1934 wurde Friedrich Wolfs «Professor Mamlock» in Zürich uraufgeführt – und zum Symbol des antifaschistischen Theaters im Exil.
Das Schauspiel «Professor Mamlock» von Friedrich Wolf (1888–1953) über einen jüdischen Klinikleiter gilt als Meilenstein des antifaschistischen Exiltheaters. Der deutsche Arzt und Schriftsteller Wolf schrieb es unmittelbar nach der Machtergreifung Hitlers im Exil. Deutschsprachige Uraufführung erlebte das Stück Ende 1934 im Schauspielhaus Zürich.
Die Tragödie um einen jüdischen Professor, die Ende 1934 in Zürich für einen Theaterskandal sorgte, spielt etwa von Mai 1932 bis April 1933. Ruth, die Tochter, hat die Zeichen der Zeitenwende zu Beginn der Dreissigerjahre verstanden, ihr Vater aber, der angesehene jüdische Klinikleiter Professor Mamlock, die Hauptfigur des Dramas, übt sich weiter in Zweckoptimismus. Als anerkannte Koryphäe auf seinem Gebiet, unpolitischer Mensch und hochdekorierter ehemaliger Frontsoldat des Ersten Weltkriegs fühlt Mamlock sich nicht gemeint, will die Folgen des Regimewechsels nicht wahrhaben. Er, überzeugter Patriot, aufrechter Demokrat, pflichtbewusst, diszipliniert – kurz: ein guter Bürger – werde schon nicht ins Visier der neuen Machthaber geraten, hofft er. Für ihn sind Wissenschaft und Ideologie getrennte Welten, Politik hört an der Tür zu seinem Haus auf. Doch mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten dringen Hass und Gewalt auch in seine Klinik, in sein Zuhause. Während sein Sohn den Widerstand wagt, klammert der Vater sich an seine Neutralität, vergeblich. Der Professor zerbricht an den zunehmenden Repressalien und seiner Loyalität, greift zum Revolver und begeht in seiner Verzweiflung Selbstmord.
Diese Geschichte, Friedrich Wolfs Drama «Professor Mamlock», wurde zu einem Meilenstein der Theaterhistorie. Es gehörte nach dem Krieg in Ostdeutschland zum Kanon der Schullektüre, blieb im Westen hingegen nahezu unbekannt und ein selten gespieltes Stück. In den vergangenen Jahren ist es häufiger auf Spielplänen zu finden gewesen, beispielsweise in Braunschweig und Hamburg sowie, im Rahmen einer Tournee, im Frühjahr 2026 im Winkelwiesen-Theater in Zürich. Der Schweiz ist das Stück eng verbunden – im Schauspielhaus Zürich erlebte es ja seine deutschsprachige Erstaufführung.
«Emigrantenensemble» als aktive Front
Im Sommer 1933 auf der Flucht geschrieben, wurde «Professor Mamlock» der grösste dramaturgische Erfolg von Friedrich Wolf, weltweit gespielt und verfilmt. Verfasst hatte Wolf den «Mamlock» in der Schweiz und im französischen Exil, und fast umgehend wurde es auf die Bühne gebracht: Uraufführung war in Warschau. 1934 schaffte das Stück den Sprung an ein deutschsprachiges – nicht aber deutsches – Theater: das Zürcher Schauspielhaus. Übernommen hatte Ferdinand Rieser, der Direktor und Inhaber des Theaters, das Haus 1926. Unter seiner Ägide hatte es sich rasch in die Gewinnzone gespielt und genoss auch künstlerisch Erfolg und Anerkennung.
Nachdem die deutsche Kulturpolitik ab 1933 Schauspielern in Deutschland die Arbeit verunmöglichte, engagierte Rieser mit Unterstützung seiner Frau Marianne Werfel-Rieser mehrere geflüchtete Künstler, etwa von der avantgardistischen Piscator-Bühne in Berlin, und andere Freigesetzte ans Schauspielhaus. Damit legte er den Grundstein für das sogenannte «Emigrantenensemble», das sich vornahm, eine aktive Front zur Bekämpfung des Nationalsozialismus zu sein, und von Grössen wie Wolfgang Langhoff, Therese Giehse, Ernst Ginsberg und Kurt Horwitz in die erste Liga der deutschsprachigen Sprechbühnen katapultiert wurde. Der Anspruch der Macher änderte sich, Riesers Spielplan wurde politischer. Neben bewährten Kassenschlagern von Wilhelm Tell bis Carl Zuckmayer fand sich überraschend das couragierte Drama «Professor Mamlock» von Friedrich Wolf im Programm. In Zürich lief es unter dem Titel «Professor Mannheim».
Taktlose Emigranten
Die Premiere am 8. November 1934 geriet zum grossen Erfolg. Kurt Horwitz als Professor begeisterte und berührte das Publikum. Der Abend war ein Ereignis, das über Wochen ausverkaufte Stück auf der Höhe der Zeit. Es mobilisierte aber auch heftigen Widerstand, wie die Historikerin Stefanie Mahrer von der Universität Basel in ihrem Essay «Mannheim auf den Bühnen von Zürich» (2021) beschreibt. Die Veränderungen im Nachbarland Deutschland beunruhigten natürlich viele, doch es gab auch Schweizer, denen sie recht kamen. Wolfs Stück platzte in eine höchst aufgeheizte Situation. Es gab Proteste gegen die Leitung des Schauspielhauses und gegen das als unerhörte Provokation erlebte Werk, das schwelende gesellschaftliche Spaltungen vertiefe. Rufe nach Verboten wurden laut. Kritisiert wurde das «taktlose Hervortreten politischer Emigranten in unserem Land» und dass unter der Leitung Riesers ein Herd kommunistischer Umtriebe und Hetze gegen Deutschland entstanden sei.
Der inszenierte politische Konflikt traf einen empfindlichen Nerv und verschob sich von der Bühne des Theaters auf die Strassen von Zürich. Die Proteste provozierten die Linke, es kam zu Krawallen, Handgreiflichkeiten, einer Jagd auf Passanten. Die Polizei musste eingreifen und bewachte das Schauspielhaus. Verängstigte Darsteller wurden, heisst es, von der Theaterleitung mit Gummiknüppeln ausgerüstet, um sich bei Bedarf verteidigen zu können. Rieser aber liess sich von Unruhen und Drohbriefen nicht einschüchtern. Bald galt «Professor Mannheim» als Meilenstein in der Geschichte der Emigrantenbühne, und Friedrich Wolf, der Autor des Skandalstücks, war in aller Munde. Lion Feuchtwanger, der ihn kennenlernte, zeigte sich von dessen Entschlossenheit und Integrität beeindruckt. Ein «revolutionäres Feuer» sei von ihm ausgegangen, so Feuchtwanger, ein «ungestümer Wille», die Welt aus dem, was sie ist, zu dem zu machen, was sie sein soll. Feuchtwanger sah in Wolf einen «literarischen Nachfahren Friedrich Schillers», jenem Autor, der sich vom Rebell des «Sturm und Drang» zum moralischen Leitstern der deutschen Klassik entwickelt hatte.
Für ein revolutionäres Theater
Geboren 1888 als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Neuwied, studierte Friedrich Wolf ab 1907/08 in Tübingen, Bonn und Berlin Medizin und spezialisierte sich auf Psychiatrie. Im Ersten Weltkrieg war er Bataillonsarzt an der Westfront, ab 1920 Stadtarzt in Remscheid und ab 1927 in Stuttgart. An der Front zum Kriegsgegner geworden, verfasste er damals erste Gedichte und Novellen. Nach dem Krieg feierte sein expressionistisches Drama «Das bist du» (1919) grossen Erfolg in Dresden. Nach einem kurzen Aufenthalt auf dem Barkenhoff in der Künstlerkolonie Worpswede im Sommer 1921, nebst Arbeit als Torfstecher, entstand Wolfs sozialkritisches Stück «Der arme Konrad». Es brachte Wolf den Durchbruch als Dramatiker, er gehörte nun zu den vielgespielten Autoren der Weimarer Republik.
Das meistdiskutierte Drama des Schriftstellerarztes wurde das in Stuttgart geschriebene «Cyankali, §218» (1929, als Film: 1930). Nach der Uraufführung in Berlin lief es ein Jahr en suite und kam auch in Moskau, Amsterdam, Zürich, Stockholm, Paris, Madrid, Warschau, New York und Schanghai auf die Bühnen – ein Welterfolg sondergleichen. Vom philosophisch interessierten Expressionisten hatte Wolf sich angesichts der sozialen Ungerechtigkeit und Not, der er im Alltag begegnete, bis Ende der 20er-Jahre zu einem Aktivisten gewandelt, der Schreiben und Literatur als wirkmächtiges Instrument politischer Auseinandersetzung ansah. Seit 1928 war er Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands, positionierte sich unter dem Schlagwort «Kunst ist Waffe!» als Gesellschaftskritiker, stritt für Frieden, Gerechtigkeit und gegen Gewalt. Er stand für ein revolutionäres Theater, das aufrüttelt, um etwas zu verändern. «Cyankali» leitete überdies eine Debatte über illegale Schwangerschaftsunterbrechung und eine Kampagne gegen den Abtreibungsparagraphen ein. Als Arzt polarisierte er auch, weil er als einer der ersten Mediziner auf ganzheitliche Medizin und Heilkraft («Die Natur als Arzt und Helfer», 1926) setzte. Somit zur Zielscheibe vieler geworden, stieg auch der Zuspruch, den er fand. 1931 reiste Friedrich Wolf auf Einladung des Volkskommissars für Gesundheitswesen in die UdSSR.
Ungehörter Mahnruf
Als jüdischer Kommunist musste Wolf 1933 Deutschland verlassen. Er emigrierte zunächst in die Sowjetunion, dann über die Schweiz nach Frankreich, wo er «Professor Mamlock» zu Papier brachte. Heute gilt es als eines der ersten antifaschistischen Stücke über die Nazi-Diktatur und ihre Opfer überhaupt, ein Appell gegen politische Blindheit. Indem er seinen jüdischen Protagonisten auf der Bühne sterben lässt, gelingt es Wolf, die Auswüchse des Nationalsozialismus schon in der Frühphase des Regimes symbolisch darzustellen, als sich noch niemand die Folgen dieses Politikwechsels hatte vorstellen können. Nach der Uraufführung in Warschau 1934 folgte die Erstausgabe in Moskau unter dem Titel «Doktor Mamlocks Ausweg. Tragödie der westlichen Demokratie». Doch Schreiben war Wolf nicht genug des Kampfes. Auf republikanischer Seite nahm er am Spanischen Bürgerkrieg teil und geriet in Frankreich 1939 in das Internierungslager Le Verne, konnte aber nach Intervention Moskaus 1941 in die UdSSR zurückkehren. Dort gehörte er zu den Mitbegründern des «Nationalkomitees Freies Deutschland». Er hielt Vorträge vor deutschen Kriegsgefangenen und begab sich während des Krieges Richtung Front, um Soldaten zum Aufgeben oder Überlaufen zu bewegen.
Botschafter in Warschau
Ab 1945 setzte Friedrich Wolf seine kulturpolitische und schriftstellerische Tätigkeit in Berlin fort. In der damaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) entstanden Stücke wie die Kriegsheimkehrer-Geschichte «Bürgermeister Anna» (1949), die 1950 von der Deutschen Film AG verfilmt wurde. Vor allem «Professor Mamlock», 1946 verspätet in deutscher Erstaufführung am Hebbel-Theater zu sehen, erlebte eine Welle des Erfolgs. Im Osten Deutschlands entwickelte sich das Drama zum Exempel in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Verfilmt (zum zweiten Mal nach der Erstverfilmung 1938 in der Sowjetunion) wurde «Mamlock» 1961 von Konrad Wolf (1925–1982), seinem Sohn, der an der Filmakademie in Moskau studiert hatte und ab Mitte der Fünfzigerjahre in der DDR etliche Filme drehte. Friedrich Wolf, der 1950 zu den Mitbegründern der Deutschen Akademie der Künste gehörte, brachte sich in den Aufbau des sozialistischen neuen Deutschlands intensiv ein. Er ging als erster Botschafter der DDR nach Polen, war bis 1951 auf Posten in Warschau. Anschliessend lebte er bis zum Ende seines Lebens in Lehnitz bei Berlin. Mit seinem Tod 1953 geriet Wolfs vielseitiges Œuvre – Gedichte, Erzählungen, Romane, Drehbücher, Hörspiele, Agitprop-Texte und heilkundliche Bücher – allmählich in Vergessenheit. Auch in Zürich, wo er 1934 Theatergeschichte geschrieben hatte. In Erinnerung geblieben ist Friedrich Wolf, der Medizin, Literatur und politisches Engagement auf so aussergewöhnliche Weise verband, vor allem als Autor der vergnüglichen Kindergeschichte «Die Weihnachtsgans Auguste».
Katja Behling ist Journalistin und Publizistin und lebt in Hamburg.