Als der jüdische Unternehmer Ferdinand Rieser 1926 zuerst die Immobilie und dann die Direktion des Schauspielhauses übernahm, konnte niemand ahnen, dass aus diesem Zürcher Stadttheater binnen weniger Jahre die bedeutendste deutschsprachige Bühne im Exil werden würde. Nach 1933 fanden am Pfauen jene Schauspielerinnen, Regisseure und Autorinnen eine neue Heimat, die in Deutschland und Österreich von den Bühnen vertrieben wurden. Aus Notgemeinschaft wurde Weltklasse, aus Zuflucht wurde Widerstand: Kunst als Waffe gegen den Nationalsozialismus. Diese Geschichte, ihre Nachwirkungen und ihre überraschende Aktualität stehen im Zentrum dieser Ausgabe.
Sylvia Asmus, Direktorin des Deutschen Exilarchivs der Deutschen Nationalbibliothek, ordnet im Gespräch mit Michel Friedman und Yves Kugelmann die Begriffe Exil, Flucht und Migration und zieht Linien von den 1930er-Jahren bis in unsere Gegenwart.
Unter dem Titel «Widerstand als Prinzip» macht Stefan Zweifel den Pfauen als «Traumaraum» erfahrbar – von den Exilschauspielern der Kriegsjahre über Bruno Ganz und Peter Stein bis zu den Kontroversen der jüngsten Intendanzen und taucht damit auch tief in seine eigene Familiengeschichte und Kindheit am Pfauen ein, mit Erinnerungen, Einordnungen und Reminiszenzen. Es folgen Vertiefungen und Einordnungen von Autorinnen und Autoren. Ruth Werfel erzählt, wie Ferdinand Rieser gemeinsam mit seiner Frau Marianne Werfel-Rieser das legendäre «Emigrantenensemble» aufbaute und damit Grössen wie Wolfgang Langhoff, Therese Giehse, Ernst Ginsberg und Kurt Horwitz eine Bühne gab. Gabriel Heim rekonstruiert mit «Die Andorra-Welle» die Uraufführung von Max Frischs «Andorra» 1961 unter Kurt Hirschfeld – jenen letzten grossen Höhepunkt einer Ära, die das Schauspielhaus weltberühmt machte. Und Katja Behling schildert unter dem Titel «Kunst ist Waffe» die deutschsprachige Uraufführung von Friedrich Wolfs «Professor Mamlock» 1934, die zum Meilenstein des antifaschistischen Exiltheaters wurde. Martin Dreyfus, einer der international besten Kenner der jüdischen Exilepoche, lässt in zwei Beiträgen das Ensemble selbst sprechen: Erinnerungen von Robert Freitag und Maria Becker («Jeden Abend ein anderer Mensch») sowie ein Porträt des Bühnenbildners Teo Otto, der die visuelle Sprache des Hauses über Jahrzehnte prägte. Und Rainer Schimpf spannt den Bogen zur Emigrantengeneration im Film. Er zeichnet mit Carl Laemmle das Bild eines «Brückenbauers und Retters», eines Hollywood-Pionier aus Schwaben, der hunderte Juden vor den Nazis in Sicherheit brachte. Doug Chandler zeigt, wie jüdische Einwanderer Hollywood erfanden und wie dessen Studios – von Antisemitismus selbst nicht verschont – zur Zuflucht für verfolgte Künstlerinnen und Künstler aus Europa wurden.
Hundert Jahre nach Riesers Amtsantritt ist die Frage, die das Schauspielhaus einst prägte, wieder drängend aktuell: Was bedeutet es, wenn Kunst zum letzten freien Raum wird? Eine Frage, die wieder aktueller wird in einem Europa, in dem Kunst immer bedrängt wird. Historisch fundiert und mit Blick auf eine Gegenwart, in der Exil kein abgeschlossenes Kapitel ist.
Editorial
07. Aug 2026
Bühne der Freiheit
Redaktion