Schwerpunkt – 100 jahre schauspielhaus 07. Aug 2026

Ferdinand Riesers Emigrantentheater

Ferdinand Rieser begrüsst auf dem Schauspielhaus-Programm des Jahres 1934 die Zuschauer.

Mit Privatvermögen und Zivilcourage machte Ferdinand Rieser das Zürcher Schauspielhaus zur wichtigsten antifaschistischen Bühne des deutschsprachigen Exils.

Die Beerdigung fand am 27. Juni 1947 statt. Am Grab standen seine Frau Marianne, seine Tochter Mucki, sein Bruder Siegfried. Zwei Schauspieler von damals. Einige Freunde. Niemand von der Schauspiel AG. Keine Vertretung der Stadt. Ferdinand Rieser war im Alter von 61 Jahren einige Tage zuvor in der Dunkelheit über ein Hindernis gestolpert, hatte mit dem Kopf aufgeschlagen. Schädelbruch. Er war sofort tot.

Dieses Jahr wird das Zürcher Schauspielhaus 100 Jahre alt. Das Theater, das beinah noch so aussieht, wie Ferdinand Rieser es mit seinem Privatvermögen errichtet hatte. Es ist, als hätte es ihn nie gegeben. Den Direktor des Zürcher Schauspielhauses, der von 1933 bis 1938 das berühmte «Emigrantentheater» mit seinem glänzenden Ensemble möglich machte. Dank seiner Zivilcourage, seinem beharrlichen Einsatz, seinem Geld, auf dem seine Nachfolger aufbauen konnten. Wer war dieser Mann? Und weshalb blieb, wenn überhaupt, trotz seiner Meriten mehr Groll als Lob, mehr Häme als Dankbarkeit?

Ferdinand Rieser kommt 1886 in Riesbach in Zürich als Sohn einer jüdischen Familie zur Welt. Der Vater stirbt früh, Ferdinand erbt die Weinhandlung und Likörfabrikation «Rieser’s Sohn & Co». Unter ihm als Manager floriert der Betrieb. Und er ist kulturell interessiert. Sein älterer Bruder Siegfried wird ihm als Jurist in allen Theaterbelangen als Rechtsberater zur Seite stehen. Ferdinand ist an seiner Religion, am Judentum, wenig interessiert. In seinem Berufsleben wird sie eine wichtige Rolle spielen.

Das Stadttheater am See
1891 wird das Stadttheater am See, das heutige Opernhaus, von den berühmten Theaterbauern «Fellmer und Helmer» errichtet. Zehn Jahre später ernennt die Theater AG, die Betreiberin des Stadttheaters, Alfred Reucker zum ersten Direktor des renommierten Neubaus mit seinen drei Sparten: Oper und Operette, Ballett, Theater. Das Pfauentheater wird auf Wunsch von Reucker als Schauspielbühne zugemietet und während des Ersten Weltkriegs mit Erfolg bespielt.

Die Finanzen der Theater AG, mit dem imposanten Gebäude am See, geraten in Schieflage; sie gibt der Schauspielbühne die Schuld. Nach langem Hin und Her verlässt Reucker nach 20 Jahren seine Arbeitsstätte. Das Theater wird einem privaten Mieter, Franz Wenzler, übergeben und in «Schauspielhaus Zürich» umbenannt. Wenzler hält sein Publikum mit einem reduzierten Ensemble, mit Klassikern, Zeitgenössischem, Komödien und Premieren alle vier Tage, bei Laune.

Seit einiger Zeit zeigt sich auch Ferdinand Rieser als häufiger Besucher am Stadttheater interessiert. Seit 1916 besitzen er und sein Bruder Siegfried Aktien der Theater AG. Später haben sie auch beim Engagement von Wenzler die Hände im Spiel – und mehr als das. Ferdinand wird unter Wenzler administrativer Leiter und Verwaltungsdirektor des Theaterbetriebs.

Als Ferdinand Rieser seine Aktien kauft, beginnt für die Theater AG keine einfache Zeit. Der Aktionär ersteht sie nicht aus lauter Sympathie; er ist wach und kritisch. Mit dem Aktienpaket gewinnt er Einsicht ins Theatergeschehen und eine Stimme an der Generalversammlung. Die übt er ohne Hemmungen aus. Er kritisiert die Theater AG auf den Generalversammlungen 1917 und 1919, was das Zeug hält. Eine kleine Aufzählung mag das illustrieren. Er bemängelt:

«Die Spielpläne, die Qualität der Aufführungen, die schlechten Dirigenten, das ungenügende Orchester, fehlende Spitzenkräfte, mangelnde finanzielle Überlegungen in der Gestaltung des Theaterbetriebs.»

Der jüdische Weinhändler hat die Augen offengehalten, die Ohren gespitzt, die Spielpläne, die Besetzungslisten, die Finanzen unter die Lupe genommen. Als Geschäftsmann sieht er auch einen Theaterbetrieb als Unternehmen. Früh schon eckt er mit seiner Kritik an. Er ist undiplomatisch, kämpft mit harten Bandagen.

Kauf des Schauspielhauses
1922 ist das Jahr grosser Veränderungen im Zürcher Theaterleben. Ferdinand hat die Weinhandlung verkauft, finanziert damit das Schauspielhaus. Jetzt sind er und sein Bruder Besitzer des «Schauspielhaus Zürich». Wenzler wird noch im selben Jahr entlassen. Nach einem unglaublichen Verhandlungshickhack zwischen den Riesers, Wenzler, dem Stadttheater und der Stadt Zürich ist Wenzler nach vier Jahren endlich weg. Jetzt kann Rieser das Schauspielhaus mit eigenen Finanzen umbauen, vergrössern und in Betrieb nehmen.

Nach acht Monaten Umbauzeit, am 30. September 1926, findet mit «Cymbalin» von Shakespeare die Eröffnungspremiere im neuen Schauspielhaus statt. Die Besucher staunen. Der Zuschauerraum empfängt in Rot/Weiss/Gold, die Guckkastenbühne ist doppelt so gross wie bisher und erhöht, der Boden des Zuschauerraums nach hinten angehoben, was Sicht und Akustik merklich verbessert. Logen gehören zu den Neuerungen, neue Sitze, ein Foyer, Garderoben, Notausgänge. An die 1000 Plätze sind es jetzt. Was das Publikum nicht sieht: die grosse Hinterbühne, den Schnürboden, den Regenapparat, den eisernen Vorhang. Die jämmerlich engen Garderoben des Ensembles.

Jene, die schadenfreudig im Voraus das Scheitern des neuen Schauspieldirektors prophezeit hatten, werden enttäuscht. Was Rieser dem Stadttheater angekreidet hatte, befolgt er jetzt selbst. Mit zwei künstlerischen Direktoren in den ersten drei Spielzeiten – dann übernimmt Rieser selber – wird jede Saison in grossen Zügen im Voraus geplant. Es gibt hochkarätige Gastspiele, auch in fremden Sprachen, bekannte Darsteller und Darstellerinnen. Klassische Stücke, solche der klassischen Moderne, Konzertabende, Komödien, Tanztruppen. Immer sind die Finanzen in die Planung einbezogen. Die Kasse muss stimmen.

Suche nach neuem Publikum
Und doch ist der Anfang schwierig. Die teuren Plätze sind gut verkauft. Publikum für die billigen Plätze macht sich rar. Die grosse Masse ist Theater nicht gewohnt, das Kino ein gefährlicher Konkurrent. Mit der Inszenierung von Edgar Wallaces Kriminalstück «Der Hexer» trifft das Schauspielhaus den Geschmack der kleinen Leute. Alle Vorstellungen sind ausverkauft. Mit solchen Stücken will Rieser ein theaterfremdes Publikum auch zu literarisch anspruchsvolleren Dramen führen. Mit der Zeit gelingt das. Doch es gibt auch viel Kritik. Gleich in der ersten Spielzeit wird Carl Zuckmayers «Der fröhliche Weinberg» von einer entrüsteten Besucherin als «Schweinsstück» tituliert. An die Oberfläche quillt, was die Theaterlaufbahn Riesers fortan als Konstante begleitet: Antisemitismus.

Ferdinand Rieser ist die künstlerischen Direktoren los. Er allein bestimmt. Das ist ihm von jetzt an das Wichtigste. Er muss auf niemanden hören. Auf niemand anderen als auf Marianne Werfel, seit 1924 seine Ehefrau. Sie ist die Schwester des berühmten Schriftstellers Franz Werfel, die zum Missbehagen der wohlhabenden jüdischen Familie in Prag tatsächlich einen Weinhändler in der Schweiz geheiratet hat. Selbst wenn es anscheinend ein Theater als Morgengabe gab. Man war ja einiges gewohnt von ihr. Unschicklich hatte sich Marianne schon früh betragen, arbeitete als Krankenschwester, verdiente ihren Lebensunterhalt selbst, malte in der Akademie. Malen war und bleibt mehr als ein Hobby.

Jetzt residiert sie in Rüschlikon mit Mann Ferdinand, Tochter Mucki und Bediensteten in einer riesigen Villa, lässt sich – elegant, gross und blond – vom Chauffeur in einem beeindruckend grossen Automobil beinah täglich nach Zürich ins Schauspielhaus fahren. Sie ist zunehmend in verschiedenen Sparten tätig, leistet viel Arbeit als Dramaturgin, liest Textbücher am Laufmeter. Zudem schreibt sie eigene Bühnentexte. Nicht ohne Erfolg. Marianne ist eine wichtige, wenn nicht die wichtigste, Mitarbeiterin ihres Mannes.

Der Weg zum Emigrantentheater
Mit der Machtübernahme Hitlers, mit dem Reichstagsbrand, beginnt 1933 am Schauspielhaus Zürich eine neue Ära, das «Emigrantentheater». Im selben Jahr, 1933, wird Kurt Hirschfeld Dramaturg am Schauspielhaus, wie zuvor am hessischen Landestheater Darmstadt. Als Jude war er dort von den Nazis sogleich entlassen worden. Unter anderem dank der Kontakte von Hirschfeld kommt die Zürcher Bühne zu einem hervorragenden Ensemble. Auch in den vorherigen Spielzeiten waren auf der Pfauenbühne vorzügliche DarstellerInnen zu sehen. Jetzt gibt es andere Möglichkeiten, allererste Kräfte zu engagieren. Viele jüdische, auch arische und gegen das nationalsozialistische Regime eingestellte Schauspieler-Innen, fühlen sich in Deutschland nicht sicher. Das Engagement am Schauspielhaus wird zum Rettungsanker. Hier treten jetzt neben anderen Ernst Ginsberg, Therese Giehse, Wolfgang Heinz, Kurt Horwitz, Erwin Parker, Karl Paryla, Leonard Steckel auf. Die Schweizer Schauspieler Heinrich Gretler und Leopold Biberti kehren dem unangenehm gewordenen Gastland den Rücken. Aber auch Regisseure, Bühnenbildner, Dramaturgen aus Deutschland wie Leopold Lindtberg, Gustav Hartung, Carl Ebert, Teo Otto – alles sehr bekannte Namen – sind froh über das Engagement am Zürcher Schauspielhaus.

Doch die Chemie stimmt nicht zwischen Hirschfeld und dem Direktor. Nach nur einem Jahr wird der Dramaturg entlassen. Bis heute wird er erben, was Rieser fälschlicherweise verwehrt wird: der Gründer des Emigrantentheaters zu sein. Ein ehrendes Andenken.

Spitzenkräfte warten auf ihre Rollen
In Zürich sind die Spitzenkräfte eingetroffen und warten auf ihre Rollen. Leopold Lindtberg, Regisseur, später auch Filmregisseur, erinnert sich Jahre danach an die Anfänge. Die Vorstellungen des Ensembles und der Direktion divergieren erheblich. Die Theaterleitung will Theater wie bisher, die Schauspieler wie im deutschen Theater üblich. Ein lauer Kompromiss führt zu halbwegs akzeptablen Resultaten. Der Spielplan bringt zwar neben hochkarätigen Gastspielen immer noch Boulevardstücke, Kabarett, Musik. Die Kasse muss stimmen! Doch die Wahl der klassischen Dramen, die Tendenz der Inszenierungen, machen das Zürcher Schauspielhaus zunehmend zu einem antifaschistischen Theater mit eindeutig politischer Aussage. Dazu gehört Schillers frenetisch applaudierter «Wilhelm Tell» mit dem knorrigen Heinrich Gretler in der Hauptrolle. Wie Else Lasker-Schülers «Arthur Aronymus», ein eindrückliches Stück um die Aussöhnung von Juden und Christen. Eine von vielen Erst- oder Uraufführungen von Autoren, die nur noch im Exil gezeigt werden können. Das Schauspielhaus wird die wichtigste deutschsprachige Exilbühne in Europa. Hier wird mit Theater gegen Faschismus, gegen Antisemitismus, gegen Willkür gekämpft.

Das Ensemble gibt sein Bestes. Die Gagen sind, anders als kolportiert, sogar höher als an anderen Schweizer Bühnen. Doch die Verträge machen zu schaffen. Sie gelten für 8 Monate, 1 Monat Verlängerung ist die Ausnahme. Ein ewiger Existenzkampf. Zudem: Premiere beinah jede Woche. Eine Notwendigkeit bei oft schlecht besuchten Vorstellungen, damit die Rechnung aufgeht. Für das Ensemble ist es eine enorme Belastung zwischen Auswendiglernen, Proben und Aufführungen. Der Direktor hat den Ruf eines Rappenspalters. Aber was, wenn – schlecht kalkuliert – das Privattheater ohne Subventionen schliessen müsste, die Schauspieler und Schauspielerinnen entlassen würden? Die Fremdenpolizei würde die mit der Anstellung verbundenen Aufenthaltsbewilligungen noch so gerne entziehen. Die Menschen dorthin schicken, wo sie hergekommen sind. Nicht auszudenken!

Geist statt Geld
Hat Rieser Auseinandersetzungen nach innen auszufechten, so sind diejenigen nach aussen nicht weniger fordernd. Schon in den 30er Jahren werden von verschiedener Seite schweizerische Bühnenkünstler und Schweizer Autoren an Schweizer Bühnen gefordert. In der Direktionszeit Rieser werden zwölf Stücke von Schweizer Autoren als Eigenproduktionen gezeigt, darunter solche von Walter Lesch und dem damals bekannten Dramatiker Cäsar von Arx (Exinger). Dieselben Anliegen nimmt einige Jahre später der «Schweizer Schriftstellerverein» auf. Jetzt aggressiver. Er verlangt: Schweizer Autoren und Schweizer Dramaturgen an Schweizer Theatern. Zudem die «geistige Verpflichtung auf die Gegenwart». Und: «Geist statt Geld». Antisemitismus lässt grüssen.

Der Theaterdirektor nimmt ungerührt den Fehdehandschuh auf, setzt am 30. November 1933 die Uraufführung «Die Rassen» des Deutschösterreichers Ferdinand Bruckner auf den Spielplan. Gustav Hartung inszeniert im Bühnenbild von Teo Otto. Es wird ein Grosserfolg in jeder Beziehung. Erzählt wird im Stück von einem Studenten, der mit den Nationalsozialisten paktiert. Zum Beweis seiner Solidarität soll er die Freundin eines befreundeten Auftraggebers verhaften. Im Gewissenskonflikt ermordet er jedoch diesen, wird selbst eingekerkert. Die geistige und politische Ausrichtung des «Jüdischen Emigrantentheaters» ist damit deutlich geworden. Es ist das erste Stück gegen den Nationalsozialismus. Thomas Mann, anwesend bei der die Premiere, schreibt in sein Tagebuch: «Sehr günstige Aufnahme (…) Grosse Demonstration bei dem Worte: Im Augenblick ist es nicht deutsch, die Wahrheit zu sagen». Das deutsche Konsulat protestiert. In der Woche darauf steht das historische Drama «Juarez und Maximilian» von Franz Werfel auf dem Spielplan. Thematisiert wird der unvereinbare Widerspruch zwischen Idealismus und politischer Realität. Es ist eines von drei Bühnenstücken des jetzt in Österreich lebenden Schriftstellers, die während der Spielzeit Rieser aufgeführt werden.

Kommunist und Aktivist
Fast auf den Tag ein Jahr später, am 8. November 1934, ist es die überaus erfolgreiche Schweizer Erstaufführung von «Professor Mannheim» des Dramatikers Friedrich Wolf, inszeniert von Leopold Lindtberg im Bühnenbild von Teo Otto, dass das Schauspielhaus Zürich mit seinem Credo in die Schlagzeilen und ins Bewusstsein auch weitester Kreise bringt. Inhalt des Stücks ist das Schicksal des jüdischen Chefarztes Mannheim, der sich trotz der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Sicherheit wähnt. Hat er nicht im 1. Weltkrieg dem Vaterland gedient? Seinen Irrtum erkennt er zu spät, als er gedemütigt alles verloren hat. Er bringt sich um. Thomas Mann im Tagebuch: «Quälend für mich und das Publikum in begeisterte Empörung versetzend». Hingegen die «NZZ»: «Es ist eine Frage des Taktes, nicht immer die Wahrheit zu sagen». Das Ensemble wird zu Recht gefeiert für eine grossartige Leistung. Besonders applaudiert wird dem blonden jungen Darsteller des Sohns des Professors mit den prägnanten Gesichtszügen. Anders als der Vater, hat er die Zeichen der Zeit längst erkannt. Aber er dringt nicht durch. Der Schauspieler heisst Wolfgang Langhoff.

Dass Langhoff ans Schauspielhaus gelangt, wirft Licht auf die andere, grosszügige Seite des viel gescholtenen Ferdinand Rieser. Wolfgang Langhoff wird als glänzender Darsteller auf Düsseldorfer Bühnen gefeiert, als Kommunist und Aktivist von der Gestapo beobachtet, verhaftet, 12 Monate in Zuchthäusern inhaftiert, schwer gefoltert. Von seinem Schicksal erfährt Rieser. Seine Schreiben mit der dringenden Bitte um Entlassung des Schauspielers schickt er an hohe Stellen in Berlin und Düsseldorf. Langhoff sei für ein bestimmtes Rollenprofil am Schauspielhaus Zürich unverzichtbar. Ob diese Bitten zum Erfolg führen? Anlässlich einer Osteramnestie kommt Langhoff tatsächlich frei. Rieser organisiert den illegalen Grenzübertritt in die Schweiz. In Rüschlikon trifft eine abgemagerte, erschöpfte, zahnlose Gestalt ein – in der Folter hat man ihm die Zähne ausgeschlagen – die nichts gemein hat mit dem Publikumsliebling von einst. Riesers bitten ihn ins Haus. Er kann zwei Monate bei ihnen wohnen, wird gefüttert, zu einem Zahnarzt geschickt, bekommt neue Zähne. Es ist zu vermuten, mit Rechnung an die Auftraggeber.

Mit «Professor Mannheim» wird am Schauspielhaus erneut klar Position bezogen. Eine Schere tut sich auf. Sie schneidet nicht in gleiche Teile. Aber sie schneidet. Auf der einen Seite sind die meisten Theaterbesucher entschiedene Gegner des Nationalsozialismus. Auf der anderen die glühenden Befürworter. Ihr Organ ist die Tageszeitung «Die Front». Feindbilder sind klar definiert: das «Zürcher Schauspielhaus», die Juden, die «Pfeffermühle». Der November 1934 wird der Monat der Tumulte. Im Schauspielhaus treffen vor der «Mannheim»-Premiere Morddrohungen ein. Direktor Rieser verteilt Gummiknüppel ans Ensemble. Zur Verteidigung, man weiss nie.

Pöbeleien ohne Ende
Das politische Kabarett «Die Pfeffermühle» wird 1933 in München gegründet. Nach der Machtübernahme findet es eine neue Heimstätte im «Hotel Hirschen» in der Zürcher Altstadt. Die scharf gespitzten Wortpfeile gegen das Nazi-Regime werden von Erika Mann verfasst und von ihr und Therese Giehse auf der Bühne mit Präzision verschossen. Das ruft die Frontisten auf den Plan. Die Störungen nehmen zu. James Schwarzenbach als Regisseur mit Trillerpfeife gibt eines Abends das Signal. Eine Horde Frontisten stürmt die Vorstellung, Faschisten und Antifaschisten liefern sich eine wilde Prügelei, Polizei ist zur Stelle und der Abend im Eimer. «Juda verrecke»-Rufe sind die üble Begleitmusik.

Die Pöbeleien gegen das «Judentheater» am Schauspielhaus gehören an gewissen Abenden bald dazu, wie Polizeischutz während und nach den Vorstellungen. Das Männerklosett wird durch eine Bombe zerstört. Stink- und Tränengasbomben explodieren im Zuschauerraum. Doch es gibt auch Erfreuliches. Die Eröffnung der Spielzeit mit Zuckmayers «Katharina Knie» im Zirkus Knie, mit dem von Marianne Rieser geschriebenen Prolog. Eröffnungsfeste in noblen Zürcher Hotels mit Tanz und Musik. Reklame dieser Art muss sein. Innert drei Jahren haben sich die Besucherzahlen verdoppelt.

Die Einführung eines neuen Gesamtarbeitsvertrags führt wieder zu zähen Verhandlungen. Führend auf der Seite der Belegschaft ist 1938 Wolfgang Langhoff, der Obmann des Ensembles, der Rieser so viel zu verdanken hatte. Auf der anderen Seite Theaterdirektor Rieser. Es ist ein beinah einjähriges Ringen, in dem Rieser der Gewerkschaft Schweizerischer Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) und dem Schweizer Bühnenverband immer neue Änderungen abtrotzt – sie schliesslich auch erhält. Dennoch: Am 30. Juni 1938 kann endgültig unterschrieben werden. Das Ensemble steht unter Vertrag.

Rieser gibt auf
Diese Jahreszahl markiert auch das Ende der Direktionszeit Rieser. Waren es diese letzten harten Auseinandersetzungen, die ihn zum Rückzug bewogen? Die Annexion von Österreich? Die sinkenden Besucherzahlen in zunehmend politisch unstabiler Zeit? Sicherlich wollte er sich und seine jüdische Familie vor den Nazis in Sicherheit bringen. So wie viele andere.

Die Nachricht von Riesers Rückzug ist ein Schock. Auf jeden Fall muss verhindert werden, dass die Bühne in nazifreundliche Hände gerät, eine akute Gefahr zu dieser Zeit. Der Zürcher Verleger und Buchhändler Emil Oprecht, bekannt für sein Einstehen gegen die Nationalsozialisten und für bedrohte Intellektuelle, erweist sich zusammen mit Kurt Hirschfeld als Retter in der Not. Sie gründen die «Neue Schauspiel AG», finden Geldgeber. Auch die Stadt beteiligt sich am Aktienkapital, leistet eine Mietzinsgarantie für die, wie sie nun urteilt, qualitativ hochstehende und der geistigen Landesverteidigung dienende Bühne. Gemeinsam überstehen sie den neuen Verhandlungsmarathon mit Schauspielhauseigentümer Friedrich Rieser. Die Höhe des Mietzinses und weitere Modalitäten sind vereinbart. Die Schauspiel AG ist Mieterin. Friedrich Rieser nach wie vor der Eigentümer. Auch dieser neue Vertrag kann unterzeichnet werden.

Nach Umwegen über Paris und Südfrankreich, wo sie den alten Eltern von Marianne aus einer misslichen Lage verhelfen, schifft sich die Familie Rieser in Lissabon für die Fahrt nach Amerika ein. Nach zwölf Jahren intensiver Theaterarbeit brauchen Ferdinand und Marianne eine längere Zeit, um sich an das neue Leben zu gewöhnen. Marianne schreibt Theaterstücke, die aufgeführt, teils verfilmt werden. Sie fühlt sich bestätigt. Auch Ferdinand findet nach einer Durststrecke eine dem Theater verwandte Tätigkeit. Er kauft die Rechte von bedeutenden Theaterstücken. Wird er Theateragent? Was soll das bedeuten? Will er zurück nach Zürich, ans Schauspielhaus? Immerhin ist er ja noch der Besitzer. Eine Horrorvorstellung! Ein Kauf wird in Zürich in Erwägung gezogen und schliesslich eine Vertragsverlängerung, die bis 1952 dauern soll, von beiden Seiten akzeptiert. (Zu dieser Zeit mischt sich auch ein gewisser Herr Bührle, Waffenfabrikant, in die Verhandlungen ein. Sagt dann aber ab, weil sie ihm zu lange dauern – und wendet sich dem Kunsthaus zu.)

Im Juni 1947 treffen die Riesers wieder in Zürich ein. Lediglich einige Wochen sind fürs Erste eingeplant. Das Schicksal plant anders. Im selben Monat wird Ferdinand auf dem Friedhof Fluntern begraben. Marianne wird den Rest ihres Lebens in Amerika verbringen.

Die «NZZ», die für Ferdinand Rieser und sein Theater in zwölf Jahren wenig gute Worte fand, schrieb im Nachruf: «Die zwölf Jahre Rieser sind für Zürich theatergeschichtliche Wirklichkeit und keiner, der gerechten Sinns und guten Willens ist, wird diese in Zukunft ignorieren können.»

Ruth Werfel lebt in Zürich und ist Kulturjournalistin, Autorin, Herausgeberin und Kuratorin.

Ruth Werfel