weitere Aufführungen sind für den 23. und 26. Dezember angekündigt. Am 21. Dezember erscheint in der «Neuen Zürcher Zeitung» folgende Kritik von Alfred Welti: «Das Bekenntnis Else Lasker-Schülers zur konfessionellen Toleranz in Ehren, aber so dick aufgetragen hätte sie es uns dennoch nicht zu demonstrieren brauchen; man kann uns Schweizern in solchen Dingen keine derartige Schwerhörigkeit nachsagen, dass es dieses Winkens mit dem Holzschlegel bedurft hätte, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen.» Und weiter: «Bühnentechnisch betrachtet handelt es sich um ein Bilderstück von mehr lockerer Bindung. Einzelne Bilder sind hübsch und wirksam geschlossen, andere zerflattern in der Vorstellungswelt einer Frau, als deren bestes dichterisches Gut wir nach wie vor ihre Lyrik schätzen.»
Triumph und Enttäuschung
Else Lasker-Schüler versuchte in einem mehrseitigen Schreiben vom 28. Januar 1937 an die Redaktion der «Neuen Zürcher Zeitung», welche, darauf sei an dieser Stelle hingewiesen, in den Jahren zuvor (v.a. 1934) einige Prosaminiaturen von ihr publizierte, ihrer Enttäuschung über die Absetzung und ihrer Anerkennung für die Schauspieler und deren Leistung Ausdruck zu verleihen. Der Brief endet: «Wochen sind nun ohne Arthur Aronymus und seine Väter verstrichen – noch blickt der Himmel ergraut über die schöne Stadt Zürich und durch die Scheiben meines Fensters. Die mir längst vertraute Stadt aus Wasser und Kristall vervielfältigt mir heute mein trübes Bildnis wie jüngst nach dem Tage der reichen Bescherung am Abend des 19. Dezember. Alle die Schokoladen und Marzipane lagen dann mit schwärzester Drucktinte bespritzt. Einsam wandelte ich durch das nachtverdunkelte Zürich und sagte zu Gott: ‹Nimm die Bürde der Dichtung von mir.›»
Immerhin nahm Thomas Mann an der Premiere des «Arthur Aronymus» teil. An Else Lasker-Schüler schreibt er am 5. Februar 1937 noch: «Wie gut, dass ihr liebes Stück wieder aufgenommen wird», nachdem er unter dem 19. Dezember 1936 nach der Uraufführung seinem Tagebuch anvertraut hatte: «Abends mit K.(atia) und (Hans) Reisiger ins Schauspielhaus. Ein langes, ungeordnetes, aber liebenswürdiges rheinisches Judenstück der Lasker-Schüler, das grossen Erfolg hatte.»
Bereits am 4. Juni 1936 hatte Else Lasker-Schüler aus Ascona an Emil Raas geschrieben: «Gestern kamen am Abend Menschen aus Zürich, vom Theater der die Dekorationen macht, grossartige und noch ein Schweizer Maler. Ich glaube, sie führen eher in Zürich meine Wupper auf, weil wenige Menschen und Herr Otto ist auch aus dem Wuppertal und er liebt die Wupper, die er kennt und sah, und die Dekoration würde ihn sehr erfreuen zu machen.»
Die grossen Jahre des Schauspielhauses
In diese langen Jahre und Jahrzehnte fallen neben Arbeiten für Bühnenbilder des in Zürich uraufgeführten «Arthur Aronymus» nicht zuletzt die nachmals berühmten Inszenierungen von «Mutter Courage» von Bertolt Brecht 1941, «Der gute Mensch von Sezuan» und «Galileo Galilei» – beide 1943 inmitten des Krieges. Diese entstanden in Zusammenarbeit mit den Regisseuren und späteren Direktoren des Hauses: Oskar Wälterlin, Kurt Hirschfeld, Leopold Lindtberg, Leonard Steckel, Gustav Hartung und Kurt Horwitz. Neben Brecht und Lasker-Schüler umfasste das Repertoire Stücke von Carl Zuckmayer («Des Teufels General»), Friedrich Wolf sowie – in späteren Jahren –der beiden Schweizer Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt und vieler anderer.
Martin Dreyfus ist Publizist und Experte für Exil-Literatur.