In der bewegten Geschichte des Zürcher Schauspielhauses war die Uraufführung von Max Frischs «Andorra» ein letzter Höhepunkt seiner lang anhaltenden, legendären Ära der Emigrantenbühne.
«Drei Uraufführungen aufs Mal, an drei Abenden nacheinander, das hat‘s noch nie gegeben. Sie wurden notwendig für Andorra, das neue Bühnenwerk von Max Frisch. Anders hätte sich der Zudrang der Interessierten nicht bewältigen lassen. Sie kamen nämlich in Scharen, und das Schauspielhaus hatte seine liebe Mühe, die vielbegehrten Plätze für die drei Premieren unter ihre angestammten Inhaber, die literarische Prominenz, die sehr zahlreichen ausländischen Kritiker und die Rezensenten sowie das spontan herbeigeströmte «Fussvolk» befriedigend zu verteilen. Sie alle erlebten einen grossen Theaterabend» (Neue Zürcher Zeitung NZZ, 4. November 1961).
Andorra wurde am 2. November 1961 unter der Regie von Theaterdirektor Kurt Hirschfeld uraufgeführt. Zwanzig deutschsprachige Bühnen folgten der Zürcher Premiere in rascher Folge. Nur wenige Monate später, am 21. Februar 1962, konnte man eine weitere spektakuläre Weltpremiere feiern, «Die Physiker» von Friedrich Dürrenmatt. Die Spielzeit 1961/62 war für das Schauspielhaus ein Annus mirabilis, ein Wunderjahr, das Zürich ins grelle Rampenlicht der deutschsprachigen Bühnen rückte. Im Theaterbrief des Hauses liest sich die spektakuläre Saison schweizerisch bescheiden: «Das Glück will es, das wir in der gleichen Spielzeit ein neues Stück von Max Frisch und eine neue Komödie von Friedrich Dürrenmatt aus der Taufe heben dürfen. Wir sind uns vollauf bewusst, dass dies eine seltene Ausnahme ist. Wir werden nicht jedes Jahr mit ähnlichen Ereignissen aufwarten können.»
Freundschaft und Verpflichtung
Dieser in der Geschichte des Hauses nie mehr erreichte Glanz war nicht Zufällen geschuldet. Beide Autoren – «auch wenn Dürrenmatt hinter dem Rücken des Freundes jedem, der es hören wollte, die dramaturgischen Mängel von Andorra darlegte», so der Frisch-Biograph Julian Schütt – waren über ihre Freundschaft zu Kurt Hirschfeld eng mit dem Schauspielhaus verbunden.
Max Frisch, der Hirschfelds Drängen seinen Welterfolg mit «Andorra» verdankte, sagte 1964 an dessen Trauerfeier: «Ich spreche persönlich und zugleich von dem, was das Zürcher Schauspielhaus zusammengehalten hat, als die Schweiz nicht mehr ein Unterstand für Flüchtlinge war und die Anziehungskraft grösserer Städte dieses Haus zu bedrohen begann. Was da zusammenhielt, dass Zürich wieder und wieder die ersten Schauspieler und Regisseure deutscher Sprache und also Theaters zu sehen bekam, dass das Geistesleben einer Stadt prägt, das war nicht so sehr unsere Stadt, das war ein Mann: Hirschfeld.»
Ein Stoff, der Angst macht
Ausgangspunkt von «Andorra» war ein Tagebucheintrag aus dem Jahr 1946. Unter dem Titel «Der Andorranische Jude» notierte Max Frisch: «In Andorra lebte ein junger Mann, den man für einen Juden hielt. Zu erzählen wäre die vermeintliche Geschichte seiner Herkunft, sein täglicher Umgang mit den Andorranern, die in ihm den Juden sehen: das fertige Bildnis, das ihn überall erwartet. […] Die meisten Andorraner taten ihm nichts. Also auch nichts Gutes.» Viele Jahre später setzte er sich erneut, diesmal intensiver, mit der Andorra-Idee auseinander: «1958 entdeckte ich, dass das ein grosser Stoff ist, so gross, dass er mir Angst machte, Lust und Angst zugleich.» Er nennt sein «Andorra» ein «Judenstück für Nichtjuden».
Hirschfeld als Regisseur
Er habe oft Sorge, schreibt Frisch nach der Uraufführung an den jüdischen Regisseur und Schauspieler Fritz Kortner, «dass die Juden (die ja von sich aus mehr sind als nur eine Fiktion der Nichtjuden) sich dagegen verwahren». Deshalb habe er – um sein Stück schreiben zu können – oft jüdischen Menschen zugehört, namentlich – so Schütt – den Malern Willy Guggenheim (Varlin) und Walter Jonas und besonders Kurt Hirschfeld, »der einer seiner engsten Freunde, Förderer, Anreger war und von dem Frisch am genauesten wusste, was es heisst, ein Emigrant zu sein. […] Deshalb war es für Frisch nur folgerichtig, dass Hirschfeld der Regisseur der Uraufführung sein sollte.» Folgerichtig auch, dass er «Andorra» dem Schauspielhaus Zürich «in alter Freundschaft und Dankbarkeit» widmete.
Wie innig diese Verbindung war, liest sich in Frischs Aufsatz «Zur Uraufführung eines neuen Werks», den er anlässlich der Premiere von Biedermann und die Brandstifter (1958) in der Weltwoche publiziert hatte: «Ich danke dem Zürcher Schauspielhaus, das mich in herzlicher Hartnäckigkeit zum Stückeschreiben ermuntert, für die Gelegenheit, nicht auf das Ergebnis zu warten und dann an der Hauptprobe zu stehen mit den Händen in den Hosentaschen, sondern auf den Rohbau zu gehen, Hand anzulegen mit aller Schüchternheit, die dem Stückschreiber ziemt. […] Bei allen Proben nicht nur zugegen zu sein, sondern den Direktor und die Schauspieler gelegentlich stören zu dürfen, das alles ist herrlich – für mich! – und ich danke.» Insgesamt gab Frisch dem Schauspielhaus zwischen 1946 und 1968 sechs Theaterstücke zur Uraufführung. Er prägte das Haus am Pfauen nachhaltig. Für Kurt Hirschfeld und Max Frisch sollte «Andorra» die letzte Zusammenarbeit gewesen sein, obwohl sich Hirschfeld weitere Arbeiten des Freundes auf seiner Bühne gewünscht hatte.
Im Frühjahr 1962 sagte er der Zürcher Tageszeitung Die Tat: «Leider fürchte ich, wir werden nicht wieder so schnell ein Stück von Frisch haben. Er schreibt ja jetzt an einem Roman, und das kann lange dauern. Für Frisch und sein Werk ist das sicher gut, aber für das Theater ist es nicht gut.»
«Andorra» und der Eichmann-Prozess
In den Monaten, in denen Max Frisch an «Andorra» arbeitete, fand in Jerusalem der Prozess gegen den «Technokraten der Endlösung» Adolf Eichmann statt, der am 15. Dezember 1961 mit der Verkündung des Todesurteils zu Ende ging. Die Gleichzeitigkeit seiner Arbeit an «Andorra» mit der flächendeckenden Resonanz, die der Prozess in der Bundesrepublik und auch in der Schweiz auslöste, hatte Frisch nicht unberührt gelassen. Dennoch hält er an seinem Konzept fest, dass «Andorra nicht von den Eichmanns handelt, sondern von uns und unseren Freunden, von lauter Nichtkriegsverbrechern, von Halbspass-Antisemiten, d.h. von den Millionen, die es möglich machten, dass Hitler (um schematisch zu reden) nicht hat Maler werden müssen.» (Max Frisch in einem Brief an den Suhrkamp Verlag, 1.10.1961).
Deshalb hat Frisch es vermieden, sowohl den Ort der Handlung wie auch bestimmte Ereignisse oder Charaktere, die einen unmittelbaren Bezug zur Schoah gehabt hätten, in «Andorra» zu benennen. Er konstruierte stattdessen den emotional aufgeladenen Platzhalter einer «andorranischen» Universalität von Handlung und Charakteren; dennoch ist die Nähe zum Realen stets spürbar: «Bürger von Andorra! Die Judenschau ist eine Massnahme zum Schutz der Bevölkerung in befreiten Gebieten, beziehungsweise zur Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung. Kein Andorraner hat etwas zu befürchten.»
Frisch führte keinen Eichmann vor, der dem Publikum den Weg frei gemacht hätte, sich angesichts des «absoluten Bösen» als unbeteiligt und ohne Schuld zu sehen. Verdeutlicht hat der Autor seine Absicht in einem Interview vom 3. November 1961 in Die Zeit: «Die Schuldigen sitzen ja im Parkett. Sie, die sagen, dass sie es nicht gewollt haben. Sie, die schuldig wurden, sich aber nicht mitschuldig fühlen. Sie sollen erschrecken. Sie sollen, wenn sie das Stück gesehen haben, nachts wach liegen.»
Die Uraufführung
Die Uraufführung am 2. November 1961, die Max Frisch gemeinsam mit seinen drei Kindern in der Parkettloge des Schauspielhauses erlebt hatte, wurde mit einem begeisterten, nicht enden wollenden Applaus gefeiert. Ingeborg Bachmann, die in ihrer Liaison mit Max Frisch intensiv an der Entstehung von «Andorra» beteiligt gewesen war, erlebte den Triumph von Hirschfelds Inszenierung nicht im Theater. Sie war nach Griechenland gereist – ein deutliches Zeichen der zunehmenden Entfremdung des «berühmtesten Paars der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur».
«Andorra» sorgte für viel Lesestoff in den Feuilletons der deutschsprachigen Presse. Die Grande Dame der Zürcher Theaterkritik, Elisabeth Brock-Sulzer, befasste sich in der in Zürich erscheinenden Die Tat und auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) ganzseitig mit «Andorra»: «Eine Uraufführung von Max Frisch ist heute ein grosser Anlass, und nicht nur für die Schweiz. Doch auch gefährdet ist heutzutage ein Stück wie «Andorra». Das Thema des Antisemitismus ist beim breiten Publikum alles andere als beliebt. Erstens gehe es ja doch meistens um schauerliche Dinge dabei, und zweitens habe man nicht mehr nötig, solche zu sehen; man sei im Bilde, namentlich in der Schweiz; man brauche keinerlei Aufklärung mehr. Die ergriffenen Ovationen, die das Premierenpublikum der Uraufführung bereitete, beweisen, dass das Werk sich prachtvoll durchzusetzen vermochte. […]
Frischs Stück ist fürchterlich, gerade weil es sich so ganz im Mittleren, Alltäglichen hält. Sein Andorra ist überall. Es wird schwer sein, vor diesem Stück die Selbstgerechtigkeit zu bewahren. […] Ist nun die Uraufführung, der Kurt Hirschfeld ein hingebender Betreuer war, auch schon massgebend? Sie wird sicher die Vergleiche nicht zu scheuen haben.» (FAZ, 6. November 1961).
Am 20. Januar 1962 gelangte «Andorra» zeitgleich auf drei deutschen Bühnen zur Aufführung: München, Frankfurt, Düsseldorf – ein Theaterereignis, das sich so nie mehr wiederholt hat. Das uraufführende Schauspielhaus war damals der Fixstern am Firmament der deutschsprachigen Bühnen. Zürich liess die Bretter, die die Welt bedeuteten, erstrahlen. Dieser Aura zollte auch die in Düsseldorf erscheinende Rheinische Post in ihrer Theaterkritik vom 22. Januar 1962 Tribut: «Zürich bewahrte im «tausendjährigen Reich» die deutsche Schauspieltradition. Von Zürich her wurde das deutsche Nachkriegstheater befruchtet. Von Zürich her kam an diesem Wochenende ein Stück eines Schweizers auf mehrere führende Bühnen Westdeutschlands, das uns mitten hineinstösst in unsere politische und persönliche Schuld, das uns an dem Modellfall des Schicksals der Schlüsselfigur Andri, des «andorranischen Juden», das Spiegelbild einer «gewissen Aktualität», der wir erlegen sind in verjährten und niemals verjährenden Angelegenheiten vor Augen hält: zur Läuterung des Gewissens und zur Schärfung des Blicks für das Tun hier und jetzt, heute und morgen. […] Ein Andorra, das uns näher liegt, als so mancher Besucher wahrhaben mag.» «Andorra», das ab 1962 auf unzähligen deutschsprachigen Bühnen zu sehen war und in den Kanon der Schulliteratur aufgenommen wurde, machte auch als moralische Instanz der deutschen Nachkriegsgeneration Karriere.
Die anrollende Welle
Der Wiener Kritiker Hans Weigel, der die Schoah von 1938 bis 1945 in Zürich und Basel überlebt hatte, nannte dies «die anrollende Andorra-Welle». In seiner Theaterkritik mit der Überschrift «Warnung vor Andorra» hielt er 1962 in der Wiener Kronen-Zeitung gegen die Moralisierung des Stücks: «Wer etwas an «Andorra» auszusetzen hat, wird dies nur im Flüsterton wagen. «Andorra» ist im Begriff, ein Tabu zu werden, denn «Andorra» behandelt das Judenproblem. […] Wenn aber einer heute gegen den Antisemitismus zu Felde zieht, dann riskiert jeder, der die Form der Aussage kritisiert, für einen Antisemiten gehalten zu werden. Hier liegt die grosse Gefahr. Man soll kein Tabu, keine Zone des Schweigens rund um «Andorra» aufkommen lassen!» Solches getraute sich damals nur ein jüdischer Theaterkritiker zu formulieren. Frischs «Andorra» war in der allgemeinen Wahrnehmung, auch wegen dessen damals noch makellosen Schweizer Herkunft, über jeden Zweifel erhaben. Grossen Anteil an dieser ungebrochenen Integrität von «Andorra» hatte der Ruf des Schauspielhauses, dessen Direktor und Ensemble zu Beginn der sechziger Jahre weiterhin vom Ansehen der legendären Emigrantenbühne zehrten.
Mit dem Abstand von über sechs Jahrzehnten zur «Andorra-Welle» ist sichtbar, dass mit der Frisch/Dürrenmatt-Spielzeit von 1961/1962 noch einmal ein (letzter?) Höhepunkt in der wechselvollen Geschichte des Zürcher Schauspielhauses erreicht worden ist. Danach zieht die Theaterkarawane weiter. Sie findet mit Peter Weiss «Ermittlung» und Rolf Hochhuths «Stellvertreter» neue Stoffe im Dokumentarischen Theater. Andere Bühnen rücken ins Rampenlicht. Nach dem frühen Tod von Kurt Hirschfeld im Jahr 1964 lockert sich für Max Frisch die enge Bindung an das Schauspielhaus und für Friedrich Dürrenmatt beginnt mit der Uraufführung von «Meteor» (1966) die Schaffenszeit seines Spätwerks.
Hirschfelds Nachfolger, Leopold Lindtberg, gelingt es zwar, den Geist der Zürcher «Emigrantenbühne» bis zu seinem Weggang 1968 spürbar zu erhalten, doch danach verfällt das Schauspielhaus zusehends in politische und personelle Querelen, von denen sich die einst weltberühmte Bühne jahrzehntelang nicht erholen wird.
Gabriel Heim ist Journalist, Autor und Regisseur und lebt in Basel.