Wie kein anderes westliches Land beruhen die USA für ihren inneren Zusammenhalt auf gemeinsamen Mythen. Am Vorabend der Zwischenwahlen im November hat das Land diesen sozialen Kit verloren. Der Historiker Richard Slotkin erklärt, warum so viele Amerikaner fühlen, dass sie «nicht mehr im gleichen Film sitzen.»
aufbau | Professor Slotkin, Sie haben sich als Historiker seit den 1970er Jahren grundlegend mit Mythen und deren Bedeutung in der amerikanischen Geschichte befasst. Sie zitieren etwa Benedict Anderson, der Nationen in seinem Klassiker «Imagined Communities» (1983, dt.: «Die Erfindung der Nation») als modernes Konstrukt definiert. Dabei schaffen Geschichten und Mythen neue Gemeinsamkeiten für traditionell unterschiedliche Bevölkerungen.
Richard Slotkin | Anthropologen wissen schon lange, dass Gemeinschaften durch Erinnerungen und Erzählungen über ihre Geschichte zusammen gehalten werden. Das ist ein grundlegendes Organisationsinstrument für Familien und Stämme. Die Entstehung von Nationalstaaten bedurfte eines gewissen Grades an Zustimmung der Regierten. Monarchien konnten sich nicht mehr allein auf einen dynastischen Machtanspruch berufen. Um Bevölkerungen einen Gemeinschaftssinn zu geben, benötigen Nationalstaaten ihre eigenen Geschichten. Dabei spielen Religion, Sprache und historische Entwicklungen mit.
aufbau | In Grossbritannien hat die Bevölkerung beispielsweise skandinavische, keltische oder französische Wurzeln.
Richard Slotkin | Ja. Und König Artus wurde seit dem 16. Jahrhundert und dann vor allem der Viktorianischen Ära zum mythischen Ahnherren des Vereinigten Königreichs stilisiert. Aber die USA sind besonders stark von ihren Mythen abhängig. Und diese wurden bewusst von Medien geschaffen; im 20. Jahrhundert wurde dabei das Kino besonders wichtig. Denn die Vereinigten Staaten gingen nicht direkt aus einem europäischen Staat hervor, sondern aus unterschiedlichen Kolonialgemeinschaften mit Wurzeln in Subkulturen auf den britischen Inseln, Irland oder verschiedenen Teilen des deutschsprachigen Europa. Dazu kamen starke religiöse Unterschiede:Maryland war katholisch, Neuengland puritanisch-protestantisch, und South Carolina war geprägt von britischen Sklavenhaltern aus der Karibik.
aufbau | Und einer liberalen Verfassung. Obendrein wurden Kolonien zur Zuflucht etwa von Hugenotten.
Richard Slotkin | Oder Juden verschiedener Nationalitäten. Das Land konnte nur durch Einwanderung wachsen und benötigte also von Anfang an möglichst einfache Erzählungen, die weissen Immigranten erlaubten, sich selbst auch emotional und reflexartig als Teil einer Gemeinschaft zu betrachten. Die amerikanische Staatsangehörigkeit fusst zwar auf den Gründungsdokumenten und damit einer demokratischen Theorie: Sämtliche Bürger haben die gleichen Rechte, sind gleich vor dem Gesetz, und die Regierung existiert durch Zustimmung der Regierten. Wer diesen Zivilvertrag akzeptiert, kann dem Staat beitreten. Aber dies gilt zunächst und sehr lange nur für Weisse.
Was fesselt uns an bestimmte Ideen? Die mit ihnen verknüpfte Geschichte. Und zwar welcher Art? Eine Helden- und Konfliktgeschichte – in der wir uns mit einer der Parteien identifizieren. Die Gründungsdokumente der Amerikanischen Revolution verkörpern deren Ideologie. Aber ergeben nur einen Sinn, wenn man zugleich die Geschichte von George Washington und Valley Forge erzählt – also den heroischen Opfern des Unabhängigkeitskriegs gegen England.
aufbau | Welche Rolle spielt Religion bei amerikanischen Mythen? Konkret hält die Bibel zutiefst emotionale Geschichten und ikonische Figuren wie Moses bereit, der das Volk Israel aus der Knechtschaft in Ägypten befreit und ins Gelobte Land führt.
Richard Slotkin | Mythen sind eine bestimmte Art, kulturelle Informationen zu strukturieren – nämlich als Erzählung. Eine Erzählung, die in direktem oder symbolischem Zusammenhang mit dem steht, was wir für Geschichte halten. Das Christentum ist ein Teil davon. Dabei entscheidend ist: Das Christentum funktioniert über eine Mythologie, also über eine Erzählung, die den Glauben mit dem Handeln verknüpft. Bei meinen Forschungen kam ich zu dem Eindruck, dass die Erzählungen, die einen nationalen Mythos begründen, aus einer realen Krise hervorgehen.
aufbau | Die erklärt werden muss?
Richard Slotkin | Ja. Die Amerikanische Revolution geschah aus unterschiedlichsten Gründen. Nun, da sie vorüber ist, müssen wir diese Krise deuten. Dabei bringen wir unsere eigenen Vorstellungen ein. Hierzu nutzten Amerikaner nicht zuletzt ihr Verständnis des Christentums. Konkret ist das am ältesten Mythos der USA erkennbar, dem «Mythos der Grenze». Dieser geht auf die Entführung der weissen Mary Rowlandson (1637–1711) durch Ureinwohner während des «King Philip´s War» 1675/76 zurück. Dieser Aufstand warf die neuenglischen Kolonien in eine existentielle Krise. Rowlandson wurde nach elf Wochen freigekauft und veröffentlichte 1682 die Memoiren «A Narrative of the Captivity and Re-storation of Mrs. Mary Rowlandson».
aufbau | Das Buch gilt als erster Bestseller im heutigen Amerika und blieb über viele Generationen im Druck.
Richard Slotkin | Dieses «Gefangenen-Narrativ» wurde grundlegend für die amerikanische Identität als Nation, die durch ständige Expansion nach Westen in angeblich «unbesiedeltes Gebiet» hinein wächst, dabei Ureinwohner unterwirft und grenzenlosen Reichtum aus natürlichen Ressourcen gewinnt. Symbolisch für diese Eroberung ist der Bericht über Rowlandsons Gefangennahme: Als Weisse steht sie für die Zivilisation, wird von Indianern gefangen genommen und muss von einem Helden gerettet werden. In der Kolonialzeit wurde diese Geschichte zunächst in einem christlichen Deutungsrahmen erzählt: Gott erlöst die Gefangene – mal unter Einbeziehung menschlichen Handelns, mal direkt –, so wie ein Sünder von der Sünde erlöst wird; es geht um eine religiöse Erfahrung.
aufbau | Ein reales Ereignis wurde christlich interpretiert?
Richard Slotkin | Ja. Doch als die USA im 19. Jahrhundert diese Expansion der Grenzen massiv vorantreiben, tritt das christliche Element in den Hintergrund. Wer wurde nun gebraucht, um die Gefangene zu erlösen und die Wildnis für die Zivilisation sicher zu machen? Man braucht einen starken weissen Mann, der sich im Kampf gegen Indianer auskennt. Dabei bleibt das Christentum zwar präsent, tritt aber hinter einem Heldentum in einem Kampf zwischen Zivilisation und weisser Identität gegen nicht weisse Barbaren zurück.
aufbau | Zur Schlüsselfigur werden «Indianer-Kämpfer» wie Benjamin Church (1639–1718), der den Wampanoag-Häuptling King Philip (Metacomet) 1676 getötet und dessen Aufstand beendet hat. Bekannter dürfte Daniel Boone (1734–1820) sein, der James Fenimore Cooper die Vorlage für den «Natty Bumppo» im «Lederstrumpf»-Zyklus geboten hat: Erlöser und Retter, die den Feind kennen, also in oder zwischen beiden Welten stehen und womöglich zwischen «Zivilisation» und «Wildnis» vermitteln.Richard Slotkin | Gerade der Frontier-Mythos ist durchaus komplex. Einerseits braucht es einen Helden, der sich auf – um «Star Wars» zu zitieren – die «dunkle Seite der Macht» einlassen kann, um die Werkzeuge des Bösen gegen das Böse selbst zu verwenden. Diese Gestalt tritt auch in abgebrühten Kinodetektiven auf, wie etwa «Dirty Harry» von Clint Eastwood. Aber gleichzeitig empfinden die Amerikaner eine starke emotionale Verbundenheit mit diesen Helden und mit der Natur, die doch von unserer Zivilisation zerstört wird. Ein Daniel Boone verkörpert auch eine grundlegende Ambivalenz gegenüber dem amerikanischen «Frontier»-Projekt: Er vollendet die Eroberung der «Wildnis», aber dies hat etwas Tragisches an sich: Etwas Reales geht dabei verloren, indigene Gesellschaften und die Natur.
Ein Mythos entsteht aus einer Krise heraus und steht für einen grundlegenden, aber auch unlösbaren Konflikt. Warum erzählt man immer wieder dieselbe Geschichte? Eben weil man den Konflikt in deren Kern für sich selbst nie ganz gelöst hat. So erzählen wir uns die Grenzgeschichte auch so, dass die Natur am Ende siegt, und sagen uns: «Mein Gott, schaut euch nur an, was wir zerstört haben. Wie, wenn das anders gelaufen wäre?»
aufbau | Sie beschreiben Mythen als Handlungsmuster.
Richard Slotkin | Darin liegt der Kern ihrer Bedeutung. Die Geschichte etwa der Gründerväter als heroische Idealisten und der Revolution als Aufstand gegen Monarchie und Unterdrückung steht parat und wird zu feierlichen Anlässen erzählt. Aber dann tritt womöglich eine neue Krise ein. Und man benötigt einen Präzedenzfall für das eigene Handeln. Wie begreife ich diese Krise? Ähnelt sie jener Krise, die zum Aufstand der Kolonien führte? Dies wird während des Bürgerkrieges 1861–65 greifbar: Sowohl die Union unter Abraham Lincoln als auch die Konföderation des Südens berufen sich auf die Gründerväter.
aufbau | Wie lief dies ab?
Richard Slotkin | Der Süden spaltet sich von der Union ab und vollzieht nach eigener Vorstellung ebenfalls eine «Revolution». Die Union geht komplexer damit um: Einerseits kämpft man gegen Rebellen. Das würde einen selbst in die Rolle des Königs versetzen. Aber nein: Wir kämpfen für Freiheit und Demokratie. Also sind wir die Rebellen und die Konföderierten die Aristokratie – die der Plantagenbesitzer des Südens. Man nutzt die Vergangenheit also als Drehbuch für das eigene Handeln. Ein näherliegendes Beispiel: Pearl Harbor ist ein Mythos. Ja. Die USA waren angeblich unvorbereitet. Der Feind – ein nicht weisser Feind – verübte einen Überraschungsangriff. Und wir mussten einen Krieg führen, um diesen Überraschungsangriff zu rächen und wiedergutzumachen.
aufbau | Dabei hatte die Roosevelt-Regierung seit 1938 aufgerüstet und war sich der von Japan und Hitler-Deutschland ausgehenden Bedrohung sehr bewusst.
Richard Slotkin | Dennoch wurde dieser Mythos von Pearl Harbor prägend, als vor 25 Jahren Flugzeuge am 11. September in das World Trade Center und das Pentagon stürzten. Sofort riefen Politik und Medien «Pearl Harbor» an: «Wir mobilisieren für einen globalen Krieg gegen den Terror» – statt angemessen auf einen Terroranschlag zu reagieren, bei dem 19 Typen mit Teppichmessern ein paar Flugzeuge zum Absturz brachten. Und nun leben wir mit den Folgen dieses Drehbuchs.
aufbau | Krieg ist ein Schlüsselbegriff für Ihre Forschung. Bereits Ihr erstes Buch über den Grenzmythos von 1973 trug den Titel «Regeneration durch Gewalt». Können Sie das erklären?
Richard Slotkin | Ich sehe im Verlauf der amerikanischen Geschichte vier oder fünf Mythen mit enormer Wirkungsmacht. Da ist die Gründung der Nation; der Bürgerkrieg mit einer Version des Nordens rund um die Zerschlagung der Südstaatenaristokratie und die Befreiung der Sklaven; sowie die Version des Südens, der Mythos der «verlorenen Sache» (Lost Cause): demnach hat der industrielle, kommerzielle Norden eine ländlich-freiheitliche Kultur zerschlagen.
aufbau | 160 Jahre nach dem Bürgerkrieg bleiben der Disput und damit die gegensätzlichen Mythen unaufgelöst.
Richard Slotkin | Dafür gibt es zwei grundlegende Gründe. Erstens die Rassenfrage. Die Amerikaner haben den Widerspruch zwischen dem Glauben an Gleichheit und dem Glauben an die Vorherrschaft der Weissen nie wirklich aufgelöst. Zweitens bleibt der Süden als kulturelle Einheit eigenständig und besitzt eine Identität, die zwar durch den Kontakt mit dem Rest der Nation ständig untergraben wird – sich aber immer wieder neu behauptet. Für die Menschen im Süden ist die Bekräftigung ihrer Identität also ein nie endender Prozess. Schauen Sie die Aufnahmen vom Sturm auf das US-Kapitol am 6. Januar 2021 an. Umstürzler trugen Konföderiertenflaggen und spielten den Bürgerkrieg nach, agierten den Mythos der «verlorenen Sache» aus. Zu sehen war aber auch die gelbe Flagge mit der Klapperschlange.
aufbau | Ein Symbol des Unabhängigkeitskrieges mit der Botschaft: «Don’t tread on me» (Tritt nicht auf mich).
Richard Slotkin | Ja. Über den Mythos der Gründung habe ich schon gesprochen. Dazu kam der «Mythos des guten Krieges» – der den amerikanischen Liberalismus bestimmt: die Vorstellung, dass die USA sowohl den Zweiten Weltkrieg als auch den Kalten Krieg gewinnen konnten, weil sie eine ethnisch vielfältige Bevölkerung für ein gemeinsames Ziel gegen einen gemeinsamen Feind vereinten. Dieser Feind wurde über dessen Rasse definiert.
aufbau | Sie schreiben, dass dieser Mythos schon im Zweiten Weltkrieg durch die «Platoon»-Filme geprägt wurde: in einem «Zug» von 10 bis 60 Mann werden Soldaten ganz unterschiedlichen Herkommens «Amerikaner», die einander anerkennen und für das gemeinsame Vaterland kämpfen – und oft auch sterben.
Richard Slotkin | Dieses Muster wurde prägend für «Star Trek» und «Star Wars». Die Entwicklung der «Platoon»-Filme zeigt eine bedeutsame Veränderung der ethnischen Zusammensetzung: Zunächst wurden in den 1940er Jahren marginalisierte europäische Einwanderergruppen wie Juden und Italiener rekrutiert. Im weiteren Verlauf kommen bis zum Vietnamkrieg Schwarze, Hispanics, Amerikaner asiatischer Herkunft hinzu. Das Gleichgewicht verschiebt sich.
Aber grundsätzlich sind bei den wichtigsten Mythen Kriege zentral: gegen die britische Monarchie; Indianer; Süd- oder Nordstaaten; dann die Achsenmächte. Amerika wird aus mythischer Sicht im Krieg geboren.
aufbau | Und erneuert und wandelt sich seither immer wieder durch Gewalt und Krieg?
Richard Slotkin | Dabei tritt die Figur des Kriegers in jeder Nationalgeschichte auf, sie ist grundlegend für die Entwicklung des Staates: Der britische König Artus; die wagnersche Mythologie dreht sich um Krieg und Kampf. Das Besondere an der amerikanischen Version ist der Aspekt der Erneuerung. Hier kommt das Christentum ins Spiel: Die Gewalt rettet nicht nur die Stadt vor dem Feind. Sie verändert die eigene Persönlichkeit. Auf eine heroische, aber auch christliche Weise – Opfer führen zu Läuterung und Erneuerung. Die amerikanische Gesellschaft basiert von Anfang an stark auf der Vorstellung der Selbstveränderung. Man wird in einer Blockhütte geboren, wie Lincoln. Man wird Präsident. Man beginnt arm.
aufbau | Man wird reich.
Richard Slotkin | Nicht einfach nur wohlhabend, sondern sagenhaft reich: Transformativer Reichtum. Diese mythische Vorstellung von Transformation und Erneuerung ist grundlegend für das amerikanische Selbstverständnis. Schliesslich wächst auch die Nation ständig weiter, angeblich «ohne Grenzen».
aufbau | Ihr «Grenzmythos» umfasst neben der Bekämpfung von «Wilden» einen «Bonanza-Kapitalismus» – die unendliche Hoffnung und Suche nach neuem Land mit Wäldern zum Abholzen und «Gold in den Hügeln». Da wirkt der heutige «Goldrausch» um KI und Rechenzentren als Fortsetzung.
Richard Slotkin | Absolut. Und dann der Krypto-Bereich: die Erwartung enormer Renditen bei minimalem Einsatz und geringem Risiko. Am Ende werden einige wenige reich werden – und gerade hier sind die Gefahren unüberschaubar. Aber dieser Mythos und die Erwartung von Reichtum in dieser Form werden von beiden Parteien getragen. Demnach überbrücken Erträge und Gewinne Klassenunterschiede – solange nur enorme Mengen an Reichtum generiert werden. Die Arbeiterklasse hat dann keinen Grund, sich gegen die Kapitalisten aufzulehnen. Für Demokraten «hebt die steigende Flut alle Boote». Die Republikaner sind stärker auf Eliten ausgerichtet und propagieren eine «Trickle-Down-Ökonomie», die Wohlstand von oben nach unten «durchsickern» lässt. Das Grundkonzept bleibt dasselbe.
aufbau | Aber haben Mythen in Amerika nicht auch ihre positiven Seiten? Die «Grenze» als offene Sphäre von Umbrüchen bleibt doch real, bietet Chancen und lockt Menschen aus aller Welt an.
Richard Slotkin | Wenn ein Mythos völlig falsch wäre, würde niemand daran glauben. Zudem war der Zuwachs an nationalem Reichtum in Amerika phänomenal. Er ist der Gesellschaft insgesamt zugute gekommen – wenn auch nicht in dem Ausmass, wie es der Mythos behauptet. Die Ambivalenz im Kern des Frontier-Mythos bildet auch das Fundament für die Umweltbewegung: der Glaube, dass der Schutz und die Wiederherstellung der Umwelt unerlässlich sind, weil unsere heldenhaften Vorfahren in einer Wildnis lebten. Deshalb brauchen wir Nationalparks. Aber Deregulierung ist ebenso Teil des Frontier-Mythos: Es sind nicht allein natürliche Ressourcen vorhanden – sondern niemand darf deren Ausbeutung reglementieren. Eine negative Form von Freiheit: Man kann sich etwas aneignen, es erschliessen und die Früchte daraus ernten.
Der «gute Krieg» hat uns in den Krieg gegen den Terror und in den Vietnamkrieg hineingezogen – aber eben auch eine Botschaft zur Überwindung der weissen Vorherrschaft ermöglicht: Amerika ist nicht allein das Land des weissen Mannes – sondern eine vielfältige Nation, vereint durch ein gemeinsames Ziel. Nur ist dieses Ziel eben meist der Krieg. Allerdings wurde der «gute Krieg» auch im Space-Shuttle-Programm stark betont: dass die Besatzung aus Männern und Frauen bestand, aus Schwarzen und Weissen, aus Christen und Juden.
aufbau | Aber erleben wir heute nicht eine Krise der Mythen? Das Land ist in der Trump-Ära in feindliche Lager ohne Konsens zerbrochen. Rohe Emotionen dominieren – Wut, Rachegelüste, Angst. Und diese waren präsent an Wendepunkten der amerikanischen Geschichte: Die Revolution wuchs weniger aus Idealen der Aufklärung, sondern reagierte auf Ungerechtigkeiten, Übergriffe und Gewalt der Briten. Ähnlich beim Beginn des Bürgerkriegs, Pearl Harbor und natürlich dem 11. September.
Richard Slotkin | Das stimmt. Aber entscheidend ist vor allem die Funktion des nationalen Mythos: Er stiftete nationale Einheit. Die Krise liegt also darin, dass verschiedenen Populationen und politische Bewegungen in den USA heute unterschiedlichen Mythen anhängen.
aufbau | Mythen als gemeinsame Nenner gehen verloren?
Richard Slotkin | Ja. Der liberale Mainstream lebt nach wie vor vom Mythos des «guten Krieges»: Wir wollen eine vielfältige Gesellschaft, die für ein gemeinsames Ziel eintritt. Die USA sollen wieder die Führung bei der Erhaltung der NATO und der Verteidigung der Ukraine übernehmen und einem gemeinsamen Feind entgegentreten.
Die Anhänger Trumps hingegen hängen dem Südstaatenmythos der «verlorenen Sache» an: Die Nation sei von fremden Rassen unterwandert worden. Die weisse christliche Rasse wird sich die Macht zurückholen, indem sie die Regierung stürzt und die Herrschaft der weissen, männlichen, privilegierten Minderheit erneuert. Eine weitere Gruppe hängt dem Frontier-Mythos an: Alles wird besser, wenn wir einen neuen Boom und immense Gewinne produzieren. Dabei muss man natürlich in der richtigen Position sein, etwa bei KI. Und vielleicht hat Trump recht: Wir werden reich, wenn wir uns nur «das gesamte Öl holen». Jeder Amerikaner versteht diese Mythen. Doch wir sind uns nicht einig, wenn es um gesellschaftliche Vielfalt und die Verteidigung der Freiheit in der Ukraine geht. Unser mythologischer Wortschatz hat Symbole und Legenden geliefert, um die gesellschaftlichen Konflikte auszudrücken, die derzeit ungelöst sind.
aufbau | Es fehlt an Mythen, die hier Auswege liefern, neue Perspektiven?
Richard Slotkin | Ich sehe Tendenzen zu einer Erzählung, in der die Armen die Privilegien der Reichen überwinden. Mehr ein Motiv als eine ganze Geschichte mit einer ausgeprägten mythischen Struktur. Dafür könnte allein der New Deal ein Narrativ liefern: also die Rettung Amerikas aus der Weltwirtschaftskrise nach 1933 durch die grossen Reformen unter Franklin D. Roosevelt mit der Einführung staatlicher Renten, Arbeitsprogrammen und einer massiven Ausweitung staatlicher Machtbefugnisse. Aber der New Deal und dessen Nachfolger, Harry Trumans «Fair Deal» sowie Lyndon B. Johnsons «Great Society», werden heute nur selten bemüht.
aufbau | Immerhin haben Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez 2020 einen «Green New Deal» propagiert.
Richard Slotkin | Aber was ist daraus geworden? Eine brillante Formulierung, aber ohne entsprechende Anerkennung. Strukturiert ein Mythos eine Gesellschaft, erkennen die Menschen fast spontan die Krise, die sie gerade durchleben und wissen plötzlich: «In diesem Film befinde ich mich gerade. Und deshalb weiss ich auch, welche Rolle ich spielen muss.» Tja, nur gibt es diesen Film für Amerika heute gar nicht.
aufbau | Wie sehen Sie dann die aktuellen Erfolge der «Democratic Socialists» bei den demokratischen Vorwahlen?
Richard Slotkin | Ich sehe keine klare Ideologie entstehen. Demokratische Sozialisten haben durchaus gute Ansätze. Aber sie haben keine schlüssige Definition von sozialer Gerechtigkeit formuliert. Sie agieren wie die Parteien und suchen sich dieses oder jenes Thema heraus – etwa die Abschaffung der Einwanderungsbehörde (ICE).
Eine Geschichte, die im Kino sehr präsent ist und die wir auch im echten Leben nachspielen, ist jedoch der Superheldenfilm. Ein Superheld, der oft Milliardär ist. Wer könnte das sein? Aber selbst der Superheld hat offenbar Füsse aus Ton, und ich sehe auch da keine übergeordnete Geschichte oder klare Ideologie.
aufbau | Immerhin schauen sich Demokraten wie Abdul El-Sayed von Trump diese Idee ab, dass ihre Basis einen «Kämpfer» sucht?
Richard Slotkin | Da wir uns in einer Krise befinden, können wir auf verschiedenste Auswege, mögliche Szenarien und Geschichten verweisen. Alle Mythen sind im Spiel. So hatte die demokratische Senatorin Elissa Slotkin (übrigens keine Verwandte) in Michigan die Idee eines «wirtschaftlichen Kriegsplanes» gegen Inflation und ungleiche Chancen aufgestellt. Da wird ein mythischer Ansatz erkennbar. Aber wie bei einem Kaleidoskop, das noch nicht in seine endgültige Position gerutscht ist, entsteht noch kein neues Bild.
aufbau | Bei Lebenshaltungskosten und KI werden doch Wut und Frustration immer stärker. Die Leute sagen: «Das System funktioniert nur noch für Eliten, aber nicht für mich.» Geht da nicht der Glaube an den Grenzmythos verloren?
Richard Slotkin | Ja. Diese Haltung könnte aber auch produktiv sein, Umdenken anstossen: «Warum so viel Geld in die Ölförderung stecken; das zwingt uns in eine Preisstruktur, die durch den Iran gefährdet werden kann. Setzen wir doch lieber auf eine diversifizierte Energiewirtschaft – das ist besser für die Umwelt…» Trump fährt auf dem Frontier-Mythos der schrankenlosen Ausbeutung von Ressourcen. Vielleicht gibt es nun eine Abkehr von seiner Version: Man kann eine Zeit lang Cowboy spielen, dann aber auch Indianer. Auch die Vorstellung davon, was einen «guten Krieg» ausmacht, wandelt sich im Bezug auf Israel und die Ukraine, was durchaus kurios ist. Stichwort Hufeiseneffekt: Sowohl die extreme Linke als auch die extreme Rechte vertreten in beiden Fällen eine isolationistische Haltung.
aufbau | Nochmal zu Trump. Ist er nicht eine Art Benjamin-Church-Figur? Er stieg als Aussenseiter in die Politik ein, spielt den Mann des Volkes, stammt aber aus der Welt der Superreichen, wo man Steuern hinterzieht und skrupellos geschäftet. Er kommt als Figur zwischen oder über diesen Welten daher – gleichzeitig stilisiert er sich zunehmend als Christusfigur, also ein Vermittler zwischen dem Diesseits und höheren Welten.
Richard Slotkin | Er spielt mit diesen Aspekten: Er ist der Mann, der die dunkle Seite versteht und mit ihr umgehen kann. Dann ging er als Präsident aber nicht gegen die Übermacht der Konzerne vor, sondern wollte angeblich die Wirtschaft von der «toten Hand» des Staates und staatlicher Regulierung befreien. Aber er gibt so viel Widersprüchliches von sich, dass man sich nur schwer einen Reim machen kann. Für mich ergibt es am meisten Sinn, dass er sich als Superheld präsentierte. Er kennt auf alles eine Antwort und will Probleme richten – mit einem einzigen Wort, einer Geste, seinen Superkräften.
aufbau | Wie ordnen Sie als Mythenforscher die amerikanischen Juden ein?
Richard Slotkin | Juden und das Judentum waren schon während der Revolutionszeit präsent im Dialog über die Definition der amerikanischen Identität. In dem berühmten Briefwechsel zwischen einem Rabbiner aus Newport und George Washington erklärt der erste Präsident, in der neuen Nation werde es keine religiöse Intoleranz geben. Wer Bürger ist und sich so verhält, der ist Amerikaner. Das Versprechen der Integration war vorhanden – trotz der herrschenden Vorurteile und sogar trotz rechtlicher Benachteiligungen.
Der entscheidende Wendepunkt in dieser Geschichte war die grosse jüdische Einwanderungswelle aus Osteuropa nach den 1880er Jahren. Diese Gemeinschaften unterschieden sich ethnisch und religiös stark von den deutschen und sephardischen Juden als ursprünglichem Kern der amerikanisch-jüdischen Bevölkerung. Die Assimilation dieser Millionen Neuankömmlinge gestaltete sich aus sprachlichen und religiösen Gründen äusserst schwierig. Ein Leitmotiv der Integration war stets: Juden sind keine Rasse, keine Nationalität, sondern eine Religionsgemeinschaft. Säkulare sozialistische Juden aus Osteuropa passten schlecht in dieses Konzept. Ihre Assimilation war also höchst problematisch und erforderte einen langen Kampf. Sie stiessen auf denselben Widerstand, dem auch Schwarze lange Zeit ausgesetzt waren. Der Zweite Weltkrieg veränderte dies und rückte die Juden in den Mittelpunkt der Debatte darüber, was Amerika eigentlich ausmachte. In jedem Infanteriezug gab es einen Juden, denn wir waren im amerikanischen Kriegseinsatz überproportional vertreten.
aufbau | Ihr Buch «The Lost Battalions» (2005) zeigt, dass die ideologische Grundlage dafür bereits im Ersten Weltkrieg geschaffen wurde.
Richard Slotkin | Um die riesigen Streitmächte für beide Kriege aufzustellen, musste man schlichtweg Juden, Italiener und Schwarze rekrutieren – und ihnen Gleichberechtigung gewähren. Doch es gab Gegenreaktionen darauf. Im und nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich insbesondere im Kontext des Kampfes gegen den Nationalsozialismus ein systematischer Kampf gegen die Praxis des Antisemitismus. Es ging dabei weniger um die theoretischen Grundlagen als vielmehr um die konkrete Praxis – etwa in Filmen wie «Gentleman’s Agreement»: Juden und Schwarze – also die zuvor ausgegrenzten Gruppen – sollten nun auf grundlegende Weise in das politische Gemeinwesen integriert werden. Und dieses kulturelle Signal löste eine enorme Welle der Kreativität aus. Jüdische Autoren wurden bis in die 1960er Jahre führende Figuren in der Romanliteratur; Juden spielten eine herausragende Rolle in der Unterhaltungsbranche und ganz allgemein in den Massenmedien.
aufbau | Was ist seither geschehen?
Richard Slotkin | Einerseits sind Juden Teil eines Establishments, das aus einer bestimmten Perspektive betrachtet als weiss gilt. Juden gehören zudem einer Strömung an, die Kriegsanstrengungen unterschiedlichster Art unterstützt. Viele Neokonservative waren jüdisch. Sie hatten aus dem Zweiten Weltkrieg die Lehren gezogen, dass Amerika seine Macht aktiv einsetzen müsse. Liberale jüdischer Herkunft setzten dagegen vielmehr auf Entwicklungshilfe und internationale Unterstützung.
Heute ist die Abkehr von Israel innerhalb als auch ausserhalb der jüdischen Gemeinschaft ein äusserst komplexer Vorgang, der mir etwas rätselhaft bleibt. Die Identifikation von Amerikanern mit Israel war in jener Zeit am stärksten, als Juden Teil des gesellschaftlichen Mainstreams wurden; das Buch und der Film «Exodus» (1958, 1960) markierten hierbei einen Höhepunkt. Doch dieser Zusammenhalt hat weder innerhalb noch ausserhalb der jüdischen Gemeinschaft Bestand gehabt. Auch hier liefert eine Geschichte, die einst einte, Stoff für Konflikte. So finden die «Democratic Socialists» zwar viel Zuspruch, weil sie etwas gegen die Konzentration von Reichtum unternehmen wollen. Doch das Israelnarrativ vom «Apartheid-Staat» und «Völkermördern» durchkreuzt diese Entwicklung und spaltet Menschen, die eigentlich natürliche Verbündete wären.
aufbau | Sie schreiben in ihrem aktuellen Buch «A Great Disorder», dass die USA einen Kulturkampf erleben, einen Grundsatzkonflikt unterschiedlicher Überzeugungen davon, was das Land ist und was es sein sollte.
Richard Slotkin | Und ich kann kein baldiges Ende dieses Konflikts absehen. Anhänger der «White Supremacy» oder des christlichen Nationalismus werden nicht über Nacht zu Liberalen werden. Sofern die Zwischenwahlen und die Wahl 2028 auf der Basis dieses Kulturkampfes ausgetragen werden, wird der Konflikt weitergehen. Sollte sich jedoch herausstellen, dass man durch das Angehen wirtschaftlicher Ungleichheiten die Feindseligkeit und das Gefühl der Entfremdung der Menschen tatsächlich verändern kann, dann besteht Hoffnung, aus der Krise herauszufinden. Im Moment bleibt mir die Entwicklung unklar. Aber wenn die Lebenshaltungskosten zentral werden, die Wahl also über wirtschaftliche Fragen entschieden wird, bewegen wir uns womöglich in eine positive Richtung.
Um optimistisch zu enden: Irgendwann werden wir zu einem Konsens darüber kommen müssen, wie unsere Gesellschaft reformiert werden soll. Dazu braucht es eine mythische Erzählung. Mir fällt dafür keine andere ein als der New Deal.