Schwerpunkt – 100 jahre Schauspielhaus 07. Aug 2026

«Schliesslich ist man doch jeden Abend ein anderer Mensch»

Maria Becker

Abseits der Bühne geben die Erinnerungen von Maria Becker und Robert Freitag einen Einblick in das Alltagsleben rund um das Zürcher Schauspielhaus.

In seinem Buch «Es wollt mir behagen, mit Lachen die Wahrheit zu sagen» (Zürich, Pendo 1994) schreibt Robert Freitag unter anderem.: «Da fand immer ein grosses Treffen unserer Freunde statt. Sie brachten ein paar Flaschen Rotwein aus der spanischen Bodega mit. Der war billig und gut. Andere spendeten Bier. Ein grosser Kochtopf mit Gulaschsuppe wartete auf die Gäste, gekocht von Maria Fein. Wenn Maria (Anm. d. Red.: Becker) und ich nach der Vorstellung nach Hause kamen, war oft von der Gulaschsuppe nichts mehr übrig. Aber die Gespräche und Diskussionen unserer Gäste waren so interessant, dass wir den Hunger vergassen. Das Zusammentreffen mit Freunden vom Samstag auf den Sonntag mit Essen, Trinken und Fröhlichsein, diese wenigen Stunden, das waren die goldenen Zeiten der Emigration. (…) Die Wohnung vom Pipinger in Zürich war ein geistiger Treffpunkt geworden. Das war ihm damals in keiner Weise bewusst.»

Die Wohnung von Maria Becker und Robert Freitag an der Steinwiesstrasse in unmittelbarer Nähe des Schauspielhauses «beherbergte» zuzeiten auch Maria Beckers Mutter, die Schauspielerin Maria Fein, ebenso wie ihren Bruder, den Übersetzer Franz Fein, und dessen Frau, die Übersetzerin Trude Fein. Zu den Besuchern zählten unter anderen etwa auch der aus Frankreich in die Schweiz geflüchtete Manès Sperber «Munjo», Freund von Franz Fein, und manch andere Emigrantinnen und Emigranten sowie auch Robert Jungk. Geld war immer knapp, und oft musste ein Vorschuss beansprucht werden, um alle Angehörigen «über die Runden» zu bringen. Maria Fein hatte kein Engagement, Franz Fein und Trude Fein keine (offiziellen) Arbeitsbewilligungen.

Manès Sperber war nur an Wochenenden aus dem Internierungslager zu Besuch. Darüber schreibt Sperber in seinen Erinnerungen («Manès Sperber, Bis man mir Scherben auf die Augen legt – All das Vergangene III», Wien, Europa Verlag 1977, S. 298): «Im Stroh lag zu meiner Linken Franz Fein, ein hervorragender Übersetzer der angelsächsischen Literatur; ihn kannte ich schon aus Cagnes, wo er mit Maria Fein, seiner Schwester, fast Tür an Tür mit uns gewohnt hatte.»

Erinnerungen an die Bühne
Robert Freitag erinnert sich: «Saison 1942/43. 24 Stücke stehen auf dem Spielplan des Schauspielhauses. In 18 davon werde ich beschäftig sein. Für meinen Einsatz am Theater bin ich teilweise vom Militärdienst befreit. Nur vom 1.3. bis 3.4.43 muss ich in den ‹Aktivdienst›. Am 31. Oktober 1942 ist Première von ‹Penthesilea› von Heinrich von Kleist. Regie: Kurt Horwitz, Bühnenbild: Theo Otto. Penthesilea: Maria Becker, Achill: Robert Freitag. Ovationen. Horwitz, der Regisseur, ist zufrieden. Zweite Vorstellung von ‹Penthi›, wieder grosser Beifall. Horwitz steht in der Kulisse, ruft uns zu: ‹Hört nicht hin, der Applaus hat nischt zu sagen. Scheisse war’s. Ganz grosse Scheisse.› Dann machte er mit uns, im Konversationszimmer, Kritik.»

Und Maria Becker erinnert sich in ihrem Buch «Schliesslich ist man doch jeden Abend ein anderer Mensch – Mein Leben» (Zürich, Pendo 2009, S. 144/45): «Ungefähr ein Jahr später kam Onkel Franz zu uns zurück. Ich weinte, als ich ihn umarmte, danach lief ich sofort ins Theater, um Bobby (Anm. d. Red.: Robert Freitag) von dieser Neuigkeit zu erzählen. Er stand gerade als Achill mit goldenem Panzer auf der Bühne. Aus der Kulisse flüsterte ich ihm zu: ‹Onkel Franz ist da! Sie haben ihn über die Grenze gebracht!› (…) Onkel Franz übersetzte ohne Auftrag, meine Mutter (Anm. d. Red.: Maria Fein) kochte Gulaschsuppe in grossen Töpfen. Sie setzte ihr Emigrationsleben fort, wie sie es in Südfrankreich geführt hatte, und sorgte dafür, dass man sich gegenseitig half: Jeder, der einen Teller Suppe brauchte, bekam ihn von ihr. Meist waren die Töpfe leer, wenn Robert (Freitag) und ich erschöpft und hungrig von der Vorstellung nach Hause kamen. Zum Glück hatte meine Mutter noch irgendwo etwas beiseitegestellt, das sie für uns aufwärmte.»

Bei Robert Freitag wiederum steht zu lesen: «Am 28. November 1942 war Premiere: ‹Die Räuber› von Friedrich Schiller, Regie Leopold Lindtberg, Bühnenbild Theo Otto. Ich spiele den Roller. Karl Paryla, in der Rolle des Karl Mohr, fasziniert mich. Ich lerne die Rolle mit. Paryla wird krank, ich springe ein. Lindtberg spielt für mich den Roller. Paryla ist wieder gesund. Heinrich Gretler wird krank, er spielt die Rolle des Schweizer. Lindtberg zieht sich wieder mein Roller-Kostüm an, und ich übernehme für Gretler die Rolle des Schweizer. Ein Rollenkarussell. Keine der Vorstellungen durfte ausfallen.»

Alltag im Ausnahmezustand
Die ebenso schwierigen wie anspruchsvollen Zeiten – folgt man den Zeugnissen der damaligen Protagonisten – wurden so bedrückend oft kaum empfunden. Wöchentlich wechselnde Inszenierungen, unzählige Proben, mehrere Premieren. Die Mitarbeiter am Theater waren sich – bei allen Schwierigkeiten und Problemen, welchen sie sich ausgesetzt sahen – der «privilegierten» Stellung, ihren Beruf an einer freien Bühne in einem freien Land ausüben zu können, durchaus bewusst. Auch wenn die Bedrohung ständiger Begleiter war.

Neben der Beschreibung seines Aufenthaltes in der Schweiz, in Davos, wo er einerseits unter anderem als Mitarbeiter eines Gemüse- und Obsthändlers, andererseits als (Flach-)Malergeselle ebenso wie beim Parsendienst Anstellungen gefunden hatte, bevor er den Weg ans Schauspielhaus Zürich einschlug, ist bemerkens- und lesenswert, wie eindrücklich Robert Freitag bereits als Mitarbeiter der Pfauenbühne seine nach 1938 zwar nicht ungefährlichen, aber dennoch unbehelligt gebliebenen Reisen mit der Bahn zu seiner betagten Mutter in Wien beschreibt. Dabei gelang es ihm unter anderem auch, für eine mit seiner Mutter befreundete jüdische Familie Schmuckstücke aus Wien nach Zürich zu bringen und damit zum (finanziellen) Überleben der Flüchtlinge beizutragen. Es sind gänzlich unerwartete (und in der mystifizierten Geschichte des Schauspielhauses oft unberücksichtigt gebliebene) Episoden, die ebenso unprätentiös wie eindrücklich Robert Freitag – abgesehen von seiner eindrücklichen Karriere als Schauspieler und seiner Rolle als Familienvater – zu schildern gelingt. Damit erweitert der «rassisch» Ungefährdete und im Gegensatz zu anderen Mitgliedern des damaligen Ensembles politisch nicht hervorgetretene Freitag die Geschichte des «täglichen (Familien-)Lebens» einzelner Mitglieder des damaligen Ensembles um manche in den zuweilen «verklärenden» Darstellungen kaum berücksichtigte, dennoch nicht unwesentliche Facetten.

Ein einzigartiger Einblick
Auch Maria Becker hat wenige Jahre später ihre Erinnerungen aufgezeichnet. Sie sind mit anderen Erinnerungen – auch wenn solche autobiografischen Erzählungen nicht zwingend «objektiv» sind – dennoch wesentlich authentischer als jede ebenfalls nur vermeintlich objektive «Geschichtsschreibung». Gerade zu den vor allem unter Ferdinand Rieser oft beanstandeten Arbeitsverhältnissen, die sowohl für die Schauspieler wie für die Bühnenarbeiter ausserordentlich anspruchsvoll waren, erhält man etwa auch durch die Berichte von Erwin Parker oder die Anekdotensammlung des Chefgarderobiers Hans Prüfer – die Erwin Parker zusammengetragen hat – ein differenzierteres Bild der Verhältnisse am Zürcher Schauspielhaus in der Zeit der 30er Jahre bis weit in die Nachkriegszeit hinein.

Martin Dreyfus ist Publizist und Experte für Exil-Literatur.

Martin Dreyfus