Editorial 02. Okt 2026

Geschichte macht Gegenwart

Mit einer exklusiven Recherche des Schweizer Historikers Erich Keller über die Kooperation von Lungensanatorien in der Schweiz mit der Vernichtungspolitik des NS-Regimes bringt die vorliegende Ausgabe nicht allein erstmals Einblicke in ein bis anhin weitgehend unbekanntes Kapitel des Zweiten Weltkriegs. Kellers Essay macht auch die Wirkungskraft der Geschichte deutlich. Diese wird eben auch häufig durch eine Verdrängung evident, die doch in der Regel brüchig wird.

Keller zeigt, dass Nazi-Ärzte in Lungensanatorien in Davos, Arosa und Agra zwischen 1942 und 1945 sogenannte «Säuberungen» durchführten. Schwer an Tuberkulose leidende Patienten aus Deutschland, die als politisch unzuverlässig oder nicht länger «behandlungswürdig» galten, verloren ihre Versicherungsgelder und mussten ins Reich zurückkehren – obwohl ihnen dort Internierung, Zwangsarbeit oder die Ermordung im Rahmen der NS-«Euthanasie» drohten. Insgesamt sandten deutsche Behörden und Institutionen zwischen 1935 und 1945 rund 10 000 Tuberkulosekranke zur Behandlung in die Schweiz. Die Sanatorien für deren Behandlung standen vollständig unter der Kontrolle des NS-Regimes und damit direkt unter Kontrolle des Reichs-Tuberkulose-Ausschusses – und damit auch des «Rassehygienikers» und überzeugten Nazis Dr. Konrad Kühne.

Die Frage liegt nahe: Wie nun mit derartigen Enthüllungen umgehen? Chefredaktor Yves Kugelmann nimmt das Thema in einem Gespräch mit Raphael Gross auf. Der Präsident des Deutschen Historischen Museums in Berlin hat dafür den fruchtbaren Begriff der «historischen Urteilskraft» geprägt: «Die Fähigkeit stärken, Quellen, Perspektiven und Deutungen gegeneinander abzuwägen und zu einem eigenen, begründeten Urteil zu kommen. Das verbindet unser Tun auch mit der Gegenwart: Denn wir sind ständig damit konfrontiert, Vorgänge zu beurteilen und Entscheidungen zu treffen.»

Wie stark «Perspektiven und Deutungen» das Schreiben und Verständnis von Geschichte prägen, hat der Historiker Richard Slotkin in einer langen Karriere seit Anfang der 1970er Jahre für die USA untersucht. Slotkin zeigt, wie stark die USA als «Kunststaat», der nicht direkt aus einem europäischen Staat hervorgegangen ist, für ihren inneren Zusammenhalt von nationalen Mythen abhängen – die in Printpublikationen und dann vor allem im Kino geschaffen und gepflegt wurden. Im Gespräch mit US-Korrespondent Andreas Mink diskutiert Slotkin die wichtigsten Gründungsmythen und deren Bedeutung in der zweiten Trump-Ära kurz vor den Kongresswahlen Anfang November.

Zurück nach Davos kehrt Gabriel Heim, der die Geschichte der Lungenkliniken auch und gerade während der Nazi-Ära anhand der Jüdischen Heilstätte Etania beleuchtet. Diese entstand 1919, nachdem ein Zürcher Hilfsverein in Davos ein Hotel erstanden hatte. «Koscher, mit Betsaal, Mikwe und Schabbat-Ruhe, war die Etania offen für Kranke aus aller Welt. Doch Davos tat sich schwer damit…», so Heim.

Der Basler Publizist greift eine weitere historische Episode auf, die kurz vor den Wahlen in Israel ebenfalls durchaus aktuell erscheint: den Mord an Chaim Arlosoroff im Jahr 1933. Der junge Mitarbeiter von Chaim Weizmann war früh zur Überzeugung gelangt, dass die jüdische nationale Heimstätte nur mit der vollen Kooperation der Araber errichtet werden konnte. Dies machte ihn zur Zielscheibe «revisionistischer» Zionisten. Arlosoroffs gewaltsames Ende blieb laut Heim «bis 1995 ‹der politische Mord› in der Geschichte Israels. Doch seit dem Attentat auf Itzhak Rabin ist der Mord an Chaim Arlosoroff kein singuläres Ereignis mehr…».

Redaktion