Luther und die Juden

Julian Voloj, 26. April 2013
Der Hamburger Zeichner Moritz Stetter hat einen Comicband über Martin Luther veröffentlicht. Und beleuchtet die Wandlung des Kirchenreformators zum Antijudaisten.
<strong>Hetzer, nicht Antisemit</strong> Luthers antijüdische Hetzschrift erschien drei Jahre vor seinem Tod, hatte jedoch auch Jahrhunderte später Einfluss

Als das Gütersloher Verlagshaus auf der Suche nach einem Künstler war, der eine Biografie Martin Luthers in Form einer Graphic Novel erstellen könnte, wandte man sich an Moritz Stetter, der eingesteht: «Als der Verlag anfragte, ob ich Interesse an einer Luther-Biograf hier hätte, wusste ich sehr wenig über diesen Menschen. Mich hat dann aber sofort das Grundmotiv von einem Menschen, der kompromisslos zu seinen Überzeugungen steht, interessiert. Damit kriegt man mich immer.» Der in Hamburg lebende Künstler hatte im Gütersloher Verlagshaus bereits 2010 einen Comic über den von den Nazis ermordeten Theologen Dietrich Bonhoeffer veröffentlicht. «Ich mache keine Comics für, sondern über die Kirche», erklärt Stetter, der sich selbst als Agnostiker definiert.

Stetter nennt seine Comics «Biographic», also graphisch umgesetzte Biographien, und so ist auch sein Band über Luther eine fantasievolle graphische Umsetzung von Episoden im Leben des Kirchenreformers. Ihn faszinierte vor allem der historische Kontext, «die gesamtgesellschaftlichen Umwälzungen, die erste soziale Revolution in Deutschland, wie das alles noch in unsere Zeit hinübergreift, und schlussendlich hatte es für mich als Zeichner einen grossen Reiz, mit der reichen Bilderwelt des Spätmittelalters zu arbeiten.»

Kompliziertes Verhältnis

Stetters Buch ist nicht die erste Graphic Novel zum Thema Luther, aber im Gegensatz zu dem 2011 in den USA erschienenen Comic thematisiert der deutsche Künstler auch Luthers kompliziertes Verhältnis zum Judentum «weil es zum Gesamtbild dazu gehört.»

In seinen Recherchen für das Buch schaute er sich auch die vor zehn Jahren erschienene Verfilmung an. «Ich habe mir den Luther-Kinofilm erst sehr spät angeschaut, nachdem ich die Schwerpunkte und den Storyverlauf für mich schon fixiert hatte. Mich hat es ziemlich wütend gemacht, dass der Bauernkrieg und seine tatsächliche Dimension fast vollständig unterschlagen und Luthers späte Hetze gegen Juden ganz weggelassen wurden.»

In seinem Buch widmet Stetter dem Thema eine Doppelseite, auf der ein Auszug aus Luthers 1543 erschienenen Schrift «Von den Juden und ihren Lügen» zitiert wird. Es heisst hier unter anderem: «Den Juden, die Christus unseren Herrn lästern, stecke man ihre Synagogen und Schulen an, und was nicht brennen will, überhäufe man mit Erde, dass kein Mensch einen Stein davon sehe ewiglich.»

Stetter zeichnet Luther wie er von der Kanzel predigt, unter ihm in Flammen aufgehende Juden mit den im Mittelalter vorgeschriebenen Judenhüten, die, wie später der gelbe Stern, eine Identifikation als Juden ermöglichten. Luthers Rolle als geistiger Brandstifter wird hier klar illustriert. «Es ist mir aber schon wichtig, zu betonen, dass Luther kein Antisemit war. Davon abgesehen, dass man zwischen dem jungen, fragenden Luther und dem alten, institutionellen Luther unterscheiden muss: So etwas wie eine Rassentheorie gab es zur damaligen Zeit noch nicht, Luther hetzte gegen die Juden als religiöse Gruppe, nicht als Volk», erklärt Stetter.

Im Alter Antijudaist

Luthers Ablehnung des Judentums entstand tatsächlich erst allmählich. In seiner Schrift «Dass Jesus ein Geborner Jude Sei» (1523) betonte er Jesu Zugehörigkeit zum jüdischen Volk und schloss Gewalt gegen Juden aus. Luther sah die gesellschaftliche Isolierung des Judentums als Hindernis, Juden zum Christentum zu konvertieren.

«Man kann sagen, er wurde im Alter Antijudaist, aus der Enttäuschung heraus, dass die jüdische Gemschaft sich nicht zum neuen, reformierten, ‹richtigen› christlichen Glauben bekehren lassen wollte.» Luthers antijüdische Hetzschrift erschien drei Jahre vor seinen Tod, hatte jedoch auch noch Jahrhunderte später Einfluss.

Kurz nach dem Novemberpogrom schrieb beispielsweise der evangelisch-lutherische Landesbischof Martin Sasse aus Eisenach im Vorwort zu seiner Schrift «Martin Luther und die Juden –Weg mit ihnen!» (1938): «Am 10.November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. [...] In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der, getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der grösste Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.»

Der Epilog von Stetters Graphic Novel beschäftigt sich mit Luthers postumem Einfluss. Zitate von Prominenten wie Friedrich Nietzsche deuten das Erbe Luthers auf unterschiedliche Weise. Darunter ist auch ein Zitat von Julius Streicher, dem Herausgeber der nationalsozialitischen Hetzschrift «Der Stürmer», der 1946 beim Nürnberger Kriegsprozess sagte: «Wenn Martin Luther heute lebte, sässe er hier an meiner Stelle als Angeklagter.»

Einige Leser haben Stetter vorgeworfen, er «hätte aus Luther einen Nazi gemacht. Ein absurder Vorwurf. Ich zitiere ja nur. Zu welchem Schluss der Leser kommt, ist ganz ihm überlassen. Das zeigt sich ja auch an den völlig unterschiedlichen Deutungen.»

Moritz Stetter: «Luther». Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2013.