Jüdische Einwanderer schufen Hollywood und wurden früh mit Antisemitismus konfrontiert. Doch nach der Machtergreifung Hitlers wurde die Filmindustrie als Retter verfolgter Juden in Europa aktiv.
Ihre Namen sind längst Legende. Persönlichkeiten wie Louis B. Mayer; William Fox; Harry, Sam, Albert und Jack Warner bleiben in den Namen der von ihnen gegründeten Hollywood-Studios Metro-Goldwyn-Mayer, Fox Film Corporation und Warner Brothers lebendig. Carl Laemmle und Adolph Zukor signalisierten mit den Bezeichnungen ihrer Studios Universal Pictures und Paramount Pictures globale Ambitionen, während Paul Kohner als ehemaliger Produzent bei Universal mit einer eigenen Künstleragentur eine weitere Grundsäule der Branche etablierte. Sie alle teilen eine Herkunft und ein Vermächtnis als jene jüdischen Immigranten, die nach dem grundlegenden Werk des Filmhistorikers NealGabler «Hollywood erfanden». Die Literatur über diese Persönlichkeiten beginnt meist mit Zukor, so auch Gabler in «How the Jews Invented Hollywood: An Empire of Their Own». Das von Zukor mitbegründete Studio Paramount Pictures war die erste Hollywood-Firma, die Filme sowohl produzierte und vertrieb als auch selbst in Kinos zur Aufführung brachte – ein Schritt, der die Branche revolutionierte.
Wie die meisten anderen Pioniere wuchs Zukor in Armut auf. 1873 in dem ungarischen Dorf Ricse geboren, verlor er den Vater als Kleinkind und war erst sieben Jahre alt, als seine Mutter verstarb und ihn als Waise zurückliess. Sein Stiefvater wollte für den Jungen nicht sorgen, sodass er und sein älterer Bruder Arthur zu einem Onkel geschickt wurden, der sich wünschte, dass Adolph Rabbiner würde. Nach eigener Aussage war Zukor jedoch kaum für das Studium des Talmuds geeignet: Für sein Desinteresse an religiösen Fragen büsste er mit Einsamkeit und einem Mangel an Zuwendung.
Anstatt sich auf das Rabbinat vorzubereiten, arbeitete Adolph als Lehrling im Kurzwarengeschäft eines Freundes der Familie und wanderte im Alter von sechzehn Jahren in die Vereinigten Staaten aus. Er fand Anstellung in einer Polsterei in New York, wurde später Kürschner und machte sich in Chicago selbstständig. Bis 1903 war er wohlhabend genug, um eine grosse Wohnung im deutsch-jüdischen Viertel von New York zu erwerben. Im selben Jahr stieg Zukor in die Filmbranche ein, nachdem ein Cousin ihn um ein Darlehen für eine Investition in eine Kinokette gebeten hatte. Dessen Partner war der ebenfalls in der Pelzbranche tätige Marcus Loew. Neun Jahre später gründete Zukor 1912 die «Famous Players Film Company». Das Unternehmen verfilmte Broadway-Theaterstücke unter Mitwirkung der Originalbesetzung.
Rückzug des Pioniers
Famous Players bildete den Grundstein für die Paramount Pictures Corporation, die einige der grössten Stars jener Zeit unter Vertrag nahm und ihnen hohe Gagen zahlte. Dazu zählten Mary Pickford, Roscoe «Fatty» Arbuckle, Douglas Fairbanks, Gloria Swanson und Rudolph Valentino. In den 1920er Jahren produzierte Zukors Studio jährlich 60 Spielfilme und betrieb eine Kette von fast 2000 Kinos. Der Pionier zog sich 1959 aus dem operativen Geschäft von Paramount Pictures zurück und übernahm den Vorsitz des Verwaltungsrats. 1964 wurde er zum Ehrenvorsitzenden ernannt – eine Position, die er bis zu seinem Tod im Alter von 103 Jahren in Los Angeles innehatte. Zukors Vita war in Vielerlei repräsentativ für die gesamte Gründergeneration Hollywoods. Gabler beschreibt diese Gruppe als «bemerkenswert homogen» und geprägt von «bemerkenswert ähnlichen Kindheitserlebnissen». Zudem vertraten sie ähnliche Ansichten über ihre neue Heimat, die religiöse Praxis und ihre eigene Stellung in Amerika. Wie Zukor verlor auch der in Deutschland geboreneLaemmle (siehe den separaten Beitrag von Rainer Schimpf in dieser Ausgabe) seine Mutter in jungen Jahren – mit dreizehn. Sie alle waren in Armut aufgewachsen. Mit Ausnahme von Zukor, dessen Vater früh gestorben war, hatten sie Väter, die sich von einem Job zum nächsten hangelten und keinen dauerhaften Lebensunterhalt sichern konnten: «Die Söhne, die so liebevoll von ihren fürsorglichen Müttern sprechen, schweigen bezeichnenderweise über ihre Väter oder begegnen ihnen sogar mit Feindseligkeit», so Gabler. Fox spuckte bei der Beerdigung seines als ziellos und verantwortungslos geltenden Vaters sogar auf den Sarg.
Gabler vermutet, dass diese Pioniere infolgedessen alles ablehnten, was mit ihren europäischen Wurzeln in Verbindung stand – seien es Akzente, Bräuche oder die Religion. Eine umfassende, rückhaltlose Assimilation in Amerika wurde ihr Leitmotiv. Gleichzeitig waren die seinerzeit in der Neuen Welt bestehenden Hürden für Juden in vielen Wirtschaftszweigen ein Grund für die Attraktivität des «brandneuen Filmgeschäfts», so James Forsher, Regisseur des Dokumentarfilms «A Paramount Story». Zudem war das Kino in den Augen des angelsächsischen Establishments aufgrund der Nähe zu Vaudeville und Zirkus zunächst etwas verrufen. Das neue Medium bot also Raum für die Entfaltung jüdischer Kreativität.
Hass importiert und hausgemacht
Die Ironie der Geschichte ist, dass die Gründergeneration dennoch immer wieder mit Antisemitismus auch in aggressiver Form konfrontiert wurde. Nach der Machtergreifung der Nazis drängten Emissäre Hitlers Hollywood, deutsche Propaganda in den Kinovertrieb aufzunehmen und hatten damit häufig Erfolg. Ein Grossteil des Antisemitismus war jedoch hausgemacht. So veröffentlichte der Industrielle Henry Ford Anfang der 1920er Jahre Auszüge aus den gefälschten «Protokollen der Weisen von Zion» als Serie in seiner Zeitung «Dearborn Independent» und fasste sie später in einer Broschürenreihe mit dem Titel «The International Jew: The World’s Foremost Problem» zusammen. Rechtsextreme christliche Gruppen verbreiteten in der Weltwirtschaftskrise Flugblätter, die zum Boykott der Filmindustrie aufriefen. Eines davon zeigte Bilder eines nichtjüdischen Mädchens und eines Juden mit Hakennase neben dem Slogan:
«Christliche Wächter, erhebt euch! Kauft bei Nichtjuden; beschäftigt Nichtjuden; wählt Nichtjuden. Boykottiert das Kino!»
(aus einem antisemitischen Flugblatt, USA, 1930er-Jahre)
Zu den erschreckendsten Vorfällen gehörte die Aufdeckung von Nazi-Komplotten in den 1930er Jahren mit dem Ziel der Ermordung – durch Erhängen – von 24 Hollywood-Schauspielern und Studiobossen, darunter Al Jolson, Eddie Cantor, Charlie Chaplin, Samuel Goldwyn und Louis B. Mayer. Aufgedeckt wurden diese Pläne von Leon Lewis, einem Anwalt und ehemaligen Geschäftsführer der Anti-Defamation League. Er hatte lokale Nazis und Faschisten ausspioniert, nachdem diese begonnen hatten, Hollywood-Studios zu unterwandern. Für seine Aktivitäten erhielt er finanzielle Unterstützung von Studiobesitzern, Regisseuren und Produzenten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gerieten Juden schon am 25. November 1947 und damit gleich zu Beginn der Kommunistenhetze, die mit Senator Joe McCarthy verbunden bleibt, ins Visier der Politik. Damals lud das US-Repräsentantenhaus siebzehn Produzenten, Drehbuchautoren und Regisseure zu einer Anhörung über kommunistische Umtriebe vor. Zehn dieser Zeugen – später als «Hollywood Ten» bekannt – verweigerten eine Antwort auf die berüchtigte Frage: «Sind Sie derzeit Mitglied der Kommunistischen Partei oder waren Sie es jemals?» Alle zehn, darunter sechs Juden, wurden wegen Missachtung des Kongresses zu Haftstrafen in Bundesgefängnissen zwischen sechs Monaten und einem Jahr verurteilt. Eines der Ausschussmitglieder, John E. Rankin aus Mississippi, demonstrierte seinen fanatischen Antisemitismus, indem er die Schauspieler Danny Kaye und Edward G.Robinson mit ihren Geburtsnamen – David Kaminsky und Emmanuel Goldenberg – ansprach.
Retter aus den eigenen Reihen
Trotz des Antisemitismus zeigten viele der jüdischen Pioniere Hollywoods während des Aufstiegs Hitlers eine bewundernswerte Haltung. Carl Laemmle beispielsweise nutzte sein Privatvermögen und seinen Einfluss, um hunderte von Juden aus Europa zu retten, angefangen bei Angehörigen und Freunden aus seiner Heimatstadt Laupheim. Er stellte finanzielle Bürgschaften aus, hinterlegte hunderttausende von Dollars auf Treuhandkonten, um die strengen US-Einwanderungsbestimmungen zu erfüllen, und kämpfte bei Konsulaten um die Erteilung von Visa. Laemmle unterstützte zudem wichtige Organisationen im politischen Kampf gegen den Einfluss der Nazis in den USA, darunter die «Hollywood Anti-Nazi League for the Defense of American Democracy» sowie den «European Film Fund». Die Liga organisierte Kundgebungen, initiierte Petitionen und versuchte, eine antinazistische Haltung in das Hollywood-Kino einzubringen, während der Fonds Hilfsmassnahmen für Flüchtlinge – sowohl Juden als auch Nichtjuden – finanzierte und sich darum bemühte, exilierten Künstlern Arbeitsplätze in der Filmindustrie zu verschaffen.
Federführend beim European Film Fund war Paul Kohner, der selbst nach 1933 seinen Posten als Deutschland-Chef von Universal hatte aufgeben müssen und sich in Hollywood 1938 neu als Talentagent erfunden hatte. Als enger Vertrauter Laemmles hatte Kohner Startkapital von seinen Freunden William Wyler und Joseph Pasternak erhalten (beide waren mit Laemmle verwandt oder hatten für ihn gearbeitet). Die Paul Kohner Talent Agency in einem imposanten Gebäude am Sunset Boulevard wurde zu einer der wichtigsten Künstleragenturen Hollywoods. Kohner gründete jedoch im selben Jahr den European Film Fund mit. Durch die Vermittlung von Arbeitsplätzen und die Ausstellung von Bürgschaftserklärungen hat der Fonds hunderte jüdischer Leben gerettet – und das trotz der auch für Laemmle so schmerzhaften Zurückhaltung des US-Aussenministeriums, verfolgten Juden die Einreise in die USA zu gestatten. Wie der Historiker Jeffrey Fear von der University of Glasgow schreibt, war die Paul Kohner Talent Agency in ihren ersten Jahren ebenso sehr eine Hilfsstelle für die Einwanderung von Flüchtlingen wie eine Künstleragentur.
Exilanten und Hollywood
Auch Harry Warner setzte sich bei der US-Regierung nachdrücklich für die Aufnahme von Nazi-Flüchtlingen ein und entsandte sogar Filmteams nach Alaska – ein erfolgloser Versuch, Präsident Franklin D. Roosevelt davon zu überzeugen, dort jüdische Flüchtlinge anzusiedeln. Zwischen 1933 und 1939 konnte Hollywood zahlreichen Schauspielern, Regisseuren, Drehbuchautoren und Komponisten aus Europa Zuflucht in Los Angeles gewähren. Darunter waren Billy Wilder, Fritz Lang und Peter Lorre. Häufig mussten sie Angehörige zurücklassen, die den Nazis zum Opfer fielen. So wurden die Mutter, der Stiefvater und eine Grossmutter Wilders in Auschwitz ermordet.
Exilanten wirkten in vielen Hollywood-Filmen mit, darunter in dem mit einem Oscar ausgezeichneten Klassiker zum Thema Flucht und Widerstand «Casablanca» aus dem Jahr 1942. Nazi-Flüchtlinge wie Paul Henreid, Conrad Veidt, Lorre, S.Z. Sakall, Leonid Kinskey, Helmut Dantine, Marcel Dalio, Ludwig Stossel und Wolfgang Zilzer stellten stimmigerweise einen Grossteil des Ensembles.
Die Erinnerung als Sitcom
Jüdische Flüchtlinge traten sogar noch 20 Jahre nach Kriegsende in einer amerikanischen Comedy-Serie auf. «Hogan’s Heroes» (in Deutschland bekannt als «Ein Käfig voller Helden») lief 1965 bis 1971 erfolgreich auf CBS und präsentierte eine widerspenstige und smarte Gruppe alliierter Soldaten in einem Nazi-Kriegsgefangenenlager mit dumpfbackigen Wachen. Der mit seiner Familie aus Deutschland in die USA geflohene Werner Klemperer spielte Colonel Klink, einen tollpatschigen deutschen Offizier. Er tat dies jedoch nur unter der Bedingung, dass Klink als Idiot dargestellt würde.
Zu den weiteren Schauspielern gehörte der aus Frankreich stammende Robert Clary als Corporal LeBeau, der selbst zwei Konzentrationslager überlebt hatte, indem er die Wachmannschaften mit seinem Gesangs- und Tanztalent unterhielt. John Banner war aus Wien geflohen und hatte in der US-Armee gedient. Ebenfalls aus Wien stammte Leon Askin (General Burkhalter), der seine Eltern im Vernichtungslager Treblinka verloren hatte.
Als einige Kritiker «Hogan’s Heroes» Geschmacklosigkeit vorwarfen, weil die Serie ein von den Nazis geführtes Kriegsgefangenenlager verharmloste, tat Clary die Kritik ab. Derartige Lager seien grundverschieden von den Erfahrungen von Juden während des Holocaust gewesen: «Ich weiss, dass Kriegsgefangene ein schreckliches Leben hatten. Aber im Vergleich zu Konzentrationslagern und Gaskammern war es wie Urlaub.»
Doug Chandler ist als Journalist seit Jahrzehnten vor allem für jüdische Medien tätig und jüngst von New York City nach Philadelphia umgezogen.