Exil, Flucht und Migration einst und heute – im Gespräch äussert sich die Direktorin des Exilarchivs der Deutschen Nationalbibliothek über historische Referenzen und Lehren für die Gegenwart.
Aufbau | Der Exilbegriff benötigt zuerst eine Verortung zu Migration und Flucht. Wie würden Sie diese Begriffe für sich, und im Kontext Ihres Archivs, definieren?
Sylvia Asmus | Mit Begriffen ist es immer schwierig. Im Prinzip sind das analytische Kategorien, die uns bei der Betrachtung helfen, aber es gibt sehr viele Überschneidungen. Migration ist zunächst wertneutral – die Wanderung von Menschen über räumliche Grenzen hinweg, ohne dass über die Ursache etwas gesagt ist. Sie kann freiwillig oder erzwungen sein, und da beginnt die Schwierigkeit: Ist es freiwillig, wenn ich mein Land wegen einer Naturkatastrophe verlasse, oder weil ich keine Arbeit habe? Flucht dagegen ist immer erzwungene Migration: Man flieht, wenn man bedroht ist, wenn das eigene Leben in Gefahr ist, wenn man von staatlicher Gewalt bedroht wird. Exil beschreibt dann, was jemand im Aufnahmeland erlebt: die Auseinandersetzung mit neuer Sprache, neuer Kultur, die Frage nach der eigenen Identität. Im Unterschied zur Emigration ist Exil zunächst ein temporärer Zustand, oft mit dem Wunsch nach Rückkehr und mit Widerstand verbunden – Emigration heisst eigentlich: Man will auf Dauer gehen. Im Exilarchiv sehen wir aber, wie durchlässig diese Kategorien sind: Jemand geht mit dem Wunsch zurückzukehren, sieht dann, dass es keinen nennenswerten Widerstand gab, und bleibt auf Dauer. Andere wollten auf Dauer bleiben, wurden im Aufnahmeland aber nie heimisch und sind zurückgekehrt. Es sind theoretische Definitionen, mit denen man sich immer wieder anhand einzelner Biografien neu auseinandersetzen muss.
Aufbau | Wenn man diese Begriffe ernst nimmt, entscheidet doch der Anfangspunkt, welchem Begriff man ein Leben am Ende zuordnet. Zum Beispiel: Ich verlasse Deutschland und sage, ich komme nicht wieder – dann wäre das Migration. Sage ich, ich komme zurück, sobald Deutschland von der AfD-Regierung befreit ist, wäre das Exil. Ändere ich später meine Meinung und bleibe doch, bin ich dann rückwirkend Exilant oder Migrant?
Sylvia Asmus | Das ist wirklich spannend. Migration ist eigentlich der Oberbegriff für alles, historisch unterscheiden wir dann zwischen Emigration und Exil – genau das beschreiben Sie. Wir hören aber oft, dass selbst Menschen, die im Aufnahmeland geblieben sind und nie zurückgekehrt sind, sich trotzdem noch im Exil fühlen. Das ist dann eher ein innerer Prozess. In der reinen Theorie sind Emigration und Exil die beiden Pole.
Aufbau | Wir sprechen für den Aufbau, die Exil-Zeitung, und ich möchte bei den Jahren 1933 bis 1945 bleiben, die in der Exilgeschichte – nicht nur bei uns, auch wissenschaftlich – immer besonders hervorgehoben werden. Was unterscheidet diese Epoche von anderen Exilepochen?
Sylvia Asmus | Für die deutsche Geschichte war das ab 1933 eine ganz tiefgreifende Fluchtbewegung. Wir sprechen von etwa 500 000 deutschsprachigen Menschen, die aufgrund staatlicher Repression, Entrechtung, Verfolgung und Gewalt das Land verlassen mussten. Das war für viele der Betroffenen eine traumatische Erfahrung: Sie mussten ihre Herkunftsländer verlassen, um sich zu retten. Sie verloren ihre soziale und berufliche Existenz und mussten sich in einer völlig neuen Umgebung ein neues Leben aufbauen. Unter ihnen waren sehr viele, die das kulturelle, intellektuelle und wissenschaftliche Leben der Weimarer Republik getragen hatten. Insofern ist dieses Exil eine grosse Verlustgeschichte für Deutschland, Österreich und die deutschsprachigen Gebiete der damaligen Tschechoslowakei – andererseits auch eine Geschichte von transnationalem Erfahrungsaustausch, von Zugewinn für die Aufnahmeländer. Und all das erforschen wir heute an einer, verglichen mit heutigen Migrationsbewegungen, relativ kleinen Gruppe.
Aufbau | Was bedeutet die Aufarbeitung des Exils ganz konkret für Ihre Arbeit? Was tun Sie praktisch?
Sylvia Asmus | Zum einen bewahren wir Materialien: Wir sichern die Originale, erschliessen sie und machen sie zugänglich – für die Forschung, aber auch in unseren Programmen zur politischen Bildungsarbeit und kulturellen Vermittlung, um sie immer wieder neu zu befragen. Dazu erarbeiten wir Ausstellungen und bieten ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm an. Neben thematischen Formaten liegt ein Schwerpunkt darauf, Biografien zu rekonstruieren. Denn die Beschäftigung mit Exil erfordert immer eine individuelle Betrachtung. Es gibt nicht den einen Weg von A nach B, das verläuft ganz unterschiedlich – je nachdem, aus welchem Grund jemand verfolgt wurde, wann die Person das Land verlassen musste, welchen Beruf sie hatte, wie alt sie war und wo sie schliesslich Aufnahme fand. Man muss also sehr genau hinschauen. Gleichzeitig schlagen wir Brücken in die Gegenwart. Auch wenn das Exil nach 1933 sehr spezifisch ist, gibt es Muster, die bis heute wirken – wenn man die Spezifik immer mit erzählt.
Aufbau | Zwischen 1933 und 1945 kommt es zu einer Entleerung der deutschen Kultur, Wissenschaft, des Journalismus – einer regelrechten Entnährung Deutschlands. Wir sind jetzt 81 Jahre nach der Befreiung: Ist dieser Verlust überhaupt aufholbar?
Sylvia Asmus | Die Frage ist, was man mit «aufholen» meint. Blickt man auf die Menschen, die gegangen sind, waren darunter sehr wichtige Persönlichkeiten – ich nenne nur Albert Einstein, Hannah Arendt, Thomas Mann, wir könnten hier viele Namen aufzählen. Von Exilierten wurden in den Aufnahmeländern ganze wissenschaftliche Disziplinen mitbegründet, zum Beispiel in den USA. Das bleibt bestehen: Deutschland war das Land, aus dem diese Menschen aufgrund des Nationalsozialismus fliehen mussten. Wie soll man das aufholen? Wir leben heute in einer globalisierten Welt, in der Wissen zirkuliert und wissenschaftlicher und kultureller Austausch ganz anders funktioniert als damals. Aber die Tatsache, dass diese Menschen aus unserem Land fliehen mussten, die bleibt.
Aufbau | Wir erleben gerade wieder, dass Menschen in Deutschland aufgrund des zunehmenden Antisemitismus ernsthaft überlegen, das Land zu verlassen – eine Reanimation des Exilgedankens, den die kleine jüdische Nachkriegsgemeinde so nicht hatte. Die jüngere Generation hat, auch seit dem 7. Oktober, eine neue Gesprächsdynamik: Müssen wir gehen, und wann? Mein Vater pflegte zu sagen: Wir sind immer zu spät gegangen – zu früh ist noch nie jemand gegangen. Was würden Sie 2026 sagen: An welchem Zeitpunkt befindet man sich, wenn man als deutscher Jude in Deutschland lebt?
Sylvia Asmus | Eine wirklich schwierige Frage. Ihrem Vater würde ich zunächst recht geben. Ein Grund, warum damals viele nicht gegangen sind, war, dass sie sich nicht vorstellen konnten, nicht mehr als Teil der deutschen Gesellschaft zu gelten. Sie konnten sich das Ausmass der Entrechtung, Verfolgung, staatlichen Gewalt und später Vernichtung nicht vorstellen. Und das kann ich sehr gut nachvollziehen, obwohl ab 1933 in rascher Folge Gesetze wie das «Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums», später die «Nürnberger Gesetze» erlassen wurden, um nur zwei Beispiele zu geben. Diese Situation haben wir heute nicht, wir leben in einer Demokratie. Alarmierend ist allerdings, dass der Antisemitismus so stark zugenommen hat, darauf reagieren wir auch in unseren Bildungsprogrammen. Und vieles, was wir heute beobachten, ist durchaus beängstigend und erfordert unser Engagement. Es ist wichtig, dass wir nicht einfach davon ausgehen, dass Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt selbstverständlich sind. Und da kann der Blick auf die Geschichte wieder helfen.
Aufbau | Lassen Sie uns das weiterdenken. Im September finden Wahlen in einem Bundesland statt. Nehmen wir an, die AfD gewinnt und übernimmt zum ersten Mal die Exekutive. Sind Sie dann, mit Blick auf Ihre Exilforschung, hundert Jahre später an einem vergleichbaren Punkt – nur dass es diesmal um die Bundesregierung geht, die den Rechtsstaat und die Garantien für Minderheiten, auch für jüdisches Leben, so verändern könnte, dass der Schutz jüdischen Lebens nicht mehr gesichert ist? Ist das vor allem eine Frage des Zeitpunkts?
Sylvia Asmus | Ich glaube nach wie vor sehr stark an unsere Demokratie – und das ist auch ein Unterschied zu 1933: Wir haben diese Staatsform inzwischen so lange eingeübt, dass ich darauf vertraue, dass wir demokratisch bleiben.
Aufbau | Auch wenn eine Partei beteiligt ist, die diese demokratische Verfasstheit explizit infrage stellt?
Sylvia Asmus | Ich glaube daran, dass sich die demokratischen Kräfte durchsetzen werden.
Aufbau | Darf ich kurz einhaken: Sie sprachen von staatlicher Gewalt. Blickt man in die USA – könnte man das Vorgehen der Einwanderungsbehörde ICE als langsamen Anfang einer solchen Entwicklung deuten? Das würde bedeuten, dass Sie ein Exilarchiv betreiben, das ursprünglich das Exil in Amerika dokumentiert – und dass sich diese Dynamik jetzt wieder nach Deutschland zurückbewegt.
Sylvia Asmus | Solche Vergleiche sind schwierig, da muss man sehr präzise differenzieren. Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 wurden der Rechtsstaat, die Demokratie und die Gewaltenteilung abgeschafft. Die Länder wurden gleichgeschaltet. Diese Situation haben wir heute in den USA nicht. Wir sehen dort ungute, wie ich meine auch gefährliche Entwicklungen, aber eine Gleichsetzung mit dem Nationalsozialismus hilft uns nicht, die gegenwärtige Situation besser zu verstehen. Entscheidend ist eher, zu fragen: Was verändert sich konkret? Wo werden demokratische Prinzipien und rechtsstaatliche Verfahren angegriffen? Wir zeigen aktuell die Ausstellung «Schau nicht nur zu! Lektionen für den Widerstand» auf dem Vorplatz der Deutschen Nationalbibliothek. Die Ausstellung zeigt Nora Krugs Illustrationen über Formen des Widerstands gegen Autoritarismus, die sie für den Bestseller des Historikers Timothy Snyder «Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand» gezeichnet hat. Da werden Handlungsspielräume aufgezeigt.
Aufbau | Was können wir – ohne die Situation mit 1933 gleichzusetzen – aus Ihrer Arbeit über das Exil 1933 bis 1945 für die Gegenwart lernen?
Sylvia Asmus | Man kann sehr viel lernen, aber die Beschäftigung mit dem Exil kann nie eine Anleitung sein, nach dem Schema: Wir vergleichen die Situation und treffen daraus unmittelbar individuelle Entscheidungen. Man sieht aber viele Muster: Wie beginnenRassismus und Entrechtung? Welche Handlungsspielräume gab es? Welche wurden genutzt, welche nicht? Was macht eine offene und tolerante Gesellschaftaus? Was stärkt Demokratie? Das kann sehr nachdenklich machen – auch mit Blick auf das eigene Handeln und auf die Frage, was in einer Gesellschaft unverhandelbar sein muss. Wir haben in Deutschland nach 1945 versucht, aus der Erfahrung des Nationalsozialismus Konsequenzen zu ziehen. Inwieweit uns das gelungen ist, ist eine andere Frage. Aber in unserem Grundgesetz sind viele Werte festgeschrieben, an die wir uns immer wieder erinnern sollten. Interessant ist: Historische Fragen können wir oft unaufgeregt diskutieren, während dieselben Fragen am aktuellen Geschehen nur mit grosser Aufregung verhandelbar sind. Diskutieren wir sie an der Geschichte, kommen wir manchmal, in ruhigerer Atmosphäre, zu Einsichten für die Gegenwart.
Aufbau | Sie beschäftigen sich im Exilarchiv mit alten Texten. Manche wirken brandaktuell. Gibt es einen Text, der so zeitlos relevant ist, dass wir ihn heute verstehen sollten?
Sylvia Asmus | Ulrich Alexander Boschwitz‘ «Der Reisende» ist so ein Text. Das Typoskript befindet sich in der Sammlung des Exilarchivs. Das Buch ist nicht umsonst in unzählige Sprachen übersetzt worden und vor wenigen Jahren erstmals auf Deutsch erschienen. Das möchte ich unbedingt zur Lektüre empfehlen. In unserer Dauerausstellung «Exil. Erfahrung und Zeugnis» gibt es dazu eine immersive Audio-Video-Installation. Ebenfalls aus einem Nachlass in unserer Sammlung wurde gerade Lili Körbers «Abschied von Gestern» herausgebracht. Und bald feiern wir die Premiere von Ivan Heilbuts «Zugvögel» – einem bisher auf Deutsch unveröffentlichten Manuskript aus seinem Nachlass, der ebenfalls im Exilarchiv liegt.
Aufbau | Künftige Generationen werden vieles nur noch digital lesen. Wie setzen Sie im Zeitalter der Digitalisierung die Akzente, damit das Interesse an der Exilgeschichte lebendig bleibt?
Sylvia Asmus | Digitalisierung beschäftigt uns in vielfacher Weise. Ein besonderes Projekt in diesem Zusammenhang ist «Frag nach!». Wir haben in Kooperation mit der USC Shoah Foundation zwei digitale interaktive Interviews erstellt. Dafür haben uns Kurt Salomon Maier, der mit seiner Familie in das französische Lager Gurs deportiert wurde, und Inge Auerbacher, die mit ihren Eltern nach Theresienstadt deportiert wurde, je rund 900 Fragen beantwortet. Im Rahmen einer grossen kontextualisierenden Ausstellung präsentieren wir diese Interviews auf lebensgrossen Bildschirmen bei uns vor Ort. Man kann in Interaktion treten, Fragen stellen und erhält Antworten. In unserem Projekt «Frag nach!» haben wir uns entschieden, auf generative KI zu verzichten. Die Antworten der beiden Zeitzeugen werden so ausgegeben, wie sie Kurt Salomon Maier und Inge Auerbacher formuliert haben. Die Ausstellung bietet weitere digitale Zugänge, zum Beispiel eine digitale Erinnerungswand, vertiefende Medienstationen und animierte Graphic Novels, um niedrigschwellige Einstiege in unsere Themen anzubieten.
Uns beschäftigen die Chancen und Grenzen der Künstlichen Intelligenz in der Vermittlung von Geschichte sehr. Nicht erst seitdem gefälschte Bilder von Holocaustüberlebenden durch die Netze gehen, sieht man die Risiken immer deutlicher. Wir arbeiten gerade an einem vom BMFTR gefördeten Projekt mit dem Fraunhofer-Institut und der Universität Leipzig, in dem wir schauen, wo Potenziale und Grenzen von KI für Archive, Museen und Gedenkstätten liegen.
Aufbau | Das Problem ist, dass solche Projekte in gewissem Sinn zu spät kommen, weil im Netz längst Fakten geschaffen werden – gerade bei der Hologrammisierung des Holocaust, auch von jüdischen Institutionen selbst. Wie gehen Sie mit diesen neu geschaffenen, oft undurchsichtigen Geschichten um?
Sylvia Asmus | Wir sind gegenüber grossen US-Techkonzernen natürlich ein kleiner Player. Was wir leisten können, ist, uns mit anderen Einrichtungen zu vernetzen und auf neue Entwicklungen zu reagieren. Wir haben viele Schulklassen bei uns und entwickeln immer wieder neue Formate, zum Beispiel zur Medienkompetenz. In Workshops schärfen wir den Blick dafür, wie man digital erzeugte, fiktive Avatare erkennt, die etwa so tun, als seien sie Anne Frank – und wie man Dinge erkennt, die tatsächlich auf Fakten beruhen. Solche Fragen diskutieren wir mit Schülerinnen und Schülern und mit Studierenden. Junge Menschen in die Lage zu versetzen, genau hinzuschauen und Informationen kritisch zu prüfen, halte ich für absolut zentral.
Aufbau | Gibt es ausser dem Exilarchiv weitere Sammlungen zum Thema in Deutschland? Was stellt das Exilarchiv heraus?
Sylvia Asmus | Es gibt sehr gute Sammlungen mit Exilbeständen, etwa im Deutschen Literaturarchiv Marbach, der Akademie der Künste in Berlin, der Walter A. Berendsohn Forschungsstelle in Hamburg oder dem Zentrum für verfolgte Künste in Solingen, um nur einige zu nennen. Das Besondere am Exilarchiv ist sein spezifischer Zuschnitt: Wir beschäftigen uns ausschliesslich mit dem Exil. Das ist unser Kontext, unabhängig davon, wie prominent oder bekannt die exilierten Personen waren. Deshalb bewahren wir auch die Archive von Privatpersonen und Familien. Uns interessieren die Fluchtgeschichten und die Erfahrungen des Exils. Das Exilarchiv wurde zudem von Exilierten mitinitiiert, gemeinsam mit dem damaligen Bibliotheksdirektor Hanns-Wilhelm Eppelsheimer. Schon 1948/49 hatten Exilierte die Idee, in Deutschland eine solche Einrichtung zu gründen, ein «Kampfmittel gegen das sich von neuem erfrechende Nazitum». Sie wollten mit ihren Werken in Deutschland vertreten sein und eine Sammlung gründen, die in die Gesellschaft wirkt. Auch diese Gründungsgeschichte ist, glaube ich, etwas Besonderes.
Aufbau | Theater war und ist eng verbunden mit dem Thema Exil auf und hinter der Bühne. Welche Rolle spielt es bei Ihnen?
Sylvia Asmus | Theater war im Exil auch eine Form des Widerstands und der Selbstbehauptung. Zugleich waren alle an die Sprache gebundenen Kunstformen im Exil eine besondere Herausforderung. Ein interessanter Bestand in unserer Sammlung ist der der «Players from Abroad», einer 1942 von exilierten Theaterleuten gegründeten Gruppe. Zu ihr gehörten Grete Mosheim, Oskar Karlweis, Albert Bassermann, Ernst Deutsch und Elisabeth Bergner. Sie führten unter anderem Stücke von Goethe auf. Die Rückbesinnung auf Klassiker als Ausdruck von Humanismus und damit auch als Beweis für ein «anderes Deutschland» lässt sich im Exil häufiger beobachten. Der Bestand enthält Theaterprogramme und Fotografien. Interessant ist auch ein kleinerer Bestand zum «Weissen Rössl». Das Singspiel wurde 1930 uraufgeführt, es war im Nationalsozialismus verboten. Seine jüdischen Schöpfer, Eric Charell, Ralph Benatzky und Ernst Stern emigrierten und adaptierten es für den amerikanischen Markt. Im Exilarchiv liegen einige der dafür entstandenen Kostümentwürfe von Ernst Stern. Theater ist aber natürlich auch Thema in den Exilzeitungen. Und auch in Beständen zu Internierungslagern finden wir handgestaltete Programme von Theateraufführungen. Sie machen sehr deutlich, wie wichtig Kultur gerade in Zeiten von Verunsicherung und erzwungener Untätigkeit war.
Aufbau | Fühlen Sie sich mit Ihrer Arbeit politisch begleitet oder eher vernachlässigt?
Sylvia Asmus | Das sind regelrechte Wellenbewegungen: Das Thema kommt immer wieder an die Oberfläche und verschwindet auch wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein. Wir halten seit 1948 daran fest, unabhängig davon, ob es gerade gefragt ist. Seit etlichen Jahren sind unsere Themen sehr nachgefragt. Um gute politische Bildungsarbeit und kulturelle Vermittlungsarbeit zu leisten, neue Zugänge zu schaffen und wichtige Bestände dauerhaft zu sichern, zu erschliessen und zugänglich zu machen, braucht es aber eine ausreichende finanzielle und personelle Ausstattung. Für unsere Arbeit brauchen wir Engagement, Durchhaltevermögen und kreative Ideen – aber eben auch die entsprechenden Ressourcen.
Aufbau | Wie viel von den Beständen ist digitalisiert?
Sylvia Asmus | Da haben wir noch einiges zu tun. Das liegt einmal an rechtlichen Herausforderungen – die meisten Materialien sind noch urheberrechtlich geschützt – aber auch an den fehlenden Ressourcen. Bevor überhaupt digitalisiert werden kann, müssen die Bestände erschlossen werden, und Digitalisierung heisst bei uns hochauflösende Digitalisate mit Metadaten, kein einfaches Scannen. Bei unserer Sammlung von Exilpublikationen sind wir sehr gut aufgestellt, da liegt die Mehrzahl bereits digitalisiert vor. Bei den Nachlässen haben wir schon einiges digitalisiert, zum Beispiel den Nachlass des Schriftstellers Leo Perutz, aber es liegt noch sehr viel Arbeit vor uns. Für unseren Auftrag ist beides wichtig: das analoge Original und das weltweit verfügbare Digitalisat.
Aufbau | Was ist die wichtigste Aufgabe der nächsten Zeit?
Sylvia Asmus | Zum einen ist da die politische Bildungsarbeit. Die Nachfrage ist gross, und wir erarbeiten immer wieder neue Formate, die an die Lebenswirklichkeit junger Menschen anknüpfen. Zum anderen bleibt es unsere Aufgaben, die uns anvertrauten Bestände zu sichern, zu erschliessen und zugänglich zu machen. Mit der Aufnahme von Nachlässen in unsere Sammlung geben wir auch ein Versprechen ab, nämlich uns um diese Materialien zu kümmern. Daneben erarbeiten wir Ausstellungen und haben ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm mit Podiumsdiskussionen, Buchvorstellungen und vielen anderen Formaten. Im August holen wir zum zweiten Mal gemeinsam mit der Hamburger Körber-Stiftung die «Tage des Exils» nach Frankfurt am Main. Und wir freuen uns sehr, dass wir auf grosses Interesse stossen. Wir haben also noch sehr viel zu tun.
Aufbau | Exil wird oft mit dem Jüdischen, mit Nostalgie und Vergangenheit assoziiert. Dabei findet Exil jeden Tag statt. Wie verbinden Sie das historische Exil mit dem heutigen?
Sylvia Asmus | Wir haben ja bereits über die Muster gesprochen, die wir im Exil nach 1933 sehen und die bis heute wirken. Man muss dabei immer die jeweilige Spezifik mitreflektieren. Wir sollten die Situationen nicht gleichsetzen, aber trotzdem kann man aus der Vergangenheit für die Gegenwart lernen. Deshalb war es uns wichtig, in unserer Dauerausstellung «Exil. Erfahrung und Zeugnis» auch das Exil in Deutschland heute zu thematisieren. Wir präsentieren dort eine berührungssensitive Kunstinstallation von Yael Reuveny und Clemens Walter. Berührt man sie, tauchen Bilder und Töne von Menschen auf, die heute in Deutschland im Exil leben. Teil unserer Ausstellung sind zudem Interviews, in denen die zweite und dritte Generation zu Wort kommt, aber auch Menschen, die heute in Deutschland im Exil leben, etwa der türkische Journalist Can Dündar, mit dem wir auch schon Veranstaltungen umgesetzt haben. Im vergangenen Jahr war ich gemeinsam mit dem chinesischen Schriftsteller Liao Yiwu in Taiwan. Dort haben wir beim Kaohsiung Reading Festival das Thema Exil aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Ich finde es wichtig, Exil über die Zeit hinweg zu betrachten und Verbindungen sichtbar zu machen. Gerade der Blick auf historische Unterschiede und Gemeinsamkeiten kann helfen, Fragen der Gegenwart besser zu verstehen.