1919 kaufte ein Zürcher Hilfsverein in Davos ein Hotel und machte es zur Jüdischen Heilstätte Etania – koscher, mit Betsaal, Mikwe und Schabbatruhe, offen für Kranke aus aller Welt. Doch Davos tat sich schwer damit – sehr schwer.
Am 10. Januar 1919 war im Frankfurter Israelitischen Familienblatt zu lesen: «Die rührige schweizerische Judenheit hat sich wieder ein Ehrendenkmal errichtet: Der ‚Hilfsverein für jüdische Lungenkranke in der Schweiz‘ hat für die Errichtung seines Sanatoriums in Davos das Hotel ‚Exzelsior‘ angekauft. Das Haus, 1912 gebaut, hat 42 erstklassig eingerichtete Fremdenzimmer und in einem Nebengebäude noch acht Zimmer. Es können 125 Patienten untergebracht werden. Der Betrieb wird im April begonnen (...)». Die Liegetherapie an der Davoser Höhenluft hatte Weltruf, stellte sie doch den an der Volkskrankheit Tuberkulose erkrankten Menschen Heilung in Aussicht. Im Heilstätten-Boom des ausgehenden 19. Jahrhunderts entstanden in Davos mehrere «rituell geführte Häuser», doch sie vermochten die Kriegsjahre nicht zu überstehen. Als sich der «Hilfsverein» gegen Ende des Ersten Weltkriegs in Zürich konstituierte, gab es in Davos rund vierzig Sanatorien, von denen sich jedoch keines für jüdisch-religiöse Patientinnen und Patienten empfehlen konnte. Den Gründern der Etania war bewusst, dass der Wunsch nach einem geräumigen Sanatorium mit Koscherverpflegung, Betsaal, Mikwe und Schabbatruhe nicht der Nachfrage einer verhältnismässig geringen heimischen Klientel entsprechen würde. Es war ihnen von Anfang an klar, dass es sich bei der Gründung der Jüdischen Heilstätte Etania um ein philanthropisches Unternehmen handelte, das der gesamten Judenheit offenstehen sollte und somit ein «Weltjudensanatorium» sein würde, das auf Spenden, Legate und Subventionen angewiesen sein würde. Sinngemäss hierzu das Grusswort von Rabbiner Leo Baeck zum zehnjährigen Jubiläum der Etania im Jahr 1927:
«Jeder Kranke ist, wie mit dem biblischen Wort gesagt werden darf, ein Kranker in ihrer Mitte. Auch die Gesamtheit mit allen, die ihr zugehören, soll Not und Leid des Kranken sittlich überwinden. Als ein religiöses Gebot ist es so im Judentum immer erfasst worden. Pflicht der jüdischen Gemeinschaft ist es darum, die Sorge dafür zu eigen zu haben, dass die Etania denen ihre Pforten öffnen kann, die Eintritt begehren.»
Aus aller Welt nachDavos Dorf
Der Jubiläumsgruss der Gemeinde Davos war 1927 noch bemerkenswert aufmunternd: «Dass sich die Insassen unter ihresgleichen befinden und in ritueller und religiöser Beziehung alle Wünsche erfüllt sehen, mag mit zum guten Erfolg beitragen, wenn man weiss, welchen Einfluss die psychische Verfassung des Patienten auf den Heilungsvorgang hat. Die Anstalt scheint damit ihre Existenzberechtigung nachgewiesen zu haben und wir wünschen ihr fernerhin gutes Gedeihen.» Damals reisten jüdische Heilungsuchende aus Berlin, Litauen, Palästina, Antwerpen, Baden-Baden oder Kowno mit Endstation Davos Dorf an – nur wenige aus Zürich und Sankt Gallen. Zehn Jahre später sind in der Patientenstatistik fast ausnahmslos Staatenlose – Menschen ohne Retourbilliet – verzeichnet.
Der fehlende Friedhof
Die Gründung der Etania führte nach wenigen Jahren zu einem unerwarteten Folgeproblem, das einer dringenden Abhilfe bedurfte, die der Davoser Amtsschimmel lange Jahre nicht gewähren wollte. Die Feststellung des Verwalters der Etania, Josef Brumlik, dass im Kanton Graubünden «nun vermehrt gestorben» werde, benennt den Missstand, dass weder in der Gemeinde Davos noch im Kanton ein jüdischer Friedhof errichtet worden war, obwohl schon 1903, 1916 und zuletzt 1919 ein Gesuch hierfür eingereicht worden war.
Die Folge davon war ein jahrelanges Geschacher zwischen den jüdischen Gemeinden der Schweiz, wenn es darum ging, die in Davos verstorbenen Jüdinnen und Juden gesetzestreu zu beerdigen – es waren nicht wenige. Den späteren Vorsitzenden des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG), den St. Galler Saly Meyer, zuständig für die Davoser Glaubensgemeinschaft, erreichten hunderte Todesanzeigen und Telegramme zu diesem Dauerthema. Die Luzerner etwa erklärten sich bereit, «eine Leiche pro Jahr, franco» zu übernehmen, die Verantwortlichen der Zürcher Cultusgemeinde meldeten am 9. September 1929: «(…) übernehmen wir natürlich eine Leiche aus Davos, falls der Turnus wieder an Zürich ist, und sich auch Basel, Luzern und Baden daran halten.» Die Friedhöfe der Landgemeinden Endingen und Lengnau kamen nicht in Frage, da sie keinen Bahnanschluss hatten. Fräulein Chaja Jeruchmanoff aus Lettland wurde in Sankt Gallen beerdigt, Herr Josef Springer aus Krakau fand auf dem Zürcher Friedhof Friesenberg seine letzte Ruhe, Herr Chaim Pasternak aus Marmarosz in Rumänien wurde von der Zürcher Israelitischen Religionsgesellschaft übernommen, das 21-jährige Fräulein Steiner aus Budapest wurde in Basel beigesetzt, Frau Chouke aus Aleppo ruht in Baden. Nur selten wurden die Verstorbenen von ihren Familien heimgeholt. Die Malaise endet erst mit der Einweihung des Davoser jüdischen Friedhofs am 17. September 1931. Über zehn Jahre hinweg hatte sich die Gemeindepolitik um die Platzfrage gedrückt. Sie scheue – wurde argumentiert – die Errichtung weiterer Friedhöhe wegen deren vermeintlich tristen Wirkung auf den Gesundungsprozess der allgemeinen Kurgäste.
Zauberberg und Etania
Auch wenn die Etania, in deren Reglement unmissverständlich festgehalten ist: «Wer nicht glaubt, sich religiösen Forderungen fügen zu können, gehört nicht in die Heilstätte Etania», das Zentrum der jüdischen Gemeinschaft in Davos gewesen sein mag, so logierte die besser betuchte Mehrheit der jüdischen Tuberkulosepatientinnen und -patienten in einem der vielen Sanatorien, Kurhotels und Pensionen oder mietete sich in privat geführten Fremdenzimmer ein. Die von weither angereiste jüdische Klientel verteilte sich über ganz Davos, bis hinauf zum Zauberberg – dem «Sanatorium Schatzalp», das Thomas Mann zum Schauplatz seines Jahrhundertromans gemacht hatte. Die jüdische Präsenz in Davos wird Mann während seines Aufenthalts im Jahr 1912 durchaus wahrgenommen haben, auch wenn die Etania damals noch nicht existierte. Sein «Zauberberg», 1924 erschienen, entwickelt im zweiten Teil einen Protagonisten, den es aus einer frommen jüdischen Familie von der galizisch-wolhynischen Grenze krankheitshalber in die fieberhaften Heilstätten von Davos getrieben hatte. Leo Naphta, der privat einquartiert ist, trifft in seinem Logis auf den gebildeten und feinfühligen Settembrini, der aus Kostengründen von der Schatzalp ins Dorf hinab ziehen musste. Settembrini und der «jesuitische Jude» Naphta liefern sich im «Zauberberg» ein weltanschauliches Duell, dem Naphta ein tödliches Ende bereitet. Er kommt damit dem Sieg seiner fatalen Krankheit und dem Scheitern seiner Illusionen zuvor. Thomas Mann hatte Davos zum Brennglas einer Epoche herbeigeschrieben.
Die Deutschen in Davos
Zu den wenigen eingesessenen Davoser Juden gehörte Isi Bloch, der im Ort ein Spezialhaus für Sportbekleidung führte. Am 19. August 1933 schreibt er seinem Freund Saly Meyer nach St. Gallen: «… wegen der hiesigen internationalen Verhältnisse ist es nicht möglich, eine ganz offene Sprache zu führen – in Davos sind die Deutschen in der Mehrzahl. Ich persönlich merke wenig von Risches [Antisemitismus] – die Schweizer Kundschaft ist mir treu. Ob Deutsche meinem Geschäft fernbleiben, kann ich nicht genau sagen. Es gibt sicher solche, die mich boykottieren. Aber aller Freunde kann man ja nicht sein. Auf jeden Fall vertrete ich hier den gebührenden Standpunkt des Juden und schrecke vor niemandem zurück.» Dass in Davos die deutsche Kolonie zu Beginn der Dreissigerjahre das Ortsbild und auch das politische Klima nachhaltig beeinflusste, geht auf die Vielzahl ihrer Sanatorien und Heilanstalten zurück, in denen ab 1933 kein Hehl mehr aus der Begeisterung für das NS-Regime gemacht wurde. Das waren: das Kinderheim der fanatischen Nazi-Schwestern Pichert, die unter Verwaltung des Deutschen Tuberkulose-Hilfswerkes in der Schweiz (DTHW) betriebenen Häuser Bernina, Esplanade, National sowie das Konsul-Burchard-Haus – im Volksmund Braunes Haus genannt -, das Deutsche Kriegerkurhaus und die Deutsche Heilstätte. «Eine regimekritische Haltung war beim besten Willen in keinem dieser Häuser zu erkennen. Ausser deutschen Chefärzten und sonstigem Personal waren auch die meisten Patientinnen und Patienten deutscher Sanatorien stramme Gefolgsleute des Nationalsozialismus, denn die Berechtigung zu einer Kur in einer ausländischen Klinik wurde im «Dritten Reich» von der ideologischen Einstellung der Kranken abhängig gemacht. Ohne ausgewiesene Regimetreue erhielt man weder Reisepapiere noch die benötigten Devisen zugeteilt und keinen freien Platz im Davoser Sanatorium», beschreibt der Lokalhistoriker Urs Gredig die Verhältnisse. Dass der hauptamtliche Landesgruppenleiter Wilhelm Gustloff in Davos nach Belieben schalten und walten konnte, wunderte 1933 auch Isi Bloch: «Dass Herr Gustloff als Führer der NSDAP in der Schweiz eine von unserem Staat subventionierte Stellung inne hat, kann ich absolut nicht verstehen.» (Gustloff war beim Schweizerischen Forschungsinstitut für Hochgebirgsklima und Medizin angestellt.)
Im Februar 1936 wurde Wilhelm Gustloff durch den jüdischen Studenten David Frankfurter in Davos erschossen.
Flüchtlinge und knappe Mittel
«Immer und in allen Ländern», hatte sich der Vorstand der Etania schon von Anbeginn festgelegt, «wird es jüdische Lungenkranke geben, die nur in Davos gerettet werden können und deren einzige und letzte Hoffnung daher die Etania sein wird.» Der ständige Zustrom bestätigt die Prognose. Ende der Dreissigerjahre erreichte das Haus mit 185 Belegungen einen vorläufigen Höchststand. Der Zuwachs jüdischer Flüchtlinge in die Schweiz wirkt sich auch in Davos aus. «Das Haus war ständig voll besetzt und die Gesuche um Aufnahme in die Etania mehren sich täglich.» Es wurden nun auch heilungsbedürftige Menschen eingewiesen, die vor dem Nazi-Terror geflohen waren und sich ohne Hab und Gut über die Grenzen gerettet hatten. Die Liste der Patienten verzeichnet 74 polnische Staatsangehörige, 48 Staatenlose, 15 Ungarn, 15 rumänische Staatsangehörige, 8 Tschechen und 11 Schweizer. «Die Zusammensetzung der Patienten ist im Vergleich zu früheren Jahren eine ganz andere», protokolliert der Vorstand, «was eine negative Einwirkung auf die allgemeine Disziplin in der Heilstätte hatte. Es befinden sich Leute in der Etania, die früher in teilweise guten Verhältnissen gelebt haben und sich in das Milieu nicht einfügen können.» Es kamen kaum noch Selbstzahler und dies bei steigenden Kosten. Im Grunde genommen waren die Ressourcen zum Erhalt und Betrieb der Etania stets prekär gewesen. Schon deshalb war man dauerhaft darum bemüht, tatkräftige Unterstützer der Heilanstalt zu gewinnen. Die Kriegsjahre verschärften die Situation zusätzlich. 1941 wandte sich der Präsident der Etania, Gustav Bernheim-Heim, mit einer «Notaktion» an die jüdischen Gemeinden: «Durch die immer schlimmer werdenden Verhältnisse, hervorgerufen durch die totale Verarmung unserer Patienten, könnten wir jetzt wieder das Ergebnis einer grösseren Sammlung nötig brauchen. Da wir jedoch wissen, dass die notwendigen Aktionen zu Gunsten der Flüchtlingshilfe, Wohltätigkeitsvereinen und nahen Verwandten sich immer mehr häufen, können wir uns von einer Grossaktion zu Gunsten der Etania nicht viel versprechen.» Abhilfe konnte neben der jüdischen Flüchtlingshilfe (VSJF) auch das Etania-Komitee in New York schaffen. Wesentlicher waren jedoch die jährlichen Zahlungen des American Jewish Joint Distribution Committee (JOINT), das vor allem während der Kriegsjahre – und auch nach 1945 – mit seiner Zuwendung die Kosten für die mittellosen Flüchtlinge und Displaced Persons zur Hälfte übernahm.
Das «Braune Haus»
Bei Kriegsende machte sich der Vorstand der Etania auf eine Zunahme jüdischer Tuberkulosepatienten gefasst, namentlich der Buchenwald-Überlebenden, von denen viele an Tuberkulose erkrankt waren. Um die Kapazitäten zu erweitern, fiel der Blick des Vorstands auf die von der Bundesanwaltschaft konfiszierten deutschen Heilanstalten, «die nach der Abschiebung der nun unerwünschten deutschen Patienten leer standen». Für das sogenannte «Braune Haus» wurde ein Kaufangebot unterbreitet, denn man wollte «die Chance nicht verpassen, der jüdischen Allgemeinheit einen Teil der ihr geschuldeten Wiedergutmachung zu sichern». Doch sehr bald schon musste man feststellen, dass in Davos Kräfte im Spiel waren, «die es vorziehen, uns das Haus nicht zu überlassen». So kam es denn auch. Davos blieb sich in seiner Haltung zur «Judenfrage» auch nach der «Säuberung» – so nannte man in der Schweiz 1945/46 die Ausschaffung dann unliebsam gewordener Deutscher – treu. Gegen den Entscheid des Bundesrats, das aus deutschem Besitz stammende «Konsul-Burchard-Haus» – das «Braune Haus» – für zwei Jahre den Buchenwald-Patienten zur Verfügung zu stellen, regte sich erbitterter Widerstand. Unter der Anleitung einiger Davoser Hoteliers wurde beim Bundesrat Protest «gegen die Unterbringung zahlungsschwacher KZ-Überlebender» eingelegt – mit Erfolg. Um nicht gar zu hartherzig zu wirken, wurde den KZ-Überlebenden vom Magistrat eine ermässigte Kurtaxe genehmigt. Der Gemeinde Davos wurde hingegen das Recht zugestanden, «den sich schlecht aufführenden Sanatorium-Insassen den weiteren Aufenthalt in Davos zu verbieten».
Furchtbare Schäden
«So vermittelt Ihnen dieser Bericht ein Bild einer an ihren Aufgaben wachsenden Etania. Viel ist dank dem Opfersinn der Juden in aller Welt erreicht worden. Noch mehr gilt es zu erreichen. Denn die furchtbaren Schäden an der Gesundheit unseres Volkes, die der Krieg in weltweitem Umfang hinterlassen hat, machen unsere fortgesetzten rastlosen Anstrengungen zu ihrer Bekämpfung zu einer auf allen Volksgenossen ruhenden heiligen Verpflichtung» (Protokoll der Etania, 1946). Die Tätigkeit der Heilstätte Etania endete im Jahr 2000. Der karitative Hilfsverein existiert weiterhin.
Gabriel Heim ist Journalist, Autor und Regisseur und lebt in Basel.