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Weshalb gehen wir an Rosch Haschana in die Synagoge?

Von Alex Dreifuss , 22. September 2011

 

Draussen: Die Wirtschaft aus dem Gleichgewicht, arabische Staaten im Aufruhr, Israel im Stillstand, Atomkraft vor dem Aus, Rassisten im Aufwind, die Kluft zwischen arm und reich vertieft, China als Wirtschafts- und Finanzgrossmacht, die USA taumelt.

 

Drinnen: Uns geht es immer besser, wir können zwischen M-Budget oder M-Sélection wählen, der Schweizer Franken macht uns zum reichsten Land der Erde, das Angebot an Bio-Produkten steigt, der Abfall wird sauber entsorgt, das Gesundheitswesen ist teuer, aber ausgezeichnet, das Kulturprogramm der Stadt Zürich und der jüdischen Gemeinden grossartig, das Sport- und Gesundheitsangebot unendlich, und immer älter werden dürfen wir auch.

 

Die Welt bewegt sich massiv, immer schneller, immer heftiger. Aber eine Konstante lässt aufhorchen. In der Schweiz wie im Ausland kommen die Synagogen an Rosch Haschana und Jom Kippur immer wieder an ihre Kapazitätsgrenzen. Was bewegt Sie, was bewegt mich, Stunden in der Synagoge zu verbringen, wo doch der Terminkalender sonst immer so voll ist? Ist es das oben beschriebene «Draussen», das uns verunsichert? Ist es das doch nicht ganz vollkommene «Drinnen», das uns misstrauisch macht?

 

Oder fehlt uns etwas, das man nicht in Euro oder Franken messen kann? Haben wir Angst vor dem strafenden Allmächtigen? Ist unser ethisches Verhalten nicht ganz ideal? Suchen wir nach dem Dahinter? Nach dem Sinn?

 

Suchen wir die Gebets-Gemeinschaft, von der wir ja auch ein Mitglied sind, um über all das nachzudenken? Oder lassen wir uns von den Gebeten tragen, begleiten, um die innere Ruhe wieder zu finden? Oder warten wir darauf, dass der Rabbiner uns wachrüttelt, nachdem der Kantor uns darauf eingestimmt hat?

 

Vielleicht bringt uns der Synagogenbesuch aber auch immer wieder die Erkenntnis, dass wir ohne den Nächsten, den wir eigentlich lieben sollten, oder zumindest etwa den gleichen Platz wie uns selbst geben müssten, dass wir ohne ihn gar nicht leben könnten? Ohne den Abfallentsorger, die Schalterbeamtin, die Nachbarsfrau, den Polizisten, unsere Untergebenen, die Kunden oder ohne die Vorgesetzten, die Familie, die Freunde?

 

Die Einsicht, dass der «Nächste» mit den grundsätzlich gleichen Ängsten und Freuden umgehen muss wie ich, dass er genau gleich von den Medien, der Politik und der Wirtschaft überrannt und verführt wird und seinen eigenen Weg suchen muss wie ich, seinen Weg und nicht meinen, diese Einsicht macht nachdenklich, macht mich vorsichtig im Bewerten, im Urteilen, im Verurteilen. Und wenn es mir gelingt, beim Synagogenbesuch an so etwas zu denken, dann verstehe ich vielleicht etwas besser, weshalb die hohen Feiertage Sie und mich in die Synagoge führen.

Alex Dreifuss ist Präsident der Jüdischen Liberalen Gemeinde Or Chadasch in Zürich.



 



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1 Kommentare


Karin Dreiding - 26.09.2011

Sehr schön,spricht mich genau an, lieber Alex, herzlicher Gruss und Schana tova dir und Marlies! Karin



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